Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Theorie 6
2. 1 Die Ursprünge des neuen Menschen´ 6
2. 2 Der Weg zum neuen Menschen´: Ich-Dissoziation und Vision 11
2. 3 Revolution und Scheitern der neuen Menschheitsidee´ 15
3. Analyse 18
3. 1 Der Aufbruch in die Zukunft 18
3. 2 Kriegserfahrung und Zukunftserwartung 23
3. 3 Zukunftslosigkeit und Scheitern des neuen Menschen´ 28
4. Fazit 31
5. Anhang 33
I. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Kein literarisches Phänomen war so Ausdruck seiner Zeit wie der Expressionismus - eine Bewegung gegen die Zeit der Vergangenheit, in Richtung Zukunft, im Raum der Gegenwart. „Die Realität muß von uns geschaffen werden“ 1 , verkündete einer der bekanntesten Theoretiker des Expressionismus, Kasimir Edschmid, 1918, zu einer Zeit, in der die Epoche schon bald zu Ende gehen sollte. Umso deutlicher ertönte die Forderung an seine literarischen Zeitgenossen, eine geschaffene Wirklichkeit, die sich nicht mit der Gegenwart deckte, in Zukunft zu konstruieren „Nun gibt es nicht mehr die Kette der Tatsachen: Fabriken, Häuser, Krankheit, Huren, Geschrei und Hunger. Nun gibt es ihre Vision.“ 2 Diese Formel konturiert im Besonderen die Ambivalenz in der Zukunftsvorstellung der Expressionisten, die in der Epoche begründet lag. So gab es im literarischen Diskurs zwei gegenwärtige Wirklichkeiten: die der Realität und die der Dichtung, die des Ortes und die der Utopie, die der Wirklichkeit und die der Fiktion, in der Vorstellung, dass nur die aus dem inneren Ausdruck des Menschen abgeleitete Realität die wahre sei. Gleichzeitig war diese visionäre Welt von einer entgegenkommenden, wie auch einer zu gestaltenden Zukunft geprägt, die den Raum der geschaffenen Gegenwart füllen sollte, der aus der Perspektive der Künstler bisweilen vom Verdruss der Vergangenheit eingenommen wurde. Schließlich zeigte sich diese Ambivalenz auch unter den Dichtern, die sich gegen das wilhelminisch-bürgerliche Zeitalter wandten, in dem sie geboren waren: einerseits in ihrem realen, biographischen Umfeld, in dem sie sowohl beruflich als auch privat einen gut bürgerlichen Lebensstil repräsentierten, und andererseits im Versuch, eben diesem postulierten Schein-Dasein, das von einer gesellschaftlich-strukturalen Fremdbestimmung geprägt war, zu entgehen, indem sie sich in der Dichtung ihre eigene Realität schufen. Dieser Zwiespalt resultierte nicht zuletzt aus dem mentalitätsgeschichtlichen Einbruch der Epoche: Um die Jahrhundertwende überlagerte sich die von Hofmannsthal postulierte Sprachkrise, die von der Verzweiflung gekennzeichnet war, dass jedes Zeichen bereits Bezeichnetes und damit Wertung sei, die jede Annäherung an Wahrheit verhindere, mit der Sinn- und Autoritätskrise, die exemplarisch von Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ 3 (Nihilismus und Relativismus) beschrieben worden war und von Sigmund Freuds Analysen zur „Modernen Nervosität“ gestützt wurde. 4
1 Edschmid (1918): Über den dichterischen Expressionismus, in: Best (Hg.): Theorie, S. 28.
2 Ebd.
3 Vgl. Colli, Giorgio / Mazzino, Montinari (Hg.): Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Bd. 4: Also sprach Zarathustra, Berlin / New York 1980.
