Inhaltsverzeichnis 2
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
Abbildungsverzeichnis 4
Abk ürzungsverzeichnis 5
1 Einführung in die Problemstellung 6
1.1 Zielsetzung der Arbeit 6
1.2 Aufbau der Arbeit 7
2 Geschichte des Jakobswegs 8
2.1 Entstehung des Mythos. 8
2.1.1 Jakobus der Ältere 8
2.1.2 Das Grab des Jakobus. 9
2.1.3 Jakobus der Maurentöter 10
2.2 Pilgerbewegung nach Santiago de Compostela 12
2.2.1 Aufschwung und Blütezeit im Mittelalter 12
2.2.2 Motive Mittelalterlicher Jakobspilger 13
2.2.3 Rückgang der Pilgerbewegung 14
2.2.4 Renaissance in der Neuzeit 15
2.3 Wegenetz des Jakobswegs 18
2.4 Infrastruktur auf dem Camino Francés. 20
2.5 Pilgerausweis und Pilgerurkunde. 21
2.6 Symbole und Rituale 22
3 Pilgern in den Weltreligionen und im Christentum. 23
3.1 Begrifflichkeit des Pilgerns 23
3.2 Pilgern und Wallfahrten als globales Phänomen 23
3.3 Pilgern im Judentum 24
3.4 Christliches Pilgerverständnis im neuen Testament 25
3.5 Pilgern im Christentum. 25
3.6 Pilgermotive heute 26
4 Religiöse und spirituelle Weltanschauungen. 28
4.1 Religionszugehörigkeit weltweit 28
4.2 Religionszugehörigkeit in Deutschland 28
4.3 Religiosität in Deutschland. 29
4.3.1 Studie Religionsmonitor’ der Bertelsmann Stiftung 29
4.3.2 Zentralität der Religion 30
4.3.3 Intellektuelle Dimension der Religiosität 31
Inhaltsverzeichnis 3
4.3.4 Religiosität nach Altersgruppen 32
4.3.5 Bedeutung der Religion für Lebensbereiche und Alltagsrelevanz 34
4.3.6 Fazit des Religionsmonitors 34
4.4 Säkularisierungs- und Individualisierungsthesen 34
4.5 Religiöser Pluralismus. 37
4.6 Post-Säkularismus 39
4.7 Sinnsuche und Schlüsselerlebnisse. 39
4.8 Soziale Milieus 40
4.9 Profilgruppen religiöser Orientierung im Verhältnis zur jeweiligen Kirche. 44
5 Analyse: Hans-Peter Kerkeling - „Ich bin dann mal weg“ 47
5.1 Motivation. 48
5.2 Gemeinschaft 49
5.3 Pilgertraditionen 51
5.4 Suche nach Gott 51
5.5 Innere Wandlung. 53
6 Auswertung zweier empirischer Erhebungen 56
6.1 Datenherkunft. 56
6.2 Religiosität. 57
6.3 Sinnsuche und Identitätsfindung 59
7 Zusammenfassung und Ausblick. 62
Literaturverzeichnis 64
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Anzahl der jährlich anbekommenden Pilger in Santiago de Compostela
Abb. 2: Herkunftsländer der Pilger in Santiago de Compostela
Abb. 3: Verlauf der traditionellen Routen des Jakobswegs.
Abb. 4: Pilgerurkunde aus Santiago de Compostela aus dem Jahr 2008.
Abb. 5: Religionszugehörigkeit in Deutschland 2010
Abb. 6: Religiosität in Deutschland
Abb. 7: Intensität der intellektuellen Dimension der Religiosität.
Abb. 8: Zentralität der Religiosität nach Altersgruppen
Abb. 9: Sinus-Milieus in Deutschland 2005.
Abb. 10: Pilgermotive laut Pilgerbüro in Santiago 2011.
Abb. 11: Motive von Jakobspilgern
Abb. 12: Pilgern als Suche nach Gott / dem Selbst.
