Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Theoretische Grundlagen 4
2.1. Argumente und Argumentation 4
2.2. Moral 5
2.3. Moralisches Argumentieren und moralischer Druck 5
3. Methodologisches Vorgehen 6
3.1. Zur Methode 6
3.2. Auswahl der Stichprobe 7
3.3. Operationalisierung 8
3.3.1. Codiereinheit 8
3.3.2. Validität der codierten Einheiten 9
3.3.3. Kategorieschema 10
3.3.4. Skalierung 11
3.4. Datenerhebung 11
3.5. Intercoder-Reliabilität und Forscher-Codierer Reliabilität 12
4. Auswertung der Ergebnisse und Diskussion 13
5. Literaturverzeichnis: 16
6. Anhang 18
1. Einleitung
„Zur Not ein bisschen foltern“ (Süddeutsche 2004), „Die Legende vom Helden Daschner“ (Zeit 2004), „Ein Mörder und die Menschenrechte“ (Stern 2008) - So und ähnlich lauteten die Schlagzeilen in Zeitungen, Nachrichtenportalen und Magazinen noch Jahre nach der wohl größten Debatte um Folter, Rechtsstaat und Opferschutz in Deutschland. Auslöser des entbrannten Folterdiskurses im Herbst 2002 war die Androhung von Zwang durch den Frankfurter Vizepolizeipräsidenten Wolfgang Daschner gegenüber dem Entführer des elfjährigen Bankierssohnes Jakob von Metzler. Daschner, der den Kindesentführer Magnus Gäfgen in einem Verhör körperliche Schmerzen androhte, sah darin die letzte Chance, den Aufenthaltsort des Jungen zu erfahren und diesen womöglich noch lebend zu finden. Ein schriftlicher Vermerk des ehemaligen Vizepräsidenten über den Vorfall brachte ihn schließlich vor Gericht und die öffentlich geführte, hitzige Debatte um Rettungsfolter und Rechtsstaat ins Rollen.
Journalisten, Wissenschaftler, Juristen und Politiker bezogen in den Medien Stellung zu dem Thema und überfluteten die allgemeine Öffentlichkeit mit dem Dilemma um Opferschutz und Notwehrmaßnahmen einerseits, sowie Menschenwürde und dem absoluten Verbot von Folter andererseits. Besonders der Fall Daschner und die breite mediale Auseinandersetzung um die Menschenrechtslage, persönliche und staatliche Moralvorstellungen und den Stellenwert eines Lebens verdeutlichten dabei die unterschiedlichsten Argumentationsweisen der Journalisten und Autoren auf moralischer, politischer und juristischer Basis. Die Debatte beeinflusste damit nicht nur Politik und Rechtsstaat, sondern sie prägte und spiegelte auch die moralischen Ansichten vieler Deutscher. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll am Fall Daschner der Frage nachgegangen werden, ob Autoren von Printtexten zum Thema Folter durch moralisches Argumentieren nachweisbar moralischen Druck auf ihre Leser ausüben können und wie manipulativ diese Argumente von der Leserschaft empfunden werden.
Um diesem Leitinteresse nachzugehen, ist zunächst das Ziel die sowohl explizierten, als auch semantisch impliziten Argumente zweier Autoren auszuarbeiten. Im Anschluss daran erfolgt das Rating der Argumente hinsichtlich des Grades ausübenden moralischen Drucks, als auch nach einer empfundenen Manipulation. Die Überprüfung von Intercoder- und Forscher-Coder-Reliabilität schließt sich an. Bevor dies geschieht, werden zunächst die theoretischen Grundlagen um die Begriffe Argument, Moral und moralisches Argumentieren dargelegt. Die literarische Grundlage der Arbeit stellen die Werke „Der Gebrauch von Argumenten“ von Seite | 3
Stephen Toulmin, „Argument und Argumentation“ von Klaus Bayer, sowie die Einführungen „Inhaltsanalyse“ von Werner Früh und Patrick Rössler dar.
