Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung (S. 3)
1.1. Probleme bei der Analyse gesellschaftlicher Themen in mittelalterlicher
Literatur (S. 4)
2. Analyse der Übergangssituationen (S. 4)
2.1. Aquitanien I - Inzestkind (S. 5)
2.2. Klosterinsel - Findelkind und Klosterschüler (S. 6)
2.3. Aquitanien II - Ritter und Herzog (S. 7)
2.4. Felseninsel - Büßer (S. 9)
2.5. Rom - Papst (S. 10)
3. Symbolsprache Hartmanns (S. 11)
3.1. Fahrt über das Wasser (S. 11)
3.2. Ratssituationen (S. 12)
3.3. Kleidersymbolik (S. 12)
4. Fazit (S. 13)
Literaturverzeichnis (S 14)
1. Einleitung
Hartmann von Aue thematisiert in seinem Gregorius zentrale theologische und philosophische Themen wie Schuld und Buße. Gregorius, als Inzestkind eines adeligen Geschwisterpaares geboren, scheint zeit seines Lebens mit einer der größten Sünden überhaupt beladen zu sein, obwohl er selbst nicht Schuld daran ist. Die Frage nach der Schuld ist jedoch nicht von zentralem Interesse für diese Hausarbeit. Vielmehr soll hier thematisiert werden, wie Hartmann seinen Gregorius als gesellschaftlichen Grenzgänger zeichnet. Als Inzestkind geboren, als Klosterschüler aufgewachsen, danach Ritter und Herzog, nach Bekanntwerden der inzestiösen Ehe mit seiner eigenen Mutter schließlich Büßer auf der Felseninsel, ehe er zum Papst auserwählt wird. Gregorius beschreitet alle gesellschaftlichen Ebenen: Von ganz unten (als Inzestkind ja sogar unterhalb dessen, was als zur Gesellschaft zugehörig gilt) über einige Umwege bis ganz nach oben zum wohl höchsten Amt seiner Zeit.
Diese Entwicklung mag absurd und zynisch anmuten, doch innerhalb des Werkes ist es die logische Konsequenz, dass Gregorius schlussendlich zum Papst erwählt wird. Zudem versteckt Hartmann allerlei Polemik und Kritik an der ständisch geprägten Gesellschaft seiner Zeit, in der genealogische Herrschaftsfolgen zentral und gesellschaftliche Aufstiege mehr oder weniger ausgeschlossen sind.
Es ist bemerkenswert, dass Hartmann in einer im 12. Jahrhundert entstandenen Erzählung das Konzept der sozialen Mobilität 1 derart explizit thematisiert. Gleichzeitig bleibt er dabei aber auf einer sehr theologischen Ebene, was wohl auch dem Zeitgeist entsprochen haben muss - gesellschaftliche Normen dürften sich mit theologischen weitgehend gedeckt haben.
Zunächst sollen kurz einige Probleme der Analyse der gesellschaftlichen Auf- und Abstiege Gregorius angesprochen werden. Danach folgt eine Schilderung der jeweiligen Übergänge. Hier steht im Vordergrund, wie es zu der Veränderung der gesellschaftlichen
1 Der Begriff ist ein Fachterminus der Sozialwissenschaften und meint Bewegungen von Individuen oder Gruppen innerhalb des sozio-ökonomischen Paradigmas.
3
Stellung kommt, welche Bedeutung der neuen Stellung beigemessen wird und inwiefern Gregorius auf den Übergang Einfluss hat. Danach folgen einige Überlegungen zur Symbolik Hartmanns, mit der Gregorius‘ soziale Grenzüberschreitungen und die Manifestation gesellschaftlicher Normen dargestellt wird.
1.1. Probleme bei der Analyse gesellschaftlicher Themen in mittelalterlicher Literatur
Wie oben schon angedeutet, scheint es im Hochmittelalter eine große Schnittmenge zwischen gesellschaftlichen und theologischen Normen zu geben. Sicherlich haben christliche Werte auch heutige gesellschaftliche Normen geformt und werden dies weiterhin tun, jedoch dürfte der Einfluss der Institution Kirche auf das gesellschaftliche Gefüge zur Zeit Hartmanns bedeutend größer gewesen sein als heute. Cormeau/Störmer bemerken hierzu, es „kann davon ausgegangen werden, daß die Normen christlicher Religion im Mittelalter im allgemeinen mehr Autorität besaßen als in neueren Epochen (…)“ 2 , jedoch habe es hier auch im Hochmittelalter Spannungen gegeben, so dass „gesellschaftliche[n] Wertsetzungen (…) auch damals in der Praxis die Oberhand behalten konnten“ 3 .
