Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
1.1 Forschungsüberblick, Quellenlage und Fragestellung 4
2 Ägypten und Frankreich: Das Treffen zweier Welten 8
2.1 Napoleons Ägyptenfeldzug von 1798. 8
2.2 Rifa at-Tahtawi: Ein Ägypter in Frankreich. 12
2.3 Gustave Flaubert: Ein Franzose in Ägypten. 15
3 Ägypten auf der Pariser Weltausstellung von 1867. 19
3.1 Zum Konzept „Weltausstellung“ 19
3.2 Der ägyptische Nationalpavillon an der Pariser Weltausstellung von 1867 21
3.2.1 Genese 21
3.2.2 Altertum und Authentizität 22
3.2.3 Ägypten als Fassade 26
3.2.4 Korrumpiertes Ägypten 28
3.2.5 Konsum des Fremden. 31
3.3 Khedive Ismail Pascha besucht die Weltausstellung 33
4 Fazit. 38
5 Quellen- und Literaturverzeichnis 40
5.1 Quellen 40
5.2 Bildquellen 41
5.3 Literatur 41
5.4 Nachschlagewerke 43
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1 Einleitung
Am 1. April im Jahr 1867 eröffnete die Exposition Universelle de Paris auf dem Pariser Champ de Mars mit einer aufwändigen Eröffnungszeremonie ihre Tore. Rund elf Millionen Menschen sahen in den folgenden sieben Monaten bis zur Schliessung am 3. November die Ausstellungsstücke von rund 60`000 Ausstellern. Damit war die Pariser Weltausstellung von 1867 die bis dahin grösste Ausstellung aller Zeiten. 1
Der Historiker Eric Hobsbawm hat das Phänomen Weltausstellung einmal als „great new rituals of self-congratulation“ bezeichnet. 2 Bei der Ausrichtung des „Rituals“ Weltausstellung in Paris 1867 kam der Konkurrenz zu Grossbritannien, dem grossen Gegenspieler Frankreichs auf der weltpolitischen Bühne, eine wichtige Rolle zu. Paris hatte bereits zwölf Jahre früher im Sommer 1855 eine Exposition Universelle organisiert, die von der Londoner International Exhibition of Industry and Art sieben Jahre später in den Schatten gestellt wurde. Die Exposition Universelle de Paris de 1867 sollte unter allen Umständen „noch vollständiger universell als die vorhergehenden“ sein, kam die Pariser Commision Impériale zum Schluss. 3 Das Unterfangen scheint von Erfolg gekrönt worden zu sein. So schrieb etwa Wilhelm Hamm 1868 rückblickend im Illustrirter Katalog der Pariser Industrie-Ausstellung von 1867: „Darüber kann kein Zweifel bestehen, dass der Pariser Ausstellung entschieden der Vorrang [gegenüber der Londoner Ausstellung; HN] gebührt.“ 4
Die Pariser Weltausstellung sollte von Beginn an mehr sein als eine Industriemesse. Es wurde von ihr auch erwartet, dass sie Diplomatie und Aussenpolitik stärken, sowie Frankreichs Einfluss in der Welt vergrössern würde. 5 Zudem sollte die Ausstellung der Welt die Grösse und Überlegenheit der französischen Nation vor Augen führen. Der Journalist Maxime Du Camp brachte dieses französische Selbstverständnis auf den Punkt, als er nach dem Besuch der Ausstellung im Mai 1867 in einem Artikel für die Revue des Deux Mondes schrieb: „L`exposition Universelle affirme et consacre la supériorité de notre pays.“ 6 Das Zauberwort der Ausstellung lautete „Fortschritt“. 7 Besonders deutlich wird dies in der Rede des französischen Kaisers Napoleon III. anlässlich der Preisverteilungszeremonie im Industrie-Palais auf dem Ausstellungsgelände. Kaiser Napoleon bezeichnete die
1 Zu Zahlen und Fakten der Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts siehe Friebe (1983); Mattie (1998); Wörner (2000) (Bei Titeln, die sich im Quellen- und Literaturverzeichnis am Schluss dieser Arbeit befinden, werden in den Fussnoten nur der Nachname des Autors und das Jahr der Publikation angegeben.)
