Otto-Friedrich-Universität Bamberg Sommersemester 2010 Institut für Kommunikationswissenschaft Seminar: Onlinestrategien von Printverlagen Verfasser: Jakub Gortat
Online First-Strategie
Einführung
Die Online-Ausgaben der Zeitungen existieren schon seit den 1990er Jahre. Sie folgten der raschen Entwicklung des Internets. Heute gibt es keinen Zweifel daran, dass jede bedeutende Zeitung ihre eigene Website besitzt. Im Laufe der Zeit wurden die Online-Versionen mit unterschiedlichen Audio-, Bild- und Videobeiträgen bereichert, was die Attraktivität des neuen Mediums gefestigt hat. Etwas völlig Neues ist es aber, die Artikel vor der Veröffentlichung in der traditionellen Print-Ausgabe möglichst schnell im Internet zu publizieren. Und eben darin besteht die Online Frist-Strategie: Die Berichterstatter sollen von nun an der Schnelligkeit der Nachrichtenpublikation mehr Bedeutung beimessen.
Die auch „Web First“ genannte Strategie wurde zuerst in Großbritannien implementiert. 2005 setzten The Times und The Guardian auf diese Devise. Vormals mussten sich dortige Journalisten mehrfach mit einer bis zu 36-stündigen Zeitverschiebung abfinden. Alle Auslands- und Lokalteil-Beiträge wurden ab sofort ins Netz gestellt, sobald sie erschienen. Beim Newsquest - dem zweitgrößten Verlag Großbritanniens - nahmen alle Titel bis Ende 2007 die Online-First-Strategie ein. Das Prinzip tauchte allmählich bei immer mehr Verlagen auf. In Deutschland hingegen war 2005 der Axel Springer Verlag der erste, der sich dafür entschied. Zurzeit kommt ein Viertel der Tageszeitungen der eigenen Printausgabe zuvor. Bemerkenswert sind etwa die Web First Ausgaben der Publikationen Der Stern, Der Tagesspiegel, Kölner Stadtanzeiger, Westfälischen Nachrichten, Schwäbische Zeitung und
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Frankfurter Rundschau. Auffällig war das Widerstreben der schweizerischen Verlage, weil bis zum Jahre 2007 keine einzige Zeitung in der Schweiz das Online First-Prinzip einsetzte. Alan Rusbridger, der Chefredakteur von Guardian, brachte es auf den Punkt: ,,Warum bis morgen warten, um zu erfahren, was heute geschehen ist?“ 1
Die Struktur
Am Anfang war es nicht einfach, der Online-Veröffentlichung immer Vorrang zu gewähren, denn die Redaktionen arbeiteten nicht im 24-Stunden-Zyklus. Nach und nach wurde es jedoch selbstverständlich, dass man zur Einführung der Strategie mehr Aufwand betreiben muss. Eine einfallsreiche Lösung wurde die Integration der Print- mit der Onlineredaktion. Der größte integrierte Newsroom Deutschlands wurde bei der Tageszeitung Die Welt eingerichtet. Dort befinden sich 55 Arbeitsplätze auf 408 Quadratmetern Fläche. Die Kollegen von Print und Web sitzen alle zusammen und sind auf sechs Tischgruppen verteilt (Chef-Balken, Politik, Wirtschaft, Vermischtes, Print, Berlin). Der Arbeitstag beginnt um 6 Uhr mit dem Online Team und endet gegen 0:30 Uhr mit dem Redaktionsschluss der ,,Welt Kompakt”. Die Früchte ihrer Arbeit trägt ein umfangreiches Newsangebot mit bis zu 300 tagesaktuellen Artikeln - dazu werden zweimal täglich aus dem Newsroom das eigenproduzierte Nachrichtenformat Welt Online-TV, sowie verschiedene Video- und Audio-Podcast-Formate gesendet. Die untereinander gesammelten Links unter dem Namen ,,Zweite Meinung“ geben den Lesern einen Überblick über die Nachrichten von anderen großen Nachrichtenportalen. Die Nutzer haben auch die Möglichkeit, die Artikel rund um die Uhr zu kommentieren, was jedoch nicht überall möglich ist (bei der Süddeutschen Zeitung etwa ist die Kommentarleiste nach dem Feierabend der Gatekeeper nicht mehr zugänglich). Überdies stellt die Redaktion den Besuchern das Zeitungsarchiv unentgeltlich bis ins Jahr 2002 zurück zur Verfügung, was bis heute keine gängige Praxis ist. Das Portal selbst ist nicht nur das bloße Ergebnis der Einführung der Strategie, sondern auch ein Beispiel für eine moderne Homepage eines Pressetitels, die mit anderen Online-Informationsquellen konkurrieren kann. Nach der Einsetzung von Web First sind nämlich die Seitenabrufe von Welt Online um 40% gestiegen 2 .
1Warum bis morgen warten, um zu erfahren, was heute geschehen ist? - ein Interview mit Alan Rusbridger, übersetzt von Max Henniger, In: Spiegel Online, 27. Juni 2006
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Wie bereits erwähnt, fing auch die Frankfurter Rundschau mit der Web First-Strategie an. Seit 2009, nach dem Umzug in ein neues Verlagsgebäude, erscheinen die Artikel zuerst im Netz. Einer der Gründe dafür ist das Streben nach Modernisierung des Pressetitels, so der Chefredakteur der Zeitung, Rouven Schellenberg, der die Frankfurter Rundschau zu einem Medienhaus umwandeln will 3 . Die zwei bislang getrennten Newsrooms wurden auch hier zu einem zusammengefasst.
