1.) Einleitung
Im zehnten Kapitel von „Sense and Sensibilia“ argumentiert Austin gegen Ayers These, Wissen über materielle Gegenstände benötige das Wissen über Sinnesdaten als Fundament. Im Folgenden soll zuerst Austins Kritik an Ayers Theorie vorgestellt und anschließend Ayers Reaktion auf die Kritik rekonstruiert werden. Schließlich wird die Art des Disputs zwischen den beiden Philosophen einer abschließenden Betrachtung unterzogen.
2.) Austins Kritik
Im zehnten Abschnitt stellt Austin zuerst die These der Vertreter der Sinnesdatentheorie vor. Ayer ist der Auffassung, das Wissen über materielle Gegenstände basiere auf dem Wissen über Sinnesdaten. Seiner Meinung nach können nur Sätze über Sinnesdaten unkorrigierbar sein, während Sätze über materielle Dinge niemals ohne das Wissen über Sinnesdaten verifiziert werden können.
Austin argumentiert gegen Ayers Theorie, indem er zunächst feststellt, dass Sätze an sich nicht wahr oder falsch sein können. Ob eine Aussage wirklich wahr oder falsch ist, ergibt sich nur aus dem jeweiligen Kontext, in welchem sie ausgesprochen wird. Folglich können auch Sätze über Sinnesdaten nicht in jedem Fall unkorrigierbar sein, da auch sie den besonderen Umständen unterliegen, in denen sie benutzt werden. Umso spezifischer die Aussage ist, desto leichter ist sie zu falsifizieren: „If for instance I say 'That's Sirius', I am wrong if, though it is a star, that star is not Sirius; whereas, if I had said only 'That's a star, its not being Sirius would leave me unshaken. Again, if I had said only, 'That looks like a star', I could have faced with comparative equanimity the revelation that it isn't a star.“ 1 Obwohl dies zu implizieren scheint, dass ein Satz unkorrigierbar ist, wenn er nur allgemein genug formuliert wird, argumentiert Austin gegen die Möglichkeit von Aussagen, die an sich wahr sein können. Im Gegensatz zu Ayer, welcher die Unkorrigierbarkeit von Sätzen über Sinnesdaten nur durch einen
1 Austin, S. 112
sprachlichen Fehler oder eine Lüge des Sprechers gefährdet sieht, erkennt Austin an dieser Stelle noch weitere Schwierigkeiten. So kann die Aussage 'Dieser Farbton ist Magenta' auch falsch sein, wenn der Sprecher nicht genau weiß, welcher Farbton als Magenta bezeichnet wird oder wenn aus bestimmten Gründen nicht in der Lage ist, die Farbe richtig zu sehen.
Desweiteren räumt Austin ein, dass Aussagen zwar nicht an sich, aber unter bestimmten Umständen selbstverständlich faktisch unkorrigierbar sein können. Doch auch in diesem Fall hängt die Verifizierbarkeit des Satzes nicht von seiner Art ab, sondern dem Kontext, indem er benutzt wird. Ein Aussage über Sinnesdaten kann somit faktisch genauso unkorrigierbar sein wie ein Satz über einen materiellen Gegenstand. Ayers Meinung nach bilden Sätze über Sinnesdaten Indizien, auf welchen das Wissen über materielle Gegenstände basiert. Im Folgenden kritisiert Austin diese Theorie, indem er verdeutlicht, dass Wissen über materielle Gegenstände nicht in jedem Fall Indizien oder Hinweise erfordert. „The situation in which I would properly be said to have evidence for the statement that some animal is a pig is that, for example, in which the beast itself is not actually on view, but I can see plenty of pig-like marks on the ground outside its retreat.“ 2 Indizien für die Aussage, dass das Tier wirklich ein Schwein ist, sind laut Austin also nur notwendig, wenn es nicht sichtbar ist. Sieht man das Schwein allerdings mit eigenen Augen, ist das Sammeln von weiteren Hinweisen überflüssig. Der Satz 'Das ist ein Schwein' braucht somit nur Indizien, wenn die Umstände es erfordern.