2 Hobsbawm, Eric (1979): The Age of Capital 1848-1875, New York, 1979, S. 32.
3 Zit. nach Barth (2007): S. 36.
4 Hamm (1868): S. 344.
5 Vgl. Barth (2007): S. 35.
6 Du Camp (1867): S. 113.
7 Vgl. Barth (2007): Einleitung.
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Weltausstellung als „olympische Spiele der ganzen Welt, wobei alle Völker durch den Kampf der Intelligenz sich nebeneinander in die unendliche Bahn des Fortschritts einem Ideale entgegenstürzen, welchem man sich unaufhörlich nähert.“ 8 In seiner Rede machte aber auch Napoleon deutlich, welches „Volk“ seiner Meinung nach ganz an der Spitze des Feldes auf der „Bahn des Fortschritts“ stehe: „Man muss jeden patriotischen Glauben bar sein, um an seiner Grösse [der französischen Nation; HN] zu zweifeln, man muss offenbar seine Augen verschliessen, um seinen Wohlstand zu leugnen.“ 9
Die Exposition Universelle de Paris war zwar erst die vierte „Weltausstellung“, tatsächlich blickten Industriemessen, die ganz ähnlich konzipiert waren, 1867 aber schon auf eine längere Tradition zurück. In den sechs Jahrzehnten zuvor waren in ganz Europa mehr als 150 solche Veranstaltungen organisiert worden. 10 Die wohl grösste Neuerung im Ausstellungskonzept der Weltausstellung von 1867 war die Einführung der sogenannten „Nationalpavillons“. Da die meisten der 32 teilnehmenden Nationen die ihnen zugewiesene Ausstellungsfläche im Palais d`Industrie 11 als nicht ausreichend ansahen, bot das kaiserliche Organisationskomitee den Teilnehmern zusätzlich Platz im Park rund um das Palais an. Viele der europäischen Nationen lehnten das Angebot aus Kostengründen ab. Schliesslich mussten die Ausgaben der eigenen Sektion von jeder Nation selbst getragen werden. Den grössten Teil des Raumes im Park erhielten schliesslich die aussereuropäischen Nationen zur Selbstdarstellung. Die Ausstellung im Park gehorchte völlig anderen Prinzipien als die im Palais. Die Kommission forderte die Teilnehmerländer dazu auf, in einem für sie typischen Gebäude ein Selbstbildnis ihrer Geschichte und ihrer Zivilisation zu entwerfen. Die Erfindung des Nationalpavillons, wie wir ihn bis heute kennen, war zunächst also eine Notlösung. Insgesamt präsentierten 16 Nationen 33 solcher Pavillons. Vertreten waren unter anderem England mit einer Englischen „Cottage“, Österreich mit einer Brauerei, Schweden und Norwegen mit einem Gustav Wasa-Haus, Rumänien mit einer Kirche und die Schweiz mit einem Chalet. Die grössten Pavillons gestalteten allerdings die orientalischen und asiatischen Nationen, darunter das Osmanische Reich, Tunesien, Marokko, Ägypten, China, Japan und Siam. 12
8 Wiedergegeben ist die Rede Napoleons in Hamm (1868): S. 346.
9 Ebd.: S. 346.
10 Vgl. Wörner (2000): S. 1.
11 Der Palais d`Industrie war das eigentliche Herzstück der Ausstellung und befand sich im Zentrum des Ausstellungsgeländes Champ de Mars. Der Palais war eine riesige, funktionelle Stahl-Glas-Konstruktion und bot gesamthaft über 320`000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, wovon allerdings Frankreich fast die Hälfte für sich selbst beanspruchte.
