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Danksagung
Herzlich bedanken möchte ich mich bei
Kathrin Braun, Sabine, Svea, Isabella, Hellen, Sonja und Christian für die konstruktive und geduldige Begleitung dieser Magisterarbeit,
ebenso Alex, Marc André und Christian P.,
Thorge und Ingmar, für das geduldige Ertragen einer Mutter bzw. Freundin, deren Gedanken ständig um die Magisterarbeit kreist (Ingmar sei an dieser Stelle noch einmal mehr für den
fruchtbaren und erhellenden Austausch gedankt),
und einen besonderen Dank an alle Menschen, die dem Nationalsozialismus etwas mehr als
Passivität entgegengesetzt haben!
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wahl der Methodik
2.1. Erklärungen zum politischen Begriff „Alltag“
2.2. Erklärungen zur Zugangsweise „Erlebte Geschichte“
3. Notwendige Untersuchungen
3.1. Vorbemerkungen
3.2. Der Begriff des politischen Handelns nach
Hannah Arendt im Kontext totalitärer Herrschaft
3.3. Was war der NS-Staat? Doppelstaat versus Unstaat
3.3.1. Eine Analyse im inneren Exil:
„Der Doppeltstaat“ (Ernst Fraenkel)
3.3.2. Die erste Enzyk lopädie des Nationalsozialismus:
Der Behemoth (Franz Neumann)
3.3.3. Diskussion: „Der Doppelstaat“ und „Behemoth“
eine sich ergänzende Analyse
3.4. Zwischenfazit
4. Frauen im Nationalsozialismus
4.1. Übersicht über den bisherigen feministischen Diskurs
„Frauen im Nationalsozialismus“
4.2. Literaturbeschreibung „Frauen im Nationalsozialismus“
4.3. „Frauen gegen Hitler“ - Frauen leisten Widerstand
4.4. Zusammenfassende Ergebnisse
5. Zeitzeuginnen berichten
5.1. Biografische Quellen von Frauen aus der Zeit des Nationalsozialismus
5.2. Verallgemeinernde Thesen aus den Zeitzeuginnenaussagen
5.3. Ausblick auf eine notwendige Forschung
6. Wehret den Anfängen -
Zusammenfassende Schlussbemerkungen
Literatur
Anhang
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1. Einleitung
(Politisches) Handeln ist die Grundvoraussetzung jeglicher Demokratie und die Verhinderung der Ausübung dieses demokratischen Rechts durch politische Eliten ist Kennzeichen totalitärer Ausübung von Macht. Hannah Arendt beschreibt dementsprechend den Zweck des Handelns folgendermaßen: „In Wahrheit jedoch ist es die Funktion jeden Handelns, im Unterschied zu einem bloß reaktiven Sichverhalten (behavior), Prozesse zu unterbrechen, die sonst automatisch und damit voraussagbar verlaufen würden.“ 1 Handeln wird somit als aktives Moment beschrieben, und der Handlung wird ein Veränderungscharakter zugesprochen. Des Weiteren führt Arendt aus: „Was den Menschen zu einem politischen Wesen macht, ist seine Fähigkeit zu handeln; sie befähigt ihn, sich mit seinesgleichen zusammenzutun, gemeinsame Sache mit ihnen zu machen, sich Ziele zu setzen und Unternehmungen zuzuwenden, die ihm nie in den Sinn hätte kommen können, wäre ihm nicht diese Gabe zuteilgeworden: etwas Neues zu beginnen.“ 2 In diesem Kontext möchte ich untersuchen, unter welchen Umständen Mitglieder einer Gesellschaft nichthandeln, das heißt nichteingreifen und Veränderungen herbeiführen, und somit ihre Möglichkeit zur politischen Mitbestimmung durch Beteiligung innerhalb der öffentlichen Sphäre scheinbar freiwillig aufgeben.
In der vorliegenden Ausarbeitung soll die Fragestellung auf den Zeitraum des Nationalsozialismus in Deutschland zugespitzt werden, da zurückblickend deutlich erkennbar wird, dass hier totalitäre Machtausübung und die Aufgabe der pluralistischen Selbstbestimmung durch die deutsche Majorität zusammenfielen. Die fehlenden Demokratisierungsversuche seitens der Bevölkerung in der Phase des Aufbaus des Nationalsozialismus sind mit ihren katastrophalen Auswirkungen bekannt und haben Millionen Menschen das Leben gekostet. 3 Die Gründe für diese Unterlassung müssen gefunden und diskutiert werden. Ich habe vorrangig die Alltagsgeschichte von Frauen in den Blickwinkel gerückt. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen also nicht aktive Täterinnen, sondern die Mitläuferinnen und vor allem die Zuschauerinnen, die dem Terror und den Gewaltorgien der NationalsozistInnen schweigend, eventuell in innerer Emigration, gegenüberstanden. In den politikwissenschaftlichen Grundwerken zum deutschen Nationalsozialismus in der Zeit von 1933-45 kommen Frauen als Akteurinnen zumeist nur in der Rolle als Mutter und Hüterin
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1 Arendt, 1995, S.35
2 Arendt, 1995, S.81
3 Widerstand hätte demnach „ein zweckgerichtetes bewußtes Handeln oder Vorbereitung (auch ideell) eines solchen Handelns zur Begrenzung einer Herrschaft oder einer Ideologie“ bedeutet. Definition nach: Frauenforum Neue Medien, 2002, S.1
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des Heims vor. 4 Eine weitere Rolle, die Frauen in der Literatur zugesprochen wird, ist die der Verführten, die durch ihre emotionale Bindung an das nationalsozialistische Regime und an Hitler als Person, willenlos die „Regierung“ und deren Gräueltaten unterstützt. 5 Nadine Hauer spricht in dem Zusammenhang der Erforschung von Lebensrealitäten der Frauen im Nationa lsozialismus von einem Tabuthema. Sie führt dazu Folgendes aus: „Als Täter wurden (und werden) - von Männern und Frauen - jeweils nur Männer beziehungsweise Väter angesehen; Frauen - vor allem Mütter - galten (und gelten) als `unpolitisch´, daher als unbeteiligt und nicht befragbar. In der Familie [der deutschen Nachkriegszeit, B.G.] waren für die geistige, gesellschaftliche und politische Orientierung die Väter zuständig, die Mütter für die Gefühle. Daran scheint sich nur wenig geändert zu haben.“ 6
Obwohl die Aufarbeitung des deutschen Nationalsozialismus als ein Schwerpunkt in der politischen Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts angesehen werden kann, folgt sie in der Ausblendung von Frauen sowohl als Täterinnen als auch als Widerstandsleistende einer androzentrischen Logik. 7 Frauen als Zuschauerinnen oder Mitglieder der nationalsozialistischen Gesellschaft werden nur marginal beachtet und in gesonderten Kapiteln innerhalb von Gesamtwerken behandelt.
Mitte der 70-er Jahre setzte in der Forschungs- und Literaturlage eine Fokussierung auf die Alltagsgeschichte im Nationalsozialismus ein. Diese noch immer randständige Forschungsrichtung nimmt zunehmend auch Frauen in den Mittelpunkt ihrer Fragestellung. Dabei i st aber zu beobachten, dass diese alltagsgeschichtlichen Erzählungen in der Mehrzahl in der oral history stehen bleiben und daraus keine verdichtenden analytischen Ansätze gezogen werden. 8 Verstärkt durch eine (feministische) Debatte in den 90-er Jahren ist zu beobachten, dass in der Literatur nun zunehmend beide Ansätze - der alltagsgeschichtliche und der analytische - verbunden werden. 9 Diesem verbindenden Ansatz möchte ich in der hier vorliegenden Aus-
arbeitung folgen.
