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2. Untersuchter Text Ars Amatoria
Der für die vorliegende Arbeit untersuchte Text basiert auf der kritischen Ausgabe der Oxford University Press 1995, P. Ovidi Nasonis Ars Amatoria, Bücher 1 bis 3. In meiner Arbeit fokussiere ich, mit Ausnahme der einführenden und abschliessenden Worte des Autors, primär auf Textstellen, die konkrete Hinweise zu Orten Roms liefern, die, so der Autor, besonders geeignet seien für das Begegnen der Liebe. Dies betrifft im Wesentlichen Buch 1, Verse 41 bis 176.
2.1. Gattung
Die Ars Amatoria, auch als Liebeskunst bekannt, ist neben den Metamorphosen das berühmteste Opus Ovids und zählt zu den Werken der Weltliteratur. Ovids Liebeskunst ist ein Lehrgedicht, bestehend aus drei Büchern, in denen der Autor sich auf eleganteste Weise selbst als Lehrmeister inszeniert und die Lesenden mit folgenden Worten in die Kunst des Liebens einführt: Ov. ars 1, 1-2:
si quis in hoc artem populo non novit amandi, hoc legat et lecto carmine doctus amet. Kennt einer in diesem Volk die Kunst des Liebens nicht, so möge er dieses Gedicht lesen und es als gelehrter Liebhaber schliessen.
Im ersten Buch geht es darum, wie man (Mann) ein Mädchen für sich gewinnen kann, im zweiten Buch, wie man (Mann) es behalten kann, und im dritten Buch erfahren Frauen, wie sie sich für die männliche Welt begehrenswert machen. So schliesst auch Ovid als selbst ernannter magister seine Liebeslehre mit folgenden Worten: Ov. ars 3, 811-812:
ut quondam iuvenes, ita nunc, mea turba, puellae, inscribant spoliis NASO MAGISTER ERAT.
Wie einst die jungen Männer, so mögen nun die Mädchen, meine Schar, auf ihre Beute schreiben: „Ovid war mein Lehrmeister“.
Das Lehrgedicht ist, ganz im Sinne der Tradition der römischen Liebeselegie, im Versmass des elegischen Distichon konzipiert. Das Distichon ist eine Aneinanderreihung von Zweizeilern, die erste Zeile jeweils aus einem daktylischen Hexameter, die zweite aus einem Pentameter bestehend. Das folgende Schema zeigt die gängigsten Varianten von Längen und Kürzen und die zu setzenden Akzente 2 :
2 Crusius, Friedrich, Rubenbauer, Hans, Römische Metrik, Eine Einführung, 2. Auflage, Huber, München, 1955
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Das Lehrgedicht Ovids vermittelt Liebe als eine zu erlernende Kunst, die geradezu aktiv anzugehen ist: Ov. ars 1, 43-44:
haec tibi non tenues veniet delapsa per auras quaerenda est oculis apta puella tuis.
dieses [Mädchen] wird dir nicht von selbst durch die zarten Winde herabgleiten, das passende Mädchen musst du schon mit deinen eigenen Augen suchen.
Mit einer Antithese wird hier dem Lesenden didaktisch geschickt vor Augen geführt, dass das passende Mädchen nicht etwa von selbst durch die zarten Lüfte hinabgeglitten kommt, sondern dass die apta puella mit eigenen Augen zu suchen ist. In beiden Versen wird der Sachverhalt durch ein Hyperbaton kunstvoll visualisiert: Mit tenues veniet delapsa per auras wird die falsche Vorstellung von der von selbst herabgleitenden Frau hervorgehoben; im darauf folgenden Vers wird die reale Situation des Suchenden wiederum mit einem Hyperbaton unterstrichen: quaerenda est oculis apta puella tuis, gesucht werden muss das geeignete Mädchen mit den eigenen Augen, die es mit den oculis tuis von beiden Seiten geradezu als Zielscheibe in den Fokus nehmen.
