A. Glück als höchstes erstrebenswertestes Ziel - aber mit welchen Mitteln? Bereits Aristoteles 1 hat das Glück als das höchste Ziel des Menschen angesehen, nicht als einen Moment eines vorübergehenden Glücksgefühls oder der kurzfristigen Befriedigung, sondern als erstrebenswerten Zustand der dauerhaften Glückseeligkeit mit der sicheren Erkenntnis, mit diesem dem individuellen Sinn des Lebens gerecht zu werden. Dieser Zustand des Glücks wurde von vielen Philosophen als das oberste Ziel postuliert, auch noch 2400 Jahre nach Aristoteles; die Wege die beschritten werden um dieses hehre Ziel zu erreichen finden sich in den verschiedenen Theorien dieser Denker wieder und könnten oft unterschiedlicher nicht sein.
Bei John Stuart Mill 2 etwa heißt es: „Unter Glück ist dabei Lust (pleasure) und das Freisein von Unlust (pain), unter Unglück Unlust und das Fehlen von Lust verstanden.“ 3 Diese allgemeine Definition ist sicher so grundlegend, dass sich wohl zumindest die meisten Philosophen dazu bereit erklären würden, hierin übereinzustimmen. Alles was darüber hinausgeht allerdings, führt zu Differenzen. In dieser Arbeit sollen zwei Theorien gegenübergestellt und verglichen werden, zum einen der sogenannte klassische Utilitarismus, zum anderen die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls 4 .
Dabei wird es vor allem um Theorien bezüglich der Gerechtigkeit und der Nützlichkeit gehen, allerdings sollte immer im Hinterkopf behalten werden, dass diese als theoretisches Konstrukt das Glück des Individuums innerhalb der Gesellschaft bedingen. Natürlich muss dabei berücksichtigt werden, dass die beiden Punkte nicht einfach maximierbar sind um ein höchstmögliches Maß an Glück zu erreichen, eher das Gegenteil ist der Fall, man muss präzise abwägen welches man zum Vorteil des anderen einschränkt. Ein zentraler Brennpunkt zwischen den beiden Theorien lässt sich in etwa wie folgt zusammenfassen: Ist es gerecht, den Ansprüchen einiger weniger nur geringfügig zu genügen, um dadurch für viele andere ein besseres Los zu erreichen? Oder müssen alle gleich behandelt werden, unabhängig davon, ob z.B. der Gesamtnutzen dadurch eingeschränkt wird? Die beiden Theorien die hier gegeneinander gestellt werden sind von unterschiedlicher Entwicklung und Bedeutung. Der Utilitarismus wurde in der frühen Neuzeit, etwa gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt, als „Gründungsvater“ wird allgemein Jeremy Bentham 5
1 384 - 322 v.Chr.
2 1806 - 1873
3 Höffe, Otfried (Hrsg.): Einführung in die utlilitaristische Ethik (klassische und zeitgenössische Texte),
München 1975, S. 60.
4 geboren am 21.2.1921
5 1748 - 1832
2
genannt. Diese Theorie hat die Jahrhunderte überdauert und findet auch heute noch praktische Anwendung, etwa in der freien Marktwirtschaft.
Die „Gegentheorie“ von John Rawls wurde 1971 in seinem Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ publiziert und machte seinen Verfasser über Nacht weltberühmt (in seinem Fachbereich). Ursprünglich war Rawls selbst einmal ein Anhänger des Utilitarismus, im Lauf seines Lebens hat er jedoch andere Erkenntnisse gewonnen und diese sollen hier vorgestellt und verglichen werden.
B: Utilitarismus und Theorie der Gerechtigkeit - Ein Vergleich
I. Der klassische Utilitarismus - Geistige Väter des Utilitarismus
Neben dem bereits erwähnten Utilitaristen Jeremy Bentham der mit seinem Werk „Einführung in die Prinzipien von Moral und Gesetzgebung“ von 1789 6 selbige Theorie quasi „offiziell“ begründete, drängen sich zwei weitere Philosophen in die erste Reihe: Der ebenfalls schon genannte John Stuart Mill und Henry Sigwick 7 . Natürlich gab es auch nach diesen viele weitere Philosophen, die sich mit dieser Theorie auseinandergesetzt haben oder Anhänger derselben waren 8 , für diese Arbeit sollen aber die drei wichtigsten genügen. Hierbei werde ich nicht einen Autor nach dem anderen chronologisch abhandeln, sondern vielmehr versuchen, die grundsätzlichen Gedanken miteinander in Zusammenhang zu bringen und einen kurzen Gesamtüberblick über die Theorie zu geben.
