Inhalt
1. Einleitung 3
2. Theoretischer Rahmen und Begriffsklärung 4
2.1. Der Begriff des Terrorismus 4
2.1.1. Sozialrevolutionärer Terrorismus 5
2.1.2. Ethnisch-separatistischer Terrorismus 6
2.1.3. Religiöser Terrorismus 6
2.2. Das Phänomen des Islamismus 8
3. Die Islamische Widerstandsbewegung/Hamas 9
3.1. Entstehungskontext und historische Betrachtung 9
3.1.1. Die ägyptische Muslimbruderschaft 9
3.1.2. Entstehungskontext der Hamas: Die erste intifadah und ihre Folgen 11
3.2. Analyse der Hamas: Organisation - Ideologie - Praxis 13
3.2.1. Organisationsstrukturen. 13
3.2.2. Soziales Engagement 16
3.2.3. Finanzierung und Verbindungen ins Ausland. 17
3.2.4. Ideologie 17
3.2.5. Transformation - Hamas in Regierungsverantwortung 20
4. Versuch einer Einordnung in das Theorieschema 21
5. Ausblick 22
6. Literaturverzeichnis 23
2
1. Einleitung
Im Januar 2006 übernahm die Hamas, eine von westlichen Regierungen als „terroristisch“ deklarierte Organisation, nach demokratischen Wahlen die Regierungsverantwortung in den besetzten palästinensischen Gebieten. Die Islamische Widerstandsbewegung/Hamas wurde während der ersten palästinensischen intifadah in den besetzten Gebieten gegründet und entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zur einflussreichsten palästinensischislamistischen Organisation. Die Hamas setzt politische Gewalt sowohl gegen Israel als auch gegen ihren politischen Hauptrivalen, die säkular-nationalistische Fatah, ein. Sich selbst als legitime Widerstandsbewegung verstehend, wird sie in der westlichen Öffentlichkeit größtenteils als islamistisch-terroristische Gruppe, die den Staat Israel vernichten und an dessen Stelle einen Gottesstaat errichten möchte, wahrgenommen. Eine einseitig ihren Gewalteinsatz und ihre aggressive Rhetorik bezogene Betrachtung der Hamas verhindert jedoch einen differenzierten Blick auf eine Organisation, die neben dem Kampf gegen die israelische Besatzung auch umfangreiche soziale Dienste für die palästinensische Gesellschaft bereitstellt.
Was ist die Islamische Widerstandsbewegung, welche Ideologie und Politik verfolgt sie? In der folgenden Arbeit soll eine theoretische Einordnung der Hamas anhand des Dreierschemas der Terrorismus-Forschung vorgenommen werden. Besonders Augenmerk soll dabei auf die Verbindung von terroristischen Aktivitäten und einem weitreichenden Netz sozialer Fürsorge gelegt werden.
Dazu wird zunächst der Begriff des Terrorismus geklärt, um anschließend den theoretischen Rahmen - das Dreierschema sozialrevolutionärer, ethnisch-separatistischer und religiöser Terrorismus - abzustecken. Zudem wird auf das Phänomen des Islamismus, als ideologischer Bezugsrahmen der Hamas, eingegangen. Als Ausgangspunkt der Untersuchung der Organisation dient deren Entstehungskontext - die Muslimbruderschaft und die erste intifadah. Die eigentliche Analyse umfasst die Organisationsstrukturen, die Ideologie und die politische Praxis. Anhand der erarbeiteten Erkenntnisse wird dann der Versuch unternommen, die Hamas in das idealtypische Dreierschema des Terrorismus einzuordnen.
Die Untersuchung stützt sich dabei hauptsächlich auf die aktuelle deutsche Literatur von Croitoru und Baumgarten, die sehr ausgewogene und gut recherchierte Darstellungen bieten. Zudem wurden Analysen der International Crisis Group ausgewertet, deren besonderer Wert in empirischen Daten und einer Vielzahl an Interviews - u.a. mit führenden Hamas-Mitgliedern - liegt.