Mit einem kunstvollen Cocktail aus Mythologie, Aitiologie, Historie und einem expliziten Verweis auf das subjektive Element des amor poetae 3 bildet Ovid unter Anwendung des für die Liebeselegie traditionellen Distichon mit seiner gewagten Liebeslehre vor dem Hintergrund der Weltmetropole Rom eine individuelle Abrundung der römischen Liebeselegie.
2.2. Historische Ausgangslage
Die zeitgeschichtliche Stellung des Autors ist für die Ars Amatoria bezeichnend. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern wächst Ovid in einer Zeit auf, in welcher nach jahrzehntelangen politischen Wirren die innere Ruhe und Ordnung wiederhergestellt wird. Zur Zeit der Schlacht von Actium, dem Sieg Octavians über seinen letzten Konkurrenten Antonius (und Cleopatra), ist Ovid zwölf Jahre jung. Die anbrechende Zeit der res publica constituta und der pax Augusta widerspiegeln sich in der Ars Amatoria im Sinne des unbeschwerten Umgangs mit dem Motiv Liebe. Mit Ovid tritt das primär erotisch akzentuierte Liebesmotiv prominent in den Vordergrund.
Ovids erste Liebeselegien, die Amores sowie die Heroides, finden in Rom grossen Anklang, sodass er bald in den Kreis des Messalla 4 aufgenommen wird. Mit der Ars Amatoria entsteht das wohl berühmteste und zugleich berüchtigtste Lehrgedicht der Liebe, ein Werk der Weltliteratur, das der Autor selbst bereits entsprechend einschätzte 5 : „Ich habe ein systematisches, elegisches Liebeslehrgedicht verfasst, eine mutige Neuschöpfung, die alle bisher dagewesene Dichtung, Homer und Hesiod eingeschlossen, in den Schatten stellen wird und mit der ich auf dem ganzen Erdkreis Ruhm und Dank ernten werde…“ 5
3 Subjektive Liebe des Autors mit einer namentlich genannten Angebeteten, Corinna bei Ovid, hier mit Verweis auf Corinna in Ov. ars 3, 535-538. Vgl. auch Nemesis und Delia bei Tibull (Ov. am. 3, IX (VIII), 1-31), bzw. Cynthia bei Properz, Liebeselegien/carmina.
4 Marcus Valerius Messalla Corvinus, 64 v. bis 8 n.Chr., römischer Literatur- und Kunstmäzen u.a. auch von Tibull.
5 vgl. Janka, M. Ovids poetische Liebesschule,S. 32. vgl. auch Ov. ars 2, 1-4 und Ov. ars 2, 739-744.
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Ovid erntete mit seinem gewagten Lehrgedicht nicht nur Ruhm und Dank, er zog mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch den Groll des sittenstrengen Kaisers auf sich. Es ist allerdings bemerkenswert, dass Ovid erst acht Jahre nach Erscheinen der Ars Amatoria ins Exil ans Schwarze Meer verbannt wurde, und dies ohne belegte, eindeutige Begründung. Es ist dennoch naheliegend, dass Augustus, der zu der Zeit mit der eingeführten lex Iulia de adulteriis coercendis die moralischen Sitten in Rom wiederherzustellen versuchte, sich von dem Liebesgedicht provoziert fühlte, selbst wenn er vordergründig Toleranz walten liess. Ovids poetisches Spiel mit seinen Liebestipps rund um die altehrwürdigen, kaiserlich hochdotierten Orte Roms muss in seiner historischen Ausgangslage als politisch provokativ oder gar subversiv gelesen werden.
Wie erscheint nun, unter Ovids Regie, die kaiserliche Metropole seiner Zeit?