Austin bezweifelt außerdem Ayers Theorie, dass Aussagen einer bestimmten Art die Indizien für eine andere Art von Aussagen bilden. Abhängig vom Kontext ist es sowohl möglich, dass generelle Sätze auf singulären Sätzen basieren und umgekehrt. So kann ein Mensch, der ein Schwein sieht, davon ausgehen, dass dieses gerne Rüben isst, weil er weiß, dass die meisten Schweine Rüben essen. Umgekehrt kann derselbe Mensch unter anderen Bedingungen zu der Auffassung gelangen, alle Schweine essen Rüben, da zumindest das Schwein, welches er sieht, gerne Rüben isst. Austin lehnt somit den Gedanken ab, bestimmte Sätze hätten die Funktion, Hinweise für andere Sätze zu formulieren. Vielmehr ist er der Ansicht, dass die Indizien für Aussagen über materielle Gegenstände in Aussagen derselben Art formuliert werden können.
2 Ebd., S. 115
Im Folgenden geht Austin auf Ayers Auffassung ein, Sätze über materielle Gegenstände seien an sich nicht abschließend verifizierbar. Ayers Meinung nach ist eine endlose Reihe von Tests notwendig, um die Richtigkeit einer Aussage über einen materiellen Gegenstand sicherstellen zu können. Da die Summe aller möglichen Tests unendlich ist,
können Sätze über materielle Dinge nach Ayer somit nie abschließend verifiziert werden. Zuerst stellt Austin fest, dass die Richtigkeit von Aussagen über materielle Gegenstände nicht sichergestellt werden muss. „If, for instance, someone remarks in casual conversation, 'As a matter of fact I live in Oxford', the other party of the conversation may, if he finds it worth doing, verify this assertion; but the speaker, of course, has no need to do this - he knows it to be true (or, if he is lying, false).“ 3 Das Problem ist nicht nur, dass der Sprecher nicht sicherstellen muss, ob er wirklich in Oxford wohnt, sondern es gar nicht kann. Da er seinen Wohnort schon kennt, kann er nichts tun, was als Verifikation seiner Aussage gelten könnte. An dieser Stelle kritisiert Austin Ayers Versuch, die Richtigkeit von Sätzen ungeachtet ihrer Umstände zu diskutieren.
Selbst wenn man Ayers Auffassung annimmt, bestimmte Aussagen müssten durch eine Reihe von Tests verifiziert werden, stellt sich laut Austin die Frage, warum diese Tests nie zu einer abschließenden Verifikation führen können. Wenn jemand beispielsweise an der Echtheit eines Telefons zweifelt, kann er mit diesem einen Freund anrufen, sich anrufen lassen oder das Telefon sogar in seine Einzelteile zerlegen und letztendlich feststellen, dass der Gegenstand ohne Zweifel ein echtes Telefon sein muss. Austin lehnt den Gedanken ab, dass der Satz 'Das ist ein Telefon' automatisch eine endlose Reihe von Aussagen einschließt, die nicht auf ein Telefon zutreffen. Denn das würde letztendlich auch bedeuten, dass man versuchen muss, das Telefon zu essen, um seine Echtheit sicherstellen zu können.
Schließlich stellt Austin fest, dass Ayer den Begriff „Verifikation“ falsch interpretiert und ihn somit auch falsch benutzt. Ein Mensch lernt die Bedeutung des Satzes 'Das ist ein Schwein' lediglich dadurch, dass ihm das Tier gezeigt wird. Austin erkennt zwar an, dass ein Mensch bestimmte Erwartungen hat, wenn ein Schwein in der Nähe ist. Das impliziert seiner Meinung nach aber nicht, dass die Aussage 'Das ist ein Schwein' eine
3 Ebd. S. 118
Arbeit zitieren:
Patrick Schlereth, 2009, Erkenntnistheoretischer Disput zwischen Ayer und Austin, München, GRIN Verlag GmbH
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