Jedoch deuten Cormeau/Störmer auch an, dass die Rekonstruktion gesellschaftlicher Normen und Werte der Zeit Hartmanns eher schwer fallen und nur als „Wahrscheinlichkeitsschluß“ 4 möglich sind. Im Gegensatz zu theologischen Wertvorstellungen, die über religiöse und klösterliche Schriften weit zurückverfolgt werden können, dürften rein gesellschaftliche Normen nur schwach dokumentiert und daher schwer rekonstruierbar sein.
2. Analyse der Übergangssituationen
Es folgt eine Beschreibung der einzelnen Vorgänge des Übergangs Gregorius in eine andere gesellschaftliche Schicht. Bei der Untergliederung der Erzählung orientiere ich mich an Strohschneiders Konzept mit den fünf Abschnitten Aquitanien I (Vorgeschichte,
2 Cormeau/Störmer, S. 114
3 ebd.
4 ebd.
4
Geburt), Klosterinsel, Aquitanien II (Ritter, Herzog, Inzestehe), Felseninsel und Rom. 5 Dieses Schema bildet er aufgrund der jeweils zwischen den Stationen liegenden Fahrt über das Wasser. Genauere Ausführungen hierzu folgen weiter unten.
2.1. Aquitanien I - Inzestkind
Die eigentliche Handlung beginnt mit dem im Sterben liegenden Herzog, den die Frage plagt, wie es mit seinem Land und seinen Kindern weitergehen soll. Er vertraut seine Tochter ihrem Bruder an, der sich fortan „mit lîbe und mit guote“ (V. 280) um sie kümmert. Allerdings ist es eines Nachts der Liebe zu viel - er vergewaltigt seine Schwester. In der Szene lässt Hartmann den Teufel dem Bruder einflüstern, mit ihr zu schlafen: „nû begap si der tiuvel nie / unz sîn wille an ir ergie“ (V. 351f.). Nach Ohly könnte man hier eine mögliche Kritik Hartmanns an ritterlichen Wertvorstellungen seiner Zeit herauslesen:
Der Teufel benutzt Minne, Schönheit und Ehre, drei Hauptwerte der ritterlichen Welt, als Mittel, um die Geschwister in schwerste Sünde und größtes Leid zu stürzen. 6
Jedenfalls ist der aus dieser Verbindung hervorgegangene Gregorius als Inzestkind gesellschaftlich bedeutungslos, er ist „die Manifestation einer unerhörten Sünde, deshalb gibt es für ihn keinen Platz in der Gesellschaft“ 7 . Dass Gregorius eigentlich dem adeligen Stand angehört, da er Sohn zweier Adeliger ist, wird durch die Sünde des Inzestes eindeutig überlagert. Gleichwohl scheint es eine gesellschaftliche Norm zu geben, die vorschreibt, dass ein Kind nicht schuldig gemacht wird für die Taten seines Vaters, wie die Schwester im Gespräch mit ihrem Bruder ausführt: „ouch ist uns ofte vor geseit / daz ein kint niene treit / sînes vater schulde“ (V. 475ff.). Auch wenn Gregorius nicht persönlich Schuld an der inzestiösen Verbindung seiner Eltern ist, wird doch die Schuld auf ihn geladen. Er fungiert hier als ein „Stellvertreter“ 8 für die Sünde seiner Eltern. Strohschneider sieht keinen anderen Ausweg, die Gesellschaft vor den katastrophalen Folgen zu befreien, als Gregorius auszuschließen. 9 Auch Cormeau/Störmer sehen hier
5 vgl. Strohschneider, S. 110ff. 6 Ohly, S. 23
7 Cormeau, S. 54
8 Strohschneider, S. 126
9 ebd.
5
Arbeit zitieren:
Filipp Münst, 2011, Gregorius als sozialer Grenzgänger, München, GRIN Verlag GmbH
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