12 Vgl. Barth (2007): S. 265f.
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1.1 Forschungsüberblick, Quellenlage und Fragestellung
Die Nationalpavillons waren ein grosser Publikumserfolg. Besonders die errichteten orientalischen Quartiere galten als „Juwel“ der gesamten Ausstellung. 13 Die vorliegende Arbeit handelt von der Präsentation und Inszenierung des Orients auf der Pariser Weltausstellung von 1867 anhand des Beispiels des ägyptischen Nationalpavillons. Diese Einschränkung ist notwendig, damit der Rahmen der Arbeit nicht gesprengt wird und sich Leser wie Autor nicht im Labyrinth der Ausstellung verlaufen. Ägypten stellte die grösste aussereuropäische Sektion an der Weltausstellung von 1867 und war unter den verschiedenen Nationalpavillons der grösste Zuschauermagnet. 14 Deshalb eignet sich Ägypten in besonderer Weise für eine genauere Untersuchung.
Das Thema Weltausstellung hat in der Forschung einen breiten Widerhall gefunden. Schon bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren einige zusammenfassende Abhandlungen erschienen. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Literatur zu den Weltausstellungen beinahe inflationär angewachsen. Zahlreiche Publikationen sind Übersichtsdarstellungen oder befassen sich mit wirtschafts- und technikgeschichtlichen Aspekten der Weltausstellungen. Seit den 1990er Jahren rückten vermehrt ethnographische sowie kulturgeschichtliche Themen in den Vordergrund, die sich überwiegend auf den Exotismus, speziell auf die Zurschaustellung der Dörfer Afrikas, des Orients und Asiens konzentrieren. 15 Für diese Arbeit grundlegend waren die zwei kulturgeschichtlich orientierten Publikationen Mensch versus Welt. Die Pariser Weltausstellung von 1867. von Volker Barth und Präsentierte Geschichte. Ausstellungskultur und Massenpublikum im Frankreich des 19. Jahrhunderts. von Alice von Plato. Mehr als andere legt die Architekturhistorikerin Zeynep Çelik Wert darauf, sich in der Auseinandersetzung mit den Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts nicht auf europäische Quellen zu beschränken, und auch den aussereuropäischen Ausstellern und Besuchern eine Stimme zu geben. Ihre Publikationen Ethnography and Exhibitionism at the Expositions Universelles. und Displaying the Orient. Architecture of Islam at nineteenth-century world's fair. aus den Jahren 1990 und 1992 waren ebenfalls grundlegend für diese Arbeit. Auch der Quellencorpus zu der Weltausstellung von 1867 ist äusserst umfangreich. 1867 gab es eine regelrechte Flut von Publikationen, die sich mit der Ausstellung auseinandersetzten. Neben neun eigenständigen Ausstellungszeitungen, einem zweibändigen Katalog, zahlreichen
13 Louca (1970): S. 182.
14 Vgl. Gautier (1867): S. 56.
15 Eine Bibliographie zur Geschichte der Weltausstellungen hat ein Team der Universität Cottbus im Jahr 2000 für die Internationale Zeitschrift für Theorie und Wissenschaft der Architektur zusammengestellt (zugänglich unter: http://www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/TheoArch/Wolke/eng/Bibliography/ExpoBibliography.htm; Zugriff 12.8.2009).
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Spezialkatalogen und Sektionsbroschüren und offiziellen Ausstellungsberichten wurde in der nationalen und internationalen Presse regelmässig über die „Zivilisationsshow“ 16 berichtet. Für die vorliegende Arbeit galt es, eine kleine, aber möglichst repräsentative Auswahl aus dem immensen Corpus zeitgenössischer Publikationen zu treffen. Als besonders ergiebig erwiesen haben sich die Titel L`Egypte à l`Exposition Universelle de 1867. von Charles Edmond und Déscription du parc égyptien. von Auguste Mariette. Edmond wie Mariette waren französische Ägyptologen und beide an der Konzeptualisierung der ägyptischen Ausstellung auf der Weltausstellung beteiligt. Ihre Texte stehen für einen spezifisch westlichen Blick auf den Orient.
