A. Gedichte für den Schüler im 21. Jahrhundert
Haben Gedichte für den modernen Schüler überhaupt noch eine Bedeutung? Hat die Lyrik sich selbst überlebt? Haben die Schüler den Zugang zu Gedichten verloren oder gar die Gedichte den Zugang zu den Schülern?
Jede Entwicklung seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich um ein Vielfaches beschleunigt, die Sprache bildet da keine Ausnahme.
Es wurden zu keiner Zeit mehr Bücher geschrieben als heute, wobei die Prosa die Lyrik immer weiter in den Hintergrund zu drängen scheint.
Der heutige Schüler wird in einer Email- und SMS-Sprache aufgezogen, welche von Prägnanz und Abkürzungen, Einfachheit und Simplifizierungen geprägt ist. Des weiteren führen Neologismen und die Übernahme von Fremdwörtern (v.a. im technischen Bereich) zu ständiger Veränderung in der deutschen Sprache, und dies in schnellerem Tempo und größerem Maße als je zuvor.
Es sollte daher nicht verwundern, wenn für einen Schüler das Wort „itzt“ mehr Probleme darstellt als das Wort „Browser“.
Um die Jugendlichen also an Gedichte heranzuführen, sollte die Möglichkeit des Mitbestimmungsrechtes bei der Auswahl der Texte in Betracht gezogen werden. „Das ist nicht immer ganz leicht, weil den Schülern meist die Kenntnis möglicher Unterrichtsgegenstände fehlt.“ 1
Andererseits hat Lyrik in Form von Liedtexten einen modernen Weg gefunden, an Jugendliche heranzutreten, vor allem seit der zunehmenden Popularität von deutschem Sprechgesang in den letzten 10 Jahren.
Mag es auf den ersten Blick auch seltsam anmuten, dass Vertreter des sogenannten HipHop oder anderer Sprechgesangsmusikstilrichtungen hier angeführt werden, so kann doch nicht außen vorbleiben, dass die Texte dieser Interpreten auf die gleichen Grundlagen wie das „klassische“ 2 Gedicht zurückgehen.
Und auch jedem Lehrer sollte bewusst sein, dass es mit dem Auswendiglernen- und Vortragenlassen von Gedichten im Unterricht nicht darum geht, Schüler zu quälen, sondern unter anderem um die Tatsache, dass Sinn und Bedeutung durch unterschiedliches Vortragen und Betonen eine Veränderung erfahren können.
1 Spinner, Kaspar H.: Umgang mit Lyrik in der Sekundarstufe I, Schneider Verlag Hohenbegehren, Baltmannsweiler 1995, S. 34.
2 Diese Formulierung wird im vollen Bewusstsein so gewählt, dass es „das klassische Gedicht“ im Sinn eines Archetypischen nicht gibt (Anm. d. Verf.).
2
Nichts Anderes wird durch die Vertonung und musikalische Untermalung von Texten verschiedener Künstler erreicht.
Der durchschnittliche Schüler dürfte bereits Erfahrung mit Sprechgesangsmusik haben, bevor er sich das erste Mal mit Goethe, Kästner oder Brecht auseinandersetzt. Diese Änderung im Bewusstsein der Schüler, die erst circa in den letzten zehn Jahren stattgefunden hat, darf bei der Überlegung welche Gedichte für Schüler geeignet sind, wie sie diesen nahe gebracht werden können und was Gedichte für Schüler heute noch bedeuten nicht vernachlässigt oder gar vergessen werden.
B. Kritische Sichtung des Gedichtekanons für bayrische Schulen
Aus diesem Grund soll der hier untersuchte Gedichtekanon sehr kritisch beäugt werden, v.a. im Hinblick auf zeitgemäße Inhalte und aus der Perspektive der Schülerinteressen. Texte 3 dürfen nicht nur aus Gründen der Tradition ausgewählt werden und Autoren nicht nur, weil sie Klassiker sind. Es bedarf einer immerwährenden Neubewertung von Schriftsteller und Werk vor dem Hintergrund sich ändernder Zeitumstände und Lebenserfahrungen der Schüler.
Will man bei Schülern den Funken zünden, der die Leidenschaft für Literatur zum Glühen bringen soll, darf man sich nicht an der Dogmatik bestehender Ducti klammern, sondern muss die Dynamik der Entwicklung der Schüler im Auge behalten: Was einen Schüler in den 50ern interessiert hat, muss einen Schüler in den 90ern nicht ebenso interessiert haben, und wofür sich ein13jähriger in den 90ern begeistert hat, wird ein 13jähriger heute vielleicht nur müde belächeln.
Dies bedeutet nicht, dass per se alle Klassiker veraltet sind und für den Unterricht ungeeignet, im Gegenteil gibt es unter den Gedichten genügend „Evergreens“, doch muss für jede Altersstufe zu jeder Zeit das richtige Gedicht gefunden werden.
1. Welche Intention wird beim Unterrichten von Gedichten verfolgt?
Einen Punkt sollte man vorab mit sich selbst klären, bevor man mit Schülern Gedichte bespricht:
3 Hier wird bewusst der Terminus „Texte“ verwendet, da sich die Aussage ebenso auf Prosa übertragen lässt (Anm. d. Verf.)
