Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Schopenhauers Kritik an den tierethischen Positionen im Rationalismus, in der
j üdisch-christlichen Religion und in der Sprache 5
3. Schopenhauers Auffassung von Tieren und
deren Bedeutung in seiner Mitleidsethik 10
4. Schlussbetrachtung 14
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1. Einleitung
„Es ist an der Zeit, daß das ewige Wesen, welches wie in uns, auch in allen Thieren lebt, als solches
erkannt, geschont und geachtet werde“ 1 .
Bereits im 19. Jahrhundert erarbeitet Arthur Schopenhauer eine weitreichende philosophische Tierethik, die bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren hat. Sein Plädoyer richtet sich gegen den vorherrschenden Anthropozentrismus und fordert, begründet auf der metaphysischen Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier, einen gerechten und verantwortungsvollen Umgang mit dem leidensfähigen Tier.
Die folgende Untersuchung stützt sich vorwiegend auf die beiden Preisschriften „Über die Freiheit des menschlichen Willens und Über die Grundlage der Moral“ sowie die „Parerga und Paralipomena 2 “, wo viele seiner tierethischen Positionen vertreten werden. Die Tierethik steht stets im Kontext seiner Mitleidsethik und ist daher nicht völlig losgelöst von ihr zu betrachten. Eine Darstellung der Mitleidsethik kann hier nur in groben Zügen skizziert werden, jedoch sollen alle für die Untersuchung relevanten Positionen und Grundlegungen berücksichtigt werden.
Im ersten Teil werde ich mich mit Schopenhauers Kritik am bestehenden tierethischen Moralverständnis beschäftigen, welches in Europa im Rationalismus und in der jüdischchristlichen Tradition wurzelt. Dabei soll die kritisierte Rechtlosigkeit der Tiere in ihren Ursprüngen im Rationalismus, insbesondere bei Kant, und in der Bibel nachgewiesen werden, sodass die damals vorherrschende tierethische Auffassung verständlich wird. Der zweite Teil stellt nun, basierend auf der vorangegangen Kritik, Schopenhauers eigene tierethische Position dar. Es soll gezeigt werden, inwiefern Tiere eine Berücksichtigung in
1 PP, S. 413.
2 Diese beiden häufig angeführten Werke werden im weiteren Verlauf mit folgenden Siglen zitiert, wonach die Seitenzahlen genannt werden:
GDE = Schopenhauer, Arthur: Die beiden Grundprobleme der Ethik. Behandelt in zwei akademischen Preisschriften. Über die Freiheit des menschlichen Willens. Über die Grundlage der Moral. Kleinere Schriften II.Zürich: Diogenes, 1977 (Band IV; Werke in 10 Bänden).
PP = Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften. Zweiter Band. Zürich: Diogenes, 1976 (Band X; Werke in 10 Bänden).
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seiner Mitleidsethik finden, indem von den empirisch ersichtlichen Eigenschaften und Fähigkeiten der Tiere auf deren Leidensfähigkeit geschlossen wird. Außerdem stellt sich die Frage nach der Intensität der tierischen Leiden, die mit den menschlichen Leiden verglichen werden. Aus den gewonnenen Erkenntnissen wird schließlich Schopenhauers konkrete Einstellung im praktischen Umgang mit Tieren anhand einiger Beispiele erkenntlich. Der dritte und letzte Teil gibt einen kurzen Einblick auf die historische Bedeutung von Schopenhauers Tierethik und schließt mit einer kritischen Reflexion unter Einbezug neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse.
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2. Schopenhauers Kritik an den tierethischen Positionen im Rationalismus, in der jüdisch-christlichen Religion und in der Sprache
Um Schopenhauers eigene tierethische Position zu verstehen, lohnt es sich, zunächst seine angeführte Kritik an den bisherigen tierethischen Traditionen zu untersuchen, die er vor allem im europäischen Moralsystem aufzuweisen versucht. Dabei soll die kritisierte Rechtlosigkeit der Tiere und die Sonderstellung des Menschen vorwiegend in der Denktradition des Rationalismus, insbesondere bei Kant, und in dem von der jüdischen Religion beeinflussten Christentum nachgewiesen werden.
1. Schopenhauers tierethische Kritik am Rationalismus
Die rationalistische Denktradition, die eine „unsterbliche anima rationalis [den vernünftigen Seelenteil] konstruierte“ 3 und dieses exklusive Privilegio dem natürlichen Anspruch der Tiere entgegentrat [...]“ 4 , beginnt bereits mit Descartes Trennung von Mensch und Tier, indem dieser nämlich nur ersteren eine Vernunft zuschreibt und damit letzteren, den vernunftlosen Tieren, jegliche Rechte abspricht. Dieser metaphysische Grundgedanke reicht bis zur Philosophie von Immanuel Kant, die Schopenhauer besonders stark kritisiert. Die allgemeine Unvereinbarkeit der rationalistischen Herangehensweise an ethische Probleme mit der von Schopenhauer postulierten empirischen Herangehensweise kollidieren hier in höchstem Maße. Kant fordert eine Pflicht-Moral des Sollens, die Schopenhauer entschieden ablehnt und für eine empirische und erklärende Moraluntersuchung plädiert. „Reine abstrakte a-priori Begriffe können keine Grundlage der Moral sein“ 5 , denn eine Ethik wird nicht rational begründet, sondern irrational in der Erfahrung des Mitleids sichtbar. „Zur Erweckung des als die alleinige Quelle uneigennütziger Handlungen und deshalb als die wahre Basis der Moralität nachgewiesenen Mitleids, bedarf es keiner abstrakten, sondern nur der anschauenden Erkenntnis“ 6 . Die metaphysisch-dualistische Begründung des allein menschlichen Besitzes der Vernunft bringt Kant zu dem Resultat, dass nur vernünftige Wesen, d.h. Menschen, einen Zweck an sich besitzen und damit Pflichten gegen sich selbst haben. Vernunftlose Wesen (also die Tiere) seien bloß Sachen und daher auch bloß als Mittel und nicht zugleich Zweck zu behandeln. „Der Mensch kann keine Pflichten gegen irgend ein
3 Vgl. GDE, S. 278.
4 Vgl. ebd., S. 278.
5 Vgl. ebd., S. 170.
6 Ebd., S. 285.
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Arbeit zitieren:
Tobias Kröner, 2011, Tierethik bei Schopenhauer , München, GRIN Verlag GmbH
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