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Argumente und Argumentation
Geben wir gedanklichen Schlussfolgerungen, die im Alltag, bezüglich persönlicher Einstellungen und eigenen Erfahrungen gezogen werden eine sprachliche Form, spricht man von Argumenten. Diese bestehen immer „aus mehreren Sätzen: der Konklusion, dem Satz den wir begründen wollen, und aus ein oder mehreren Prämissen, welche unsere Konklusionen stützen sollen“ (Bayer 2008: S. 18). Zudem kann unterschieden werden zwischen deskriptiven Argumenten, die auf überprüfbaren Tatsachen beruhen, sowie zwischen normativen Argumenten, die problematisierte Normen und Werte behandeln (vgl. Kienpoitner 1983: S. 71). Argumente können individuell oder kollektiv, im privaten oder öffentlichen Bereich angebracht werden, sie können schlüssig und überzeugend sein oder eben nicht.
Argumentationen entstehen, wenn mehrere Argumente miteinander verknüpft werden um eine strittige Aussage zu stützen. Stephen Toulmin vergleicht Argumentationen mit Organismen, die sowohl eine „grobe, anatomische“ als auch eine „feinere, physiologische Struktur“ aufweisen und dessen „Organe“ die jeweils einzelnen Argumente darstellen (vgl. Toulmin 1996: S. 86). Argumentationen prägen unseren Alltag, durch sie beabsichtigt der Äußernde seine Mitmenschen gezielt zu überzeugen oder einen Konsens zu schaffen, eigene Interessen zu stärken, Behauptungen zu begründen oder zu wiederlegen und sich für Handlungen und Einstellungen zu rechtfertigen. Sowohl bezüglich der Ausübung von Kritik als auch für die Nachvollziehbarkeit fremder Positionen zeigt sich, dass Argumentationen in der Auseinandersetzung mit unserer Umwelt unerlässlich sind. Argumenten kommt somit nicht nur eine reine Erkenntnis-, sondern auch eine psychische und soziale Funktion zu (vgl. Bayer 2008: S. 14).
Die Aufmerksamkeit der vorliegenden Arbeit wird auf die schriftlich formulierten sowie stilistisch implizierten Pro- und Contra-Argumente gerichtet, die im Rahmen des Folterdiskurses auf moralischer Basis angebracht wurden. Von Bedeutung ist hier, dass „jede […] Argumentation zum Pro oder Contra einer Konklusion nicht nur eine Auseinandersetzung über diese Konklusion, sondern zugleich auch ein […] Kräftemessen der
Seite | 4
beteiligten Weltbilder“ (Bayer 2008: S. 65) ist. Auch bei den vorliegenden öffentlichen Argumentationen geht es nicht nur um die Sache „an sich“, sondern auch um eine versuchte Beeinflussung und Lenkung der Leserschaft hin zur eigenen, vom Autor vertretenen Meinung (vgl. Bayer 2008 S. 67).
2.2. Moral
Der Begriff Moral, zurückgehend auf das Wort moralis (lat. die Sitte betreffend, Sittlichkeit) (vgl. Ritter 1984: S. 149) ist zentral beobachteter Gegenstand der Wissenschaftsdisziplin der Ethik und definiert sowohl die Bewertung von Handlungen eines einzelnen Individuums, als auch ein kulturelles Regel- und Wertesystem, das in der jeweiligen Gesellschaft als gültig erachtet und als Maßstab für das Verhalten seiner Mitglieder betrachtet wird (vgl. Waldmann 2008: S. 13). Dabei soll Moral die Frage beantworten: Was ist gut und moralisch richtig, was ist falsch und moralisch falsch? Jedes Handeln- und Nicht-Handeln eines Individuums hat eine moralische Komponente, die von seinen Mitmenschen „gelesen“ und gewertet werden kann. Waldmann weist darauf hin, dass moralische Vorstellungen immer durch individuelle „Erbanlagen, Erziehung und Erfahrungen bedingt sind“ (Waldmann 2008: S. 14) und somit auch innerhalb einer Gesellschaft unterschiedlich ausgeprägt sein können. Die gültigen Rechtsnormen einer Gesellschaft stellen die kodifizierte Form von Moral dar, die von der verantwortlichen Staatsmacht impliziert und aufrechterhalten wird. Persönliche, religiöse und kulturelle Moral stehen der staatlich verbindlichen Moral (dem gültigen Recht) gegenüber. Sie können deckungsgleich und erwünscht, aber auch divergent und umstritten sein. Divergierende moralische Ansichten wie im Fall Daschner und des Folterdiskurses führen zu privaten, aber auch öffentlichen Diskussionen, deren Inhalt schließlich moralische Argumentationsweisen sind.