Diese Arbeit orientiert sich in methodischer Hinsicht am geschichtswissenschaftlichen Ansatz der Histoire croisée, den Michael Werner und Bénédicte Zimmermann im Jahr 2002 in einem Aufsatz erstmals vorgestellt haben (siehe Literaturverzeichnis). Durch den Ansatz der Histoire croisée soll eine nationalistische Geschichtsschreibung überwunden und verstärkt das Phänomen der „Verflechtung“ in den Vordergrund gerückt werden. Die Histoire croisée reflektiert damit die Tatsache, dass die untersuchten Phänomene immer in zweierlei Hinsicht historisch bedingt sind. Einerseits seien diese immer in ihrem spezifischen Entstehungszusammenhang zu deuten, andererseits würden diese singulär definierten Objekte immer in einer lebendigen Beziehung mit anderen Phänomenen des sozialen, politischen und kulturellen Lebens stehen. Die Histoire croisée ist allerdings kein starres Modell, das man unverändert auf verschiedenste Fragestellungen anwenden kann. Ich verstehe sie vielmehr als eine Art heuristischer Werkzeugkasten, aus dem man pragmatisch je nach Thematik Inputs bekommt für den Umgang mit zu behandelnden Texten. Für die vorliegende Arbeit besonders wichtig sind zwei Aspekte, die im Ansatz der Histoire croisée betont werden: 1. Diachronität: Jedes historische Phänomen hat eine Vorgeschichte. Ägypten war für die europäischen Besucher der Weltausstellung von 1867 kein unbeschriebenes Blatt mehr. Spätestens seit dem Ägyptenfeldzug Napoleons von 1798 war Ägypten für Europa keine „terra incognita“ mehr. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert herrschte in Frankreich gar eine regelrechte „Ägyptomanie“. 17 Ab den 1820er Jahren begann ein Sturm auf die ägyptischen Kunstschätze durch vor allem französische und englische Sammler, Händler, Geschäftemacher und Diplomaten. 18 Die Geschichte der Beziehung zwischen Frankreich und Ägypten vor 1867 wird im zweiten Kapitel kurz anhand dreier unterschiedlicher Reisenden
16 Barth (2007): S. 14.
17 Vgl. Jeffreys (2003): Introduction.; Ausdruck dieses Interesses an der ägyptischen Kultur ist auch die noch heute bestehende ägyptische Sammlung des Louvre, die 1822 auf Anraten Jean-François Champollions hin gekauft und ab 1827 Besuchern offen stand.
18 Dewitz (1997): S. 17.
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betrachtet. Zunächst wird es um die Besetzung Ägyptens durch Napoleon Bonapartes zwischen 1798 und 1801 gehen. Danach werden der Frankreichaufenthalt des Ägypters Rifa at-Tahtawi 1826-1831 und die Orientreise Gustave Flauberts 1848-1851 einer näheren Analyse unterzogen. Im Zentrum stehen Fragen nach den Motiven der jeweiligen Reisen sowie die Wahrnehmung fremder Wirklichkeiten. Was sehen die Reisenden und was nicht? Wovon berichten sie und wovon nicht? Die genannten Beispiele verstehen sich als „Spotlights“ auf Geschichte des Austausches zwischen Frankreich und Ägypten zwischen 1798 und der Pariser Weltausstellung von 1867. Keinesfalls erheben sie den Anspruch, die Geschichte der französisch-ägyptischen Beziehungen, die sowohl in kultureller als auch politischer und ökonomischer Hinsicht eine in hohem Masse verflochtene Geschichte ist, vollumfänglich skizzieren zu wollen.