Abb. 13: Bedeutung bestimmter Begriffe im Zusammenhang mit dem
Jakobsweg
Abkürzungsverzeichnis 5
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung
Anm. Anmerkung
ebd. ebenda
hl. heiliger
Hrsg. Herausgeber
Jh Evangelium nach Johannes
Jh. Jahrhundert
km Kilometer
Lk Evangelium nach Lukas
Mk Evangelium nach Markus
Mrd. Milliarden
Mt Evangelium nach Matthäus
span. spanisch
UNESCO Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur
Vgl. vergleiche
vs. versus
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Bezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.
1 Einführung in die Problemstellung 6
1 Einführung in die Problemstellung
1.1 Zielsetzung der Arbeit
„Ich bin dann mal weg“ 1
Hans-Peter Kerkeling
Nicht erst seit Hans-Peter Kerkelings Bestseller ‚Ich bin dann mal weg’ aus dem Jahre 2006 ist der Camino de Santiago, beziehungsweise der Jakobsweg, in den Köpfen der Menschen präsent. Mit der Erscheinung des Titels ‚Auf dem Jakobsweg - Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela’ des lateinamerikanischen Schriftstellers Paolo Coelho im Jahre 1987 begann eine Welle von Erzählungen, Romanen und Sachbüchern, die sich mit der Aufarbeitung dieses Pilgerweges in Nordspanien beschäftigen. Auch in TV-Dokumentationen ist und war der Jakobsweg immer öfter ein Thema. Die Bandbreite reicht dabei von Formaten, die sich mit geschichtlichen Hintergründen, Landschaftsaufnahmen oder Pilgermotiven beschäftigen bis hin zu Reality-shows wie ‚Das große Promipilgern’, die der Sender Pro7 im Oktober 2007 erstmals ausstrahlte. Dass es die Thematisierung des Jakobswegs bis ins fragwürdige Unterhaltungsprogramm des Privatfernsehens geschafft hat, zeigt die große Popularität, die dieser alte Pilgerweg aktuell hat.
Parallel zur Popularität nimmt auch die Anzahl der Pilger, die in Santiago de Compostela ankommen, stetig zu. Obwohl es auf den ersten Blick sehr widersprüchlich erscheint , dass sich in der heutigen modernen und schnelllebigen Welt, die von rückgängiger Teilnahme an traditionellen religiösen Angeboten geprägt ist, so viele Leute auf eine langwierige und traditionsreiche Pilgerfahrt machen, stehen hinter diesen Pilgerreisen eine Vielzahl an persönlichen Hintergründen, Weltanschauungen und Motiven. Das Phänomen der Renaissance des Pilgerns und die individuelle Bedeutung, die Menschen einer solchen Pilgerreise auf dem Jakobsweg geben, zu erkennen, analysieren und zu verstehen, ist Ziel dieser Arbeit. Von besonderem Interesse ist hierbei, ob die Renaissance des Pilgerwesens die gegenwärtige religiöse Situation und Entwicklung in Deutschland widerspiegelt.
1 Kerkeling 2006.
1 Einführung in die Problemstellung 7
1.2 Aufbau der Arbeit
Im zweiten Kapitel werden die wichtigsten Mythen und Legenden um den Jakobskult geschildert, eine zeitliche und geschichtliche Einordnung vorgenommen und einige Fakten zum Pilgerweg und dem Pilgerziel ‚Santiago de Compostela’ gegeben. Dies dient dazu, den Einstieg in die Thematik zu erleichtern und ein Basiswissen über den Jakobsweg herauszuarbeiten. Um dem Leser die aktuellen Gegebenheiten des Jakobsweges näher zu bringen, wird zudem das Wegenetz der Jakobswege vorgestellt, die gesamte Infrastruktur auf die ein Pilger im 21. Jahrhundert zurückgreifen kann aufgezeigt und auf weitere Rahmenbedingungen des Jakobswegs, die als Grundwissen dienen sollen, eingegangen.
Im dritten Kapitel wird die Herkunft des Pilgerwesens im Christentum, aber auch in anderen Religionen dargestellt und das Pilgerwesen als religiöse Praxis mit langer Tradition kurz umrissen.
