0. Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 6
2. Differenz und Dominanz 8
2.1. Vorgeschichte: Das Defizitmodell der 70er Jahre 8
2.2. Das Dominanzmodell 8
2.3. Das Differenzmodell 9
2.3.1. Die Theorie der zwei Kulturen nach Maltz Borker 10
2.4. Die Problematik des Differenzmodells 11
2.4.1. Implikationen des Differenzmodells in der Praxis
am Beispiel von Deborah Tannens Bestseller
„You just don’t understand“ 13
2.4.2. Die Kontroverse um „You just don’t understand“ 15
2.4.3. Die Auswirkungen von Machtasymmetrien in der Gesellschaft 18
2.5. Doing Gender: Eine zeitgemäße Interpretation
der Geschlechtsidentität 21
2.6. Zusammenfassung 24
3. CMC - Computervermittelte Kommunikation 27
3.1. Einführung 27
3.2. CMC im Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit 27
3.3. Arten der Kommunikation im Netz 29
3.3.1. Email 29
3.3.2. Mailingliste 29
3.3.3. Newsgroup/Newsforum 30
3.3.4. Chat 30
3.4. Typische Variablen der CMC 31
3.4.1. Zeitaspekt: synchron oder asynchron 31
3.4.2. Übertragungsart: one-way oder two-way 32
3.5. Sprache 32
3.5.1. Emoticons 34
3.5.2. Handlungsbeschreibungen 34
3.5.3. Abkürzungen und Akronyme 34
3.5.4. Prosodie und paralinguistische Merkmale 35
3.5.5. Lexis 35
3.6. Netiquette 36
3.7. Interaktionalität und Kohärenz 36
3.8. Männer und Frauen im Netz 38
3.8.1. WWW - World Wide Women’s Web? 38
3.8.2. Affinität zum Internet 39
4. Interaktion im WWW 42
4.1. Geschlechtsidentität in synchroner und asynchroner CMC 43
4.2. Quantitative Merkmale 44
4.2.1. Anzahl und Länge der Beiträge 44
4.3. Qualitative Merkmale 47
4.3.1. Kommunikationsstile 47
4.3.2. Smileys Emoticons 51
4.3.3. Flaming 51
4.4. Unterschiedliche Diskursethiken 53
4.5. Exkurs: Die Heterogenität des Internets 54
4.6. Sexualität im Netz 56
4.6.1. Zur Darstellung von Sexualität im Netz 56
4.6.2. Virtueller Sex und virtuelle Vergewaltigung 56
4.6.4. Sexuelle Belästigung 59
4.6.4. Freedom of Speech oder Freedom of Harassment? 61
4.7. Resümee: Sind Frauen im Web gleichberechtigt? 61
5. Cyberfeminismus: Wie Frauen sich im Netz behaupten 63
5.1. Liberaler Cyberfeminismus 63
5.2. Radikaler Cyberfeminismus 64
5.3. Diskussion: Sinnvolle Strategien für das WWW 65
6. Identität und Identitäten im Netz 69
6.1. Die Erfahrung des eigenen Selbst 69
6.2. Der virtuelle Geschlechtswechsel 72
6.3. Identitäts- und Geschlechtsrollenprobleme 75
6.4. Zusammenfassung 78
7. Fallstudie: Die Denkpause der?i-worker? 79
7.1. Die ?i-worker? und ihre Denkpause
79
7.2. Methodik 81
7.2.1. Bestimmung des Geschlechts 81
7.2.2. Ziehung der Stichprobe 81
7.2.3. Die Analysekriterien 82
7.3. Interpretation der Ergebnisse 83
7.3.1. Die Stichprobe in Zahlen: Statistik 84
7.3.2. Der Grundton der Beiträge 87
7.3.3. Kommunikationsabsicht und Informationsgehalt der Beiträge 88
7.3.4. Diskussionsstil 90
7.3.5. Kritikverhalten 92
7.3.6. Einschränkende und Höflichkeitsmarkierungen 95
7.3.7. Ironie Sarkasmus 97
7.3.8. Scherze 98
7.3.9. Emoticons 99
7.3.10. Entschuldigungen 99
7.3.11. Dank 100
7.4. Fallbeispiel: „Medientagen ohne Frauen“ 101
7.5. Zusammenfassung der Ergebnisse 103
8. Schlusswort 106
9. Glossar 108
10. Bibliografie 111
1. Einleitung 6
1. Einleitung
Seit das Internet zum Massenmedium geworden ist, wird es von Forschern und Forscherinnen zunehmend als Studiengegenstand entdeckt. Es ist deswegen interessant, weil es sich keiner bisherigen Kommunikationsform ohne Weiteres zuordnen lässt. Die Sprache ist sowohl mündlich als auch schriftlich, und die Tatsache, dass es im Internet in der Regel nur einen einzigen Kommunikationskanal - Text - gibt, macht eine Untersuchung darüber, wie diese und andere Restriktion kompensiert werden können, zu einer spannenden Aufgabe. Besonderes Interesse zeigt auch die Feministische Linguistik, die sich in diesem Zusammenhang nicht nur mit Kommunikationsmerkmalen beschäftigt, sondern auch mit der Frage, ob sprachlich manifestierte Machtasymmetrien aus der Realität in die Virtualität übertragen werden oder ob die inhärente Anonymität des Mediums dazu beiträgt, die Kommunikation zwischen den G eschlechtern gleichberechtigter zu machen. Diese Arbeit beschäftigt sich in B ezug darauf mit der Interaktion zwischen Männern und Frauen im Internet. Bevor ich auf die Charakteristika der Computervermittelten Kommunikation (CMC) eingehe, gebe ich zunächst einen Überblick über zwei grundlegende Theorien der Feministischen Linguistik. Neben der speziellen Problematik des Konstrukts der Geschlechtsidentität wird auch ein moderner L ösungsansatz dafür erläutert.