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4 Vgl. dazu zum Beispie l: Grimm, 1981; Broszat, 1987; Bracher/Funke/Jacobsen, 1993; Benz, 2000
5 Vgl. dazu besonders Knopp, 2002. Obwohl das Werk „Hitler - Eine Bilanz“ von Guido Knopp nicht wissenschaftlich verfasst ist, habe ich es zur Entwicklung dieser Annahme herangezogen. Bezeichnender Weise stellt Knopp den Beziehungsaspekt über Hitler her und rückt somit nicht die Frauen in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen.
6 Hauer, 1994, S.139
7 Dieser Logik obliegt die Annahme, dass Frauen nicht politisch motiviert sind, d.h. eine Darstellung von Frauen geschieht in diesem Fall nur mittels des offiziellen Frauenbildes der nationalsozialistischen IdeologInnen als Mutter und/oder Soldatenfrau und bleibt somit völlig im privaten Bereich verortet.
8 Dies erscheint als legitim, da durch eine bisherige männlich geprägte Geschichtsschreibung Frauen überhaupt erst als Subjekte der Geschichte des Nationalsozialismus entdeckt werden müssen. Dies geschieht u.a. durch die Methode “oral history” (siehe dazu auch die Kapitel 2.1.: Erklärungen zu dem politischen Begriff „Alltag“ und 2.2: Erklärungen zur Zugangsweise „Erlebte Geschichte“), in der die Befragten zu Expertinnen ihrer selbst erklärt werden.
9 Vgl. dazu u.a. Schmatzler, 1994; Blastik, 2000; Schneider, 2000
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An dieser Stelle möchte ich das Auge nmerk auf die Veränderung der feministischen Theoriebildung bezüglich der weiblichen Mittäterschaft im Nationalsozialismus lenken. 10 Karin Windaus-Walser fasst diese Diskussion, die unter anderem von Christina Thürmer-Rohrs Konzept der Mittäterschaft angestoßen worden ist, folgendermaßen zusammen:
„Die in den Anfängen vorherrschende Denkrichtung, die Frauen generell als Opfer,
Männer als Täter jedweder Geschichte identifizierte, ist abgelöst worden durch das Bemühen, Frauen als selbst Handelnde in den Blick zu rücken.“ 11
Das heißt, auch wenn nach Müller-Hohagen die Verbrechen in aller Regel von Männern ausgeführt wurden, waren Frauen nicht unschuldig. Die Mehrzahl der Frauen machte mit, unterstütze, wusste um die Verbrechen. 12 Somit wäre es eine unzulässige Vereinfachung, lediglich die Männer als Verantwortliche zu betrachten. Genau diese Verkürzung war für lange Zeit Gegenstand der feministischen Position.
Der Neubewertung der Frauen im Nationalsozialismus von Opfern hin zu selbstständig Handelnden durch den feministischen Diskurs stimme ich zu. Allerdings muss dabei beachtet werden, dass in der beschriebenen Diskussion der Begriff „Handeln“ anders gesetzt ist als in der Fragestellung dieser Arbeit. Gemeint ist in der feministischen Debatte das Mitmachen und Tun im Nationalsozialismus, also die Teilnahme an Massenveranstaltungen, Denunziationen, die Vorteilnahme durch die Angehörigkeit einer Volksgruppe gegenüber anderen, etc. Es wird angeführt, dass die Frauen aus eigenem (zumeist geschlechtsspezifischen) Antrieb mitgemacht haben, und so ihrem politischen Willen Ausdruck verliehen haben. Ich möchte dagegen den Begriff „Handeln“ anders verstanden wissen. Hier steht das Tun mit dem Anspruch zu transformieren im Mittelpunkt; auf den zu untersuchenden Fall bezogen meint dies das Aufhalten der Vernichtungspolitik gegenüber jüdischen MitbürgerInnen und anderen Gruppen, sowie der Widerstand gegen ein diktatorisches System. Als Beispiel des von mir positiv besetzten Handelns wäre der als Frauenaufstand in der Rosenstraße bekannte Widerstand gegenüber der Deportation von jüd ischen Ehemännern zu nennen. 13 Die anfangs angeführte Grundannahme meinerseits erfordert eine Untersuchung, die sowohl die Lebensrealitäten der Menschen (in diesem Fall der Frauen) im Blickpunkt behalten muss als auch Theorien der Politikwissenschaft (hier zum Beispiel Totalitarismus-Forschung) nicht außer Acht lässt. So können einseitige Fragen, wie „Warum haben die Menschen nichts dage- _____________
10 Eine vollständige Diskussion über die Entwicklung der feministischen Positionen bezüglich der Verortung von Frauen im Nationalsozialismus werde ich am Anfang des vierten Kapitels „Frauen im Nationalsozialismus“ vornehmen.
11 Windaus-Walser, 1990, S.59
12 Vgl. Müller-Hohagen, 1994, S.211
13 Siehe dazu auch Kapitel 4.3.: „Frauen gegen Hitler“ - Frauen leisten Widerstand
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gen getan?“, welche meistens mit einem verstockten „Wir haben von nichts gewusst!“ beant-wortet werden, vermieden werden.
An dieser Stelle möchte ich meine Fragestellung noch einmal mit den Worten von Nadine Hauer konkretisieren:
„Diese fast ausschließliche `Fixierung´ auf spektakuläre Minderheiten verzerrt die Realität, nämlich die Tatsache, dass unsere Gesellschaft - wie jede andere auchim wesentlichen aus jenen besteht, die weder `Täter´ noch `Opfer´, sondern `Mitläufer´ sind. Jedes Regime, jedes System, jede Regierung - eine Diktatur ebenso wie eine Demokratie - lebt davon, dass die meisten schweigend akzeptieren oder geschehen lassen, was eine Minderheit tut, und sich dort heraushalten, nicht einmischen oder wegsehen, wo eine andere Minderheit an den Rand gedrängt wird. Je größer die Zahl der Mitläufer in einer Gesellschaft, desto niedriger die demokratische Kultur“. 14
Diktaturen als Zuspitzung von politischer Ohnmacht für die Mehrheit der Bevölkerung sind somit auch Mahner für Demokratien, in denen nur eine Minderheit von professionellen PolitkerInnen handelt. Wie bereits erwähnt ist meine Zielsetzung dabei die Untersuchung der Fak-toren, die zur (freiwilligen) Aufgabe des Handlungsspielraumes des einzelnen Menschen führen, um diese dann vergleichend über andere Systeme (zum Beispiel der jetzigen Demokratie in Deutschland) legen zu können. In dieser Hinsicht muss die Untersuchung auch z ukunftsweisend sein. Obwohl ich die kollektive TäterInnenthese ablehne, sehe ich doch, dass Deutschland Verantwortung für die Unterlassungen im Nationalsozialismus übernehmen muss; die Verantwortung nämlich, dass jedes einzelne Mitglied dieser Gesellschaft bei dem gegenwärtigen Anstieg von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass handeln muss, in dem es sich aktiv in eine öffentliche Diskussion einbringt und diese Tendenze n möglichst früh blockiert.
