Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Animal Spirits 5
2.1 Confidence 6
2.2 Fairness 9
2.3 Corruption and Bad Faith 12
2.4 Money Illusion 14
2.5 Stories 17
3 Schlussbemerkung 19
4 Bibliographie 20
Animal Spirits - Rationalit¨ at und Emotion in den Wirtschaftswissenschaften 3
1 Einleitung
In den Wirtschaftswissenschaften wird im Allgemeinen davon ausgegangen, der Mensch sei ein rational handelnder und nutzenmaximierender Akteur. Diese paradigmatische Leitlinie kann bis auf die klassische Theorie von Adam Smith zur¨ uckverfolgt werden, in der das eigenn¨ utzige wirtschaftliche Handeln jedes einzelnen dank einer metaphorischen ’ Unsichtbaren Hand‘ zu einer optimalen Allokation von Kapi-
tal (und Arbeit) f¨ uhrt (vgl. Smith (1974): 369). Auch in anderen Gesellschaftswissenschaften wie der Politikwissenschaft und der Soziologie, wo die Annahme rational handelnder Akteure in Form der Rational Choice-Theorie sogar als einzig echtes Paradigma angesehen wird (vgl. Hill (2002): 73), hat das Menschenbild des homo oeconomicus breite Anwendung und Akzeptanz gefunden. Die paradigmatische Stellung des rationalen Akteurs ist jedoch in der Politikwissenschaft und der Soziologe nicht unwidersprochen geblieben und ist weiterhin Gegenstand von Diskussion und Kritik (vgl. Green und Shapiro (1994)). Insbesondere wird die Divergenz von Annahmen sowie Prognosen der Modelle einerseits und den Ergebnissen empirischer Untersuchungen andererseits kritisiert (vgl. z.B. Turski (2008)). Eine ¨ ahnliche Diskussion wurde 2009 von George Akerlof und Robert Shiller mit ihrem Buch ’ Animal Spirits‘ in der Volkswirtschaftslehre angestoßen. Bereits mit dem Titel des Bandes beziehen sich Akerlof und Shiller auf ein Konzept John Maynard Keynes, mit dem dieser 1936 in seiner grundlegenden ’ General Theory of em-
ployment, interest, and money‘ nicht-rationale Elemente wirtschaftlichen Handelns beschrieb. W¨ ahrend sich aus Keynes Betrachtungen ¨ uber die gesamtwirtschaftliche
Nachfrage als volkswirtschaftliche Basisdeterminante ein eigener Zweig der Volkswirtschaftslehre und entsprechende Anwendungen in der Fiskalpolitik entwickelten, fanden seine ¨ Uberlegungen zu Emotionen bei wirtschaftlichen Interaktionen in den Wirtschaftswissenschaften kaum Resonanz. Nach wie vor basieren volkswirtschaftliche Modelle in der vorherrschenden Neoklassik auf der Annahme des homo oeconomicus. Das bei Keynes fragmentarisch und vage gebliebene Konzept der Animal Spirits als Umschreibung f¨ ur emotionale, nicht-rationale Handlungen wurde nun von Akerlof und Shiller auch vor dem Hintergrund der letzten Finanzmarkt- und Wirt- schaftskrise ausgearbeitet. Ihr Werk kulminiert in der Forderung:
Animal Spirits - Rationalit¨ at und Emotion in den Wirtschaftswissenschaften 4
It is necessary to incorporate animal spirits into macroeconomic theory
”
in order to know how the economy really works“ (Akerlof und Shiller (2009): 168).
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, dem Werk Akerlofs und Shillers durch eine zugespitzte Darstellung der Diskrepanz zwischen neoklassischer Makro¨ okonomie und Empirie zus¨ atzliches Gewicht zu verliehen. Nach einem ¨ Uberblick ¨ uber Keynes Beitrag zum scheinbar konfliktualen Verh¨ altnis
zwischen Rationalit¨ at und Emotionen werden die f¨ unf von Akerlof und Shiller identifizierten Animal Spirits dargestellt und jeweils zu Theorien der zeitgen¨ ossischen Volkswirtschaftslehre sowie empirischer Evidenz in Bezug gesetzt. Dabei st¨ utzt sich der empirische Teil der Betrachtung auf Erkenntnisse der Soziologie, der Psychologie sowie der Politikwissenschaft.
