2. Kleidung und Mode in der Semiotik
2.1 Der Zeichencharakter von Kleidung und Mode
Die Sprache sowie die Kleidung und Mode sind jeweils kommunikative Systeme mit Hilfe derer wir uns verständigen. Auf der verbalen Ebene sind es die sprachlichen Zeichen, das geschrieben und gesprochene Wort, mit dem wir kommunizieren. Die Sprache der Kleider hingegen ist „ein nonverbales Kommunikationsmedium. Lesen und gelesen werden sind Handlungen in der Öffentlichkeit, auf der Straße, die dabei helfen, den enormen Informationsfluss zu verarbeiten.“ 1
So hilft uns die äußere Erscheinung und die Kleidung anderer, Menschen zu kategorisieren. Nicht im Sinne einer vorurteilsbehafteten Begegnung, sondern als Orientierungshilfe: Weil wir unser Gegenüber genau beobachten und auf seine Gestik, Mimik und seinen Körper achten, sehen wir vor allem auch die Kleidung. Wir versuchen, uns anhand der Kleidung eine Vorstellung von diesem Menschen zu machen, also beispielsweise etwas über sein Geschlecht, seine Nationalität und seinen gesellschaftlichen Status zu erfahren, um unser Verhalten darauf einzustellen. 2 Ein Kommunikationsprozess vollzieht sich also in jedem Fall, denn „die Kleidung wird als Zeichen konstruiert und evaluiert, auch wenn beides ohne Intention entsteht“ 3 .
Die vestimentäre Kommunikation ist allerdings multipel determiniert, das heißt dass sie auch durch extra-vestimentäre Zeichen beeinflusst wird wie Körperhaltung, Bewegungen oder Mimik. 4 Dieser sogenannte „symbolische Interaktivismus“ 5 beschreibt das kulturell geprägte menschliche Verhalten, welches uns ermöglicht Symbole zu verwenden und auf diese zu reagieren -vorausgesetzt es herrscht eine kulturelle Übereinkunft über ihre Bedeutung. Die Bedeutung dieser Symbole wird durch einen Prozess der Sozialisation erlernt. Da
1 Von Cossart, Axel: „(Anti-‐)Mode“, Köln, 1995, S.131
2 Flügel, J.C.: „Psychologie der Kleidung“, in: Bovenschen, Silvia (Hrsg.): „Die Listen der Mode“, S.208
3 Von Cossart, Axel: „(Anti-‐)Mode“, S.128
4 Vgl.: Baacke, Dieter; Dollase, Rainer; Dresing, Uschi; Volkmer, Ingrid: „Jugend und Mode“, Leverkusen, 1988, S.103
5 Ebd.: S.99
2
auch Kleidungsstücke Teil unserer symbolischen Datenbank sind, erlernen wir auch ihre Bedeutung und unsere Reaktion auf Dieselbigen 6 . Ferner erfüllt Kleidung für das Individuum vor allem drei Zwecke: Sie hat eine Schutzfunktion und bewahrt uns vor psychischen, physischen und in bestimmten Fällen auch vor moralischen Gefahren. Exemplarisch seien hier Mönchskutten anzuführen, die für ihren Träger einen metaphorischen Schutz vor den Verführungen und Versuchungen der sündhaften Welt darstellen und daher aus besonders festem, steifen und dunklem Material gefertigt sind. Kleidung schützt unsere Scham, sie verhindert die soziale wie sexuelle Zurschaustellung des Körpers. Vor allem aber dient Kleidung, um den menschlichen Körper zu schmücken. Es wird angenommen, dass das Verlangen, die sexuelle Attraktivität durch das Verschönern des Körpers zu steigern, die Einführung von Accessoires und Kleidung hervorgerufen hat und wir es jenem Urtrieb zu verdanken haben, dass sich das Tragen von Kleidung letztendlich in unserer Gesellschaft etabliert hat. 7
Hier zeigt sich die Ambivalenz der Bekleidung: Einerseits verdecken wir aus Scham die Körperteile, die von anderen nicht gesehen werden sollen, andererseits schmücken wir unseren Körper um die Blicke anderer auf uns zu ziehen. 8 Kleidung ist also ein Kompromiss, welcher grundsätzliche Tendenzen vereint. Demnach ist die Existenz von Kleidung sachlich begründet, da sie den menschlichen Bedürfnissen angepasst ist.
Die Mode erscheint hingegen unbegründet und überflüssig, dabei übt auch sie gewisse psychologische Reize auf uns aus. Der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel geht beispielsweise davon aus, dass es in unserer Gesellschaft zwei Gruppierungen von Menschen gibt: Diejenigen, die stets das Bleibende und die Fusion mit der Gemeinschaft suchen und die andere Gruppe, welche Individualität und Differenzierung anstrebt. 9
6 Vgl. Baacke, Dieter; Dollase, Rainer; Dresing, Uschi; Volkmer, Ingrid: „Jugend und Mode“, S.106
7 Vgl.: Flügel, J.C.: „Psychologie der Kleidung“, in: Bovenschen, Silvia (Hrsg.): „Die Listen der Mode“, S.210
8 Vgl. ebd.: S.213
Vgl.: Simmel, Georg: „Die Mode“, in: Bovenschen, Silvia (Hrsg.): „Die Listen der Mode“, S.181 3
Die Mode als solche ist dessen zufolge abermals der Versuch, die gegensätzlichen Bedürfnisse beider Gruppierungen zu befriedigen. Einerseits bietet sie soziale Anlehnung, da sie durch ihr Diktat dessen, was modisch ist, ein Muster zur Nachahmung vorgibt. Auf der anderen Seite bietet sie Abwechslung, da ihre Inhalte saisonal wechseln, und Differenzierung, wenn innerhalb der Mode eine soziale Klassifizierung möglich ist.