2. Multiperspektivität: Der Hauptteil dieser Arbeit befasst sich mit der Präsentation und Inszenierung Ägyptens auf der Weltausstellung. Aussereuropäische Nationen wie Ägypten legitimierten mit ihrer Teilnahme an der Weltausstellung das französische eurozentrische Weltbild. 19 Die Eindrücke, die die Ausstellung bei Kritikern und Publikum hinterliessen, machen einen wesentlichen Teil der Geschichte aus, um die es in dieser Arbeit gehen soll. „Solche Stellungsnahmen und Darstellungen von Zeitzeugen sind als Bindeglied zu den `Bildern im Kopf` mindestens so wichtig wie die Aktenbestände in den
Verwaltungsarchiven“, stellt die Historikerin Alice von Plato für die Weltausstellungen fest. 20 Stellungsnahmen zur Ausstellung und zum ägyptischen Nationalpavillon sind vor allem von französischen Zeitzeugen zahlreich überliefert. Etwa in Tagebüchern, Briefen und Artikeln von Gelehrten, Journalisten und Schriftstellern wie Jules und Edmond de Goncourt, Maxime Du Camp, Jules Michelet, Gustave Flaubert, Théophile Gautier, Charles Edmond oder Auguste Mariette. 21 Bei einer einseitigen Auswertung französischer Quellen erscheint Ägypten auf der Ausstellung schnell einmal als blosser Spielball der Grande Nation, allenfalls noch als interessantes exotisches Amüsement. Deshalb ist es wichtig, auch aussereuropäische Perspektiven miteinzubeziehen. Es entsteht ein komplexeres Bild der Weltausstellung von 1867, in dem der Westen nicht der einzige Akteur ist. Eine Vielfalt von
19 Wie eurozentrisch dieses Weltbild war, zeigt die Raumaufteilung im Palais d`Industrie. Jede Nation bekam soviel Ausstellungsraum, wie ihr von den französischen Organisatoren nach den Kriterien ihrer „Entwicklungsstufe“ zugebilligt wurde. Rund 90 Prozent der Ausstellungsfläche wurde europäischen Nationen zugestanden.
20 Plato (1999): S. 17.
21 Es stellt sich hier die Frage, ob die Schriften der genannten französischen Salon-Gelehrten auch repräsentativ sind für den durchschnittlichen Ausstellungsbesucher, für das Massenpublikum. Man muss aber bedenken, dass, obwohl die Weltausstellung von 1867 erstmals einem breiteren Massenpublikum offen stand, die Arbeiterschicht durch hohe Eintrittspreise und andere Reglementierungen immer noch weitgehend von der Ausstellung ausgeschlossen blieben, und die Ausstellung vielmehr auf ein bürgerliches Publikum abzielte (vgl. Plato (2001): S. 107ff.).
6
Stimmen zu Ägypten auf der Weltausstellung soll eine eindimensionale Interpretation verhindern.
Primärliteratur aussereuropäischer Besucher des ägyptischen Pavillons ist allerdings kaum auf deutsch, französisch oder englisch zugänglich. Fündig wird man hingegen in älterer Sekundärliteratur. In den Publikationen Voyageurs et Ecrivains Egyptiens en France au XIXème Siècle. des Literaturwissenschaftlers Anouar Louca aus dem Jahr 1970, Arab rediscovery of Europe. des palästinensisch-amerikanischen Gelehrten Ibrahim Abu-Lughod aus dem Jahr 1963 und Histoire du règne du Khédive Ismail. Des Historikers Georges Douin aus dem Jahr 1933 findet man zahlreiches Quellenmaterial zur Wahrnehmung Frankreichs und des ägyptischen Pavillons durch ägyptische Besucher.