2.3. Moralisches Argumentieren und moralischer Druck
Auch im Bereich des moralischen Argumentierens bedarf es der Begründung unserer Behauptungen durch Prämissen. Hierbei geht es jedoch nicht um die faktische Erklärung bestimmter „messbarer“ Sachverhalte, sondern um die Rechtfertigung eigener oder fremder Handlungsweisen. Im Zentrum moralischer Argumentationen stehen normative Aussagen,
praxisorientierte Empfehlungen und allgemeingültige Wertvorstellungen 1 . Die Anerkennung eines deskriptiven Argumentes bedingt die Überzeugung, dass sowohl die Prämissen als auch
1 Diese von der Allgemeinheit akzeptierten Wertvorstellungen sind wiederum nur Annahmen darüber, was gemeinhin als „richtig und falsch“ gelten kann, sie sind dennoch individuell interpretier- und diskutierbar (vgl. Walton 2003: S. xiv). Seite | 5
die Konklusion für wahr gelten. Für ein normatives Argument gilt: „It does not guarantee that the conclusion is true if the premises are true. But it does give reasons to accept the conclusion if one accepts the premises“(Walton 2003: S. xiii). Ob ein moralisches Argument demnach als stichhaltig und überzeugend betrachtet wird, liegt im Opponenten selbst begründet; in seinen moralischen Ansichten, seinem Weltwissen und seiner Kompromissbereitschaft. Moralische Argumente haben zudem persuasiven, ermahnenden und oftmals sprachlich emotionalen Charakter.
Nach Tetens sind moralische Argumente universal, sie verlangen nach dem „Prinzip der formalen Gleichheit“: Ist eine Maxime geboten, so gilt ihr Befolgen für alle Mitglieder einer Gesellschaft. Die, die sich der Maxime entziehen oder ihr zuwider handeln, werden im Bereich der rechtlichen Norm sanktioniert, im Bereich unverbindlicher sozialer Moral ausgeschlossen. Soziale und innere Sanktionsformen wie Schuldgefühle und Ausschlussängste spielen demnach eine zentrale Rolle in der moralischen „Erziehung“ (vgl. Birnbacher: S. 11). Zudem haben moralische Argumente eine übergeordnete Kraft, da sie sich gegenüber anderen, zum Beispiel ästhetischen Urteilen in ihrer Relevanz durchsetzen (vgl. Tetens 2006: S. 151 ff). Medien, Politiker und Unternehmen machen sich die hohe Gewichtung und den Druck der „Sittlichkeit“ zunutze, um Käufer, Wähler und Leser von ihren Vorstellungen, Angeboten und Produkten zu überzeugen. Der Apell „nutze mich/stimme mir zu und du handelst moralisch korrekt“ wird zum immer häufiger eingesetzten Argumentationsmittel. Die Erkenntnis der „Macht“ moralischer Argumentationen, die vor allem durch die Medien immer wieder zugunsten der Meinungsbildung genutzt wird, mündet schließlich in der Hypothese dieser Arbeit, die da lautet: Autoren von Printtexten zum Thema Folter können durch moralische Argumentationsweisen moralischen Druck auf ihre Leserschaft ausüben. Diese Argumentationsweise wird vom Leser als manipulierend empfunden.