Ein anschauliches Exempel für diese Vereinbarung unterschiedlicher Bedürfnisse bieten Jugendgruppen, bzw. Subkulturen (Dieses Beispiel wird im weiteren Verlauf der Arbeit genauer erläutert). Innerhalb der Mode existiert also immer auch die Möglichkeit, ein bestimmtes Grad an Individualität innerhalb der modischen Kollektivität zu bewahren.
Der besondere Reiz der Mode ist jedoch ihre Verbindung von Neuheit und Vergänglichkeit, ihr ständiger Wechsel und ihre dagegen besonders ausgeprägte Gegenwärtigkeit.
Vergleicht man Mode nun mit der Sprache, können einige Parallelen aufgewiesen werden. Die Sprache und die Mode sind veränderlich, weil jeder immer und überall durch sie beeinflusst wird und dagegen auch auf sie Einfluss nimmt und sie somit abändert. Das sprachliche Zeichen wird umgestaltet, weil es sich immer mit der Zeit entwickelt, dabei aber auf Bestehendem aufbaut, nämlich jener sprachlichen Konvention, die das Ergebnis einer kollektiven Übereinkunft, bzw. einer natürlichen Entwicklung ist und derer wir uns als Sprecher nicht entziehen können. Das Vorherrschende bei jeder Modifizierung ist daher, dass die ursprüngliche Basis weiterhin besteht.
Die Mode ist in diesem Fall radikaler und endgültiger als die Sprache, es wird zwar auf einer Basis aufgebaut, also elementaren Kleidungsgegenständen wie einer Beinbedeckung oder einem Oberteil, doch die Mode und ihre Bedeutung unterläuft einem stetigen Wandel. Anders als die Sprache verleugnet die Mode ihre Erbschaft vergangener Mode. Jedes Jahr, bzw. jede Saison wird sie von einigen wenigen Designern neu erschaffen, ihre Zeichen und ihre Lexik sind jedes Jahr neu. 10 Eine Veränderung des Zeichens führt auch immer zu einer Verschiebung der Beziehung zwischen Vorstellung und Bezeichnung.
10 Vgl.: Barthes, Roland: „Die Sprache der Mode“, Frankfurt am Main, 1985, S. 221 4
Schließlich sei festgestellt, dass die sprachlichen wie auch die vestimentären Zeichen arbiträr sind. Die Beziehungen zwischen ihren Signifikaten und Signifikanten 11 beruhen auf keiner naturgegebenen Bestimmung, sie richten sich nach keinerlei natürlichen Logik, sondern sind durch gesellschaftliche Übereinkünfte entstanden.
2.2 Roland Barthes: Die Sprache der Mode
„Sobald man über ein paar rudimentäre Zeichen (…) hinausgeht, sieht man, dass die Kleidung - will sie bedeuten- nicht auf ein Sprechen verzichten kann, das sie beschreibt, kommentiert und mit Signifikanten und Signifikaten reichlich versieht, um ein echtes Sinnsystem zu bilden.“ 12
Diese Aussage traf der Philosoph Roland Barthes in seiner Schrift über die Sprache der Mode. Barthes hat den Versuch unternommen, das System der Kleidung und Mode anhand der von Ferdinand de Saussure definierten und geprägten sprachwissenschaftlichen Therme zu klassifizieren. Als Grundlage seiner Untersuchung hat er die „geschriebene Kleidung“ in verschiedenen Modemagazine für Frauen analysiert. Er unterscheidet folglich bei der Kleidung zwischen drei Strukturen: Die geschriebene Kleidung, welche durch ihre verbale Struktur die Kleidung in Sprache transformiert und in Form von Beschreibungen in Modemagazinen erscheint. Des Weiteren wird die abgebildete Kleidung kategorisiert, welche als Photographie oder Zeichnung die Eigenschaften der Kleidung darstellt und daher über eine ikonische Struktur verfügt. Als dritte Stufung gilt die reale Kleidung und ihre technische Struktur, die der geschriebenen und abgebildeten Kleidung als Modell dient. Die Verbreitung von Mode beruht auf einer Umwandlung jener verschiedenen Strukturen. Die Modezeitschrift dient als ein Operator, welcher eine Übertragung der ikonischen auf die verbale Struktur vornimmt, da sie gleichzeitig Kleidung
11 Die Begriffe des Signifikats und des Signifikants sind zurückzuführen auf die Zeichenlehre von Ferdinand de Saussure (Vgl.: De Saussure, Ferdinand: „Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft“, Berlin, 1967, S.9-‐21, 76-‐93, 132-‐146)
12 Barthes, Roland: „Die Sprache der Mode“, S.9 5
Arbeit zitieren:
Marie Beckmann, 2011, Zeichenfelder: Kleidung und Mode, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe: Zeichenfelder: Kleidung und Mode ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe: neuer Titel erschienen: Zeichenfelder: Kleidung und Mode
Marie Beckmann hat einen neuen Text hochgeladen
Fashion and Clothing in Late Medieval Europe - Mode und Kleidung im Eu...
Regula Schorta, Rainer Christoph Schwinges
Punk is Dead: Punk is Everything!
Raw Mater al from the Martyred...
Bryan Ray Turcotte, Doug Woods
0 Kommentare