Die Befragung von ZeitzeugInnen aus dem Deutschland des Nationalsozialismus, und die damit verbundene Einbindung der Erfahrungen und alltäglichen Erlebnisse in die Geschicht sschreibung, sollte gegenwärtig zügig voran getrieben werden, da wir in Kürze vor dem Problem stehen werden, eine historische Beschreibung ohne ZeitzeugInnen durchführen zu müssen. Die jetzt gebotene Verflechtung von kollektiven mit individuellen Erinnerungen, ist die einzige Chance, Tabu-Themen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit aufgebaut worden sind, zu durchbrechen. In wiefern diese Tabus einer gewinnbringenden Aufarbeitung als hinderlich gegenüberstehen, beschreibt Nadine Hauer:
„Tabus aber blockieren Informationen, Gespräch (Dialog) und (Nach)Fragen, die Kommunikation bleibt im `Tabu´-Vorfeld, in der `Schutzzone´ und damit auch weitgehend in der Irrationalität stecken. [...] Durch die Aufrechterhaltung gesellschaftlicher `Tabus´ [verhindert die `Mitläufer´-Kommunikation] eine persönliche und gesellschaftlich-politische Orientierung, die für eine demokratische
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14 Hauer, 1994, S.162
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gesellschaftliche Kultur Voraussetzung ist, und führt zu der von Thomas Leithäuser
formulierte `Pathologie der Normalität´. 15
Bereits in der Literatur der Nachkriegszeit, aber besonders in den sozialpsychologischen Werken der 60-er und 70-er Jahre, lässt sich ein Diskurs über das kollektive Schweigen, welches in Deutschland vorherrschte, ablesen. 16 Durch dieses (Ver-)Schweigen wurde eine ver-antwortungsbewusste Aufarbeitung verhindert und dadurch eine politische Erbschaft bis in die jetzige, die so genannte EnkelInnen-Generation, hinterlassen. Dabei wird auch gleichze itig die eigene Verstrickung in die jüngste Geschichte Deutschlands sichtbar. Um dies realisieren zu können, suchte ich mir eine Zeitzeugin, mit der ich persönlich verbunden war: meine Großmutter, Frau Anneliese Seeler. Leider verstarb sie während der Erstellung der hier vorliegenden Untersuchung. So war es mir nicht mehr möglich, eine aussagekräftige Befragung durchzuführen. Ihre sehr detaillierten Erinnerungen an die Vergangenheit hatten mich dazu motiviert, über die Verstrickung und die durch die Konstruktion von Geschlecht zugewiesene Rolle von Frauen im Nationalsozialismus nachzudenken. Da es mir nun nicht mehr möglich i st, eigene Nachforschungen durchzuführen, werde ich auf bereits vo r-handene, zum Teil literarisch und wissenschaftlich verarbeitete, biografische Dokumente zurückgreifen. Durch meine Fragestellung möchte ich dabei das beschriebene Tabu aufbrechen. In dem folgenden Kapitel werde ich die eben aufgeführten Grundvoraussetzungen in der gebotenen Breite ausführen.
Nachdem ich meine zugrundeliegende Motivation dargestellt habe, möchte ich nun zu den Schwierigkeiten des Forschungsablaufes kommen. Wie bereits scho n beschrieben ist eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus sowohl von den Einzelnen, als auch von der bundesdeutschen Gesellschaft an sich, mit Tabus überzogen. In der Nachkriegszeit wurde das öffentliche Klima durch Schweigen über die Erlebnisse in der jüngsten Vergangenheit gekennzeichnet. 17 Hervorgerufen wurde dies unter anderem auch durch eine Diskussion über die kollektive Schuld für die Verbrechen des NS-Regimes, die viele für sich ablehnten. Dieses (Ver)Schweigen hatte zur Folge, dass in der folgenden Generation - der Generation derjenigen, die Mitte der 40-er bis Ende der 50-er Jahre geboren wurde - eine starke Unsicherheit entstand, in wie weit die eigenen Eltern und die Verwandten in das Geschehen des Nationa lsozialismus involviert waren. Waren sie selbst TäterInnen, MitläuferInnen oder haben sie Widerstand geleistet? Gespürt haben die meisten Nachkommen nur indirekte Folgen und Verarbeitungsstrategien. So waren die Familien der Nachkriegszeit oftmals geprägt durch die
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15 Hauer, 1994, S. 145f.
16 Vgl. dazu besonders Mitscherlich, 1967; Arendt, 1993; Schneider/Stillke /Leineweber, 1996
17 Vgl. u.a. Mitscherlich, 1967; Schneider/Stillke/Leineweber, 1996
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despotische Strenge des Vaters, die auch vor körperlichen Züchtigungen nicht Halt machte oder anderseits durch depressive Elternteile. 18
Die eingeforderte Auseinandersetzung durch die „StudentInnen“-Bewegung in den 60-er Jahren führte zu einem Bewusstwerden des Tabus, aber noch nicht zur Abschaffung des selbigen. Erst in der Gegenwart ändert sich dies, denn unsere, das heißt, die Geschichte der EnkelInnen-Generation, ist nicht mehr in diesem Maße mit der Geschichte des Nationalsozialismus verstrickt, wie es noch die Geschichte unserer Eltern war.
Bei der Entwicklung der Methodik „erlebte Geschichte“, und darin insbesondere die oral history, innerhalb der Sozial- und Politikwissenschaft fand dieses Problem Beachtung. So schreibt Florence Weiss:
„Wir alle sind durch unsere individuelle Geschichte und unsere Kultur geprägt. Bestimmte Themen ziehen uns an, andere stoßen uns ab und wiederum andere sind unserem Bewußtsein nicht zugänglich. Werden wir nun in einer Forschung mit Inhalten konfrontiert, mit denen uns eine Auseinandersetzung Schwierigkeiten bereitet, werden wir versuchen, ihnen aus dem Wege zu gehen. Wir werden bestimmte Fragen nicht stellen [...]. Unsere Meidungsstrategien verhindern aber nicht nur den Zugang zu ganz bestimmten Informationen, sie wirken sich auch auf die Interpretation unserer Daten aus [...].“ 19
Interviews mit ZeitzeugInnen dürfen nicht als Einbahnstraße gestaltet werden, sondern als fruchtbarer Prozess des Zuhörens und Erzählens, in dem die Angst vor moralischen Vorwürfen genauso fehl am Platz ist wie die Angst vor ungewollten Antworten. Um den Begriff des politischen Nichthandelns im Sinne von Nichteingreifen in seinem von mir gewählten Kontext von Frauen im Nationalsozialismus greifen zu können, ist es notwendig einige Vorbemerkungen zu machen, die diesen Kontext beschreiben. Die Wahl der Methodik bestimmt in großen Teilen auch das Ergebnis einer Arbeit. Für die hier vorliegende Untersuchung wurden, neben Literaturbeschreibungen und -analysen, zwei methodische Ansätze - alltagsgeschichtliche Untersuchung und die so genannte erlebte Geschichte - miteinander kombiniert. Im nächsten Kapitel werde ich die zentralen Begrifflichkeiten dieser Methodiken und ihre Vor- und Nachteile näher erläutern. Neben der Genus-Gruppe (Becker-Schmidt) „Frauen“ finden sich in meiner Fragestellung noch zwei weitere zentrale Untersuchungsgegenstände: Der Begriff des politischen Nichtha ndelns und der nationalsozialistische Staat. In Kapitel 3 werde ich versuchen, mich beiden zu nähern. Zuerst werde ich das Konzept des politischen Handelns nach Hannah Arendt näher beleuchten. Welche gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen sind für die Theoretikerin notwendig, um handeln zu können und was geschieht, wenn diese nicht (mehr) als gegeben angesehen werden können (zum Beispiel in der totalen Herrschaft)? Da Arendt politi- _____________
