Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die individualisierte Gesellschaft 2
2.1. Individualisierungstendenzen westlicher Gesellschaften 2
2.2. Ambivalenzen und Korrelationen der Individualisierung 4
3. Theorie der Anerkennung 6
3.1. Meads „Individuierung durch Vergesellschaftung“ 6
3.2. Honneths Stufen der Anerkennung 9
3.3. Anerkennungskonflikte 12
4. Anerkennungskonflikte als Grundmodus sozialer Integration. 13
5. Schlussbetrachtung 15
6. Literaturverzeichnis 17
1. Einleitung
Betrachtet man die gesellschaftstheoretische Debatte der letzten Jahrzehnte, so lässt sich der Begriff der „Anerkennung“ als Grundkonstante identifizieren. Doch woher rührt diese begriffliche Hochkonjunktur? Sie steht im direkten Zusammenhang mit dem beobachtbaren Wandel westlicher Gesellschaften. Die rasant gestiegene gesellschaftliche Ausdifferenzierung, sowie die wachsende Multikulturalität und fortschreitenden
Individualisierungsprozesse regen diesen Diskurs an und die soziologischen Grundfragen nach der Möglichkeit von Gesellschaft und ihrer Wandlungsfähigkeit rücken in den Mittelpunkt. Betrachtet man nun die als Individualisierung bezeichneten Tendenzen (2), stellt sich die Frage: Wie kann eine Gesellschaft bestehen, in der die Individuen „zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen“ (Beck 1986, S. 119) geworden sind?
Die modernen Anerkennungstheorien versuchen diese Frage zu beantworten, indem sie das Bestehen einer sozialen Ordnung von den reziproken Anerkennungsverhältnissen der Individuen ausgehend zu beschreiben suchen. Erst durch eine „in reziproker Anerkennung ruhenden Ich-Identität“ (Habermas 1968, S. 17) wird das Individuum zur sozialen Integration befähigt. Mit der sozialen Integration gehen wiederum neue
Anerkennungsverhältnisse einher, die die Individuen in ihrer Sozialität, aber auch, im dualistischen Verständnis von Handlung und Struktur, die Gesellschaft prägen. Nur wenn der Einzelne durch die anderen Mitglieder der Gesellschaft in seiner Identität und seinen Rollen anerkannt wird, kann Zugehörigkeit respektive Integration gelingen. Um zu verstehen, inwiefern ein solcher anerkennungstheoretische Ansatz fruchtbar für eine Antwort auf die oben genannten Fragen ist, gilt es seine Annahmen nachzuzeichnen. Anerkennungsverhältnisse sind jedoch auch prekär. Anerkennung ist kein menschlicher Automatismus, sondern vielmehr mit stetem Aushandeln und Einfordern verknüpft. Das Ziel des Anerkannt-Seins besitzt in seinem intersubjektiven Charakter bereits eine grundliegende Konfliktualität, da die Verschiedenheit Voraussetzung für Anerkennung ist. Diese „Asymmetrie [ist]
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die Vorstufe der symmetrischen Reziprozität […] und Teil der Entwicklung zu einem Ganzen hin“ (Schnell 2004, S. 78). Dieser dialektische „Kampf um Anerkennung“ (Honneth 1994) kann als Grundmotiv der gesellschaftlichen Existenz gesehen werden. Somit muss in einem weiteren Schritt dieser Konfliktualität nachgegangen werden (3), um letztlich die Verknüpfung von individueller und gesellschaftlicher Ebene zu leisten (4) und die Frage nach der Möglichkeit von Gesellschaft trotz einer angeblichen Verstetigung der „Individualität ohne Ende“ (Brose/Hildenbrand 1988) beantworten zu können.
2. Die individualisierte Gesellschaft
2.1. Individualisierungstendenzen westlicher Gesellschaften
Möchte man die heutigen gesellschaftlichen Wandlungsprozesse anerkennungstheoretisch untersuchen, so ist es zunächst notwendig ihre grundlegenden Charakteristika zu beschreiben. Angelehnt an die Beck’sche Individualisierungsthese kann man von einem Bruch innerhalb der Moderne sprechen. In den 1960er Jahren ist ein Wandel der Industriegesellschaft in sozialer, ökonomischer und kultureller Ebene zu entdecken, der bestehende Strukturen auflöste. In den Nachkriegsgesellschaften haben sich die strukturellen Bedingungen für das Individuum dahingehend verändert, dass die Verfügung über individuelle Ressourcen stark angestiegen ist. Im Verlauf des Nachkriegsbooms hat sich eine flächendeckende Einkommenssteigerung vollzogen, die nicht nur die Lebensbedingungen verbesserte, sondern auch die Lebensperspektiven veränderte (vgl. Beck 1986, S. 124). Das gestiegene Einkommen ermöglichte nicht nur erweiterte private Gestaltungsspielräume (z.B. höhere Bildung), sondern auch, durch höhere staatliche Einnahmen, einen ausgedehnten Wohlfahrtsstaat. Aus den veränderten sozioökonomischen Bedingungen der „zweite Moderne“ (Beck 1996, S. 27) kristallisiert Beck drei Dimensionen der Individualisierung heraus:
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a. Die Freisetzungsdimension: Durch die Wohlstandsteigerung, die neue soziale Mobilität und die Bildungsexpansion befinde sich nun das gesamte gesellschaftliche Gefüge einige Etagen höher. Der sog. „Fahrstuhl-Effekt“ (Beck 1986, S. 142) habe zur Folge, dass zwar Ungleichheiten noch bestehen bleiben, diese jedoch nicht mehr in einem Maße vorhanden sind, als dass gesellschaftliche Großgruppen, wie Stände oder Klassen, sich über diese definieren können 1 . Doch nicht nur soziale Großruppen, sondern auch familiale Bindungen verlieren ihren traditionellen Charakter. Frauen, bisher von Individualisierungstendenzen ausgeschlossen, erfahren nun ebenfalls eine höhere Bildung und finanzielle Unabhängigkeit durch Erwerbsarbeit und sind somit gleichsam von Selbstverwirklichungstendenzen betroffen. Dies lässt den Familienzusammenhalt prekär erscheinen (vgl. Beck 1986, S. 118).