Das theoretische Rückgrat dieser Arbeit bilden die Thesen des Literaturwissenschaftlers Edward Said, die er im Jahr 1978 in seinem einflussreichen Buch Orientalism formulierte. Eine zentrale These bei Said ist, dass der Orient in einem westlichen Diskurs als Gegenbild zum Okzident konstruiert wird. Der Orient sei in der westlichen Vorstellung zurückgeblieben, statisch, schmutzig und intolerant. Nach Said braucht der Westen dieses Bild des Andern, um sich in der Abgrenzung eine eigene, überlegene Identität zu geben. Bei einer Auseinandersetzung mit der Inszenierung orientalischer Welten in Europa kommt man um Edward Saids Konzept des „Orientalismus“ nicht herum. Die orientalischen Sektionen auf der Pariser Weltausstellung von 1867 werden oft als Materialisierungen des orientalistischen Diskurses in Frankreich verstanden. 22 Sie visualisierten die europäischen Orientvorstellungen in einem neuen Medium. Implizit steht in dieser Arbeit deshalb immer auch die Frage im Raum, wie „orientalistisch“ die Inszenierung Ägyptens auf der Pariser Weltausstellung von 1867 eigentlich war.
22 Vgl. Plato (1999): S. 127.
7
2 Ägypten und Frankreich: Das Treffen zweier Welten
2.1 Napoleons Ägyptenfeldzug von 1798
1798 unternahm die französische Armee unter dem Kommando von Napoleon Bonaparte den so genannten „Ägyptenfeldzug“. Es gab eine offizielle französische Proklamation, die in arabischer Übersetzung in Alexandrien und Kairo per Flugblatt verteilt wurde und den Ägyptern die Hintergründe für das französische Unterfangen der Annektierung Ägyptens erklären sollte. Die Proklamation besagte, dass Frankreich Ägypten, das damals unter dem Einfluss des osmanischen Reiches stand und von der Herrscherdynastie der türkischstämmigen Mamelucken beherrscht wurde, von dieser Fremdherrschaft befreien und dem ägyptischen Volk die „moderne Zivilisation“ bringen wollte. 23 Tatsächlich standen allerdings handfeste kolonialpolitische Interessen dahinter. Die Franzosen wollten aus Ägypten eine Provinz der Republik machen und ihren Einfluss möglichst bis in den Orient ausdehnen. Militärisch und politisch wurde der „Ägyptenfeldzug“ zu einem Desaster. Zwar wurde das Mamelucken-Heer zunächst geschlagen und ganz Ägypten annektiert. Schon 1801, nach nur drei Jahren, wurden die Franzosen jedoch von ihrem kolonialpolitischen Kontrahenten Grossbritannien wieder aus Ägypten vertrieben. 24 Napoleons „Ägyptenfeldzug“ wurde in der Forschung schon als „Urknall der französischägyptischen Beziehungen“ 25 und „Startschuss für die französische Orient-Schwärmerei des 19. Jahrhunderts“ 26 bezeichnet. Die politisch-militärische Motivation für die Invasion in Ägypten war von Beginn weg verbunden mit wissenschaftlicher Motivation, und von dieser nicht zu trennen. Unter den 35`000 Soldaten des französischen Heeres befanden sich auch 167 Wissenschaftler, Forscher und Experten: Mathematiker, Astronomen, Ingenieure, Naturforscher, Architekten, Zeichner und Schriftsetzer. In Kairo wurden nur wenige Wochen nach der Invasion die Commission des Sciences et des Arts und das L`Institut d`Egypte gegründet. Die Forscher hatten die Aufgabe, das Land Ägypten mit enzyklopädischem Anspruch wissenschaftlich zu durchdringen. Es sollten unter dem tausendjährigen Sand die Überreste des pharaonischen Ägyptens ausgegraben werden, das Bonaparte als „die Wiege der Wissenschaften und Künste der ganzen Menschheit“ bezeichnete. Ägypten sollte aber auch kartographisch erfasst, Tiere, Pflanzen, Steine gesammelt und aufgezeichnet werden.
23 Vgl. Abu-Lughod (1963): S. 12ff.
24 Zu Verlauf und Hintergrund des Ägyptenfeldzugs siehe: Jeffreys (2003): Introduction. ; Néret (2002): S. 17-19. ; Dewitz (1997): S. 9-24.
25 Celik (1992): S. 38.
26 Plato (2001): S. 124.
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Arbeit zitieren:
M.A. Heinz Nauer, 2009, "Sucht nicht nach Maschinen hier...", München, GRIN Verlag GmbH
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