18 Vgl. ebenfalls Mitscherlich, 1967; Schneider/Stillke/Leineweber, 1996
19 Vgl. Weiss, 1994, S.25
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sches Handeln nur in Freiheit gewährleistet sieht, werden erste Erklärungsansätze erarbeitet, warum die totalitären Eliten ihre Politik auf das gesellschaftliche Nichthandeln aufbauen konnten. Eine solche grundlegende Untersuchung arbeitet immer mit der Betrachtung von (politischen) Systemen und deren Wirkungsweisen. Ein Perspektivwechsel hin zu den einze lnen Menschen innerhalb dieses Systems findet dann in Kapitel 4 statt. Mit diesem Hintergrund werde ich auf der Grundlage der politikwissenschaftlichen Literatur die spezifische Charakteristik des NS-Staates darstellen. Die Leitfrage wird dabei sein, welche Merkmale totalitärer Systeme (Aufhebung der Gewaltenteilung, hierarchische Führer-Herrschaft, Steuerung und Zensur der Medien, etc.) im Nationalsozialismus zu finden sind und in welchem Umfang eine Verschiebung zu ungunsten des, nach Hannah Arendt, politischen, überhaupt noch verhandelbaren Raumes, stattgefunden hat. Für eine solche Un-
tersuchung werde ich die Autoren Ernst Fraenkel („Der Doppelstaat“) 20 und Franz Neumann („Be hemoth“) 21 vergleichen. (3.2.: Was war der NS-Staat? Doppelstaat oder Unstaat). Beide Juristen haben bereits während der Zeit des Nationalsozialismus die Strukturen des Staates untersucht und kommen - unter anderem durch die zeitliche Verschiebung - zu unterschiedlichen Ergebnissen, die für unsere weiteren Betrachtungen von Bedeutung sein werden. Weiter gehend wird dann eine Typologisierung der deutschen Gesellschaft in der NS-Zeit (Kapitel 3.4.) folgen. Die Autoren Goldhagen und Browning beschreiben dabei in ihren Werken ein dialektisches Spannungsfeld zwischen dem Phänomen der MitläuferInnen, welches nicht als spezifisch deutsch angesehen werden kann, und einem spezifisch antisemitischen TäterInnenkollektiv.
Da eine ausführliche geschlechtsspezifische Betrachtung des Nationalsozialismus im dritten Kapitel ausgespart wurde, wende ich mich dieser Aufgabe im vierten Kapitel zu. Nachdem ich zuerst eine beschreibende Übersicht über die vielfältigen Lebensrealitäten gegeben habe (4.2.: Literaturbeschreibung „Frauen im Nationalsozialismus“), wird in einem weiteren Teil das widerständige Verhalten von Frauen im Blickpunkt stehen (4.3.: „Frauen gegen Hitler“ -Frauen leisten Widerstand). Ziel dieser beschreibenden Untersuchung soll das Aufzeigen von Möglichkeiten des politischen und persönlichen Widerstandes, auch im Nationalsozialismus, sein.
In dem Kapitel 5 wende ich mich nun ausschließlich dem erinnerten Wissen von Frauen an die zu untersuchende Zeit zu. Dazu werde ich Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit des Nationalsozialismus hinsichtlich der hier beschriebenen Fragestellung analysieren (Kapitel 5.1.). Ebenso finden Interviews mit Zeitzeuginnen und Wortprotokolle aus so genannten Erzählcafés Eingang in die Analyse.
Auf der Grundlage der vorangegangenen Kapitel (2 - 5) werde ich dann im letzten Kapitel ausführen, wie das Phänomen des Nichthandelns eingeordnet werden kann.
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20 Fraenkel, 2001
21 Neumann, 1977
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2. Wahl der Methodik
Die nationalsozialistische Ideologie durchzog den Alltag der Menschen. Dies umfasste die Arbeitsorganisation, das Ehe- und Familienleben, die Freizeitgestaltung, die Kinder- und Jugenderziehung, sowie jegliche Organisation des alltäglichen Leben. Dazu zwei Beispiele: „Danach sollen grundsätzlich die Frauenhaare kurz getragen werden. Die Friseure sollen gehalten sein, Haare, die länger sind als fünfzehn Zentimeter im Durchschnitt, nicht mehr zu behandeln. Die Kundin soll also in Zukunft nicht mehr ein Recht auf Bedienung haben, wenn ihre Frisur durch die Länge des Haares eine übernormal lange Bedienungszeit beansprucht. Der Zwang, Zeit zu sparen, wirkt demnach modeschöpfend. [...] Die Damen werden die Haare kurz tragen. [...] Schließlich muß die Bestimmung, daß Männer und Jugendliche unter sechszehn Jahren keine Dauerwelle mehr machen lassen, von den Friseuren strikt eingehalten werden.“ 22
Des Weiteren:
„Oft also entscheidet der Kochtopf der deutschen Hausfrau über das Wohl und Wehe ganzer Wirtschaftskreise. Dieser Tatsache entsprechend ist es die Pflicht der mit ihrem Volk lebendig verbundenen Frauen, bei ihren Einkäufen vor allem einheimische Ware zu berücksichtigen, weil der Einkauf ausländischer Waren, wie z.B. Parfüms, Blumen, Eier, Butter, Käse, ein Ausmaß angenommen hatte, das für die Gesamtwirtschaft nicht mehr tragbar war, denn diese Waren müssen ja mit Devisen und Gold bezahlt werden. Eine schlechte Helferin war die deutsche Frau der deutschen Wirtschaft, denn sie hat es selten überlegt, was es für den deutschen Händler bedeutete, wenn sie Auslandswaren erstand oder beim Juden einkaufte.“ 23
Widersprüchlich zu dieser Annahme sind Quellen anzusehen, in denen belegt wird, dass Verstöße gegen die „allumfassenden“ Gesetze und Regelungen ohne Folgen blieben. So führen Kuhn und Rothe aus, dass widerständiges Verhalten und Proteste seitens der Fabrikarbeiterinnen zum Erfolg geführt haben. Sie wehrten sich, trotz großer ideologischer Einwirkung, gegen Fließbandhetze und ungleiche Bezahlung. 24 Viele Frauen, besonders aus den höheren Sozialschichten, entgingen einer Arbeitsverpflichtung, in dem sie ihren Dienst nur zögerlich oder gar nicht annahmen. Repressionen darauf sind nicht bekannt. 25 Ein zweites Beispiel ist das Leben der sogenannten Mischehen, dass heißt, der Ehen zwischen PartnerInnen, von denen einEr als „jüdisch“ stigmatisiert wurde. 26 Trotz massivem Propagandadruck und Straßen-terror gaben die meisten „deutschen“ Ehepartner diesem nicht nach und ließen sich nicht scheiden, obwohl sie nach einer solchen Scheidung wieder alle Privilegien des „Volkskollektivs“ genossen hätten. Dem Widerstand des Herzens, wie Nathan Stoltzfus den bekannten Aufstand von Frauen gegen die Massenverhaftung ihrer als „jüdisch“ stigmatisierten Männer nennt, mussten die Nationalsozialisten letztendlich weichen. Sie ließen nach tagelanger Bela- _____________
22 Aus einem Bericht der „Frankfurter Zeitung“ über neue Richtlinien des Reichsinnungsverbandes der Friseure (01. Januar 1943); zit. nach: Schneider, 2000, S.191
23 Anna Zühlke, zit. nach: Kuhn/Rothe, 1987a, S.27
24 Vgl. Kuhn/Rothe, 1987a, S.187ff.
25 Vgl. Thalmann, 1984, S. 173ff
26 Vgl. dazu Stoltzfus, 2002
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gerung der Sammelstätte in der Rosenstraße den größten Teil der Gefangenen wieder frei. 27 Nach Angaben Stoltzfus´ waren 98 Prozent der überlebenden deutschen „Juden“ mit „deutschen“ PartnerInnen verheiratet. Hier konnte sich die nationalsozialistische Doktrin nicht durchsetzen.
