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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Migranten in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung
der türkischstämmigen Anteile
2.1 Begriffsbestimmung und Eingrenzung
2.2 Lebens- und Gesundheitssituation türkischstämmiger Migranten in Deutschland
3. Das religiöse Leben praktizierender Muslime
3.1 Grundlegendes zum Islam und den muslimischen Glaubenspraktiken
3.2 Das islamische Krankheitsverständnis und seine unterschiedlichen Einflüsse
3.3 Traditionelle Heilvorstellungen als Bestandteil der muslimischen
Glaubenstradition
4. Wahn als kulturspezifisch geprägtes Syndrom
4.1 Definition des Wahnbegriffs - Symptomatik und Inhalte von paranoidem Erleben
4.2 Krankheitsbilder mit paranoidem Verhalten und ihre Behandlung
4.3 Wahnentstehung unter Berücksichtigung kultur- und religionsspezifischer
Aspekte
5. Besonderheiten bei Therapie und Diagnostik von
Wahnstörungen bei muslimischen Migranten
5.1 Die Diagnose von Wahnerkrankungen in Bezug zu religions- und
kulturspezifischen Einflussfaktoren
5.2 Die Therapie von Wahnerkrankungen in Bezug zu religions- und
kulturspezifischen Einflussfaktoren
5.3 Voraussetzungen für eine bedarfsgerechte psychosoziale Versorgung von
Migranten
6. Zusammenfassung und Ausblick
Quellenverzeichnis
Anhang
- Anhang 1: Modell der Kulturkompetenz nach Orlandi (1992)
- Anhang 2: Die 12 Sonnenbergerleitlinien nach Machleidt (2002)
1. Einleitung
Deutschland ist vor allem durch seine zentrale Lage in Europa und durch seine relativ stabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ein Zuwanderungsland. 18,4% der Bevölkerung haben einen direkten oder indirekten Migrationshintergrund, d.h. sie sind selbst eingewandert oder in einer zugewanderten Familie aufgewachsen. Migranten finden sich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und sind aufgrund ihres häufig schwierigen sozioökonomischen Status und der damit einhergehenden Risiken (vgl. Razum, O. 2008, S. 129) somit auch Zielgruppe des psychosozialen Versorgungsnetzes und „entsprechend groß ist die
gesundheitspolitische und sozialmedizinische Bedeutung für die ärztliche, psychologische und soziale Versorgung dieses Teils der Bevölkerung“ (Assion 2004, S. 105). Vor allem im psychosozialen Versorgungsbereich scheint eine genauere Betrachtung dieser Gruppe notwendig. So waren Migranten 2008 beispielsweise bei psychiatrischen Zwangseinweisungen überrepräsentiert, aber bei der
psychotherapeutischen Versorgung deutlich unter dem Durchschnitt vertreten. Als Ursache wird hier meist die „mangelnde Patientenorientierung der vorhandenden Versorgungsstrukturen“ und die mangelnde Orientierung an den Bedürfnissen ausländischer Patienten genannt (vgl. Burau et al. 2009, S. 5). Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, einen Beitrag dazu zu leisten, dass Problemstellungen besser identifiziert und so Handlungsmöglichkeiten für eine Optimierung der vorhandenen Versorgungsstrukturen festgestellt werden können. Um die Ansprüche und Defizite von Therapie, Diagnostik und Beratung bei psychisch Kranken mit Migrationshintergrund genauer zu ermitteln, wird hier exemplarisch das Phänomen des Wahns und seine kulturspezifische Ausgestaltung untersucht. Weil Personen türkischer Abstammung die größte Gruppe der in Deutschland lebenden Ausländer darstellen, werden sie in der vorliegenden Studie exemplarisch in den Vordergrund gerückt.
Die in der vorliegenden Arbeit verfolgte Ausgangsfragestellung lässt sich vor diesem Hintergrund folgendermaßen zusammenfassen: Welche religionsspezifischen Aspekte spielen bei der Ausprägung, Diagnostik und Behandlung von Wahnerkrankungen bei Patienten mit türkischem Migrationshintergrund eine Rolle? Welche Ansprüche ergeben sich daraus an eine optimale Versorgung der in Deutschland lebenden türkischstämmigen Migranten, und welche Weichenstellungen
sind erforderlich, damit diesen bei der Umsetzung von Therapie, Diagnostik und Behandlung Rechnung getragen wird?
Abgesehen vom Einführungs- und Schlussteil setzt sich die vorliegende Arbeit aus vier Kapiteln zusammen, in deren Abfolge sich der Gang der Untersuchung widerspiegelt.