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2. Theoretischer Rahmen und Begriffsklärung
2.1. Der Begriff des Terrorismus
Nicht erst seit den verheerenden Anschlägen auf das World Trade Center am 11.09.2001 und dem daraufhin ‒ von der US-Regierung ‒ ausgerufenen „war on terrorism“, gilt der Begriff des Terrorismus als ein „emotional besetztes Modethema“ 1 . Für eine sachliche Diskussion und eine nüchterne Analyse des Phänomens ist es aber geboten, „den Begriff von seinen Auswüchsen zu befreien und auf seinen wesentlichen Gehalt zu reduzieren.“ 2 Die Schwierigkeiten einer präzisen Bestimmung des Phänomens ergeben sich auch aus dem im Laufe der Zeit immer wieder veränderten Gebrauch des Wortes Terrorismus. 3 Bis heute steht eine, alle Spielarten und Ausprägungen dieses Phänomens, umfassende, einheitliche und konsensfähige Definition aus. 4
In Abgrenzung zu Aktivitäten und Gewalttaten, die vom organisierten Verbrechen oder Kriminellen, von randalierenden Mobs oder Irren ausgeht, ist Terrorismus zu allererst als politischer Begriff zu verstehen. 5 In der vorliegenden Arbeit werde ich mich an der Definition von Waldmann anlehnen:
Terrorismus sind planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund. Sie sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen. 6
In dieser Definition kommen die wichtigen Elemente des Terrorismus zum Ausdruck. Sie zielt zum einen auf den politischen Aspekt, das gewaltsame Vorgehen gegen eine politische Ordnung, ab und weist zum anderen, den Terrorismus als eine Gewaltstrategie relativ schwacher Gruppen aus, die einer direkten militärischen Konfrontation nicht gewachsen sind. 7 Für Waldmann stellt Terrorismus primär eine Kommunikationsstrategie dar, denn der Terrorist will ‒ im Gegensatz zum Guerillero ‒ nicht den Raum, sondern das Denken besetzen. 8
In der Terrorismusforschung wird heute mit einer dreiteiligen Typologie gearbeitet. Sie unterscheidet zwischen sozialrevolutionärem, ethnisch-separatistischem und religiösem
1 Waldmann, Peter, Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S. 9.
2 Ebd., S. 9.
3 Vgl. Hoffman, Bruce, Terrorismus - Der unerklärte Krieg. Neue Gefahren politischer Gewalt, Frankfurt am Main 2008, S. 50.
4 Vgl. Laqueur, Walter, Die globale Bedrohung. Neue Gefahren des Terrorismus, München 2001, S. 10.
5 Vgl. Hoffmann, Terrorismus - Der unerklärte Krieg, 2008, S. 22f.
6 Waldmann, Terrorismus, 1998, S. 10.
7 Ebd., S. 10f.
8 Vgl. Wördemann, Franz; zitiert nach Waldmann, Terrorismus, 1998, S. 17.
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Terrorismus. Diese stellen jedoch Idealtypen dar; der Übergang zwischen ihnen ist fließend. Auch im vorliegenden Fall der Hamas wird sich herausstellen, dass sich eine eindeutige Zuordnung als äußerst problematisch erweist.
2.1.1. Sozialrevolutionärer Terrorismus
Der sozialrevolutionäre Terrorismus hat seine Wurzeln im linksextremistischen Milieu, seine Ideologie setzt sich aus dem Gedankengut der anarchistischen und marxistischen Bewegungen zusammen. 9 Die sich daraus ergebende Zielsetzung umfasst das Streben nach einer revolutionären Veränderung der gesellschaftlichen und politischen Strukturen in Anlehnung an die Ideen Karl Marx„. 10 Zur gewaltsamen Überwindung des Systems motiviert werden sozialrevolutionäre Gruppen durch „eine perzipierte soziale oder ökonomische Schieflage, die auf systemkonformem Weg nicht zu beseitigen ist, da die Eliten des Systems eine qualitative Veränderung des Systems zu verhindern suchen.“ 11 Charakteristisch für den sozialrevolutionären Terrorismus ist die Hinwendung zu einer „als interessiert unterstellten Drittgruppe“ 12 , der die Terroristen meist selbst nicht angehören; es handelt sich somit um eine Art Stellvertreter-Terrorismus. Wobei die terroristisch agierenden Gruppierungen meist eine Avantgarde-Stellung für sich in Anspruch nehmen; sie verstehen sich als kämpfende Vorhut für die wirtschaftlich ausgebeuteten und politisch benachteiligten Massen. 13 In der sozialen Schichtherkunft zeigt sich ein weiteres Merkmal des sozialrevolutionär motivierten Terrorismus. In der Regel handelt es sich um Aktivisten die der akademischen Mittelschicht angehören; zudem spielen Frauen eine wichtige Rolle. 14 Aufgrund der beanspruchten Avantgarde-Rolle und dem defizitären Bezug zur Zielgruppe - nicht zuletzt wegen unterschiedlicher Unterdrückungsperzeption, sowie der Schichtunterschiede - agieren sozialrevolutionäre Gruppierungen meist in gesellschaftlicher Isolation und Marginalisierung. 15
Der sozialrevolutionäre Terrorismus ist somit „revolutionär“ im Bezug auf die angestrebte Überwindung der gesellschaftlichen Strukturen, und „sozial“, da es ihm um die Ver- besserungder materiellen Situation der benachteiligten Bevölkerungsschichten geht. 16
9 Vgl. Straßner, Alexander, Sozialrevolutionärer Terrorismus: Typologien und Erklärungsansätze, in: ders. [Hrsg.], Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theorie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien, Wiesbaden 2008, S. 20.