3. Methodologisches Vorgehen
3.1. Zur Methode
Für die Untersuchung und Annäherung an die Forschungsfrage wird eine Argumentationsanalyse, die als Teildisziplin der Inhaltsanalyse verstanden werden kann, angewandt. Stellt die Inhaltsanalyse die „am häufigsten verwendete Methode zur Analyse von Medienbotschaften in der Publizistikwissenschaft dar“ (Bonfaldi 2002: S. 79), erfasst die Argumentationsanalyse im Speziellen Strukturen und Gewichtungen von Argumentationen Seite | 6
über kontroverse Themen. Untersuchungseinheit der vorliegenden Texte sind die angebrachten Pro- und Contra-Argumente zum Thema Folter. Die explizierten Argumente werden zunächst methodisch nach dem Analyseschema Stephen Toulmins ausgearbeitet und chronologisch aufgelistet, ebenso die Impliziten. Anschließend gilt es die ausgearbeiteten Argumente hinsichtlich der Forschungsfrage in den Kategorien „ausübender moralischer Druck“ sowie „empfundene Manipulation“ mithilfe einer Likert-Skala in ihrer Ausprägung zu messen. Die Reliabilität der vorliegenden Erhebungsergebnisse wird mithilfe einer unabhängigen, homogenen Ratergruppe und anschließendem T-Test überprüft.
3.2. Auswahl der Stichprobe
Die Grundgesamtheit des Datenmaterials stellen alle Artikel aus qualitativen Printmedien, Fachzeitschriften und Sammelbänden dar, die seit dem Beginn der öffentlichen Diskussion um Rettungsfolter und den Fall Daschner im Jahr 2002 in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht wurden. In Anbetracht des immensen Umfangs des gesamten Materials, welches aus Platz-, zeit- und kostentechnischen Gründen in dieser Arbeit keine Berücksichtigung finden kann, beschränkt sich die Auswahleinheit auf jeweils einen die Ausnahmefolter befürwortenden, sowie einen die Rettungsfolter ablehnenden Artikel aus dem Jahr 2006, dem Höhepunkts-Jahr der Folter-Diskussion. Die Stichprobe stammt aus der Beilage zu der Wochenzeitung „Das Parlament“, der „APuZ“. Herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, zählt die APuZ „zu den wichtigsten deutschsprachigen Fachzeitschriften für Politikwissenschaft“ (Berg-Schlosser 1999: S. 286) und veröffentlicht „wissenschaftlich fundierte [als auch] allgemein verständliche Beiträge zu zeitgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Themen sowie zu aktuellen politischen Fragen“ (Apuz 2011). Unter den Titeln „Zur Unvereinbarkeit von Folter und Rechtstaatlichkeit“ und „Einschränkung des absoluten Folterverbots bei Rettungsfolter?“ (Anhang 1 und 2) diskutieren die Politikwissenschaftler Heiner Bielefeldt und Winfried Brugger in der Beilage vom 4. September 2006 die aktuelle Rechtslage, Menschenrechte und Ausnahmefolter.
Die Auswahl der Stichprobe begründet sich zum einen in dem hohen Stellenwert der Beilage APuZ in der Rechts-, Politik- und Sozialwissenschaft, als auch in der leichten Zugänglichkeit der veröffentlichten Beiträge für die Öffentlichkeit durch das Internet. Mit durchschnittlich 440 000 Klicks pro Beilage (Quelle: Interview mit dem APuZ-Redakteur Hans-Georg Golz vom 10. Dezember 2010) hat die so auch kostenlos rezipierbare APuZ nicht nur Einfluss auf die Meinungsbildung in Wissenschaft und Politik, sondern auch auf die einer interessierten Seite | 7
Öffentlichkeit. Die APuZ trug zudem im Bereich der Agenda setzenden Medien wesentlich zur Beeinflussung individueller aber auch institutioneller Argumentationsweisen im Rahmen des Folterdiskurses bei. Heiner Bielefeldt und Winfried Brugger zählen seit vielen Jahren zu renommierten, sowie bezüglich der Folterthematik in anderen Medien vielzitierten Autoren, die sich durch fundiertes Fachwissen in den Bereichen Menschenrecht, Menschenrechtspolitik und Staatslehre auszeichnen.
