Essay über die methodologischen und geschichtstheoretischen Positionen des „Historismus“ Rankescher Prägung, auf die auch die moderne Geschichtswissenschaft nicht verzichten kann.
Zunächst einmal ist Historismus eine konkrete Art des historischen Denkens, die sich über verschiedene Merkmale definiert und je nach Historiker und dessen jeweiliger Methode unterschiedlich geprägt sein kann. Die entscheidende Methode ist dabei die Hermeneutik, die die Geschichtswissenschaft als eine verstehende Wissenschaft definiert 1 Der Historismus ist somit maßgeblich mitverantwortlich für die Entwicklung der Geschichtswissenschaft zu einer akademischen Fachdisziplin und somit auch für die Professionalisierung der Historiker. 2 Als Protagonist in dieser Entwicklung kann der Historiker Leopold von Ranke (1795 - 1886) 3 gelten, der mit seinem Verständnis von Geschichte Maßstäbe für die Geschichtswissenschaft bis in unsere heutige Zeit hinein gesetzt hat.
Im Widerstreit gegen die Philosophie entwickelt Ranke das historische Entwicklungs- und Individualitätsprinzip. Im Gegensatz zu Hegel, der die Geschichte als abgeschlossen betrachtet von seinem Standpunkt aus und das Konkrete a priori vom Allgemeinen aus beschreiben zu können glaubt 4 wählt Ranke des Ansatzpunkt des Historikers am Individuellen und Konkreten. Er geht davon aus, dass die Weltgeschichte kein Aggregat von Tatsachen ist, sondern dass dahinter ein tätiges Prinzip steht, welches entschlüsselt werden muss. Über das Interesse am Partikularen 5 und Individuellen entwickelt Ranke sozusagen einen Knotenpunkt des Geschichtsverständnisses. Über die Verknüpfung mehrerer dieser Knoten kommt Ranke zu einem übergreifenden Verständnis welches vom universellen Interesse geleitet in einem Gesamtverständnis der Menschheitsgeschichte gipfeln soll.
Historistische Geschichtstheorie sieht also den Wert eines Ereignisses oder einer Epoche in sich Selbst und erkennt die Individualität innerhalb ihrer „inneren Notwendigkeit der Aufeinanderfolge“ im Sinne einer Entwicklung an. 6
An diesem Punkt kommt zusätzlich seine Geschichtstheologie ins Spiel: Ranke sieht sowohl hinter jeder Individualität (sei es historisches Ereignis, eine Person oder sogar eine Epoche)
1 Vgl.: Jaeger, Friedrich/Rüsen, Jörn: Geschichte des Historismus, München 1992, S. 1f.
2 Vgl.: Rüsen, Jörn: Theorien im Historismus, S. 13 - 33, in: Rüsen, Jörn/Süssmuth, Hans (Hrsg.): Theorien in
der Geschichtswissenschaft, Düsseldorf 1980, S.13ff.
3 Berding, Helmut: Leopold von Ranke, S.7 - 24, in: Wehler, Hans-Ulrich (Hrsg.): Deutsche Historiker I,
Göttingen 1971, S.8.
4 Vgl.: Hegel, G.W.F.: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1821 - 1845), S. 201 - 241, in:
Rossmann, Kurt (Hrsg.): Deutsche Geschichtsphilosophie von Lessing bis Jaspers, Bremen o.J.
5 Jaeger/Rüsen: Historismus, S. 26.
6 Rüsen: Theorien, S. 27.
ein tätiges Prinzip das sich an einer obersten Idee orientiert. Die Kontextualisierung dieser Individualitäten, ihrer Interdependenz und die Feststellung der großen geistigen Tendenzen 7 führt zur Erkenntnis und Beschreibung der Weltgeschichte und damit zu den von Ranke beschriebenen „Gedanken Gottes“. 8
Geschichte wird damit nicht nur in den Status der Wissenschaftlichkeit erhoben sondern darüber hinaus, Ranke selbst versteht sie sowohl als Wissenschaft als auch als Kunst. 9 Dies führt Ranke zu einer beschreibenden Geschichtsschreibung als eine „rezeptiv-ästhetische Tätigkeit“ 10 die unmittelbarer Ausdruck seines methodologischen Ansatzes ist: Da Ranke sein Ziel kennt (die Beschreibung der Weltgeschichte als einen Zusammenhang, nicht als Ansammlung einzelner Geschehnisse, Daten und Fakten) und seinen Weg (vom Konkreten zum Allgemeinen) wählt er als seine maßgebliche Methode die Hermeneutik: „Historische Erkenntnis ist Verstehen von zeitlichen Zusammenhängen durch Einsicht in handlungsleitende Absichten.“ 11
Im Zuge seiner Verortung von Individualitäten in Zeit und Raum sucht Ranke die Nähe zur Geschichte. Verständnis für historisches Geschehen entwickelt sich nach seiner Meinung nicht über reine Datenanalyse sondern über ein Einfühlen in die Geschichte. Hermeneutik, als Verstehen und Verstehen können definiert fordert vom Geschichtsbetrachter ein Eindenken in die betrachtete Geschichte. Es wird eine Unmittelbarkeit von geschichtlichem Geschehen und Betrachter als Ideal angenommen und auch wenn weder Nacherleben noch Nachempfinden des Objekts durch den Betrachter des Objekts möglich ist, legitimiert sich diese Methode dennoch durch die größtmögliche Nähe von Objekt und Betrachter. Über dieses historische Prinzip (der Zuwendung zu dem Konkreten) und mittels dieser Methode (Hermeneutik) ergeben sich mehrere Forderungen an den Historiker: Zunächst fordert Ranke die reine Wahrheitsliebe: 12
Hier spielt zum Einen der Gedanke der Objektivität (der im späteren Verlauf noch explizit thematisiert wird) eine Rolle, zum Anderen gründet sich dieses Postulat auf Rankes geschichtstheologischer Ansicht: Das Objekt soll vom Betrachter als ein „Höheres“ 13 erkannt werden und somit wiederum als Ausdruck der obersten Idee. Um zu verhindern, dass der Betrachter sich nur mit Oberflächlichkeiten beschäftigt (was einen Rückfall in die