Das vierte Kapitel befasst sich ausführlich mit verschieden Aspekten der religiösen Situation und Entwicklung in Deutschland. Dabei wird auf eine groß angelegte empirische Studie zurückgegriffen, aber auch die aktuellen Thesen der führenden Religionssoziologen und -philosophen vorgestellt und diskutiert. Dies stellt die Grundlage für einen Vergleich der Motive von Jakobspilgern dar.
Im fünften Kapitel wird der Bestseller ‚Ich bin dann mal weg’ von Hans Peter Kerkeling ausführlich auf verschiede Aspekte der spirituellen Orientierung von Jakobspilgern, sowie deren Motive untersucht und mit den Ergebnissen des vorherigen Kapitels verglichen.
Im sechsten Kapitel werden die Ergebnisse zweier empirischer Untersuchungen zu Motiven und Einstellungen von Jakobspilgern den religionssoziologischen Ergebnissen aus Kapitel fünf gegenübergestellt. Dabei werden Gemeinsamkeiten, welche die religiöse Situation in Deutschland widerspiegeln, aber auch Unterschiede und Eigenheiten des Phänomens Pilgern auf dem Jakobsweg herausgearbeitet.
Im siebten Kapitel werden die Ergebnisse kurz zusammengefasst und ein Ausblick auf die weitere mögliche wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet gegeben.
2 Geschichte des Jakobswegs 8
2 Geschichte des Jakobswegs
Um die Bedeutung des Jakobswegs, der heute auch als ‚Kulturstraße Europas’ propagiert wird, zu verstehen, werden hier die wichtigsten Fakten, Mythen und historischen Begebenheiten des Jakobswegs zusammengefasst.
2.1 Entstehung des Mythos
Über den hl. Jakobus, dessen Gebeine in Santiago begraben sein sollen, bildeten sich im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Geschichten und Mythen. Im Folgenden werden die wichtigsten Legenden vorgestellt und dem Leser näher gebracht wie sich im geschichtlichen und politischen Kontext aus einem Jünger Jesu das Bild des kriegerischen Maurentöters entwickeln konnte.
2.1.1 Jakobus der Ältere
Alle Mythen und Erzählungen bezüglich des Jakobswegs gehen auf Jakobus den Älteren, Sohn des Zebedäus und Salomone zurück, der wie sein Bruder Johannes, einer der Apostel Jesus von Nazareths war. 2 Ebenso wie Petrus wird er als Begleiter Jesu, wie beispielsweise bei der Verklärung auf dem Berg Tabor oder kurz vor der Kreuzigung, oft hervorgehoben. 3 Als Leiter der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem wurde er unter Herodes Aggripa I. im Jahr 44 nach Christus mit dem Schwert hingerichtet und starb damit den Märtyrertod im damaligen Palästina und nicht im heutigen Spanien. 4 Die Tatsache, dass Jakobus der Ältere als Erster der Jünger Jesu einen Märtyrertod starb, kann als Zeichen gewertet werden, dass er bis zu seinem Tod unermüdlich die für die Obrigkeit unbequeme Botschaft Jesu Christus verbreitete. Von einer, wie die Legenden berichten, zwischenzeitlichen Missionstätigkeit auf der Hispanischen Halbinsel, finden sich jedoch weder stichhaltige biblische noch außerbiblische Anhaltspunkte. 5 Mit einer geplanten Missionstätigkeit in Spanien wird in der Bibel nur Paulus im ersten Römerbrief in Verbindung gebracht. 6
2 Vgl. Sachs/Badstüber/Neumann 1996, S. 192.
3 Vgl. Mt 4,21-22; 10,1-4; 17,1ff.; 26,36 und Mk 35-42.
4 Vgl. Apostelgeschichte 12,1-2.
5 Vgl. Herbers 2001, S. 12ff.
6 Vgl. 1 Röm 15, 22-24.
2 Geschichte des Jakobswegs 9
Eine spanische Jakobustradition auf biblischer Grundlage kann daher ausgeschlossen werden.
