II. Die Lebensaufgabe der Frau
1. Effi Briest:
1.1. Effi als Mutter und Gattin
1.2. Instetten als Geldverdiener und Erzieher
2. Die Verwandlung (1912):
2.1. Veränderung der Schwester
2.2. Selbständigkeit, Ergreifen eines Berufs - Sorgen für die Familie
3. Gruppenbild mit Dame (1971):
3.1. Idealbild der Frau - auf Äußeres reduziert
3.2. Selbständigkeit durch Beruf
III. Die Frau in der Gesellschaft
1. Effi Briest:
1.1. Ausschluss aus der Gesellschaft nach Scheidung
1.2. Verstoß aus der Familie - Fernhalten des Kindes
2. Fräulein Else
3. Gruppenbild mit Dame:
3.1. Gesellschaftliche Verachtung durch verschiedene Beziehungen zu
M ännern
3.2. Vereinzelte Auflehnungen gegen gesellschaftliche Ordnung
IV. Synthese - Ergebnis - Zusammenfassung
C. Schluss
R ückschluss: „Spiegelt“ die dt Literatur die gesellschaftliche Entwicklung der Frau wider?
1. Einleitung
„Frauen erhebt euch, und die Welt erlebt euch“ 1 lautete die Parole der Frauenbewegung um 1970. Nennenswerte Erfolge der Bewegung waren, die rechtliche Scheidungsmöglichkeit seitens der Frau und die Entkriminalisierung der Abtreibung.
Bis Frauen diese Rechte errungen hatten, war eine lange Zeit mit Kampf um die Gleichstellung zwischen Mann und Frau vergangen, obwohl diese Gleichberechtigung bereits 1950 Einzug in das Grundgesetz gehalten hatte.
Der Begriff „Emanzipation“ stammt aus dem römischen Recht und bezeichnet die Entlassung aus der Vormundschaft. Der Sohn trat damals aus der väterlichen Autorität. Für die Tochter der damaligen Zeit gab es keine Möglichkeit sich der Vormundschaft des Vaters zu entziehen - außer durch eine Heirat, in welcher sie dann in die führende Hand des ihr angeheirateten Mannes überging. Die Abhängigkeit der Frauen von den Männern - rechtlich, ökonomisch und lebenspraktisch - war total. 2
Während des ersten Weltkriegs organisierten die Frauen in Deutschland das Leben. Sie entdeckten ihren eigenen Wert und ihre wirtschaftliche Kompetenz. Aus diesem Emanzipationsprozess heraus, entwickelten sich Bewegungen, welche das Ziel der Einführung des Frauenwahlrechts am 12. November 1918, sowie das Recht auf Bildung und Arbeit für Frauen erreichten. Nach Ende des Krieges kehrten die Väter und Familienoberhäupter, die vielfach von der Front nach Hause kamen, wieder in ihre angestammten Positionen zurück, was die Eigenständigkeit und die gewonnene Entscheidungsfreiheit der Frauen einschränkte.
Im Laufe des zweiten Weltkrieges dann, standen die Frauen an der Heimatfront, sorgten für den Nachschub - auch an Waffen, kümmerten sich um die Kinder - die neuen Krieger des Landes -oder waren als Sanitäter und Funkerinnen direkt am Krieg beteiligt. Aus dieser zweiten Probe auf ihre wirtschaftliche Kompetenz entwickelten sie Forderungen und begannen die Emanzipationsbewegung der 20er Jahre wieder aufzunehmen.
Als „Trümmerfrauen“ wurde die weibliche Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg unentbehrlich. Das Zurückfallen der Frauen in biedere Konventionen in den 50er Jahren, hatte zur Folge dass keine Gleichstellung der Frauen in Kultur, Wirtschaft und Politik herrschte. Mit Erfindung der Pille, dem Scheidungsrecht und der Legalisierung der Abtreibung ist die Emanzipationsbewegung der 70er Jahre einen entscheidenden Schritt weiter gekommen.
Es stellt sich schließlich die Frage, ob diese gesellschaftlichen Veränderungen sich auch in der deutschen Literatur widerspiegeln. Um das zu klären werden im Folgenden mehrere literarische
1 Barbara Sichtermann: Kurze Geschichte der Frauenemanzipation. Berlin 2009. S. 159
2 vgl. Barbara Sichtermann: Kurze Geschichte der Frauenemanzipation. Berlin 2009. S.7f
Werke verschiedener deutscher Epochen, vom Realismus bis zur Nachkriegszeit, zur Untersuchung herangezogen. Durch das Betrachten mehrerer Frauencharaktere in unterschiedlichen literarischen Zeitabschnitten, kann ein Bild der Frau und deren Rolle in der Gesellschaft konstruiert werden. Dabei liegt das Hauptaugenmerk ausschließlich auf den ausgewählten Werken und der Rolle, die die Frau in diesen Werken spielt. Besonders hervorgehoben werden dabei, die Rolle der Frau in der Partnerschaft, ihre Lebensaufgabe und die Betrachtung der Frau im gesellschaftlichen Kontext.