7 Vgl.: Schieder, Th./Berding, H. (Hrsg.): Über die Epochen der neueren Geschichte, München 1971, S. 58-63.
8 Vgl.: Muhlback, Ulrich: Leopold von Ranke: Die großen Mächte. Politisches Gespräch, Berlin 1995, S. 328f.
9 Schleier, Hans: Geschichtstheorie und Geschichtsschreibung bei Leopold von Ranke, S. 115 - 130, in:
Mommsen, Wolfgang: Leopold von Ranke und die moderne Geschichtswissenschaft, Stuttgart 1988, S. 115ff.
10 Jaeger/Rüsen: Historismus, S. 83.
11 Jaeger/Rüsen: Historismus, S. 1.
12 Ranke, Leopold von: Vorlesungseinleitungen (Leopold von Ranke, Aus Werk und Nachlaß Bd. 4), hrsg. Von
Dotterweich, Volker/Fuchs, Walther Peter, München 1975, S. 77.
13 In ebd., S. 77.
Geschichtsauffassung als Aggregat von Tatsachen nach sich ziehen könnte) fordert Ranke zum zweiten ein:
Urkundliches, eingehendes, tiefes Studium: 14
Dabei geht Ranke von seiner hermeneutischen Methode aus und verlangt eine Übereinstimmung zwischen Betrachter und Objekt. Er erwartet die Annäherung von betrachtendem Subjekt und betrachtetem Objekt durch geistige Apperzeption 15 , d.h. der Historiker muss sich in das Objekt erstens hineindenken und zweitens so denken, wie es das Objekt (also die jeweilige Zeit, Person, das Ereignis etc.) erwartet. Die höchste Form der Geschichtsauffassung ist für Ranke, die Geschichte „so darzustellen, wie sie eigentlich gewesen ist.“ 16
Das dritte Postulat richtet sich auf ein universales Interesse: 17 Der zentrale Knotenpunkt dieser Auffassung ist die Ansicht, dass kein historisches Ereignis für sich selbst stehen kann, sondern immer in einer wechselseitigen Abhängigkeit zu Anderen zu sehen ist. Die gegenseitige Interdependenz der Individualitäten innerhalb der Geschichte ist konstitutiv für ein übergreifendes und umfassendes Geschichtsverständnis. Von dieser Ansicht als feststehende Tatsache ausgehend lässt sich schlussfolgern, dass es nicht Aufgabe des Historikers sein kann, eine Wertung in die Geschichte oder über die Geschichte einzubringen, sondern den Zusammenhang der Weltgeschichte zu erkennen und zu interpretieren und leidenschaftslos und vorurteilsfrei die „heilige Hieroglyphe“ 18 zu entschlüsseln.
Die logische Konsequenz aus den bisher genannten Postulaten ist die Forderung nach der Ergründung des Kausalnexus: 19
Die bereits mehrfach angesprochenen Knotenpunkte bedingen ihren eigenen Zusammenhang und die Ergründung und Interpretation dieses Zusammenhangs ist Aufgabe des Historikers. So ist zu jedem Geschehnis Vorbedingung und Umfeld zu ergründen, im Sinn einer Interpretation der Ereignisse, Personen oder anderen Situationen, die zum untersuchten Objekt geführt haben, weitergehend zu allen Begebenheiten die unmittelbar auf das Objekt einwirken bis hin zu den Folgewirkungen die vom Objekt für Andere ausgehen. Das Prinzip von Ursache und Wirkung muss hier in jeder möglichen Wechselseitigkeit aufgefasst und
14 In ebd., S. 78.
15 In ebd., S 78.
16 Nach: Barg, M.A.: Leopold von Rankes Geschichtskonzeption aus der Sicht der heutigen
Geschichtswissenschaft, S. 223 - 263, in: Mommsen, Wolfgang: Leopold von Ranke und die moderne
Geschichtswissenschaft, Stuttgart 1988, S. 223.
17 Ranke: Vorlesungseinleitungen, S.78.
18 Fuchs, W.P. (Hrsg.): Ranke an seinen Bruder Heinrich, Ende März 1820, Das Briefwerk, Hamburg 1949, S.
17f.
19 Ranke: Vorlesungseinleitungen, S. 79.
Arbeit zitieren:
Simon Baar, 2006, Die methodologischen und geschichtstheoretischen Positionen des „Historismus“ Rankescher Prägung, München, GRIN Verlag GmbH
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