Nach einer Einführung in wichtige Aspekte der CMC folgt ein Überblick über die bisherige Forschungsliteratur zur Interaktion im Netz. Es geht dabei um quantitative wie qualitative Merkmale und die Frage, ob Frauen im Netz gleichberechtigt sind. Dazu gehört auch die Betrachtung von Sexualität im Netz und verschiedene Ausprägungen des so genannten Cyberfeminismus. Das Kapitel über Identitäten im Netz greift den Vorschlag einer flexiblen Konstruktion von Geschlecht aus Kapitel 2 auf und zeigt, wie die eigene Identität im Internet geradezu spielerisch erforscht werden kann - es weist aber auch auf die damit zusammenhängenden Probleme hin.
1. Einleitung 7
Zum Abschluss der Arbeit folgen die Ergebnisse einer eigenen Konversationsanalyse im Internet. In Anlehnung an die zitierten Studien habe ich einen Katalog mit Analysekriterien zusammengestellt und eine Mailingliste auf diese Kriterien hin untersucht. Die angewandte Methodik ist neben der Interpretation der Ergebnisse ebenso Teil des Kapitels wie ein Fallbeispiel aus der gewählten Stichprobe, anhand dem deutlich wird, das in diesem speziellen Kontext G eschlechtsrollenklischees immer noch sehr präsent sind.
Im Verlauf dieser Arbeit werden - dem Thema entsprechend - viele Ausdrücke verwendet, die Teil des Internet-Jargons sind. Sie sind in den meisten Fällen direkt aus dem Englischen übernommen worden und bereits mehr oder weniger Teil der deutschen Sprache. E-Mail beispielsweise steht inzwischen auch im Duden, Lurking dagegen dürfte nicht jedem ein Begriff sein. Um Übersichtlichkeit und Klarheit zu bewahren, habe ich sie jedoch lediglich bei der ersten Verwendung in Kursivschrift gesetzt. Stattdessen habe ich ein Glossar angelegt, das die wichtigsten in dieser Arbeit verwendeten Wörter erklärt und im Text entsprechende Verweise eingefügt.
2. Differenz und Dominanz 8
2. Differenz und Dominanz
Grob lassen sich seit den 1970ern drei verschiedene Theorien für das unterschiedliche Gesprächsverhalten von Männern und Frauen unterscheiden: Differenz, Defizit und Dominanz. Diese drei Modelle überlappen sich sowohl inhaltlich als auch zeitlich. Sie werden in den nächsten Kapiteln kurz erläutert, danach folgt eine Darstellung der Problematik besonders des Differenzmodells. Das Kapitel schließt mit einem Lösungsansatz für das Problem der starren Geschlechtsidentität.
2.1. Vorgeschichte: Das Defizitmodell der 70er Jahre
Die frühesten Untersuchungen in der Feministischen Linguistik gingen von einem defizitären Ansatz aus. Als Paradebeispiel gilt die Arbeit von Robin Tolmach Lakoff. Lakoff schilderte den weiblichen Gesprächsstil in den 1970ern als minderwertig und defizitär. Frauen signalisierten durch ihre Sprache Schwäche, Unsicherheit und Unwichtigkeit. In ihrem Buch „Language and Woman’s Place“ identifizierte sie 1975 auf introspektive Weise neun Charakteristika für einen distinktiven weiblichen Stil und setzte sie mit Machtl osigkeit und Nicht-Verantwortlichkeit gleich. Den Grund dafür sah sie in der Gesellschaft, die Mädchen typischerweise zu passiven und sanften Wesen e rzieht: „[N]on-responsibility is a form of learned helplessness“ (Lakoff 1978: 150 1 ). Lakoff empfiehlt Frauen, sich zusätzlich den männlichen Gesprächsstil anzueignen und je nach Bedarf zwischen beiden zu wechseln. Der Fokus von Lakoffs Arbeit liegt auf der Andersartigkeit der Frau im Gegensatz zum Mann. Die Sprache der Männer - und damit auch der Mann an sichwird so zur Norm erhoben, von Frauen dagegen erwartet, dass sie sich dieser Norm anpassen und ihr Defizit ausgleichen.