2.1.2 Das Grab des Jakobus
Bereits um die Frage, wie die Reliquien des Jakobus nach Galizien kamen, gibt es unterschiedliche Erzählungen. Diese reichen von der Theorie, dass die Gebeine über das Meer in Galizien an den Strand gespült wurden, bis hin zum am weitesten verbreiteten Mythos, der besagt, dass sein Leichnam mit einem Schiff nach Compostela gebracht worden sein soll. Laut dieser Legende wurden die sterblichen Überreste des Jakobus von seinen Anhängern in einer siebentägigen Reise nach Iria Flavia, dem heutigen El Padrón, an der galizischen Westküste verschifft und anschließend, nach Überwinden anfänglicher Widerstände heidnischer Einwohner, bei Compostela begraben. Jedoch soll das Grab aufgrund der heidnischen Bevölkerung in Nordspanien bald in Vergessenheit geraten sein und erst von einem Eremiten Namens Pelagius wiederentdeckt worden sein, indem er von Engeln und von einem Sternenlicht am Himmel auf dieses hingewiesen wurde. In Anlehnung an diese Legende erhielt die Stadt Santiago später auch ihren Beinahmen Compostela, was Sternenfeld bedeutet. 7 Daraufhin erschien Karl dem Großen im 8. Jh. n. Chr. im Traum Jakobus und er erhielt von diesem den Auftrag, Nordspanien und das Grab des Apostels von den Mauren zu ‚befreien’. 8
In der modernen Forschung hält jedoch kaum eine der Grabesthesen ernsthafter Überprüfung stand. Sowohl der Versuch durch umfassende archäologische Ausgrabungen 1879 und 1946-1959 neue Erkenntnisse über das Jakobusgrab zu bekommen, als auch die detaillierte Auswertung historischer Aufzeichnungen, lassen eher den Schluss zu, dass man gezielt nach einem Jakobusgrab suchte, um dies auf bereits bestehende volkstümliche Legenden einer Mission von Jakobus auf der iberischen Halbinsel zu beziehen. Dies geschah vor allem um die Legenden für machtpolitische Ziele zu nutzen. 9
7 Vgl. Kastner 2007, S. 279.
8 Vgl. Herbers 2001, S. 13.
9 Vgl. Bottineau 1987, S. 35f.
2 Geschichte des Jakobswegs 10
2.1.3 Jakobus der Maurentöter
Nach Einfall der Mauren, einem nordafrikanischen muslimischen Berberstamm, 711 n. Chr., konnten diese innerhalb weniger Jahre das gesamte christliche Westgotenreich im heutigen Spanien, bis auf das nördliche Gebiet der asturischen Berge, unter Ihre Herrschaft bringen. So wurde von Asturien, und im Speziellen von dessen Hauptstadt Oviedo, die Aufgaben übernommen, die bisher das nun besetzte kulturelle Zentrum der Iberischen Halbinsel Toledo wahrgenommen hatte. Ausgehend von Oviedo entstand auch die Bewegung, das Kulturerbe der Westgotenzeit wieder herzustellen und gleichzeitig dem geistigen Zentrum Toledos mit etwas Neuem entgegenzutreten. Um der Widerstandsbewegung und der darauf folgenden Reconquista (span. ‚Rückeroberung’) eine Identifikationsfigur zu geben lag es nahe, sich den bereits bestehenden Legenden um eine Missionstätigkeit Jakobus` in Spanien zu bedienen und diese mit der Auffindung eines Grabes in Bezug zu setzten. So wurden bald auch Schlachtensiege der Reconquista, wie die Schlacht von Clavijo 844, der Hilfe von Jakobus zugeschrieben und dieser als Fürsprecher und Schutzpatron eingesetzt. 10 Durch diese ‚Hilfeleistungen’ erhielt der hl. Jakobus auch den Beinahmen ‚der Maurentöter’ (span. Matamoros). In der Kunst wird er seither oft hoch zu Ross und mit Schwert dargestellt. 11 Obwohl Jakobus für die Bevölkerung vor allem die eben genannte Rolle einnahm und als Identifikationsfigur gegen die muslimischen Eroberer diente, soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass dieser auch von den nördlichen Reichen als Rechtfertigung benutzt wurde, um in der neu zu schaffenden Ordnung während und nach der Reconquista politischen und kirchenpolitischen Einfluss innerhalb der christlichen Reiche sicherzustellen. 12
Für die Christen der heutigen Zeit stellt sich natürlich die Frage, wie ein Apostel und damit Anhänger Jesu, der ja radikal für das Prinzip der Nächsten- aber auch Feindesliebe eintritt, als Symbol der Gewalt und Macht instrumentalisiert werden konnte. Im Mittelalter galten Jesus und seine Anhänger als besondere Kraftmenschen, da diese dem Tod und Leiden erhaben waren und so „zur Legitimation menschlicher Führungsansprüche“ 13 instrumentalisiert werden konnten. Diese mittelalterliche Interpretation kann nur mit dem Hintergrund der damaligen Weltordnung verstanden werden. Mit Karl dem Großen, der als ‚König von Gottes Gnaden’ bezeichnet wurde,