2. Der Wandel des Frauenbildes in der deutschsprachigen Literatur vom Realismus bis zur Nachkriegszeit
2.1. Die Frau in der Partnerschaft
2.1.1. Die Wahl des (Ehe-)Partners
Das im Realismus, also im späten 19.Jahrhundert, entstandene Werk „Effi Briest“ von Theodor Fontane beschreibt das Frauenbild des 19. Jahrhunderts anhand der Protagonistin, Effi, aus verschiedenen Blickwinkeln sehr treffend. Vorerst wird jedoch das Hauptaugenmerk auf die Rolle der Frau in der Partnerschaft gelegt.
Das Werk beginnt mit der „Verheiratung“ der 17-jährigen Effi an den einundzwanzig Jahre älteren Baron Instetten. Dieser ist der ehemalige Bewerber um die Hand ihrer Mutter, die ihrerseits die vorteilhafte Heirat mit Herrn Briest ihrer Liebe zu Instetten vorzog. Sie selbst handelte ganz nach dem Vorbild der Konventionsehe und nutzte die gesellschaftlichen Vorteile einer Eheschließung mit Effis Vater. Mit Effis Verheiratung befolgen die Eltern die gesellschaftlichen Traditionen des 19. Jahrhunderts. Effis Eltern haben über die Jahre hinweg ihre eigene, arrangierte Ehe akzeptiert. Es ist ihnen gelungen, die positiven Ergebnisse dieser Verbindung zu sehen und dadurch die ehemaligen, jugendlichen Bedürfnisse auszublenden. Durch diese kritiklose Akzeptanz tradierter Normen stellen sie das Naturell ihrer Tochter und damit deren Wünsche und Sehnsüchte bei der Wahl des Partners in den Hintergrund. Effi, die in ihrer Jugend ungezügelt und aufsässig war, wird nach dem Vorbild der Standesehe mit einem „Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten“ 3 verheiratet. 4
Einerseits steigert die Vermählung das gesellschaftliche ansehen der Familie und andererseits sieht Frau von Briest ihre eigene, jugendliche Sehnsucht nach Baron Instettens Liebe in ihrer Tochter
3 Theodor Fontane: Effi Briest. Paderborn 2009. S. 19
4 vgl. http://www.phil-fak.uni-
duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/Germanistik/AbteilungIV/Schriftlichkeit/Bilder/Schreibschule/Essays/Essa y_Holm.pdf
erfüllt. Dieses nur allzu einseitige Anliegen wird unter dem Deckmantel der Fürsorge, zum angeblichen Wohl ihres Kindes befriedigt.
Die Tatsache, dass sich Effi ihren Partner nicht selbst wählen kann, lässt darauf schließen, dass Liebe in dieser Beziehung eine nachrangige Rolle spielt. Tatsächlich führen die Partner im Verlauf des Werkes eine einsame und lieblose Ehe. Denn Instetten war ein „Mann der Pflicht, Ehre und Prinzipien“ 5 und hatte aufgrund seines Karriereanspruchs 6 nur wenig Zeit für Effi. Hauptgründe einer Vermählung in der gehobenen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts waren Prestige, Tradition und eine angemessene Lebensversorgung. Eine Heirat aus Liebe gab es eher selten, so sagt Effi selbst „Jeder ist der Richtige. Natürlich muss er von Adel sein und eine Stellung haben und gut aussehen“ 7 .
Das gesellschaftliche Ansehen und die Entscheidung des Mannes, sowie der Eltern sind für Effis Ehe ausschlaggebend. Eine andere Wahl als Geert Instetten zu heiraten bleibt ihr nach der Aussage ihrer Mutter nicht: „… und wenn du nicht nein sagst, was ich von meiner klugen Effi kaum denken kann, so stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen.“
Ein weiteres Werk, anhand dessen man die Rolle der Frau in der Partnerschaft charakterisieren kann, stellt Arthur Schnitzlers Traumnovelle dar. Die Novelle erschien 30 Jahre nach Theodor Fontanes Roman im Jahr 1926 und beschreibt das scheinbar glückliche Eheleben der Protagonisten Fridolin und Albertine.
Die Eheleute leben in bürgerlichen Verhältnissen mit einer traditionellen Rollenverteilung. Fridolin ist als angesehener Arzt der Ernährer der Familie, wohingegen sich Albertine um Kind und Haushalt kümmert.
Zu Beginn des Werkes führen die Eheleute ein Gespräch, indem, Albertine ihren Mann neckt, während Fridolin nicht bemerkt, dass sie die Geschichte erzählt, wie es zur Eheschließung zwischen ihnen beiden kam.