Diese Beispiele zeigen, dass es unerlässlich ist, den Alltag der Menschen im Nationalsozialismus zu untersuchen, um eine Einschätzung der Handlungsmöglichkeiten des einzelnen und deren Gründe zur Nichtwahrnehmung vornehmen zu können.
Im folgenden Kapitel werde ich deshalb den Begriff „Alltag“ und den von mir angewendeten methodischen Ansatz der „erlebten Geschichte“ politikwissenschaftlich einordnen.
2.1. Erklärungen zu dem politischen Begriff „Alltag“
Obwohl die Untersuchungen und Beschreibungen von alltäglichen Vorgängen bereits seit den 70-er Jahren Gegenstand der „Alltagsgeschichte“ sowie der „Geschichte von unten“ ist, besteht bis heute keine feststehende politische und/oder soziologische Definition des Begriffes „Alltag“. Norbert Elias macht dies deutlich, indem er folgende 8 Typen des zeitgenössischen Alltagsbegriffes aufführt: 1. Alltag (im Gegensatz zum Festtag/ Feiertag); 2. Alltag = Routine;
3. Alltag = Arbeitstag (besonders der Arbeiter); 4. Alltag = Leben der Massen der Völker; 5. Alltag = Ereignisbereich des täglichen Lebens; 6. Alltag = Privatleben (Familie, Liebe, Kinder);
7. Alltag = Sphäre des natürlichen, spontanen, unreflektierten, wahren Erlebens und Denkens; 8. Alltag (Alltagsbewusstsein) = Inbegriff des ideologischen, naiven, undurchdachten und falschen Erlebens und Denkens. 28
Diese Aufzählung zeigt, dass Alltag bis heute nicht in der gebotenen Trennschärfe gefasst wird, sondern sogar teilweise gegensätzliche Bedeutungen dem Begriff zugemessen werden. Dies wird beispielhaft an den Erklärungen 7 und 8 der von Elias beschriebenen Bedeutungen des Begriffes Alltag ersichtlich.
Für die folgenden Ausführungen soll Alltag folgendermaßen festgelegt werden: Alltag beschreibt das Sein der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft in der Verrichtung des täglichen Lebens. Dabei müssen grundsätzlich offizielle Funktionen außer acht gelassen wer- _____________
27 Siehe dazu auch Kapitel 4.3.
28 Vgl. Elias, 1978, S.26
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den und stattdessen die Widersprüchlichkeit zwischen dem Ereignisbereich des täglichen Lebens und dem unreflektierten Erleben und Denken beachtet werden. Diese Definition folgt den Typen 2, 4, 5 und 7 der Einordnung Elias´.
Somit ermöglicht der Zugang durch die Alltagsgeschichte, auch Erfahrungsgeschichte g enannt, nicht die Erforschung von politischen Systemen, sondern der darin lebenden Menschen. Dementsprechend können die Innenansichten der gesamtgesellschaftlichen Machtstrukturen sichtbar gemacht werden. Dazu schreibt die Geschichtswerkstatt Göttingen: „Metaprozesse bekommen vor Ort ein anderes Gesicht. Menschen, ihr Handeln und ihre Erfahrungen werden `sichtbar´. Sichtbar werden dann auch Kontinuitäten, Widersprüche wie Brüche, die TrägerInnen sozialer Lasten treten aus dem Schatten der vermeintlich `Großen´ und `Mächtigen´. Leer- und Blindstellen in der Geschichte der Stadt und Region werden sichtbar. Der Widerstand Einzelner und kleinerer Gruppen, aber auch das Hinnehmen und Mitmachen der Vielen wird sichtbar.“ 29
Die so gewonnenen „Innenansichten“ müssen aber immer ergänzend zu den „Außenansichten“ betrachtet werden; nur eine Verbindung zwischen der politikwissenschaftlichen Theoriebildung und der Überprüfung durch empirische Belegung führt zu einer gesicherten Erkenntnis. 30
Dieser Vorgabe folgend wurde in der hier vorliegenden Arbeit eine Doppelgleisigkeit g eschaffen, indem sowohl theoretische Modellanalysen betrachtet, 31 als auch alltagsgeschichtliche „Daten“ herangezogen werden. 32
Wie schon beschrieben, wurde durch nationalsozialistische Bürokratie und Ideologie der Alltag eingeengt und kontrolliert, was auch zur Folge hatte, dass eine Trennung zwischen Öffentlichkeit und privatem Raum außer Kraft gesetzt wurde. Da aber gerade Frauen in der offiziellen nationalsozialistischen Ideologie in die private Sphäre des Alltags, dass heißt der Familie, der Ehe und des Heimes verortet wurden, ist es besonders erforderlich, sich dieser Alltagsgeschichte zu nähern, um beurteilen zu können, welche Rolle den Frauen im Nationalsozialismus zukommen sollte und wie sie diese ausgefüllt oder aber auch abgewehrt haben. Welche Handlungsspielräume hatten sie? Wie wurden diese genutzt oder warum wurden sie nicht erkannt? Somit findet der bereits angesprochene Perspektivwechsel statt: „Die Frage nach den Frauen in der Geschichte sollte sich erweitern zur Frage nach der Geschichte der Frauen.“ 33
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29 Vgl. Göttinger Geschichtswerkstatt e.V., 2002, S.1
30 Vgl. Elias, 1978, S.25
31 Siehe Kapitel 3 (Notwendige Untersuchungen)
32 Siehe Kapitel 5 (Zeitzeuginnen berichten)
33 Vgl. Hagemann, 1990, S.32
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2.2. Erklärungen zur Zugangsweise „Erlebte Geschichte“
Eine, wenn nicht die zentrale Erhebungsmethode für alltagsgeschichtliche Untersuchungen ist die seit Ende der siebziger Jahren in Deutschland verbreitete sogenannte oral history; die zumeist nur sehr notdürftig mit mündliche Geschichte oder erinnerte Geschichte übersetzt wird. Sie ist eingebettet in die Zugangsmethodik „Erlebte Geschichte“, deren Quellen neben Interviews mit ZeitzeugInnen auch Tagebucheintragungen, Briefe und ähnliche schriftliche Dokumente sind.
