Das internationale System wird bereits seit den sechziger Jahren wesentlich durch den „Nord-Süd-Gegensatz“ bestimmt 1 . Dieser basiert im Allgemeinen auf einem Gefälle zwischen Industrie - und Entwicklungsländern bezüglich wirtschaftlicher , sozialer und politischer Bedingungen. Im Zuge veränderter Rahmenbedingungen seit den Entkolonialisierungsprozessen der Nachkriegszeit rückten auch demographische, ökologische oder sicherheitspolitische Aspekte und deren Auswirkungen ins Blickfeld dieses Gefälles. Es fragt sich deshalb, ob diese Veränderungen, nicht zuletzt durch den Wegfall der ideologischen Konfliktlinie des „Ost-West-Konflikts“, auch zu einer veränderten Auffassung des „Nord-Süd-Konflikts“ als Bezeichnung für den Zustand des internationalen Systems beigetragen haben.
Aus diesem Anlass versucht das vorliegende Essay eine Antwort auf die Frage zu geben, ob der „Nord-Süd-Konflikt“ eine adäquate Bezeichnung für den Zustand des internationalen Systems darstellt.
Zunächst erfolgt eine Erörterung des Begriffs „Nord-Süd-Konflikt“ mit Blick auf seine historische Entstehung, seiner inhaltlichen Zuschreibung und der damit verbundenen Problematik. Im Anschluss wird dargestellt welche Umstände des internationalen Systems zu einem Wandel der Entwicklungspolitik beigetragen haben. Davon ausgehend soll die zugenommene Komplexität der „Nord-Süd-Beziehung“ festgemacht werden, die den aktuellen Zustand des internationalen Systems skizzieren kann. Die Frage, ob der „Nord-Süd-Konflikt“ in diesem Kontext auch heute noch aktuell ist und angewendet werden kann, soll davon ausgehend diskutiert werden.
Die Entstehung des Begriffs „Nord-Süd-Konflikt“ geht zurück auf die Entkolonialisierungsprozesse der Nachkriegszeit. Unter der Bezeichnung „Dritte Welt“ fasste man die Entwicklungsländer Afrikas, Lateinamerikas und Asiens zunächst als Abgrenzung gegenüber der ersten (kapitalistischen) und zweiten (kommunistischen) Welt zusammen. Man begann die heterogenen, unterentwickelten Ländergruppen des „Südens“ als Einheit zu sehen, die in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Industriestaaten des „Nordens“ standen.
1 Vgl. Senghaas, D. 1988. Konfliktformationen im Internationalen System. Frankfurt: Suhrkamp Verlag, S. 7.
Für die Optimierung der Entwicklungszusammenarbeit wurden verschiedene Theorien entworfen, die dabei helfen sollten, die Ursachen für Rückständigkeit „Dritter Welt“-Länder zu finden und durch gezielte Strategien, Entwicklungsmöglichkeiten voranzutreiben. Die konzeptionelle Entwicklung und praktische Umsetzung vollzog sich in Dekaden und verlief in manchen Entwicklungsländern erfolgreicher als in anderen. Zu diesen Theorien zählt beispielsweise die Modernisierungstheorie, die Dependenztheorie und die grundbedürfnisorientierte Projekthilfe 2 .
Im Allgemeinen bezeichnet der „Nord-Süd-Konflikt“ also das Verhältnis zwischen Entwicklungsländern, welche größtenteils auf der Südhälfte der Erde angesiedelt sind, und den Industrieländern auf der Nordhälfte. Diese Beziehung ist gekennzeichnet durch Interessengegensätze, die aus einem wirtschaftlich-sozialen und politisch-kulturellen Entwicklungsgefälle bestehen. Dennoch weist der Begriff „Nord-Süd-Konflikt“ zunächst eine Problematik hinsichtlich seines geografischen Inhalts auf: Der "Süden" als Sammelbezeichnung für Entwicklungsländer ist dahingehend problembehaftet, als dass sich die geographische Zuordnung als ungenau erweist. Wohlhabenden Staaten wie Australien und Neuseeland befinden sich beispielsweise auch auf der Südhalbkugel. Die Ungenauigkeit des Begriffes drückt sich auch darin aus, dass Schwellenländer wie Indien oder Südkorea weder als Industrie - noch als Entwicklungsland zu charakterisieren sind.