Animal Spirits - Rationalit¨ at und Emotion in den Wirtschaftswissenschaften 5
2 Animal Spirits
Der Begriff der Animal Spirits bleibt bei Keynes (1936) recht vage formuliert. In seiner Theorie der Investitionsentscheidungen spielen die Erwartungen der Investoren an die zuk¨ unftige Entwicklung von Wertanlagen eine entscheidende Rolle, wobei sich aus der in der Regel schlechten Informationslage von Investoren die Frage nach Unsicherheit oder Risiko einer Entscheidung ergibt. Angesichts von Investitionsentscheidungen, die aufgrund schlechter Informationen oft unter Unsicherheit getroffen werden m¨ ussen, wird die Ber¨ ucksichtigung von Animal Spirits notwendig. Laut Keynes ist die Kenntnis der Determinanten einer Investition bei Anlageentscheidungen extrem gering und oft sogar vernachl¨ assigbar (vgl. Keynes (1936): 149), was auch eine Folge der Aufl¨ osung der Personalunion von Unternehmensf¨ uhrung und Unternehmenseignern in der modernen Aktiengesellschaft ist (vgl. ebd.: 153). Der innere Wert einer Unternehmensaktie ergibt sich aus den k¨ unftig zu erwartenden Gewinnen des Unternehmens, ¨ uber welche in der Gegenwart auf Basis der vorhandenen Informationen mehr oder weniger akkurate Prognosen abgegeben werden k¨ onnen, die jedoch auch von k¨ unftigen, naturgem¨ aß unbekannten Faktoren beeinflusst werden. Ferner sind spekulative Elemente von Bedeutung, sodass der innere Wert eines Wertpapiers nicht immer durch die tats¨ achliche Marktbewertung widergespiegelt wird. F¨ ur eine Anlageentscheidung ist daher die Antizipation dessen, was die anderen Marktteilnehmer f¨ ur den wahren Wert der Anlage halten, wichtig. Keynes veranschaulicht diesen Gedanken anhand eines Beispiels, dem zufolge der Kauf einer Aktie f¨ ur 25$, deren inneren, ’ wahren‘ Wert man bei 30$ sieht, keinen Sinn
ergibt wenn man davon ausgeht, dass der Markt diese Aktie in drei Monaten lediglich mit 20$ bewerten wird. 1 Mit dem Hinweis auf die Diskrepanz zwischen innerem Wert einer Anlage einerseits und auf kurzfristigen Antizipationen ¨ uber das Verhalten
anderer Marktteilnehmer andererseits basierenden Marktbewertungen umschreibt
1 Keynes (ebd.: 156) veranschaulicht diesen Gedanken mit einer faszinierenden Metapher indem er auf das Gewinnspiel einer Zeitung verweist, bei dem die Teilnehmer aus 100 Portraits diejenigen sechs ausw¨ ahlen sollen von denen sie glauben, dass die Gesamtheit der Teilnehmer sie als am attraktivsten bewerten wird. Da jeder Teilnehmer vor derselben Aufgabe steht, n¨ amlich die Pr¨ aferenzen aller anderen Teilnehmer zu antizipieren die ihrerseits annahmegem¨ aß die Pr¨ aferenzen aller anderen Teilnehmer antizipieren, ergibt sich theoretisch ein infiniter Regress aus Antizipationen.
Animal Spirits - Rationalit¨ at und Emotion in den Wirtschaftswissenschaften 6
Keynes zwei Handlungsweisen von Finanzmarktakteuren, die heute als langfristiges
Investing‘ und kurzfristig ausgerichtetes ’
’ treffend als ’
Die Bewegung von Aktienkursen ist laut Keynes nicht nur auf die genannten Fak-toren, sondern auch auf die Instabilit¨ at der menschlichen Natur zur¨ uckzuf¨ uhren. Demzufolge ist ein Großteil positiver Aktivit¨ at nicht das Resultat mathematisch und quantitativ ermittelter Erwartungen gleich welcher Natur, sondern Folge spontanen Optimismus‘ bzw. eines spontanen Drangs zur Handlung wider die Unt¨ atigkeit (vgl. ebd.: 161). Ohne diese Animal Spirits, ohne irrationalen Optimismus w¨ urde Keynes zufolge unternehmerische und investierende T¨ atigkeit absterben. Die Notwendigkeit der Existenz dieser Animal Spirits wird mit der Unm¨ oglichkeit mathematischer Berechnung von Erwartungen angesichts unzureichender Informationen begr¨ undet. Sich auf die Knightsche Unterscheidung zwischen Risiko und Unsicherheit (vgl. Knight (1964) (1921)) beziehend postuliert Keynes, dass wirtschaftliche Entscheidungen mangels Kenntnis von Wahrscheinlichkeiten und damit Erwartungenswerten unter Unsicherheit getroffen werden und zum Treffen von Entscheidungen daher irrationale, emotionale Impulse notwendig sind. Welcher Gestalt diese Impulse sind l¨ asst Keynes jedoch offen.
Im Folgenden wird nun die Ausarbeitung des Konzepts der Animal Spirits durch Akerlof und Shiller pr¨ asentiert und diskutiert.
2.1 Confidence
Das Konzept der Confidence (Zuversicht) umschreibt eine Art von Optimismus und ist damit derjenige der f¨ unf Animal Spirits von Akerlof und Shiller, welcher Keynes Vorstellung von Animal Spirits am n¨ achsten kommt (vgl. Akerlof und Shiller (2009): 11-18). Confidence ist demzufolge eine Erwartung an die Zukunft, die nicht nur auf den gegenw¨ artig verf¨ ugbaren Informationen beruht, sondern auch das Resultat von Vertrauen und Glaube an die Zukunft ist. Demnach geht Confidence notwendigerweise ¨ uber das Rationale hinaus. Eine wirklich vertrauende Person ignoriert oder diskontiert vorhandene Informationen, deren rationale Verarbeitung zu einer weniger optimistischen Prognose der Zukunft f¨ uhren w¨ urde. Falls die Auspr¨ agung der Zuver- sicht, welche in der Neoklassik keine Rolle spielt, im Zeitverlauf variiert, sei Akerlof
Arbeit zitieren:
Malte Turski, 2011, Animal Spirits, München, GRIN Verlag GmbH
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