4 Vgl. Kiesel: Geschichte der literarischen Moderne, S. 184-186.
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Deutlich sollte in dieser exemplarischen Reduktion der mentalitätsgeschichtlichen Einflüsse das Wort `Krise´ geworden sein. Von einer Krise kann aber auf der politisch-sozialen Ebene keine Rede sein, denn das wilhelminische Zeitalter war vergleichsweise zwischen 1871 und 1914 von Stabilität, Wohlstand und Fortschritt geprägt. An dieser Gegenüberstellung lässt sich erkennen, inwiefern sich unterschiedliche Entwicklungen auf verschiedenen Ebenen zeitgleich niederschlugen. Aus der Zusammenwirkung jedes Einzelnen entstand eine Kontinuität in der Diskontinuität, eine „Homogenität des Heterogenen“. 5 Im Expressionismus machte sich dieser Zusammenhang in der Simultanität, dem bildlichen Eindruck des Gleichzeitigen bemerkbar. Ausdruck fand er im symbolischen Schrei, in der Ich-Dissoziation, der Formzertrümmerung und der Ekstase, während zu gleicher Zeit nicht nur Georg Heym Stagnation, Langeweile, Dekadenz und Verfall beklagte: „Unsere Krankheit ist, in dem Ende eines Welttages zu leben, in einem Abend, der so stickig ward, dass man den Dunst seiner Fäulnis kaum noch ertragen kann.“ 6
Die Sehnsucht nach Leben und Vitalismus, gegen den alltäglich empfundenen Überdruss, kulminierte in der Vorstellung vom Weltende als innere Erlösung des Menschen. Diese oder ähnliche Visionen handelten von einer säkularisierten Heilserwartung der Auflösung des Ichs, um ein neues zu erschaffen, das sich selbst bestimmte und dessen Wesen rein transzendental sein sollte. Ob diese Transformation in skeptischer oder messianischer Lyrik umgesetzt wurde, wie es die Forschung gerne trennt, hängt vom individuellen Schaffensprozess des Künstlers ab. So waren auch die Zukunftsvorstellungen der Expressionisten teils regressiv, zum Ursprung des Geistes gewandt, teils progressiv, im Fortschritt der Bewegung verankert. Jede Art von Kategorisierung dient der Orientierung, zeichnet die Ambivalenzen der Epoche nach. Inwiefern sich die nachträglichen Konstruktionen eines skeptischen oder messianischen Expressionismus in Anbetracht der Vielfalt und des Reichtums an Varietät mit den Zukunftsvorstellungen in der Dichtung deckten, soll sich in der Analyse zeigen. Im Zentrum dieser Untersuchung steht jedoch das Konzept des `neuen Menschen´ sowie die Vorstellung vom `neuen Menschen´ und damit die Frage, welche Rolle diese Zukunfts- und Wirklichkeitsvorstellung im Laufe der Epoche einnahm, welche Bedeutung sie für das literarische Schaffen, Produktion und Rezeption hatte und wie sich innerhalb dessen der Begriff von Kunst und Künstler im Hintergrund der `ästhetischen Moderne´ wandelte. Diese war spätestens seit ihrer Proklamation in Berlin um 1890 zum Programm geworden, erwies sich in mehreren Strömungen um die Jahrhundertwende im Wechselspiel und in Abgrenzung zur `zivilisatorischen Moderne´ als konservativ und modern zugleich. Denn alles Moderne ist
5 Fähnders: Avantgarde und Moderne, S. 11.
6 Heym (1911) zit. nach: Anz, Thomas: Literatur des Expressionismus, S. 51.
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auch immer Fortführung und Umwandlung traditioneller Elemente, umkleidet von neuen Ideen, die den Nerv der Zeit treffen und der Gegenwart entspringen. Warum die expressionistische Dichtung ihre Idee vom `neuen Menschen´, die keineswegs neu war, ins Zentrum ihrer Schöpfung stellte und welche Zukunftsvorstellungen, ob Utopien, Visionen oder Prophetien, damit einhergingen, ist zu hinterfragen. Besonders in einer Zeit, in der das Denken an die Zukunft einen neuen Aufschwung erhielt und Erwartungen die Erfahrungen 7 zu dominieren schienen, in der die Zukunft in der Gegenwart verankert war und sich im Horizont ohne determinierten Verlauf der Geschichte zu öffnen begann, hatte die Zukunft aus expressionistischer Perspektive schon in der Gegenwart begonnen - ihre Gestaltbarkeit war möglich geworden. Ein Beispiel für diesen Vorstellungswandel bietet die kollektive Kriegserwartung der abendländischen Nationen bereits vor der Jahrhundertwende, die in einem verbreiteten Enthusiasmus vor 1914 auch von den Expressionisten geteilt wurde. 8 So wiesen sich die Dichter in ihrem Selbstverständnis als Propheten, Visionäre aus, die die Apokalypse verkündeten - teils in hoffnungsträchtiger Manier, teils aus pessimistischer Perspektive heraus. In beiden Fällen drehte sich die Vorstellung jedoch um ein neues Wesen des Menschen, das mal im O-Mensch-Pathos hymnisch besungen (Ernst Stadler, Franz Werfel), mal in zynischer oder nüchterner Art und Weise (Gottfried Benn, Johannes R. Becher) geschildert wurde.