Ein Beispiel für eine lokalen Zeitung, die auch die Strategie Online First realisierte, ist Der Tagesspiegel. Die Webseite der Tageszeitung wurde zum wichtigsten Portal Berlins, von deren Inhalten auch die Internetseite von Zeit Online profitiert. Normalerweise erscheinen die Artikel am Nachmittag vor der Abgabe der Printversion zum Druck online. Web First eignet sich ebenfalls bei einer starken Verknüpfung eines Artikels mit weiteren Inhalten. Ist das Thema wirklich umfangreich, stellt das Internet technische Möglichkeiten in Form von Links zur Verfügung, um die Leser auf dem eigenen Portal zu halten und ihre Aufmerksamkeit auf weitere Artikel zu lenken, denn dadurch wachsen zudem die Page Impressions 4 der Webzeitung. Dabei sollte man jedoch beachten, dass zu viele Hintergrundinformationen in einem Text keine gute Voraussetzung für Web First sind. Im Gegensatz zu den Print-Artikeln benötigt die Homepage keine Einzelheiten oder Analysenliegen diese nicht vor, eignet sich der Text eher für die Internetpublikation. Von selbst würden die Leser jedenfalls keine Links zu weiteren Artikeln suchen.
Nicht zu unterschätzen ist das Internet selbst. Die Onlinezeitungen können sich hier größere und vor allem mehr Bilder leisten, als bei der Druckversion. Zu manchen Themen entstehen sogar Bildgalerien, die bei Print-Zeitungen undenkbar sind.
2T. Mrazek, Die Welt stert Kopf, Onlinejournalismus.de, 2. April 2007, In:
http://www.onlinejournalismus.de/2007/04/02/die-welt-steht-kopf/
3H. Schmitz, Die integrierten, journalist 7/2009, S. 21.
4Page Impression (PI) - ein Seitenabruf, bezeichnet den Abruf einer Einzelseite innerhalb von einer Hauptseite.
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Warum Online First?
Die Strategie ist mit Sicherheit eine Revolution in der Mediengeschichte, da die Zeitungen ihre Inhalte ihren Lesern in großem Umfang kostenlos zur Verfügung zu stellen. Man sollte dabei auch die Position der Online-Ausgaben bedenken- bislang wurden sie eine Art jüngere Schwester angesehen, seit einigen Jahren ist die Online-Version einer Zeitung aber genauso wichtig, wie die herkömmliche Ausgabe oder sogar noch wichtiger. Normalerweise wird der Einsatz der Online First-Strategie als eine Antwort auf die sich immer mehr verschärfende Leserkrise gesehen, über die es schon zahlreiche Veröffentlichungen gibt. Klar ist jedoch, dass die deutschen Tageszeitungen in den vergangenen zehn Jahren 20% ihrer Leser verloren haben 5 . Die Leser verzichten auf die traditionelle Ausgabe der Publikation, die sie lediglich käuflich erwerben können, und wählen stattdessen die kostenlose Online-Version. Schließlich sind die Vorteile von den im Netz publizierten Zeitungen zahlreich: alles kostenfrei, Ton-, Bild- und Video-Beiträge erhöhen die Attraktivität, die Nachrichten erscheinen viel schneller als die der üblichen Presse, man kann sich zu jedem Thema umgehend äußern, es gibt ein umfangreiches Artikelarchiv und so weiter. In der Zeit der raschen Entwicklung des Netzes und der zunehmenden Anzahl der Internet-User ist derzeit niemand in der Lage, die verlorenen Printleser wieder anzuziehen. Wenn aber die Zeitung im Netz existiert und ihre Nachrichten dort fast in Echtzeit veröffentlicht, sollte das, zumindest theoretisch, die Leser an die jeweilige Zeitung binden oder sogar neue Leser anziehen. Dabei sollten sowohl sowohl die Interessen der Probeleser berücksichtigt werden, die einfach vorbeikommen und nach ein paar Minuten die Webseite verlassen, als auch der Doppelleser, für den die Online-Ausgabe eine Ergänzung zur Printversion ist. In geringerem Maße werden auch diejenigen Leser gewonnen, die die Zeitung im Ausland lesen. Für sie ist die Zulieferung der Presse einfach zu kostspielig. Online First kann auch als eine Verfestigung der starken Position der Zeitung betrachtet werden. Von großem Belang sind heutzutage Werte, wie Vorbild, Prestige und gute Ergebnisse unter der Konkurrenz. Und attraktiv ist gegenwärtig derjenige, der moderne Lösungen umsetzt. 1995 beispielsweise, ganz am Anfang der Online-Auftritte der Presse, hielt man die Online-Version an sich für sehr fortschrittlich. In unserer Zeit aber bedeutet modern, 5G. Diez, Wieso die Zeitung in Existenznöten ist, In: Süddeutsche Zeitung Magazin, In: Spiegel Online, 16. Juni 2010, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,623345,00.html
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Arbeit zitieren:
Magister Jakub Gortat, 2010, Online First-Strategie, München, GRIN Verlag GmbH
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