Der methodische Ansatz „erlebte Geschichte“ kann zur Untersuchung von sozialen Gruppierungen eingesetzt werden, die in der traditionellen Geschichtswissenschaft ansonsten zum größten Teil ausgeblendet werden. 34 Es erscheint fast so, als wären diese Gruppierungen, in diesem Fall Frauen, an der Geschichtsentwicklung nicht beteiligt gewesen, denn schriftliche Quellen fehlen fast vollständig. Die Methodik der „erlebten Geschichte“ ist der Versuch, durch Interviews und biografische Aufzeichnungen historische Spuren sichtbar zu machen. Somit findet auch ein Paradigmenwechsel statt: die sonst „nur“ als Objekte Betrachteten werden zu ExpertInnen und natürlich auch Betroffenen ihrer eigenen Lebensgeschichte. Durch autobiographische Zeugnisse, wie zum Beispiel Tagebücher und/oder narrative Interviews soll dabei ein methodischer Zugang ermöglicht werden, der „1. möglichst umfassend ist, 2. auch die Eigenperspektive der handelnden Subjekte thematisiert und 3. die historische Dimension berücksichtigt.“ 35
Karen Hagemann sieht diese Methodik, und im speziellen die Zugangsweise der oral history, in der deutschen feministischen Geschichtsforschung seit dem Historikerinnenkongress 1978 zu dem Thema „Frauen in der Weimarer Republik und im Faschismus“ verankert. 36 Die für die Kongressteilnehmerinnen bis dato bekannte Ausklammerung der Genus-Gruppe „Frauen“ aus den Analysen der herkömmlichen Erforschung des Nationalsozialismus führte zu der Suche nach einer Methodik, in der zu den Perspektiven der „Machthaber“ auch Quellen der „Beherrschten“ hinzugeführt wurden; das kollektive Gedächtnis ist demnach um Daten und Beschreibungen individueller Gedächtnisse ergänzt worden. Karen Hagemann führt dazu aus: „Letztendlich bedeutet der erstrebte Perspektivwechsel eine Perspektiverweiterung: Ziel ist die Wahrnehmung unterschiedlicher Perspektiven auf die Geschichte, die Auflösung eines vereinheitlichten, scheinbar allgemeinen, letztlich aber herrschaftlich-männlichen Geschichtsbildes.“ 37
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34 Vgl. dazu Ronco, 1994; Watzke-Otto, 1999; Liepold, 2001
35 Vgl. Liepold, 2001, S.48
36 Vgl. Hagemann, 1990, S.31
37 Hagemann, 1990, S.32
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An dieser Stelle sollen aber auch die Nachteile dieser Methodik erwähnen werden, die von den KritikerInnen oftmals zu einer völligen Ablehnung der oral history führen; sie lassen sich in folgenden Stichwörtern zusammenfassen: - Eingrenzende Eingriffe durch den/die InterviewerIn;
- lückenhafte Erinnerungen, bzw. selektive Ausblendung seitens der/des Befragten, woran sich unter Umständen auch ein
- Rechtfertigungs- und Legitimationsdruck der/des Interviewten anschließt. 38 Da die meisten oral history-Projekte in einem bestimmten Forschungsinteresse entstehen, sind die Interviewleitfäden immer vorstrukturiert. Auch bei narrativen, also offenen, Interviews wird durch eine bereits bestehende „historische Selektion und Interpretation“ (Diadem/Grote) eingegriffen. Dies geschieht zum Beispiel durch das Leitthema, durch die Eingangsfrage oder durch die Arbeitshypothese des Forschenden. Eine konsequente und kontinuierliche Selbstreflexion bezüglich der eigenen eingreifenden Anteile an dem Ergebnis des Interviews, wie ich sie bereits in der Einführung angesprochen habe, kann diese Fußangel eindämmen. Wichtig ist dabei das Wissen darum, dass auch bei dieser in der Alltagsgeschichte ansetzenden Methodik keine objektive Wissenschaft betrieben werden kann. Besonders deutlich wird dies, wenn wir uns einem weiteren Kritikpunkt zuwenden: der selektiven und lückenhaften Erinnerung des/der Befragten. Verstärkt wird die (oftmals unbewusste) Selektion durch den Rechtfertigung- und Legitimationsdruck, der durch Forschungsbereiche mit hohem Konfliktpotential, zu welchem der Nationalsozialismus und die fehlende Widerstandsbereitschaft in hohem Maße zählt, entsteht. Deshalb ist ein Vertrauensverhältnis zwischen den Interviewten und der InterviewerIn außerordentlich wichtig, so dass die Erzählenden sich sicher sein können, dass sie nicht mit wertenden Urteilen konfrontiert werden. Des Weiteren führen VertreterInnen der oral history wie Vorländer an, dass auch in der traditionellen Forschung blinde Flecken bestehen, dass heißt, auch hier wird selektiv gearbeitet und müssen Ausblend ungen vorgenommen werden. 39
Nur die bereits ausgeführte Mehrgleisigkeit verschiedener methodischer Ansätze kann also ein möglichst vollständiges Bild ergeben. Aus diesem Grund habe ich sowohl mündliche (na rrative Interviews) als auch alltagshistorische Que llen (hier Tagebücher und biographische Erzählungen, die bereits wissenschaftlich aufgearbeitet worden sind) hinzugezogen. Besonders die Tagebücher, die meistens spontan und ohne Angst vor Repressionen entstanden sind, eignen sich zur Ergänzung der Leerstellen des Interviews, welche in direktem Kontakt mit
__________ ___
38 Siehe dazu: Vorländer, 1990; Oeljeschläger, 2001; Diedam/Grote, 2002
39 Siehe dazu zum Beispiel: Vorländer, 1990
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der/dem ForscherIn entsteht. Die folgende Abbildung soll die Vor- und Nachteile der beiden Quellenarten aufzeigen.
Neben diesen beiden Quellenmöglichkeiten gibt es noch Mischformen, die in ihrer Einordnung nicht scharf voneinander abgegrenzt werden können. So können zum Beispiel auch Briefe, so besonders die Feldpost, als Beleg für das Alltagsleben im Nationalsozialismus angesehen werden. Aber auch hier spielt die Intention des Absenders eine wichtige Rolle. Im besonderen die Feldpost, also die Kommunikation zwischen der Front und den Familien an der „Heimatfront“, war gekennzeichnet von beschönigenden und mutmachenden Floskeln. Sie ist somit für unsere Fragestellung nur sehr begrenzt aussagekräftig. Ebenso lassen sich die öffentlichen Bildungs- und Erzählveranstaltungen von ZeitzeugInnen einstufen. Im Allgemeinen agieren diese sehr selbstreflektiert und auf bestimmte Thematiken eingeschränkt. Als Adressat sind zumeist Schulklassen oder ähnliche interessierte Gruppen bestimmt. Durch die Häufigkeit der Veranstaltungen verliert die Erzählung an Spontaneität. Die allgemeinen Vorteile des Interviews gehen somit, jedenfalls zum Teil, verloren. Aus diesen Gründen finden in dieser Arbeit fast ausschließlich Interviews, unter anderem in Form von Erzählcafés, und Tagebuchauszüge Beachtung.
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Es gibt Realitäten, die zu groß sind für Haß und Vergebung. Nur eins darf man nicht zulassen: das Vergessen.
3. Notwendige Untersuchungen
3.1. Vorbemerkungen
Nachdem im vorangegangenen Kapitel die methodischen Ansätze geklärt worden sind, sollen im Folgenden die theoretische Grundlagen diskutiert werden. Wie bereits in der Einleitung beschrieben, wird dazu die Theoretikerin Hannah Arendt 40 zu Rate gezogen, in dem ihr Konzept des Handelns bzw. des Nichthandelns in dem Kontext totaler Herrschaft betrachtet werden soll.