Gegenstand des ersten Kapitels sind die Migranten in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung des Anteils türkischstämmiger Ausländer. Um ein umfassendes Bild über die psychosozialen Bedürfnisse dieser Gruppe zu erhalten, werden die herrschenden Lebensumstände, die Gesundheitssituation der Migranten und ihre Inanspruchnahme des psychosozialen Versorgungssystems genauer betrachtet. Das zweite Kapitel behandelt vorrangig den religiösen Hintergrund der türkischstämmigen Einwanderer, die damit verbundenen Glaubenspflichten undpraktiken, sowie den Einfluss des religiösen Hintergrundes auf das Krankheits- und Heilungsverständnis der Patienten. So kann später festgestellt werden, in welchen Bereichen sich Probleme und Konflikte bei der Therapie oder Behandlung erkrankter Patienten ergeben können.
Im Zentrum des dritten Kapitels steht das Phänomen des Wahns, das vor allem im Hinblick auf seine religions- und kulturspezifischen Einflüsse auf die Krankheitsentstehung und -ausprägung betrachtet wird. Insbesondere unter Bezugnahme auf eine Arbeit von Rainer Tölle wird hier eine Beschreibung des Wahns, der unterschiedlichen wahnenthaltenden Krankheitsbilder und deren
Behandlung vorgenommen 1 .
Im vierten Kapitel werden die bis dahin gewonnen Erkenntnisse miteinander verknüpft und für die Ermittlung von Problemstellungen und
Handlungsmöglichkeiten im Hinblick auf die Therapie und Diagnostik unter religionsspezifischen Einflüssen bei wahnkranken türkischstämmigen Migranten produktiv gemacht. Und schließlich sollen die daraus für das psychosoziale Versorgungssystem, resultierenden Erfordernisse vorgestellt werden. Den Abschluss der Arbeit bildet ein mit einem Fazit verbundener Ausblick. Angesichts der Komplexität des Untersuchungsgegenstands versteht es sich von
1 Tölle, R. (2008): Wahn. Krankheit, Geschichte und Literatur, Schattauer Verlag, Stuttgart
selbst, dass mit den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit kein Anspruch auf Repräsentativität verbunden werden kann. Die Kombination aus Literaturrecherchen und Experteninterviews ist aber vielleicht geeignet, Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis Denkanstöße zu vermitteln, die bei weiteren Untersuchungen mit der Problematik hilfreich sein können.
Aus Gründen der Lesbarkeit wird auf geschlechtsspezifische Formulierungen verzichten.
2. Migranten in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der türkischstämmigen Anteile
2.1 Begriffsbestimmung und Eingrenzung
Im Migrationsbericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration wird Migration wie folgt beschrieben: „Migration steht für die räumliche Bewegung zur Veränderung des Lebensmittelpunktes von Individuen oder Gruppen über eine bedeutsame Entfernung. Die Verlagerung des Lebensmittelpunktes über die Grenzen eines Nationalstaates ist dabei kennzeichnend für internationale Migration“ (vgl. Migrationsbericht 2005). Hier spricht man auch von einem direkten Migrationshintergrund (vgl. Brucks 2001, S. 42). Wenn Personen in Deutschland geboren sind und mindestens einen zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil haben, bezeichnet man dies als indirekten Migrationshintergrund (Statistischen Bundesamt, 2009).
Außerdem stellt der Migrationsstatus einen relevanten Einflussfaktor auf die soziale und psychische Situation der Betroffenen dar. Zu unterscheiden sind die legalen Migranten, illegale Migranten und Flüchtlinge sowie Asylbewerber. Legale Migranten sind den Einheimischen rechtlich noch am ehesten gleichgestellt. Sie verfügen über eine Arbeitserlaubnis und eine Krankenversicherung. Illegale Migranten hingegen besitzen keinerlei Rechte und leben ständig in der Angst, entdeckt und ausgewiesen zu werden. Sie besitzen keine Arbeitserlaubnis und leben meist unter problematischen sozio-ökonomischen Bedingungen. Die Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten von Flüchtlingen und Asylbewerbern, sind durch die
Ausländergesetzgebung stark eingeschränkt. Sie dürfen ebenfalls keine Arbeit aufnehmen und haben nur Anspruch auf eine medizinische Akutversorgung (vgl. Haasen et al. 2000, S. 20).