Bemerkenswert ist, dass die literaturwissenschaftliche Forschung dieser Unterscheidung nicht selten wertend begegnete. So sei der Expressionismus generell nichts Neues gewesen, ein Experiment von „Sprachzertrümmerer[n]“ 9 , deren „Schwulst nur schwer erträglich“ 10 sei. Diese Einschätzungen entsprechen vielleicht dem Kunstverständnis des Wissenschaftlers, missachten jedoch die Bereitschaft, die Epoche mitsamt ihren Eigenheiten wahrzunehmen. Aufgrund dessen richtet sich die Auswahl der Gedichte in dieser Arbeit nach den verschiedenen Zukunftsentwürfen in der Lyrik, die hypothetisch gefasst drei Phasen durchliefen: Die Anfänge der expressionistischen Bewegung sind generell, wie die Titel und Themen der Zeitschriften, Clubs und Gedichte erkennen lassen, vom Aufbruch in die Zukunft geprägt. Die Kriegsjahre von 1914-1918 holten hingegen den anfänglichen Enthusiasmus ein und der Zukunftsoptimismus hatte starke Einbrüche hinzunehmen. Nach dem Krieg kam es in der Hoffnung, die Idee vom `neuen Menschen´ mittels Revolution in die Tat umzusetzen, zu
7 Zu den Kategorien von Erfahrung und Erwartung siehe: Koselleck, Reinhart: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt a. M. 2006, besonders die Kapitel: „Verzeitlichung der Begriffe“, S. 77-86 und „Hinweise auf die temporalen Strukturen begriffsgeschichtlichen Wandels“, S. 86-99.
8 Vgl. Hölscher: Die Entdeckung der Zukunft, S. 131 f.
9 Knobloch: Endzeitvisionen, S. 193.
10 Ebd. S. 12.
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einem kurzfristigen Aufschwung von Visionen und Utopien, die letztendlich an der Realität scheiterten, sodass die Zukunftssehnsüchte wie auch die Epoche starben. Die Auswahl folgender Gedichte soll nur exemplarisch für die Vielfalt der Zukunftsvorstellungen stehen, denn innerhalb dieses Rahmens ist eine quantitative Untersuchung der expressionistischen Gedichte unter diesem Schwerpunkt weder sinnvoll noch machbar. Für den frühexpressionistischen Zukunftsoptimismus steht Ernst Wilhelm Lotz „Aufbruch der Jugend“ aus dem Jahr 1913. Die Verschränkung aller zeitlichen Dimensionen im Krieg repräsentiert Walter Hasenclevers Gedicht „1917“. Claire Golls Gedicht „Der Mensch ist tot“ von 1918 entspricht der Wandlung des Zukunftsentwurfes vom `neuen Menschen in der dritten Phase des Expressionismus.
In der Analyse geht es um die qualitative Funktion der Zukunft in Lyrik und Programmatik des Expressionismus, die in der Forschungsliteratur bisher zwar häufig thematisiert, aber selten analysiert worden ist. So sind nur zwei Dissertationen aus dem Jahre 1955, nämlich Albert Kreuels „Prophetie und Vision in der Lyrik des deutschen Expressionismus“ und Angela Jurkats „Apokalypse. Endzeitstimmung in Kunst und Literatur des Expressionismus“ aus dem Jahre 1993 erschienen, die einschließlich einzelner Aufsätze einen äußerst heterogenen Beitrag zur Erforschung dieses Themas leisteten. 11 Besonders in Anbetracht der aktuellen Diskussion um die Erfahrungen der Moderne, ihre Merkmale und Grenzen, 12 lohnen sich exemplarische Analysen, die mit nötigem Abstand auch den Blickwinkel zur Abgrenzung der Postmoderne und Gegenwartsliteratur einnehmen. Somit stehen in der Analyse und Interpretation der ausgewählten Gedichte das Motiv des `neuen Menschen´ und die lyrischen Zukunftsentwürfe im Vordergrund. Nach der induktiven Betrachtung des Gedichts richtet sich der Blick zugleich auf werkexterne Zusammenhänge, die aufgrund ihrer biographischen Umstände, gesellschaftspolitischen Anlässe oder intertextuellen Bezüge Eingang in die Lyrik fanden und im Hintergrund der theoretischen Reflexion interpretiert werden.