a) Grundsätze
Der wichtigste Grundsatz im Utilitarismus ist aus meiner Sicht das Prinzip der Nützlichkeit. Dieses wurde von Bentham entwickelt und lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Unter dem Prinzip der Nützlichkeit ist jenes Prinzip zu verstehen, das schlechthin jede Handlung in dem Maß billigt oder missbilligt, wie ihr die Tendenz innezuwohnen scheint, das Glück der Gruppe, deren Interesse in Frage steht, zu vermehren oder zu vermindern, oder - das gleiche mit anderen Worten gesagt - dieses Glück zu befördern oder zu verhindern.“ 9 Erweitert wird
6 nach Höffe, S.11.
7 1838 - 1900
8 Der Utilitarismus war für viele Jahre eine der bedeutendsten Theorien in der wissenschaftlichen Welt der
Philosophen (Anm. d. V.)
9 Höffe, S.36f.
3
diese Aussage durch folgende Erklärung: „Jeder soll das Glück der größten Zahl der Mitglieder des Gemeinwesens maximieren.“ 10
Diese Intention, einen möglichst großen Nutzen für die Gesamtheit des Gemeinwesens zu ziehen, bezeichnet man als Nutzenmaximierungsprinzip. 11
Bereits aus diesem Prinzip wird folgendes deutlich: Im Utilitarismus kommt man nicht an einer „Bewertung der Dinge“ vorbei. Wird etwas als nützlich bewertet, dann ist es auch gut, ist es das nicht, dann ist es unbrauchbar. Das Problem das hier sofort entsteht 12 ist die Frage nach der Moral. Darf z.B. ein gemachtes Versprechen gebrochen werden, wenn eine neue Situation entsteht, bei der sich herauskristallisiert, dass es besser wäre, das Versprechen nicht zu halten? Oder müsste man nach dem Nutzenprinzip nicht sogar von dem Versprechen ablassen um den größeren Nutzen, der dadurch entsteht zu erreichen? Es findet sich bei Bentham allerdings auch eine dem gegenüberstehende Form, die mit der erstgenannten konkurriert: „ Jeder soll das Glück aller Mitglieder eines Gemeinwesens fördern (das Glück des Gemeinwesens).“ 13 Um bei dem eben angeführten Beispiel zu bleiben, wie wäre nun zu entscheiden? Sollte derjenige, der das für ihn ungünstig gewordene Versprechen gegeben hat brechen, und damit seinen Nutzen vergrößern oder es halten und eventuell den Nutzen des anderen vergrößern, oder ist wiederum der Nutzen des Gemeinwesens erstrangig? Hierfür hat Bentham das sogenannte hedonistische Kalkül entwickelt, bei dem er durch die Bewertung unterschiedlicher Kriterien ein mathematisch exaktes Ergebnis erhält, den sogenannten kollektiven Gratifikationswert 14 . Mit diesem Wert lässt sich in jeder Situation maßstabsgetreu ablesen, wie zu entscheiden ist. Die Bewertungskriterien sind folgende: „Die Intensität der aus der Handlung zu erwartenden Gratifikation bzw. Frustration; die Dauer und den Grad der Gewissheit, mit der man die Gratifikation erwartet; die Nähe des Eintreffens; schließlich das, was er die Folgenträchtigkeit und Reinheit nennt, d.h. die Chance, dass einer Gratifikation sekundäre Gratifikation und Frustrationen folgen.“ 15 Doch auch hierfür ist Bentham sogleich wieder kritisiert worden, z.B. für die langfristigen Folgen (etwa über Generationen hinaus) und für eine fehlende Maßeinheit von Freude und Schmerz, die dieses Modell aber voraussetzt. 16
10 Engin-Deniz, Egon: Vergleich des Utilitarismus mit der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls, Innsbruck-
Wien 1991, S.25.
11 Engin-Deniz, S.25.
12 Worauf ich im Punkt B.III. noch genauer eingehen werde (Anm. d. V.).
13 Engin-Deniz, S.25.
14 was dem Gesamtnutzen entspricht, Höffe S. 14.
15 Höffe, S.14.
16 siehe Höffe, S.15.
4
Arbeit zitieren:
Simon Baar, 2002, Untersuchung des Utilitarismus unter dem Blickwinkel der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls, München, GRIN Verlag GmbH
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