3.3. Operationalisierung
3.3.1. Codiereinheit
Als inhaltliche, propositionale Codiereinheit der Untersuchung dient das einzelne moralische Argument in den zwei vorliegenden Texten. Anzumerken ist hierbei, dass nur die Argumente als relevant erachtet werden, die in Bezug zu Folter, der Diskussion im Fall Daschner und den Menschenrechten im Sinne der Darlegung in Punkt 2.3. gesetzt werden, da nur diese dem Erkenntnisinteresse dienen. Die durch die Autoren explizierten Argumente werden nach dem Analyseschema Toulmins einzeln chronologisch ausgearbeitet und aufgelistet (siehe Anhang 3 und 4). Dieses Schema gestaltet sich wie folgt:
Eine Argumentation nach Toulmin setzt sich somit nicht einfach nur aus der Konklusion (K), einer Behauptung und Prämissen zusammen, sondern sie beinhaltet weitere Aussagen, die bei der Analyse mit einbezogen werden müssen. Neben dem Datum (D), den expliziten Tatsachen die wir zur Begründung unserer Behauptung anbringen, ist auch die Legitimation und Angemessenheit des Schrittes vom Datum hin zur Behauptung von Bedeutung. Diese Schlussregeln (SR) genannten Aussagen sind meist impliziter sowie hypothetischer, allgemeiner Natur (vgl. Toulmin 1996: S. 89), sie können folglich als „Brücken“ vom Datum hin zur Konklusion verstanden werden. (Modal-) Operatoren (O) wie „wahrscheinlich“, „zwingend“ oder „vermutlich“ verweisen zusätzlich auf den Stärkegrad, den die Daten und die Schlussregeln der Konklusion verleihen. Bedingungen der Ausnahme (AB) finden Einbezug, gibt es Einschränkungen oder gar eine Zurückweisung der aufgestellten
Seite | 8
Schlussregel. Eine letzte Unterscheidung stellt die Stütze der Schlussregel (S) dar, die dessen Akzeptanz als zulässige und annehmbare Aussage unter“stützen“ soll. Die Formulierung der Stütze erfolgt meist anhand kategorischer, belegender Tatsachenaussagen (vgl. Toulmin 1996: S. 89 ff).
Die implizit angebrachten Argumente werden im Folgeschritt ausgearbeitet und paraphrasiert. Hierbei ist zu beachten, dass „ein implizites Argument immer dann [vorliegt], wenn eine sprachlich nicht realisierte Argumentstelle Teil einer Repräsentation einer Strukturbildungsebene ist“ (Härtl 2008: S.55). Implizite Argumente nutzen nach Früh rhetorische sowie sprachliche Stilmittel oder bestimmte Formen der Interpunktion, „um ihre Wertung zwischen den Zeilen abgeben“ (Rössler 2010: S.152). Verwendungen des Konjunktivs zur Distanzierung des Sprechers („als könne“), metaphorische Vergleiche zur kritischen Verbildlichung eines Missstandes („Justitias Waage gerät in Schieflage“), wertende Einschübe durch Gedankenstriche, rhetorische Fragen sowie Ausrufezeichen zur kritischen Darstellung der Absolutheit eines Folterverbotes spielen in den vorliegenden Texten ebenfalls eine wesentliche Rolle. Zu betonen ist, dass es sich hierbei lediglich um einzelne, relevante Beispiele aus dem Bereich der anzeigenden Stilmittel handelt, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Zudem geht es bei der Ausarbeitung impliziter Argumentationen nicht mehr um den Inhalt eines manifesten Textes, sondern um latente Bedeutungen, die verschiedene „Lesearten“ und Interpretationsmöglichkeiten implizieren. Früh weist darauf hin, dass „je nach Vorwissen, Einstellung, Geläufigkeit oder aktuellen Erlebnissen [des Codierers] bestimmte inhaltliche Assoziationen der einen Person naheliegender [sind] als einer anderen“ (Früh 2007: S. 94). Dennoch geben Kontext, die dargelegten analytischen Vorgaben nach Toulmin und sprachlich-stilistische Konventionen einen Rahmen vor, der eine beliebige Variation von Bedeutung vermeidet. Die Gesamtheit der ausgearbeiteten Argumente aus Text 1 und 2 (siehe Anhang 3 und 4) bildet schließlich die Codiereinheit.