10 Vgl. Herbers 2001, S. 16ff.
11 Vgl. Höllhuber/Schäfke 2000, S.12, S. 209.
12 Vgl. Herbers 2006, S. 19f.
2 Geschichte des Jakobswegs 11
vermischten sich im Reich die Aufgaben von Staat und Kirche. Während die geführten Kriege zur Ausbreitung des Christentums führten und sich positiv auch auf die Interessen des Klerus auswirkten, war die Kirche andererseits vollzieht schon allein durch die Verstrickung von Klerikern in die fürstlichen Herrschaftsverhältnisse auch zur Teilnahme an Kriegshandlungen verpflichtet. 14 Verknüpft mit der damaligen christlichen Kriegsethik, berufend auf Augustinus und seine Vorstellung vom ‚Gerechten Krieg’, konnte der Apostel Jakobus ohne Probleme als Maurentöter eingesetzt werden. 15
Auch wenn heutige Pilger auf dem Jakobsweg wohl kaum noch nach Santiago de Compostela pilgern um den Apostel als Kriegstreiber zu verehren und Vielen sogar die Historie gar nicht bekannt oder deren Ausmaß nicht bewusst ist, gibt es dennoch Stimmen, die den Jakobsweg als modernen Pilgerweg ablehnen. Für den Philosophen und Soziologen Roland Girtler kann auch das heutige Jakobspilgertum nicht ohne die Aspekte der Reconquista gesehen und verstanden werden, sondern ausschließlich als kämpferisches und grausames Machtsymbol. Diese Sichtweise schließt für Girtler kategorisch aus, aus welchen anderen Beweggründen auch immer, den Jakobsweg zu pilgern. 16 Simon kommentiert diese Auffassung sehr treffend wie folgt: „Man muss nicht unbedingt derartig radikale Kritik üben, um zu erkennen, dass das Bild des Maurentöters der absurde Höhepunkt der Verbindung weltlicher und kirchlicher Interessen sowie des damaligen kriegerischen Zeitgeistes darstellt.“ 17
Obwohl dieses Kapitel grausam, beschämend und traurig zugleich ist, wäre es eine einseitige Wahrnehmung, den Jakobsweg auf diese Historie zu reduzieren und alle Anschauungen und Traditionen, die seit dem Mittealter auf dem Jakobsweg ent-standen sind, auszuklammern.