Die theoretische Untersuchung der Zukunftsvorstellungen soll sich in dieser Arbeit um die Idee des `neuen Menschen´ drehen, im ersten Kapitel um die Ursprünge im Expressionismus, den Ich-Zerfall und die Wandlung beziehungsweise Erneuerung des Menschen, sowie dessen Scheitern. Denn die Idee vom `neuen Menschen´ ist wie die Zukunftsphantasie des Menschen
11 Das Motiv der Apokalypse steht in dieser Arbeit nicht im Vordergrund der Analyse, weil es nur eine Form der Zukunftsvorstellung vom `neuen Menschen´ darstellt und vor allem als religiös motiviertes Phänomen vielfach interpretiert worden ist. Der Wandel des Motivs vom ethischen zum ästhetischen Moment in der literarischen Moderne wird beschrieben in: Moog-Grünewald, Maria / Olejniczk Lobsien, Verena (Hg.): Apokalypse. Der Anfang im Ende, Heidelberg 2003.
12 Vgl. Fähnders: Avantgarde und Moderne, S. 287.
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nie nur Vorstellung, sondern auch Produkt und Wegbereiter realgeschichtlicher Kontexte - ob sie darin aufgeht oder nur fiktiv verarbeitet worden ist, welche Bedeutung man ihr für die expressionistische Bewegung zusprechen kann, soll sich in dieser Arbeit erweisen.
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2. Theorie
2. 1 Die Ursprünge des `neuen Menschen´
Die Idee vom `neuen Menschen´ im Expressionismus war wie alles Moderne nicht ganz neu, sondern bildete sich aus verschiedensten philosophischen, psychoanalytischen und geistesgeschichtlichen Anschauungen um die Jahrhundertwende heraus, die wiederum selbst auf vergangenen Theorien beruhten. Zudem war sie keineswegs klar und einheitlich konzipiert, was auch nicht dem Selbstverständnis der Expressionisten entsprach. Die Idee bestand vielmehr aus einem Konglomerat vergangener Teilideologien und zeitgenössischer theoretischer Fragmente, das zum verbindungstragenden Moment in der expressionistischen Verständigung wurde.
Die Philosophische Grundlage bildete Nietzsches Autoritätskritik, sein postulierter Nihilismus und Relativismus. Viele Elemente aus den Zukunftsvorstellungen des `neuen Menschen´ entstammten seiner Lehre vom Dionysischen und der Schrift „Also sprach Zarathustra“ aus dem Jahre 1885. 13 Nietzsche wählte zum einen die Sprache des Dichters, zum anderen glich seine Vorstellung vom Übermenschen, der in drei Phasen der Selbstüberwindung des Rationalen, des Willens und des Nihilismus die ewige Wiederkehr und -geburt seines Ichs erfährt, der Entstehung des `neuen Menschen´ im Expressionismus. 14 Diese war zyklischer Natur, verlief aber gleichzeitig diskontinuierlich. Sie implizierte zum einen die Zerstörung des Menschen in eigens zu vollbringender Revolution des Inneren und zum anderen beinhaltete die Idee die Sehnsucht nach der Wiederherstellung des Menschlichen. Ein Verlauf wie dieser spiegelt sich in den poetisch dargestellten Tageszeiten wider, die in den Gedichten vom Tagesanbruch, zur Dämmerung, über Nacht und Dunkelheit, bis zum Morgengrauen reichen. Die bekannteste, für diesen Verlauf repräsentative Metapher, ist der Titel der Anthologie „Menschheitsdämmerung“ von Kurt Pinthus, der die Empfindung der Dichter folgendermaßen beschreibt:
Diese Dichter fühlten zeitig, wie der Mensch in die Dämmerung versank ..., sank in die Nacht des Untergangs ..., um wieder aufzutauchen in die sich klärende Dämmerung neuen Tags. 15
13 Vgl. Colli, Giorgio / Mazzino, Montinari (Hg.): Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Bd. 4: Also sprach Zarathustra, Berlin / New York 1980.
14 Vgl. Küenzlen: Der neue Mensch, S. 122.
15 Pinthus (1919): Zuvor, in: Ders. (Hg.): Menschheitsdämmerung, S. 25.
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Verena Wirtz, 2011, Zukunftsvorstellungen im Expressionismus – oder die Lyrik des `neuen Menschen´, München, GRIN Verlag GmbH
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