3.3.2. Validität der codierten Einheiten
Die vorliegenden Codiereinheiten können hinsichtlich ihrer Einordnung als moralische Argumente als valide betrachtet werden, da die Debatte um die Zulassung von Folter in Ausnahmesituationen das Dilemmata „Leben gegen Menschenwürde“ aufgreift und diskutiert. Der Autor Florian Lamprecht unterstützt diese Annahme: „Das Thema Rettungsfolter stellt eine interdisziplinäre Herausforderung dar, der sich nicht nur Rechtswissenschaftler, sondern auch […] Philosophen und Ethiker annehmen“ (Lamprecht 2009: S. 29). Er verweist auf die Seite | 9
Begriffe „Dilemma“, „finaler Rettungsschuss“, Menschenwürde“ und „Dammbruch“ als zentrale Begriffe moralischer Argumentation in der Folterdebatte, welche auch hier aufgegriffen und diskutiert werden. Es geht ebenfalls um die subjektive, handlungsbezogene Bewertung der Fragen: „Was ist falsch, was ist richtig?“ - „Sollen Täter geschützt und Opferleben riskiert werden?“ Beide Autoren urteilen nach eigenen moralischen Maßstäben über das Handeln einer Person (Daschner) über die Auslegung rechtlicher Normen (Folterverbot) und über moralische Pflichten (Achtung eines Menschenlebens). Birnbacher verweist auf den wesentlichen Inhalt moralischer Urteile, der sich auch an der vorliegenden Debatte um Daschners Verhalten aufzeigen lässt: „Eine Bedingung ist […], dass der Akteur hätte [sein Handeln] vermeiden können, etwa indem er größere Vorsicht hätte walten lassen.“ (Birnbacher 2007: S. 15). Moralischer Druck wird wirksam, greift der Autor zur drastischen Verbildlichungen, Vergleichen und Ausführungen möglicher Konsequenzen für den Einzelnen. Dort wo das eigene Leben, das Leben Unschuldiger oder die eigene Sicherheit involviert sind, wird die eigene Moral reflektiert und gegebenenfalls überdacht. „[Denn] in der Moral appelliert man nicht nur an das Gewissen und das Verantwortungsgefühl Aller, sondern wesentlich auch an Urteilsvermögen und Einsicht des Einzelnen“ (Birnbacher 2007: S. 55). Empfindet ein die Folter ablehnender Leser ein Pro-Rettungsfolter-Argument als plausibel, kollidieren bisherige Ansichten und fremde alternative Lösungsmöglichkeitenintrinsischer moralischer Druck kann entstehen.
3.3.3. Kategorieschema
Die Wertung der vorab codierten Argumente hinsichtlich der Forschungsfrage basiert auf einem Kategoriensystem, welches die beiden Teildimensionen „das Argument übt moralischen Druck aus“ und „das Argument ist manipulierend“ zum Inhalt hat. Diese bilden als Hauptkategorien das zentrale Klassifikationsraster bei der Datenerhebung. An den einzeln chronologisch aufgelisteten Items werden schließlich die jeweiligen Ausprägungen beider Kategorien gemessen. Dies geschieht mithilfe einer Likert-Skala. Zudem liegt ein Codebuch vor (Anhang 5), welches die Kategorien und das Vorgehen beim Rating genauer beschreibt und Unklarheiten innerhalb der einzelnen Items, zum Beispiel hinsichtlich rechtlicher Begriffe, klärt. Das Codebuch ist von Bedeutung, da es eine möglichst homogene Vorgehensweise und gleiche Wissensgrundlage hinsichtlich des Ratings garantieren soll.
