1.1. Grundsätzliches zum Thema der Facharbeit
Als Thema meiner Facharbeit in der Stufe 12 im Grundkurs Biologie habe ich mir die „Biochirurgische Therapie von Problemwunden durch die Fliegemaden Lucilia sericata“ ausgesucht. Von den zur Auswahl stehenden Themen gefiel mir dieses am Besten und hat sich im Nachhinein als sehr interessant herausgestellt.
Meine Facharbeit soll einen genauen Einblick in die Behandlung von Pro-blemwunden durch Fliegenmaden geben, die im Volksmund auch als „Madentherapie“ bekannt geworden ist.
Die Behandlung mit Maden stellt eine beliebte Alternative zur konventionellen Therapie dar.
2.1. Standardtherapie zur Behandlung von Problemwunden
Als Wunde bezeichnet man meist eine Öffnung im Gewebe, die durch äußere Gewalt oder Entzündungen hervorgerufen wurde. Jeder war schon mal mit einer solchen Verletzung konfrontiert. Je nach Größe und Art der Verletzung heilt die Wunde i.d.R. innerhalb weniger Tag bzw. Wochen.
Besteht eine Wunde jedoch länger als vier Wochen, ohne richtig abzuheilen, so spricht man von einer chronischen oder Problemwunde. 1 (Abb. 1) Eine Problemwunde ist mit Bakterien infiziert, die die Wundheilung negativ beeinträchtigen. Oft ist es für Ärzte schwer, zwischen einer Infektion und einer Kolonisation der Wunde durch Bakterien zu unterscheiden, da sich in jeder Wunde eine gewisse Anzahl von Bakterien befindet. Klare Merkmale zur Diagnose einer Problemwunde sind unter anderem eine verzögerte Wundheilung, gerötete Wundränder, Schmerzen, Fötor (übler Geruch), Blutungen und der Nachweis von 10 5 Bakterien/pro Gramm Gewebe. 2
Der Therapiestandart besagt in diesen Problemfällen, dem Patienten Antibiotika zu verabreichen, um so die Bakterien, die die Wundheilung hemmen, abzutöten. 3 Ist dieser hemmende Faktor beseitigt, kann die Wunde normal abheilen.
1 vgl. Unbekannt (7)
2 vgl. Berger, S. 1
3 vgl. Dr. med. Felicitas Witte
Abb. 1 1 : Vergleich der Wundheilung einer akuten und einer chronischen (Problem-) Wunde. Proteasen sind in jeder Wunde vorhanden. Durch die Infektion jedoch ist die Proteasenkonzentration in der chronischen Wunde dauerhaft stark erhöht.
2.2. Probleme der Standardtherapie
Mit der Einführung von Antibiotika Mitte des 20. Jahrhunderts, wie z.B. Penicillin und der späteren Entwicklung von Breitbandantibiotika war man überzeugt, jede Art von Bakterien zu bekämpfen, solange man das richtige Antibiotikum zur Verfügung hatte. 2
In den folgenden Jahrzehnten jedoch wurde immer häufiger eine Antibiotikaresistenz bei Bakterien festgestellt. 3 „In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten ist weltweit von einer Zunahme von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) in chronischen Wunden berichtet worden. In Deutschland sind 21.5% der Patienten mit chronischen Wunden, die in eine Klinik eingeliefert werden, mit MRSA infiziert.“ 4 (Methicillin ist eine Form des Penicillins)
An dem Beispiel von MRSA-Erregern zeigt sich, dass die Standardtherapie mit Antibiotika in vielen Fällen nicht wirksam ist. Durch neuartige
1 vgl. Unbekannt (7)
2 vgl. Berger, S. 10
3 vgl. Hintner
4 s. Berger, S. 1
Antibiotika ist in den letzten Jahren zwar eine Alternative geschaffen worden, die aber noch nicht ausreichend erforscht ist. 1 Daher ist die lange vergessen Madentherapie als Behandlungsmethode von Problemwunden wiederentdeckt worden.
2.3. Madentherapie als Alternative
In den 1990er Jahren zeigten Studien, dass die Madentherapie zu einer deutlich schnelleren Wundheilung führte, als es durch die herkömmliche Behandlung möglich war. 2 Dadurch kam es zu einer „Wiedergeburt“ der Fliegentherapie.