„[…] und doch […] lag es nicht an mir, dass ich noch jungfräulich deine Gattin wurde. […] Es war am Wörthersee, ganz kurz vor unserer Verlobung, Fridolin, da stand an einem schönen Sommerabend ein sehr hübscher junger Mensch an meinem Fenster […]wir plauderten miteinander, und ich dachte im Laufe dieser Unterhaltung, ja höre nur, was ich dachte: Was ist das doch für ein lieber, entzückender, junger Mensch - er müsste jetzt nur ein Wort sprechen, freilich, das richtige müsste es sein, […] und er könnte von mir in dieser Nacht alles haben, was er nur verlangte. Ja, das dachte ich mir. - Aber er sprach das Wort nicht aus, der entzückende junge Mensch; er küsste nur zart meine Hand, - und am Morgen darauf fragte er mich - ob ich seine Frau werden wollte. Und ich sagte ja.“
5 Theodor Fontane: Effi Briest. Paderborn 2009. S. 39
6 vgl. Theodor Fontane: Effi Briest. Paderborn 2009. S. 14
7 Theodor Fontane: Effi Briest. Paderborn 2009. S. 22
„[…]Ein anderer, wer immer es gewesen wäre, er hätte sagen können, was er wollte - es hätte ihm wenig geholfen. Und wärst nicht du es gewesen, der vor dem Fenster stand, - sie lächelte zu ihm auf - dann wäre wohl auch der Sommerabend nicht so schön gewesen“ 8 .
Aus diesem Geständnis Albertines geht hervor, dass die Ehe mit Fridolin auf gegenseitiger Anziehung basiert. Albertine hatte die Möglichkeit, ihren Ehepartner selbst zu bestimmen, auch wenn sie dieser nicht bedurfte, da der erste Bewerber um ihre Hand aus ihren Augen der Richtige war. 9
In diesem Beispiel werden bereits Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur erkennbar, die zu einer Entscheidungsbefugnis der Frau, bei der Partnerwahl führen. Zwar ist die Rolle Albertines eindeutig als Ehefrau und Mutter festgelegt, denn die „Hausfrau- und Mutterpflichten ließen Albertine kaum länger ruhen“ 10 , außerdem zeigt sich Albertine bei gesellschaftlichen Ereignissen an der Seite ihres Mannes 11 . Allerdings ist die Grundlage der Ehe von Beginn an, die tiefe Verbundenheit zueinander, die auch nach Jahren noch besteht: So treffen sich die Hände der Eltern „auf der geliebten Stirn, und mit zärtlichem Lächeln, das nun nicht mehr dem Kind allein galt, begegneten sich ihre Blicke“ 12 .
Für den Blick auf ein modernes Frauenbild, wird das in der Nachkriegszeit, im Jahr 1963, entstandene Werk Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ herangezogen. Anhand des Charakters der Marie Derkum kann das Bild der Frau in der Nachkriegszeit konstruiert werden. Hierbei ist zu sagen, dass Marie ausschließlich durch die Erinnerungen des Protagonisten Hans Schnier und durch dessen Beschreibungen charakterisiert wird.
Die Liebesbeziehung, die tragender Bestandteil des Romans ist, gestaltet Heinrich Böll keineswegs unproblematisch. Das Werk eignet sich, ein Frauenbild der Nachkriegsliteratur zu gestalten. Die Beziehung zwischen Hans Schnier, einem Clown, und Marie Derkum spiegelt das soziale Gefüge der 60er Jahre wider.
Obwohl die Beziehung zwischen den Hauptfiguren später scheitern wird, lassen sich in der Struktur ihres Zusammenlebens, bereits wesentliche Unterschiede zu den Rollenbildern der Frau in früheren Zeiten feststellen.
So beginnt die Beziehung, indem Marie sich Hans hingibt, „als er einfach auf ihr Zimmer ging, um mit ihr die Sache zu tun, die Mann und Frau miteinander tun“ 13 . Wobei Hans aktiv handelt, denn er
8 Arthur Schnitzler: Traumnovelle. München 2004. S. 12
9 Grobe, Horst: Interpretation zu Arthur Schnitzler. Traumnovelle. Hollfeld 2009. S. 55f
10 Arthur Schnitzler: Traumnovelle. München 2004. S. 6
11 vgl. Arthur Schnitzler: Traumnovelle. München 2004. S. 5f
12 Arthur Schnitzler: Traumnovelle. München 2004. S. 5
13 Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns S. 39
Arbeit zitieren:
Romina Kynast, 2010, Der Wandel des Frauenbildes in der deutschsprachigen Literatur vom Realismus bis zur Nachkriegszeit, München, GRIN Verlag GmbH
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