In einem darauffolgenden Schritt muss beurteilt werden, in wie weit der Nationalsozialismus den Gesetzen des Totalitarismus gehorchte; wann also politisches Handeln eventuell gar nicht mehr möglich war. Zu diesem Zweck werden die Autoren Ernst Fraenkel und Franz Neumann herangezogen, die noch während des Nationalsozialismus das Wesen desselben untersuchten. Bei der Beantwortung der Frage, ob der Nationalsozialismus ein sogenannter Doppelstaat oder ein gänzlicher Terror- und Willkürstaat war, kommen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Letztendlich wird die sogenannte Goldhagen-Debatte den Abschluss dieses Kapitels bilden. Der Autor Daniel Jonah Goldhagen führt in seinem Werk „Hitlers willige Vollstrecker - Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ 41 aus, dass der Holocaust in Deutschland in diesem Ausmaß nur möglich gewesen sei, weil die deutsche Bevölkerung besonders anfällig für antisemitische Propaganda war. Er unterstellt demnach, dass die nationalsozialistische Ideologie von allen Deutschen getragen wurde. Dieser Auffassung widerspricht der Historiker Christopher Browning, der weder einen speziellen deutschen Antisemitismus sieht noch einen spezifisch deutschen Hang zum Mitläufertum 42 .
Nach einer Verknüpfung dieser Teilaspekte - Nichthandeln im Kontext totaler Herrschaft, Charakteristik des sogenannten Dritten Reiches als Doppelstaat oder als Willkürstaat und die Betrachtung der Bevölkerung als eigenständiges TäterInnenkollektiv oder als Passive und ZuschauerInnen - können die Voruntersuchungen abgeschlossen werden, da die dann fo lgenden Phänomene verortet werden können.
Nicht erst seit dem sogenannten Historikerstreit wird über das Wesen des Nationalsozialismus diskutiert und vehement gestritten. Wesentliche Fragen sind dabei: Beherrschte die Wirtschaft __________ ___
40 Biografische Daten zu Hannah Arendt, wie von allen anderen Autoren dieses Kapitels, befinden sich im angehängten Personenverzeichnis.
41 Goldhagen, 1996
42 Browning, 1993
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den Staat oder war es umgekehrt? War also der nationalsozialistische Staat ein Rassen- oder ein Klassenstaat? War die Einführung von parallelen Ämtern und die damit verbundenen Kompetenzüberschneidungen ein gewollter Akt der nationalsozialistischen Strategen oder war dies reine Improvisation? Kann dem Nationalsozialismus ein Modernisierungsmoment zugesprochen werden? Konnten die Nationalsozialisten einen tiefverwurzelten Antisemitismus und Rassismus zur Verwirklichung ihrer Ideologie nutzen oder mussten sie ihre eliminatorischen Absichten gegen den Willen der Bevölkerung durchführen? Und letztendlich muss die Frage nach dem charismatischen Führerkult gestellt werden. Welche Rolle hat Adolf Hitler in dem von ihm ausgerufenen „1000-jährigen Reich“ gespielt. War er der allmächtige Führer oder „nur“ das Aushängeschild einer Bewegung, die mit propagandistischen Mitteln und zunehmenden Terror auf die Erfordernisse der Herrschaft reagiert habt? Wessen Schuld also war das Unglück des Nationalsozialismus und wie wird in der Öffentlichkeit darüber diskutiert, fragt deshalb Wolfgang Wippermann. 43
Trotz der hier vorliegenden und untersuchten Literatur werden die aufgeworfenen Fragen nicht vollständig beantwortet werden können, denn die Regierungs- und Terrorzeit der nationalsozialistischen Herrschaft ist dazu von zu vielen Brüchen und Einflüssen durchzogen gewesen. Eine Annäherung kann also niemals absolut sein und muss immer nach der Forschungsintention befragt werden. Infolge dessen müssen revisionistische Ansätze (Zitelmann, Stürmer u. a.) kritisch betrachtet werden, da sie meist eine Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeit der deutschen Bevölkerung in der Weimarer Republik verneinen.
3.2. Der Begriff des politischen Handelns nach Hannah Arendt im Kontext totaler Herrschaft 44
„Der Unterschied zwischen diesem verbreiteten ideologischen Denken und der totalen Herrschaft ist, daß die letztere das Mittel entdeckte, die Menschen in den gesellschaftlichen Geschichtsstrom so einzufügen, daß er dies automatische Strömen gar nicht mehr hemmen will, sondern im Gegenteil sich selbst zu einem Moment seiner Beschleunigung macht. Die Mittel, mit denen dies geschieht, sind der von außen losgelassene Zwang des Terrors und der von innen losgelassene Zwang ideologisch - stimmigen Denkens. Zweifellos ist diese totalitäre Entwicklung der entscheidende Schritt auf dem Wege der Entpolitisierung des Menschen und der Abschaffung der Freiheit; theoretisch aber ist der Begriff der Freiheit überall im Verschwinden, wo entweder der Begriff der Gesellschaft oder der Begriff der Geschichte an die Stelle eines Begriffes von Politik getreten sind.“ 45
__________ ___
43 Wippermann, 1997
44 Hannah Arendt spricht von totalen Herrschaftssystemen und von totalitären Bewegungen/Weltanschauungen. Dieser sprachlichen Konzeption wird in diesem Kapitel gefolgt. Die Autoren Fraenkel und Neumann bezeichnen dagegen die Herrschaft der Nationalsozialisten fast durchgängig als totalitär.
45 Arendt, 1994, S.210
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Für Hannah Arendt sind totale Herrschaften Ausdruck moderner politischer Erscheinungen. 46 Die Theoretikerin, die präzise die Phänomene „Handeln“ und „Totalitarismus“ untersucht hat, sieht dabei die völlige Abschaffung von Freiheit als markantestes Merkmal totaler Herrschaft an. 47 Alle anderen autoritären Regierungsformen beinhalteten im Gegensatz dazu „nur“ eine Einschränkung der Freiheit, nie aber die völlige Abscha ffung.
Totalitarismus wird von Arendt zur Beschreibung von Regierungsformen gebraucht, in denen ein politisches Handeln durch die Entwurzelung und Vermassung der Menschen nicht mehr möglich ist. 48 In dieser Annahme stimmt sie mit den Ausführungen Neumanns überein. 49 Als Mittel der Machthaber müssen Terror und Ideologie genannt werden. Arendt sieht eine totale Herrschaft sowohl im nationalsozialistischen Deutschland als auch in der Regierungszeit Stalins als gegeben an.
Im Folgenden sollen nun die Begriffe „Handeln“ und „totale Herrschaft“ dargestellt werden, um sie dann miteinander in den Kontext setzen zu können.
Die Voraussetzungen (politischen) Handelns nach Hannah Arendt
Besonders das Werk „Vita activa“ 50 gibt uns Auskunft darüber, in welchen Bezugsrahmen Hannah Arendt „Handeln“ gestellt hat. Handeln, dessen Ort die Öffentlichkeit ist, steht im Gegensatz zum Herstellen und Arbeiten, die dem privaten Bereich zugeordnet werden. Beide Sphären müssen scharf voneinander getrennt werden. Nach den theoretischen Überlegungen Arendts können Arbeit und das Herstellen ohne politisches Handeln existieren, niemals aber umgekehrt.