2.3.1. Steckbrief Lucilia sericata
Lucilia sericata, oder auch Goldfliege, gehört zur Familie der Schmeißfliegen (Calliphoridae). Sie sind vor allem in Asien und Europa weit verbreitet und kommen hauptsächlich im ländlich geprägten Raum vor. Die Fliege hat eine Größe von 7-11 Millimetern und „ihr Körper hat einen metallischen Glanz in grünen und goldenen Farbtönen“. 3 (Abb. 2) Als Nahrung dient ihr zum größten Teil Aas, aber auch Nektar aus Blüten. Zudem legt die Goldfliege ihre Eier auf Aas ab. Die geschlüpften Larven, die man aufgrund ihrer rosa Färbung auch als „Pinky Maden“ bezeichnet, ernähren sich von abgestorbenem Gewebe. Besonders Schafzüchter sehen die Goldfliege als Parasit an, da sie meist als erstes offene Wunden von Schafen besetzt und so weitere fleischfressende Fliegenarten anlockt. Die Larven dieser fleischfressenden Fliegen greifen, im Gegensatz zu Larven von Lucilia sericata, auch vitales Gewebe an und hemmen so den Wundheilungsprozess. 4
Für den Menschen von Nutzen sind nur die Fliegenmaden von Lucilia sericata. Sie werden häufig beim Angeln als Köder oder als Tierfutter verwendet. Außerdem werden in Laboren gezüchtete, sterile Maden in der Medizin zur Behandlung von Problemwunden eingesetzt. Diese Therapie ist unter dem Begriff „Biochirurgie“ bekannt geworden.
1 vgl. Berger, S. 3
2 vgl. Hintner
3 s. Unbekannt (5)
4 vgl. Berger, S. 4
Die Maden werden hierfür in Laboren gezüchtet. „Aus den von der Fliege gelegten Eiern schlüpfen Larven, welche im Formalin- und Natriumhy-pochlorid-Bad desinfiziert werden. Die drei Tage alten, steril aufbereiteten und auf Bakterien-freiheit kontrollierten Larven zeigen eine Länge von 3-4 mm und sind für die Biochirurgie verwendungsfertig.“ 1
Abb. 2 2 : Goldfliege Lucilia sericata
2.3.2. Geschichte der Madentherapie
Aus der Geschichtsschreibung sind einige Völker bekannt, die schon vor Jahrhunderten mithilfe von Fliegenmaden Problemwunden behandelt haben. Dazu gehören z.B. die Aborigines und unter anderem die Maya, „die mit Tierblut getränkte Tücher erst in die Sonne und, nachdem Fliegen ihre Eier darauf gelegt hatten, auf die Wunden gelegt haben sollen.“ 2, 3 Erste schriftliche Berichte aus Europa zur Therapie mit Maden stammen aus dem 16. Jahrhundert 4 , obwohl man damals noch keinesfalls von einem professionellen Einsatz der Madentherapie sprechen konnte. Bis Ende des 19. Jahrhunderts, wurde die positive Wirkung von Fliegenmaden der Art Lucilia Sericata auf Problemwunden vor allem von Feldärzten bei verwundeten Soldaten beobachtet bzw. angewendet. 4, 5 Dies geschah meist durch Zufall, da die verwundeten Soldaten des öfteren lange ohne ärztliche Versorgung auf dem Schlachtfeld lagen und ihre Wunden von Maden übersät waren. Bei der darauf folgenden Untersuchung stellte sich heraus, dass die Fliegenmaden die Wunde nicht infiziert, sondern stattdessen die Heilung beschleunigt hatten. 6
1 s. Prof. Dr. Theo Rufli (Interview)
2 s. Unbekannt (3)
3 vgl. Zink
4 vgl. Berger, S. 4
5 vgl. Unbekannt (3), Geschichte
6 vgl. Hintner
Arbeit zitieren:
Philipp Dolle, 2011, Biochirurgische Therapie von Problemwunden durch die Fliegenmade Lucilia sericata, München, GRIN Verlag GmbH
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