3
Möchte man, dass die Kinder Gedichte kennen lernen, um sich an der Schule einen vorgefertigten Kanon an Gedichten anzueignen 4 , oder möchte man bei Schülern das Interesse an Gedichten allgemein wecken und sie so an das Thema Lyrik heranführen? Die Antwort ist sicher Letzteres, wenn man es nicht geschafft hat ein allgemeines Interesse an dieser Kunstform zu erzeugen, obwohl man einem Kind im Laufe seiner Schulzeit die wichtigsten und bedeutendsten Gedichte deutscher Literaturgeschichte nahe legt, muss man den Unterricht in diesem Hinblick als gescheitert betrachten.
Es soll nicht bestritten werden, dass „Der Zauberlehrling“ von Goethe 5 oder „Die Bürgschaft“ von Schiller 6 einen festen Platz in diesem Kanon haben müssen - doch diesen haben sie nicht, weil sie von Schiller oder Goethe sind und auch nicht, weil sie seit Jahr und Tag unterrichtet werden.
2. Finden die Schüler durch die Gedichte dieses Kanons Zugang zu Lyrik?
Wie müssen also die Blickwinkel aussehen, unter denen ein Gedicht hinsichtlich seiner Tauglichkeit für den Unterricht beurteilt werden muss? Dabei erscheinen drei Faktoren besonders entscheidend:
a) Sind die Gedichte altersgemäß? Diese Frage muss in zwei Gesichtspunkte aufgeteilt werden:
Erstens: Sind die Kinder in der Lage, das Gedicht inhaltlich und formal vollständig zu erfassen und zu bearbeiten, z.B. die Metaphorik zu erkennen, die Sprache korrekt zu verstehen und die Bedeutung des Gedichtes vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund richtig einzuordnen.
Zum anderen stellt sich die Frage, ob die Schüler in ihrer jeweiligen Altersstufe mit der Thematik des Gedichtes konfrontiert werden sollten?
Da wäre z.B. das „Ostia antica“ von Marie Luise Kaschnitz 7 , das für die 7. Klasse vorgeschlagen ist, jedoch wohl mindestens für einige Jahrgangsstufen nach oben korrigiert werden sollte, da Thematik, Wortschatz und formale Kriterien den Schüler überfordern dürften.
4 Wobei hier wiederum nicht vergessen werden darf, dass ein solcher Kanon ebenfalls sehr subjektiv gefärbt sein kann (Anm. d. Verf.).
5 Gedichte für bayrische Schulen Jahrgangsstufen 5 - 10, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1985, S. 32f.
6 Ibid, S. 50f.
7 Ibid, S. 30.
4
Natürlich sollte ein Gedicht, das im Unterricht besprochen wird, die Schüler fordern und zu neuen Erkenntnissen führen, doch sollten sie dabei nicht überfahren werden. Im Gegensatz dazu führt Heine mit seinem „Belsazar“ 8 , welches im selben Kapitel zu finden ist, ein vermutlich für die Schüler neues Thema ein, doch hält sich dabei formal an eine sehr einfache Struktur mit Paarreimen in zweistrophigen Versen, was dazu führt, dass es dem Rezepient wesentlich leichter fällt, sich auf den Inhalt zu konzentrieren. Mit einem Sprung zum „empfohlenen Achtklassniveau“ scheint die Thematik nicht immer ansprechend zu sein:
Es stellt sich die Frage, wie mit einem Gedicht wie „Geh aus mein Herz“ von Gerhardt 9 das Interesse an Gedichten geweckt werden soll. Sind es nicht Gedichte wie diese, die das ganze Themenfeld für Schüler so abschreckend machen?
Der durchschnittliche pubertierende Achtklässler wird weder Gefallen an der Sprache noch an der Thematik finden die beide völlig konträr zu seiner sonstigen Lebenssituation stehen. Dagegen könnte Hesses „Im Nebel“ 10 empfindlich den Nerv der Lebenslage treffen, in der sich 14jährige Schüler befinden, nicht mehr Kind und doch noch nicht Erwachsener in eine Zwischenwelt gesperrt und von allen unverstanden.
Bei Bachmanns „Reklame“ 11 wiederum kann man die Schüler mit einer anderen formalen Art des Gedichts konfrontieren und es bleibt viel Interpretationsspielraum für Neuntklässler. Im Gegensatz dazu ist es fraglich, ob Hesse mit dem Gedicht „Stufen“ 12 Zehntklässler für sich gewinnen kann, denn so qualitativ hochwertig das Gedicht literarisch auch sein mag, so sicher dürfte es sein, dass sich ein Schüler diesen Alters ungern belehren lassen wird über das älter und reifer werden, dem Prozess, in dem er gerade selbst genug mit sich und seiner Umwelt zu kämpfen hat.
Natürlich lässt sich nur aufgrund rein theoretischer Grundlagen der Nerv des Interesses von Schülern nicht genau treffen und Umstände wie die individuelle und soziale Situation bleiben unberücksichtigt, doch sollten die oben getätigten Einschätzungen näherungsweise zutreffen. Schüler dürfen mit den Gedichten weder über- noch unterfordert werden, aber noch wichtiger: Sie dürfen sich dabei nicht langweilen. Nichts tötet das Interesse an Gedichten schneller und endgültiger, als die Konfrontation mit einigen langweiligen Gedichtsinterpretationsstunden.
8 Ibid, S. 34f.
9 Ibid, S. 43.
10 Ibid, S. 41.
11 Ibid, S. 64.
12 Ibid, S. 71.
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Arbeit zitieren:
Simon Baar, 2004, Der Gedichtekanon für bayerische Schulen (Sek. I): Kritische Sichtung , München, GRIN Verlag GmbH
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