Handeln, das Arendt mit Neuanfang und dem Wunder der Geburt vergleicht, ist nur gegeben, wenn eine Pluralität von Menschen besteht, die in Freiheit und in der Öffentlichkeit, die Arendt auch als Welt bezeichnet, zusammen wirken. Dazu sagt die Philosophin: „Handeln, im Unterschied zum Denken und Herstellen, kann man nur mit Hilfe der anderen und in der Welt.“ 51 Zu diesen Voraussetzungen müssen noch zwei weitere Merkmale addiert werden: Die Möglichkeit der Spontaneität und die Vermittlung durch Sprechen, deren Fehlen für Hannah Arendt der Passivität gleichkommt. Den Stellenwert, der von Arendt der Kommunikation eingeräumt wird, macht folgendes Zitat deutlich: „Handeln, das in der Anonymität verbleibt, eine Tat, für die kein Täter namhaft gemacht werden kann, ist sinnlos und verfällt der Verge s- _____________
46 Vgl. Wippermann, 1997, S.12f.
47 Vgl. Wippermann, 1997, S.13
48 Vgl. dazu Arendt, 1962
49 Vgl. Neumann, 1977
50 Arendt, 1999. In den folgenden Ausführungen werde ich mich auf dieses Werk beziehen. Andere Quellen werden gesondert gekennzeichnet.
51 Arendt, 1994, S.224
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senheit; es ist niemand da, von dem man die Geschichte erzählen könnte.“ 52 Die Aspekte der Freiheit und der zu leistenden sprachlichen Vermittlung werden in den folgenden Ausführungen noch besondere Beachtung finden müssen.
Durch die zunehmende Regelung der Ökonomie, die nach der Theorie Arendts im Privaten verortet ist, erkennt sie eine zunehmende Vermischung der privaten und der öffentlichen Sphäre. Die umfassendste Vermischung findet aber immer unter totaler Herrschaft statt. Im Folgenden sollen nun die Begrifflichkeiten Macht, Autorität und Gewalt in Relation zum Handeln untersucht werden.
Macht, Autorität und Gewalt
Das gemeinschaftliche Handeln bezeichnet Hannah Arendt als Macht. 53 Nach ihren Ausführungen kann Macht nur durch Gruppen ausgeführt werden, denn der Einzelne kann nur Stärke besitzen. Macht existiert nur solange, wie diese Gruppe miteinander existiert und im gemeinsamen Einvernehmen handelt. Dies ist in der Abgrenzung zu Autorität wichtig, die entweder einzelnen Personen oder einem Amt zugesprochen wird. Ihre Vermittlungsinstanz ist nichtwie bei der Macht - ein Verhandeln oder Aushandeln, sondern allein der Gehorsam. Geho rsam ist nach Arendt entweder durch unmittelbaren Zwang (Terror) oder argumentativ (Ideologie) zu erreichen. Gewalt kann in diesem Zusammenhang also dazu dienen, menschliche Stärke zu steigern.
In diesem Modell stehen sich dementsprechend Macht und Gewalt gegenüber. Macht können wir somit einer Pluralität von Menschen zuschreiben, die sich selbstbestimmt organisieren; Gewalt dagegen Autoritäten, die so ihren Herrschaftsanspruch sichern wollen. (Die Existenz von revolutionärer Gewalt muss in diesem Zusammenhang außer Acht gelassen werden.) Als historische Beispiele nennt Hannah Arendt das nationalsozialistische Regime und die Regierung Stalins, die sie beide theoretisch in den Totalitarismus verortet. Da gewalttätige Akte freiheitliches Handeln unmöglich machen, benennt sie diese als unpolitisch. „Die Autorität des Gesetzes regelt die Handlungen der Menschen, sie ist keineswegs und niemals mit ihnen identisch“ 54 , so Hannah Arendt in diesem Zusammenhang. Auch sieht sie an keinem totalen Herrschaftssystem bewiesen, dass Gewaltmittel alleine ausgereicht hätten, um die Machtstruktur zu stützen. Geheimpolizei und Spitzel müssen zusätzlich eingesetzt werden, um ausfindig zu machen, wie Gewalt für die Autoritäten am produktivsten eingesetzt werden kann. Ein Klima von Furcht und Misstrauen setzt ein, welches zur Folge hat, dass der öffentliche
__________ ___
52 Arendt, 1999, S.222; vgl. dazu auch die Ausführungen in: Fraenkel, 1999
53 Vgl. Arendt, 1995, S.45
54 Arendt, 1962, S.676
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Raum zwischen den Menschen zerstört wird. Arendt nennt diesen Raum den Raum der Freiheit. Eine Vermassung, also eine möglichst hohe Gleichförmigkeit der Menschen, aber andererseits auch eine Vereinzelung bzw. Entwurzelung ist die Folge. Hannah Arendt kleidet diesen Vorgang in folgende Worte:
„Nur wo diese gemeinsame Welt völlig zerstört und eine in sich völlig unzusammenhängende Gesellschaftsmasse entstanden ist, deren heterogene Gleichförmigkeit aus nicht nur isolierten, sondern auf sich selbst und nichts sonst zurückgeworfene Individuen besteht, kann die totale Herrschaft ihre volle Macht ausüben, sich ungehindert fortsetzen.“ 55
Freiheit, in der Gleiche miteinander Politik aushandeln, ist so nicht mehr gegeben.
Totale Herrschaft und Freiheit
Die totale Herrschaft stellt eine historisch neue Regierungsform dar. 56 Ihr Wesen ist die völlige Vernichtung von Freiheit, die Auflösung der Trennung von Privat und Öffentlichkeit, die Überstülpung des Gesellschaftlichen über die politische Sphäre, die scheinbare Auflösung aller Klassenunterschiede, was die Entstehung einer Gesellschaftsmasse zur Folge hat. Terror und die ideologische Propaganda sind die Zwangsmittel, die eingesetzt werden, um eine Gleichschaltung aller Mitglieder zu erreichen und alle gesellschaftlichen und privaten Bereiche zu vereinnahmen. Somit ist jede totale Herrschaft zutiefst antidemokratisch, auch wenn sie im Anfangsstadium eine demokratische Fassade aufbaut und sich auf Institutionen wie das Parlament oder die Gerichtsbarkeit stützen muss. Nähere Ausführungen und Untersuchungen zu diesem Phänomen der parallelen Existenz von demokratischen Merkmalen und totaler Herrschaft werden anhand der Ausführungen von Ernst Fraenkel und Franz Neumann im fo lge nden Kapitel geliefert.
Spontaneität als wichtigste Voraussetzung für Freiheit und somit auch für das Handeln als solches, wird in der totalen Herrschaft zerstört, indem Terror, dessen zentrale Institutio n das Konzentrationslager ist, die Menschen unbeweglich macht. Die Möglichkeit des Handelns wird dementsprechend abgelöst durch Gleichförmigkeit und (scheinbare) Souveränität gege nüber einer Autorität oder einer konstruierten Gemeinschaft. Dieses Konstrukt vernichtet gleichzeitig die Pluralität der Menschen.
Arendt zeigt weiterhin auf, dass der Sinn von Terror ist, die Grenzen des Einzelnen aufzulösen und der Masse zu suggerieren, eins zu sein. Durch das (scheinbare) Auslöschen von vo r-
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55 Arendt, 1962, S.484
56 In ihrem Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ beschreibt Arendt die Mechanismen der totalen Herrschaft. In den folgenden Ausführungen wird darauf Bezug genommen. Andere Quellen werden gesondert gekennzeichnet.
Arbeit zitieren:
M.A. Beate Gonitzki, 2003, Das Phänomen des Nichthandelns anhand von Lebensrealitäten von Frauen im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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