Technik als sachliches Artefakt
Die „materialistischen“ Auffassungen, die in einer Technik ein fertiges Produkt sehen, unterstellen eine determinierende einlinige Beziehung zwischen Technik und Alltagsleben d.h. sie gehen von einer geradlinigen Verbindung zwischen den sachlichen Artefakten und sozialen Verhaltensweisen. Im Vordergrund werden die Abhängigkeiten von Technik und Technisierung im Alltag gerückt.
Rammert kritisiert an dem Konzept dessen Unfähigkeit, den sozialen Charakter einer Technik in dem fertigen Produkt zu sehen, ohne dabei den Technisierungsprozess zu thematisieren. Die Technisierung impliziert nicht nur Gegenstände, sondern auch Handlungen und Symbole, die zu einer Technik prozessiert wurden.
Aufgrund einer Analogie zwischen technisch bedingter "Produktionsweise" und technisch bedingter "Lebensweise" (Vgl. Rammert 1993: 294) kommt Rammert zum folgenden Schluss: "Die industrielle Technik schafft nicht nur die Rahmenbedingungen, sondern liefert mit ihren technischen Produkten, mit ihren technischen Verfahren und mit ihren technischen Vernetzungen auch noch das Material für den Umbau des Alltagslebens" (Rammert 1993: 295). Man sollte hier nur an die Auswirkungen der Massenproduktion diverser Güter (Waschmaschinen, Nahrungsmittel etc. ) auf die Veränderungen der alltäglichen Lebensweise und mit ihnen in Verbindung stehenden Abhängigkeiten vom Funktionieren dieser Techniken denken.
An der Stelle kann man also von einer mehr oder weniger determinierenden Beziehung zwischen Technik und Alltagsleben sprechen, ob im Sinne von "strengem Determinismus" oder „weicheren Formen des Drucks auf eine Veränderung des Verhaltens“ (Vgl. Rammert 1993: 295f). Eine Steigerung der deterministischer Auffassungen bieten diejenigen Ansätze dar, die unter den Schlagwörtern „Kolonisierung“ der Alltagswelt und „Zersetzung der Kommunikation“ eine Mechanisierung und Ökonomisierung des Alltagslebens durch die industriellkapitalistische Rationalisierung im Kommen sehen (Rammert 1993: 295f). Jedenfalls wird mit der Auffassung von Technik als sachlichem Artefakt und der Betonung der materiellen Verbindungen zwischen Technik und Alltagsleben eine "Position durch Sachen vermittelter sozialer Zwänge" vertreten (Rammert 1993: 295f).
Laut Rammert wird jedoch der von der Technik verursachter Zwang überschätzt. Zudem erweisen sich viele "Sachzwänge" des öfteren als Gewohnheiten, die eine bestimmte Umgangsform mit der Technik nahe legen. Man hat in der Regel eine freie Wahl beim Erwerb ggf. Aneignung einer Technik und es steht einem frei, deren Verwendung und Integration in den Alltag nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Man sollte nach Rammert auch die verschiedenen klassen-, geschlechts- und milieuspezifischen Umgangsformen mit der Technik, zusammengefasst: die kulturellen Muster, nicht außer Acht lassen. Die kulturellen Muster tragen ihren Teil zur Genese der Technik bei, indem sie Vorlagen für weitere technische Entwicklungen liefern.
Er kritisiert zudem, dass die oben bereits erwähnte Analogiebildung von der Produktionsweise und alltäglicher Lebensweise den Unterschied zwischen Arbeitswelt, die formal organisiert ist, und der Alltagswelt, die laut obiger Definition auf keiner formalen Organisation beruht, übersehen wird. Es wird auch keinen Unterschied zwischen den Abhängigkeiten von einer Technik in einer Fabrik und denselben Abhängigkeitsverhältnissen im Alltagsleben gemacht. Seiner Meinung nach, besteht eine Wechselbeziehung zwischen den kulturellen Muster, die in den „materialistischen“ Verfassungen völlig ausgeklammert werden, und der Gestaltung der technischen Artefakte d.h es kann nicht von einer geradlinigen Beziehung die Rede sein.
Technik als kulturelles Artefakt
Die „kulturalistischen“ Auffassungen der Technik betrachten sie als ein kulturelles Artefakt. Sie thematisieren wie bereits erwähnt die vielfältigen Kultivierungs- und Aneignungsmöglichkeiten von Techniken, besitzen jedoch eine gewisse „Blindheit für die unterschiedlichen Materialitäten“ und deren spezifischen Eigenschaften (Rammert 1993: 302), indem sie alle Untersuchungsgegenstände, ob Sachen, Handlungen oder Zeichen, zu bloßen Symbolträgern erklären.
Rammert verleiht der Technik einen „Geist“, welcher die „Konstruktionsschema, Architektur, Algorithmus“ (Rammert 1993: 297) meint und sich auf das Alltagsleben unterschiedlich auswirkt. Einige Konzepte betonen in dem Zusammenhang eine gegenseitige Verstärkung von Technik und Alltagsleben. Andere ziehen als Erstes die symbolische Funktion einer Technik in Betracht, die vom „Geist“ erst impliziert wird. In den Mittelpunkt rückt die Wirkung der Technik auf das Alltagsleben insofern, als sie „Modelle und Metaphern bereit stellt, welche die unterschiedlichsten Phänomene gleichsam wie unter einer Lupe bündeln und gleichzeitig die Wirklichkeit in neuer Weise sozial konstruieren“ (Rammert 1993: 298). Als tragendes Exempel soll hier das Computer dienen, welcher auf der "technologischen Metapher des umfassenden, berechenbaren Funktionierens" beruht und angeblich zu einem "mechanischen Denken" und zur Unterstellung programmierbarer Realitäten verleiht (Vgl. Rammert 1993: 298). Diese Behauptung scheint für Rammert selbst zweifelhaft, weil sie unter anderem in seiner Studie der Computernutzung im Alltag nicht bestätigt wurde (Vgl. Rammert: 1993: 299).Die Beziehungen zwischen Technik und Alltagsleben wirken also auch in den kulturalistischen Ansätzen sehr fest und einseitig. Rammert spricht sogar von einem "symbolischen Determinismus" (Rammert 1993: 299).
Erst der Umgang mit einer Technik macht sie für Rammert soziologisch relevant: "Weder das materielle Substrat noch die ursprüngliche Idee, die hinter einer technischen Erfindung steht, wirken sich unmittelbar auf das Alltagsleben aus. Die Verbindungen sind nicht einseitig ursächlich, sondern interaktionistisch aufzufassen: Geräte und Ideen sind Angebote, die von verschiedenen Alltagskulturen aufgegriffen, umgedeutet und im Umgang neu kreiert werden“ (Rammert 1993: 300).
Arbeit zitieren:
Natalja Kvast, 2011, Eine Skizze zum Text von Werner Rammert: "Materiell - Immateriell - Medial: Die verschlungenen Bande zwischen Technik und Alltagsleben", München, GRIN Verlag GmbH
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