3. Rome, the place to be!
Rom wird mit Ovid zur Metropole des Vergnügens. In seiner Ars Amatoria wird neu ein römisch-städtisches Selbstbewusstsein manifest, das mit verfeinerter Eleganz und Glamour von Welt der Liebeselegie einen neuen, urbanen Charakter verleiht. Ovids Vorgänger (53 bis 19 v. Chr.) und Vorbild 6 Tibull liess in seiner Liebeselegie das Thema amor noch vielmehr vor dem Hintergrund einer bukolischen Idylle erscheinen, wobei die Liebe im Verhältnis zum Motiv des Landlebens einen eher hintergründigen, bzw. untergeordneten Stellenwert einnahm 7 .
Mit der Ars Amatoria hingegen wird Rom, die damalige Metropole der Welt, zusätzlich zur Metropole des Liebesvergnügens. Dies wird im folgenden Vers in nahezu grössenwahnsinniger Weise hervorgehoben: Ov. ars 1, 173-174:
nempe ab utroque mari iuvenes, ab utroque puellae venere, atque ingens orbis in urbe fuit.
von beiden Meeren [von Ost und von West] kamen junge Männer, ebenso auch junge Frauen, und die Stadt Rom wurde zu einem unermesslichen [Erd]-Kreis.
Hier lässt Ovid die Stadt Rom zum absoluten Non plus ultra, zur Drehscheibe der (Liebes)-Welt werden, mit anderen Worten: Rom ist für Liebende, bzw. Liebe suchende the place to be!
6 vlg. Ovids Lobrede auf Tibull, Ov. am. 3. IX (VIII)
7 vgl. z.B. Tib. 2,5, 25-38.
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3.1. Für wen ist Rom the place to be?
Ovids Liebesschule richtet sich in den ersten zwei Büchern an männliche, im dritten Buch an weibliche Lesende, was im historischen Kontext gesehen nicht ganz unspektakulär gewesen sein dürfte, zumal etwa 18 Jahre vor Erscheinen der Ars Amatoria Kaiser Augustus die lex Iulia de adulteriis erlassen hatte, wodurch erstmals in der europäischen Rechtsgeschichte der Ehebruch zu einem strafrechtlich verfolgbaren Delikt gemacht wurde. 8 . Zur selben Zeit also, als die Sexualmoral der Römer wiederhergestellt werden sollte, wandte sich Ovid auf verschlüsselt elegante Weise mit folgendem „Warnhinweis“ an sein männliches und weibliches Lesepublikum: Ov. ars 1, 31-32:
Der Autor ruft einerseits dreist dazu auf, dass die vittae, die Kopfbinden der weiblichen Sittsamkeit, sowie die instita, der Rocksaum der weiblichen Stola verheirateter Damen, fernbleiben mögen. Andererseits spielt er hier sehr bewusst mit der Doppeldeutigkeit des Begriffes instita, der zugleich „römische Ehefrau“ bedeutet. 9 Das Wortspiel mit dem Begriff instita kann so sowohl als Aufruf an Frauen zum Ehebruch, als auch als Warnhinweis vor demselben gelesen werden. Ovid untermauert seinen vordergründigen Warnhinweis mit folgenden Versen: Ov. ars 1, 33-34:
Ovid scheint sich explizit und gespielt vordergründig, vollends juristisch absichern zu wollen, während er gleichzeitig mit der Doppeldeutigkeit die „lex Iulia de adulteriis“ unterwandert. Fazit: Es ist evident, dass Ovid Männer wie Frauen, ob ungebunden oder gebunden, zumindest als Lesende, wenn nicht gleich als aktiv Lernende, in seine Liebesschule mit einbezieht. So wird Rom mit Ovid zum Insider-Tipp für Verliebte, bzw. für alle, die es werden, oder wieder werden wollen, denn: Ov. ars 1, 61-66:
8 vgl.:Csillag, P., Das Eherecht des Augusteischen Zeitalters, Klio 50, 1968, 111-138.
9 vgl.: Stroh, Wilfried, Ovids Liebeskunst und die Ehegesetze des Augustus, in: Gymnsium 86, München, 1979, S. 323-325.
Arbeit zitieren:
Sunniva Baumberger, 2010, Rom - the place to be! - mit Ovid, München, GRIN Verlag GmbH
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