Seite | 10
3.3.4. Skalierung
Das verwendete Skalierungsmodell Likerts wird auf die Rating-Items mit fünf Ausprägungen angewandt. Anhand der bipolaren Vorgaben der Antworten drückt der Rater das Ausmaß seiner Zustimmung oder Ablehnung aus (vgl. Wolf 2010: S. 275), hier inwieweit das vorliegende Argument moralischen Druck auf ihn ausübt oder inwieweit er dieses als manipulierend empfindet. Die Wahl von fünf Ausprägungen ermöglicht eine feinere Abstufung in der Intensität von Zustimmung oder Ablehnung und macht eine Tendenz genauer erkennbar. Zudem ist die Vorgabe an Entscheidungsmöglichkeiten auf ein mittleres Maß beschränkt. Bei den zwei vorliegenden Kategorien kommen folgende vorgegebene Ausprägungen zum Einsatz: „trifft überhaupt nicht zu“, trifft eher nicht zu“, „neutral“, „trifft eher zu“, „trifft voll zu“. Dabei erhält die Aussage „trifft überhaupt nicht zu“ den Zahlenwert 1, die Aussage „trifft voll zu“ den Zahlenwert 5. Nach der Datenerhebung liegt somit für jedes Item ein Zahlenwert vor.
3.4. Datenerhebung
In der vorliegenden Untersuchung wurden die 77 Argumente zunächst wie in Punkt 3.3.1 beschrieben aus den beiden Analyseeinheiten herauscodiert und aufgelistet. Eine chronologische Reihenfolge wurde zugunsten des Verständnisses aufeinander aufbauender Argumente beibehalten. Zudem sollen die bereits ausgearbeiteten Argumente lediglich das Raten vereinfachen und den Fokus auf die relevanten moralischen Ausführungen der Autoren richten. Die 77 Items wurden jeweils auf einen Codierbogen (Anhang 5 Punkt 6) mit der Kategorie „Das Argument übt moralischen Druck auf mich aus“, als auch auf einen Bogen mit der Kategorie „Ich empfinde das Argument als manipulierend“ übertragen. Mithilfe einer Likert-Skala erfolgte das Rating der einzelnen Argumente hinsichtlich der Ausprägung beider Kategorien. Das Rating durch den Forscher fand unabhängig von vier weiteren Ratern, deren Ergebnisse der Reliabilitätsprüfung mithilfe eines T-Tests dienen, statt. Die Dauer der händischen Codierung beider Bögen betrug 65 Minuten.
Jeweils zwei der vier Reliabilitäts-Rater erhielten die Aufgabe, alle Items hinsichtlich der Kategorie „moralischer Druck“ zu ranken, zwei hinsichtlich der Kategorie „manipulativer Einfluss“. Die vier Rater zeichnen sich in Bezug zum Forscher durch Homogenität in Geschlecht, Bildungsstand und in der negativen Einstellung gegenüber Folter aus. Im Rahmen einer gleichen Rating-Situation und unter Aufsicht des Forschers füllten alle vier Rater die
Seite | 11
Arbeit zitieren:
Rebecca Struck, 2011, Die Macht der Moral, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Medien / Kommunikation - Printmedien, Presse: Die Macht der Moral ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Medien / Kommunikation - Printmedien, Presse: neuer Titel erschienen: Die Macht der Moral
Rebecca Struck hat einen neuen Text hochgeladen
Empirische Forschung in der Psychoanalyse
Grundlagen Anwendungen Erg...
Gerald Poscheschnik
Empirische Forschung und Theoriebildung in der Erwachsenenbildung
Dokumentation der Jahrestagung...
Gisela Wiesner, Christine Zeuner, Hermann J. Forneck
Empirische Forschung und Soziale Arbeit
Ein Lehr- und Arbeitsbuch
Hans-Uwe Otto, Gertrud Oelerich, Heinz-Günther Micheel
Moralische Unternehmensführung: Ethische Analyse der Weltwirtschaftskr...
Thorsten Michael Reisenauer
Methodik der empirischen Forschung
Sönke Albers, Daniel Klapper, Udo Konradt, Achim Walter, Joachim Wolf
Empirische Forschung zu schulischen Handlungsfeldern
Ergebnisse der ARGE Bildungsfo...
Isabella Benischek, Hubert Schaupp, Herbert Schwetz, Birgit Swoboda
0 Kommentare