10 Vgl. Waldmann, Terrorismus, 1998, S. 76.
11 Straßner, Sozialrevolutionärer Terrorismus, 2008, S. 20.
12 Waldmann, Terrorismus, 1998, S. 86.
13 Vgl. Straßner, Sozialrevolutionärer Terrorismus, 2008, S. 22.
14 Vgl. Waldmann, Terrorismus, 1998, S. 87.
15 Vgl. ebd., S. 88f.
16 Vgl. Straßner, Sozialrevolutionärer Terrorismus, 2008, S. 22.
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In diese Kategorie fallen beispielsweise die militanten Organisationen, die sich in den 1970er Jahren in ganz Westeuropa bildeten, etwa die RAF in Deutschland, die Brigate Rossa in Italien oder die französische Action Directe. 17
2.1.2. Ethnisch-separatistischer Terrorismus
Im Gegensatz zu sozialrevolutionären Terroristen, identifizieren sich ethnischseparatistisch motivierte Organisationen nicht mit einer Drittgruppe, sondern mit ihrer eigenen ethnischen Gruppe, die sie als gefährdet betrachten. Für diese fordern sie Autonomie oder sogar die Gründung eines eigenen separaten Nationalstaates. 18 Der Befreiungskampf ethnischer Minderheiten wurde zwar oft auch mit linksextremen bzw. marxistischen Gedankengut angereichert, dies diente aber hauptsächlich der Integration in die einzelnen Gruppen. 19
Auch im Hinblick der Vermittelbarkeit der Zielsetzung und dem Rückhalt in der Bevölkerung zeigen sich deutliche Unterschiede zum sozialrevolutionär motivierten Terrorismus. So lassen sich die Ziele und Aktivitäten der separatistischen Terroristen deutlich leichter dem Zielpublikum klarmachen, da sie auf vertraute Kategorien und Konfliktlagen abzielen: Zentralstaat vs. Peripherie, ethnische Mehrheit vs. Minderheit. 20 Zudem stammen die ethnisch motivierten Terroristen mehrheitlich nicht aus der akademischen Mittelschicht, sondern sind eher der unteren Mittel- bis hin zur Unterschicht angehörig. Ihr Gefühl der ethnischen Unterdrückung wird von großen Teilen der eigenen Volksgruppe geteilt, und auch der Unabhängigkeitskampf wird meist zumindest gebilligt. 21 Ihren „Befreiungskampf“ interpretieren die ethnisch-separatistischen Terroristen als einen Krieg gegen den Zentralstaat, weshalb sich ihre Zielauswahl meist gegen das Militär und Polizei, als Repräsentanten der Zentralmacht, richtet. Beispiele für ethnisch-separatistisch motivierte Organisationen sind die IRA in Großbritannien und die ETA in Spanien.
2.1.3. Religiöser Terrorismus
Religiös motivierter Terrorismus stellt keineswegs ein neues Phänomen dar, seine Geschichte reicht mehr als 2000 Jahre zurück. Schon damals verübten religiöse Fanatiker Gewalttaten, die wir heute als „terroristisch“ bezeichnen würden. 22 Religiöse Komponenten finden sich zwar bei vielen terroristischen Gruppen in Vergangenheit und
17 Vgl. Townshend, Charles, Terrorismus. Eine kurze Einführung, Stuttgart 2005, S. 95-102.
18 Vgl. Waldmann, Terrorismus, 1998, S. 87.
19 Vgl. Straßner, Sozialrevolutionärer Terrorismus, 2008, S. 20.
20 Vgl. Waldmann, Terrorismus, 1998, S. 87.
21 Vgl. ebd., S. 87.
22 Vgl. ebd., S. 99.
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Dominik Christof, 2011, Hybrid Hamas? Zwischen Terrorismus und sozialer Fürsorge, München, GRIN Verlag GmbH
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Jenny Bednarek
Danke, sehr guter Überblick - kurz und prägnant, aber nicht zu kurz gefasst.
J.Bednarek
am Tuesday, October 11, 2011-