In Deutschland leben derzeit 15,1 Mio. Migranten, was einem Anteil von 18,4 % der Gesamtbevölkerung entspricht. Was deren Herkunft angeht, können fünf Gruppen unterschieden werden: Die (Spät-)Aussiedler aus Ost- und Südosteuropa, Zuwanderer aus der Türkei, Migranten aus den ehemaligen Anwerberstaaten, die
heute der EU angehören 2 , Zuwanderer aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien und Migranten aus sonstigen Regionen (vgl. Tucci 2008, S. 19 und S. 200). Die größte Gruppe der ausländischen Bevölkerung bilden Personen türkischer Abstammung mit 2,5 Mio. Nur etwa 700.000 davon besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit (Auswärtiges Amt, 2009).
2.2 Lebens- und Gesundheitssituation türkischstämmiger Migranten in Deutschland
Der hohe Anteil an türkischstämmigen Migranten in Deutschland ist durch die enorme Zuwanderung türkischer Gastarbeiter in den 1960er Jahren erklärbar. Seither steigt die Anzahl der türkischen Einwanderer stetig an.
Der Großteil der zugewanderten Türken stammt aus wirtschaftlich unterentwickelten Regionen im Osten und Süden der Türkei. In den entsprechenden Familien herrscht meist noch die traditionelle, ländlich geprägte, patriarchalische Rollenverteilung. Männliche Familienmitglieder stehen vor den weiblichen, alt steht vor jung (vgl. Assion 2004, S. 48f).
Aus dem letzten Sozialbericht für die BRD 2008 geht hervor, dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen türkischstämmiger Migranten sich im Vergleich zu den der anderen Herkunftsgruppen schlechter darstellen. Sie sind häufig von Armut betroffen, haben schlechtere Schulabschlüsse und weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Diese Probleme spiegeln sich auch in der subjektiven Wahrnehmungen der Betroffenen wider, und führen zu Ängsten und Unsicherheit (vgl. Tucci 2008, S. 201ff). Hinzu kommt, dass sich türkische Migranten häufiger als
2 Hier sind etwa Italien, Griechenland und Portugal zu nennen.
andere Zuwanderer von Ausgrenzung betroffen fühlen (vgl. Tucci 2008, S. 200f). Belastbare und differenzierte Daten zur speziellen Gesundheitssituation türkischstämmiger Migranten liegen nicht vor. Daher muss in diesem Zusammenhang hilfsweise auf entsprechende Daten zur Gesamtheit der Migranten in Deutschland zurückgegriffen werden, die sich aber ebenfalls lückenhaft darstellen. Nach einer von Machleidt 2006 entwickelten Modellrechnung über die psychische Morbidität von Migranten und die zu erwartende Rate der in Anspruch genommenen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen, die aber nicht mehr als eine Annäherung an die bestehende Problematik sein kann, liegt der Anteil der psychisch erkrankten Migranten in Deutschland bei etwa einem Drittel (vgl. Machleidt 2006, S. 27). Psychische Erkrankungen, die besonders häufig im Zusammenhang mit Migration auftreten, sind psychosomatische Störungen, Angststörungen, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und Psychosen (vgl. Machleidt 2006, S. 26, vgl. Collatz 2001, S. 54). Vor allem bezüglich schizophrenen Psychosen zeigt sich ein erhöhtes Vorkommen bei Migranten, ähnliches zeigt sich bei akuten vorübergehenden Psychosen und wahnhaften Störungen (vgl. Burau et al. 2009, S. 6). Ursache für diese Risikoerhöhung sind u.a. schwierige Lebensbedingungen im Gastland, soziale und ökonomische Benachteiligung, Diskriminierung, besondere Belastungen durch den Migrationsprozess und mangelhafte Integration. Dennoch sind Migranten bei der Inanspruchnahme psychiatrischer und psychotherapeutischer Angeboten unterrepräsentiert (vgl. Burau et al. 2009, S. 6). Der Großteil der psychisch erkrankten Migranten ist bei Hausärzten in Behandlung, Psychiater oder Psychotherapeuten werden erst an zweiter Stelle konsultiert (vgl. Collatz 2001, S. 60). Zu diesem Ergebnis kommt auch Machleidts Modellrechnung. Demnach lassen sich über 90% der psychisch erkrankten Migranten bei einem Allgemeinmediziner behandeln und nur 4-5% suchen schätzungsweise einen psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachdienst auf. Diese Rechnung bestätigt die Annahme, dass Migranten in Deutschland nicht gleichermaßen wie Einheimische das psychosoziale Versorgungssystem nutzen (vgl. Machleidt 2006, S. 27). Vor allem hinsichtlich des unterschiedlichen Migrationsstatus bestehen besondere Versorgungslücken. Vor allem die illegalen Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber können auf Grund fehlender oder unzureichende rechtlicher
Arbeit zitieren:
Inga WInkel, 2009, Religiöses Erleben und Wahn bei psychisch Kranken mit muslimischen Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
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