b. Die Entzauberungsdimension: Freigesetzt durch die Herauslösung aus traditionalen Herrschafts- und Versorgungszusammenhängen erfährt das Individuum zwar neue Freiheits- und Gestaltungsräume, doch gleichzeitig büßt es dadurch Sicherheit und Geborgenheit ein. Das Individuum kann sich nicht mehr in dem vorherigen Maße auf sichere Handlungsmuster, soziokulturell verbindliche Normen und Ziele der Lebensführung berufen, sondern wird stärker auf sich selbst zurückgeworfen. Der Einzelne wird „zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen“ (Beck 1986, S. 119). Das Individuum ist gefordert seine lebensweltliche Realität in eigener Regie zu gestalten und somit ein „ich-zentriertes Weltbild“ (Beck 1986, S. 217) zu erschaffen 2 .
c. Die Reintegrationsdimension: Freigesetzt aus und losgelöst von traditionellen Organisationseinheiten können neue Sozialformen entstehen. In Bürgerinitiativen, sozialen Netzwerken oder Nichtregierungsorganisationen kann es zur „Entstehung neuer soziokultureller Gemeinsamkeiten“ (Beck 1986, S. 119) kommen, die somit auch neue, wenn auch meist nur partikulare oder temporäre, gemeinschaftsbildende Funktion haben.
1 Anzumerken ist, dass dieser Fahrstuhleffekt keineswegs nur „aufwärtsfahrend“ zu begreifen ist.
Vielmehr ist bei veränderten ökonomischen Bedingungen eine neue Klassenbildung möglich,
wie auch Beck einräumt (Beck 1986, S. 134, 143).
2 Das wissenschaftliche Gewicht dieser These wird v.a. auch durch die weite Verbreitung der
soziologischen Begriffe „Patchwork-Identität“ (Keupp) und „Bastelbiographie“ (Hitzler) sichtbar. Seite | 3
2.2. Ambivalenzen und Korrelationen der Individualisierung
Betrachtet man das Beck’sche Konzept der Individualisierung, so kann man von einem doppelt freien Individuum sprechen: Es ist zum einen befreit aus den traditionalen Bindungen, zum anderen jedoch auch frei von den Sicherheiten, welche diese ihm boten. Vielmehr noch untersteht das Individuum neuen Anforderungen und Zwängen, die ein ambivalentes Bild der Individualisierung zeichnen.
Mit der Erweiterung der individuellen Gestaltungsräume wächst gleichzeitig der Entscheidungszwang. Der Einzelne ist insofern auf sich zurück geworfen, als dass er nicht nur seine Ziele und Normen in gewisser Weise selbst zusammenstellen kann, sondern auch „die in und mit [seiner] Lebensführung sozial nur partiell vermittelten und zum Teil sogar hochgradig konkurrierenden Sphären praktisch ‚unter einen Hut‘ bringen muß“ (Voß 1991, S. 86f). In einer ausdifferenzierten Gesellschaft stehen die Individuen einer Vielzahl, durchaus auch konfligierender Rollen gegenüber. „Sie müssen die Anforderungen [die Rollenerwartungen, A.d.V.] [der] teilautonomen gesellschaftlichen Teilbereiche austarieren, in ihrem Lebenslauf integrieren und sie koordinieren“ (Beck 1997, S. 12). Hier zeigt sich vor allem eins: Das Individuum wird verstärkt zum integrierenden Faktor. In einer differenzierten Gesellschaft obliegt es dem Individuum die Integration der verschiedenen sozialen Teilbereiche zu schaffen. Die Integrationsleistung wird gleichsam in das Ich verlegt, während die kollektive Integrationsleistung und -leitung des Wir abnimmt. Hier kann also von einer Veränderung des Individuum-Gesellschaft-Verhältnisses konstatiert werden, die die Frage aufwirft, wie ein gesellschaftlicher Zusammenhalt unter den Bedingungen der Individualisierung noch zu erreichen ist (vgl. Wohlrab-Sahr 1997, S.25f).
Gleichzeitig sind Individualisierungsprozesse von einem weiteren Phänomen begleitet. Wohlrab-Sahr bezeichnet dies in Anlehnung an Luhmann als „Veränderung des gesellschaftlichen Zurechnungsmodus“ (Wohlrab-Sahr 1997, S. 27). Hierbei geht es um eine weitere, qualitative Veränderung der
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Arbeit zitieren:
Flemming Ipsen, 2011, Konflikt um Anerkennung, München, GRIN Verlag GmbH
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