13 Vgl. Ossa 2002, S. 86.
14 Vgl. Bronisch, 1998, S. 26.
15 Vgl. Simon 2007, S. 24f.
16 Vgl. Girtler 2005, S. 147f.
17 Simon, 2007, S. 25.
2 Geschichte des Jakobswegs 12
2.2 Pilgerbewegung nach Santiago de Compostela
2.2.1 Aufschwung und Blütezeit im Mittelalter
Zeitgleich mit der Reconquista entwickelte sich Santiago de Compostela zu einem neuen Zentrum der Pilgerbewegung und stellte damit ein Gegengewicht zu Rom und Jerusalem dar. Seit dem 9. Jh. n. Chr. entwickelte sich Santiago de Compostela langsam zu einem Pilgerort. So musste bereits 899 n. Chr. eine größere Pilgerkirche die erst einige Jahre zuvor erbaute Pilgerkirche ersetzen. Dies zeigt, in welchem Maße Santiago seit Entdeckung des Grabes an Bedeutung gewonnen hat. 18
Besonders für französische Pilger war der Weg nach Santiago kürzer und unbeschwerlicher als zu den beiden anderen bedeutenden Pilgerzielen. Ab dem 11. Jh. n. Chr. wurde der Pilgerweg systematisch ausgebaut und die Infrastruktur für Jakobspilger deutlich verbessert. Neben vielen Pilgerhospizen, Kirchen und Spitälern, die entlang des Weges entstanden und deren Gebäude auch heute noch, teilweise prächtig renoviert, als Ruinen am Wegesrand zu besichtigen sind, wurden für die damalige Zeit mächtige Brücken und Straßen erbaut. Beispielsweise erreichen Jakobspilger auch in der heutigen Zeit noch den Ort Santo Domingo de la Calzada über die vom gleichnamigen und heiliggesprochenen Stifter erbaute Brücke. Finanziert wurden diese Bauten durch einen zunehmenden Ablasshandel an verschiedenen Stellen des Pilgerweges, was von Rom ausdrücklich proklamiert wurde. (siehe Kap. 2.2.2) Im Jahr 1107 wurde dann mit dem Bau der noch heute existierenden riesigen Kathedrale begonnen um den Pilgermassen den nötigen Platz zu bieten, aber auch um den wachsenden Einfluss der Stadt Santiago de Compostela zu demonstrieren. Gleichzeitig erlebten entlang des spanischen Jakobsweges auch Städte wie Léon, Puente la Reina, Burgos und Santo Domingo de la Calzada durch die Pilger einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Eine noch größere Popularität erreichte das Pilgern nach Santiago mit dem Fall der Stadt Akko 1291 n. Chr., wodurch der Pilgerweg ins hl. Land Jerusalem weitgehend unmöglich war. 19
Die Blütezeit des Pilgerns nach Santiago hielt bis etwa zum 15. Jh. n. Chr. an. In dieser Zeit entwickelte sich ein ganzes Netzwerk von Pilgerwegen aus den ver- 18 Vgl.ebd., S. 20f.
19 Vgl. Höllhuber/Schäfke 2000, S. 12f.
2 Geschichte des Jakobswegs 13
schiedenen Regionen Europas hin nach Santiago de Compostela. (siehe Kapitel 2.3) Einige dieser Wege werden heute gezielt von Tourismus- oder Regionalverbänden rekonstruiert und ausgeschildert, um von der aufkommenden Pilgerbewegung zu profitieren. 20
2.2.2 Motive Mittelalterlicher Jakobspilger
Die Gründe, die Strapazen einer Pilgerschaft nach Santiago de Compostela auf sich zu nehmen waren damals wie heute vielschichtig. In einer im 12. Jh. verfassten Abhandlung über den Jakobsweg, dem Liber Santa Jakobi, werden viele Pilgermotive genannt. Während in den ersten vier Büchern dieser Sammlung vor allem die Geschichte des Apostelgrabes und Wunderberichte des hl. Jakobus und damit Rechtfertigungen für die Verehrung niedergeschrieben sind, findet sich im fünften und letzten Buch der erste niedergeschriebene und überlieferte Pilgerführer mit Hinweisen zu Wegeführung und Infrastruktur, aber auch einigen Hinweisen auf die unterschiedlichen damaligen Pilgermotive.