Hier besteht die Gefahr, dass mit dem geographischen Sammelbegriff auch eine Ursachenzuordnung verbunden ist, die mit der Idee einhergeht, dass im Süden angesiedelte Länder weniger wohlhabend sind als die im Norden. Auch der Politikwissenschaftler Franz Nuscheler hält den Begriff „Nord-Süd-Politik“ für problematisch, da man annehmen könnte der Norden würde den Süden entwickeln 3 .
2 Vgl. Menzel, U. (2005). Entwicklungszusammenarbeit versus Containment. Sechs Dekaden Entwicklungspolitik. In: Nord-Süd aktuell. Vierteljahreszeitschrift für Nord-Süd- und Süd-Süd-Entwicklungen (Jg.19, Nr. 1/2005). Hamburg, S. 99ff.
3 Vgl. Nuscheler, F.⁵ 2004: Lern - und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik. Eine grundlegende Einführung in die zentralen entwicklungspolitischen Themenfelder Globalisierung, Staatsversagen, Hunger, Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt. Bonn: Dietz Verlag.
Innerhalb des internationalen Systems entstanden vor allem seit den späten 1980er und dem Ende des Kalten Krieges zwischen dem Westmächten und dem Ostblock neue Herausforderungen, die sich bis heute fortentwickelt haben. Bis zum Zeitpunkt des Wegfalls der ideologischen Konfliktlinien zwischen Ost und West und dem Beginn des Globalisierungsprozesses besaßen die Entwicklungsländer als Handlungssubjekt auf politischer Ebene durch die internationalen Organisationen der Bewegung der Blockfreien (1961), sowie der „Gruppe der 77“ (1964) eine größere Durchsetzungskraft. Mit ihnen sollten Interessen gebündelt und gegenüber den Industriestaaten durchgesetzt werden. Dies funktionierte insofern, als dass die Entwicklungsländer eine auf Solidarität der Rohstofflieferanten fußende Drohstrategie gegenüber der Industriestaaten während der Ölkrise, Anfang der 1970er Jahre wahrnahmen. Diese Phase ging einher mit der Forderung nach einer „Neuen Weltwirtschaftsordnung“ und richtete sich an die westlichen Staaten.
Im Zuge der Globalisierung wirkte sich der Differenzierungsprozess der Interessenlagen der Entwicklungsländer durch mangelnde Durchsetzungsmacht gegenüber den Industrieländern aus und die Dominanz des „Nordens“ wurde wiederhergestellt 4 . Der Rohstoffpreisverfall, bedingt durch die Verschuldungskrise, führte dazu, dass die Entwicklungsländer sich unfreiwillig vom Weltmarkt abkoppelten , während die südostasiatischen Länder zu Schwellenländern heranwuchsen.
Die mit der Zeitwende ab 1989 veränderten Rahmenbedingungen der „Nord-Süd-Beziehungen“ trugen auch zu Veränderungen des „Nord-Süd-Gegensatzes“ bei. Mit der neuen weltpolitischen Situation gerieten - angesichts gravierender Probleme in der ehemaligen Sowjetunion bzw. den Ostblockstaaten - Problemlagen der Entwicklungsländer in den Hintergrund. Darüber hinaus verlor die Blockfreie-Bewegung mit dem Wegfall der ideologischen Konfliktlinien zwischen westlichen Staaten und Ostblockstaaten auch ihre globale Rolle.
Heute manifestiert sich der „Nord-Süd-Konflikt“ bezüglich der Nutzung der tropischen Regenwälder, der maritimen und biologischen Ressourcen zu einem „Macht -und Verteilungskonflikt“ über Wachstums- und Entwicklungschancen. Die Machtverteilung stellt eine wichtige strukturelle Dimension des „Nord-Süd-Konfliktes“ 5 dar. Heute
4 Vgl. Woyke, W. (2008). Handwörterbuch der Internationalen Politik (11. Auflage, Bd. 404). Bonn: Budrich/Opladen, S. 399
5 Vgl. Nuscheler, F. (2004): S .133
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2011, Ist der „Nord-Süd-Konflikt“ eine adäquate Bezeichnung für den Zustand des internationalen Systems?, München, GRIN Verlag GmbH
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