Im Mittelalter dürfte die Bittpilgerschaft wohl den größten Anteil der Pilgerreisen ausgemacht haben. Die Vorstellung, am Apostelgrab durch die Nähe der Reliquien ein Wunder erfahren zu dürfen, trieb Viele, die in finanziellen Nöten oder in der Familie von Krankheit oder anderen Problemen betroffen waren, nach Santiago de Compostela. Aber auch als Dank für beispielsweise eine Wunderheilung pilgerten Gläubige bis ans Apostelgrab. Einige dieser Dankespilger taten dies, weil sie in einer Notlage ein Gelübde beziehungsweise das Versprechen abgegeben hatten, im Falle einer Hilfe durch Jakobus nach Santiago de Compostela zu pilgern.
Eine weitere Gruppe von Pilgern kam ans Grab des Apostels um dort um Vergebung für begangene Sünden und Ablass zu bitten. Dies wurde durch von der Kirche bewusst geschürte Angst vor dem Fegefeuer und der Möglichkeit, in Santiago einen Generalablass käuflich zu erwerben, verstärkt. Die Pilger versprachen sich davon eine Verkürzung der Zeit im Fegefeuer. Dies gipfelte darin, dass viele so genannte ‚Delegationspilger’ auf den Jakobsweg geschickt wurden. Sie pilgerten gegen Bezahlung nach Santiago de Compostela um dort für den Auftraggeber um Sündenvergebung zu bitten.
20 Vgl. Herbers 2006, S. 20ff.
2 Geschichte des Jakobswegs 14
Kann noch davon ausgegangen werden, dass hinter den bisher genannten Pilgerschaften religiöse Beweggründe steckten, so gab es auch schon im Mittelalter viele weitaus weniger frommen Gründe eine Pilgerschaft zu unternehmen. So bot eine Pilgerschaft einen guten Vorwand und oft die einzige Möglichkeit, die eigene Abenteuerlust zu befriedigen und eine Fernreise zu unternehmen. Das nach und nach besser ausgebaute Wegenetz mit entsprechender Infrastruktur bot beste Vorraussetzungen für Reisen, die im heutigen Sprachgebrauch eher als touristisch bezeichnet werden würden. Aber auch Geschäftstüchtige mischten sich unter die Pilger, um mit verschiedensten Waren und Dienstleistungen Handel zu treiben. Schlussendlich trieben auch ganz profane Gründe, wie die Flucht vor Seuchen und kriegerischen Auseinandersetzungen Menschen auf den Jakobsweg.
Eine letzte immer größer werdende Gruppe von Pilgern führte jedoch zu starkem Ansehensverlust der Pilgerschaft. Als Strafe für eine weltliche Sünde konnte von der kirchlichen Obrigkeit eine Pilgerreise nach Santiago als Strafpilgerschaft angeordnet werden. Am dortigen Apostelgrab sollte der Büßer dann Ablass und Vergebung erhalten. Durch die Anwesenheit der vielen Straftätigen und Verbrecher auf dem Jakobsweg büßte dieser dadurch stetig an Sicherheit ein und geriet nach und nach immer mehr in Verruf. 21
2.2.3 Rückgang der Pilgerbewegung
Eine Ursache für den deutlichen Rückgang der Pilgerbewegung im 15. Jh. n. Chr. ist sicherlich in der Reformation und deren Auswirkungen zu suchen. So äußerte sich Martin Luther explizit zur Pilgerreise nach Santiago de Compostela:
„Wie er [Anm. Jakobus’ Leichnam] in Hispaniam kommen ist gen Compostel da die groß walfahrt hin ist, da haben wir nu nichts gewiß von dem. … Darumb laß man sy ligen und lauff nit dahin, dann man waißt nit ob sant Jakob oder ain todter hund oder ein todts roß da
liegt, … laß raisen wer da wil, bleib du dahaim.“ 22
Unter den Gläubigen kamen immer mehr Zweifel an der Echtheit der Reliquien auf. Ebenso wurden die Wunder und das Eingreifen des Jakobus immer häufiger in Frage gestellt. Das Selbe galt für die Wundertaten vieler Ortsheiliger am Jakobsweg,
21 Vgl. Herbers, 1984, S. 165ff.
22 Luther, M. 1905, S. 235.
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Roman Haehl, 2011, Pilgern auf dem Jakobsweg als Spiegel der religiösen Situation in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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