2.2. Das Dominanzmodell
Der Dominanzansatz basiert auf der Annahme, dass der unterschiedliche Sprachgebrauch der beiden Geschlechter auf das Verhältnis zwischen Männern
1 Zitiert nach Crawford 1996: 25.
2. Differenz und Dominanz 9
und Frauen zurückzuführen ist: Männer übernehmen typischerweise den dominanten, Frauen den untergeordneten Part. Das gilt besonders für den öffentlichen Bereich und das Berufsleben, aber auch im privaten Bereich, in dem Frauen größere Gesprächigkeit nachgesagt wird, kontrollieren Männer die Konversation. Beispielhaft anzuführen ist die Studie von Zimmerman & West (1975), wonach 96 Prozent aller Unterbrechungen im G espräch von Männern initiiert wurden. Senta Trömel-Plötz (1984) bestätigte diese Tendenz bei der Analyse von zwei Fernsehdiskussionen, außerdem stellte sie fest, dass Männer mehr Redezeit beanspruchen als Frauen und häufiger das Wort haben. Die Hierarchie der Geschlechter war sogar so stark, dass Statushierarchien davon teilweise aufgehoben wurden: Auch Männer mit niedrigem Rang redeten oft mehr als Frauen mit höherem Status (1984: 58f). Pamela Fishman (1984) konstatierte in ihrer Untersuchung über Paargespräche, dass Frauen diejenigen seien, die die Gesprächsarbeit leisteten, während Männer die Themenkontrolle behielten. Gegen den Dominanzansatz ist zunächst einzuwenden, dass er stark verallgemeinert (Talbot 1998: 134). Sicherlich sind nicht alle Männer in der Lage, jede beliebige Frau zu dominieren - diese Annahme wäre leicht zu widerlegen. Statt dessen müssen ForscherInnen, die diesen Ansatz zugrunde legen, stärker differenzieren: Wo und in welchen Kontexten genau üben Männer Kontrolle über Frauen aus? „What we are beginning to do instead is identify specific locations of male power and privilege in our social structures, and specific practices sup-porting male power and privilege which go largely unchallenged“ (1998: 134). Die Frage, inwieweit der Dominanzansatz heute noch aktuell ist, wird weiter unten erörtert.
2.3. Das Differenzmodell
Beim Differenzmodell schließlich stehen die männlichen und weiblichen G esprächsstile als gleichwertige Varianten nebeneinander. Das ist besonders als Reaktion auf Lakoffs defizitären Ansatz zu sehen. Viele Forschende kritisierten die negative Konnotation des weiblichen Stils und dass Frauen als Opfer und Verliererinnen dargestellt wurden (Coates 1998: 413), weil das Defizitmodell auf diese Weise der wahrgenommenen Höherwertigkeit von Männern Vor-
2. Differenz und Dominanz 10
schub leistete (Cameron 1995: 35). Daher erschien das Differenzmodell als Ausweg, um den weiblichen Stil auf eine Stufe mit dem männlichen zu stellen. Der definitorische Leitgedanke ‚different but equal’ stammt aus der Soziolinguistik: Für unterschiedliche kulturelle G ruppen sollen aufgrund unterschiedlicher Normen und Werte keine Statusunterschiede gelten. Alle Varietäten sind damit per definitionem gleichwertig. Cameron (1995: 35) bezeichnet das als linguistischen und kulturellen Relativismus.
2.3.1. Die Theorie der zwei Kulturen nach Maltz & Borker Die bekannteste Auslegung des Differenzmodells ist vermutlich Maltz und 2 (1998). Basierend auf Gumpertz’ (1982) Borkers ‚Theorie der zwei Kulturen’
Beschreibung kultureller Kommunikationsunterschiede stellt sie Männer und Frauen als zwei verschiedene soziolinguistische Subkulturen dar, deren Kommunikation wegen unterschiedlicher Interaktions- und Interpretationsregeln gestört ist (1998: 420).
Der Grund dafür liegt in unterschiedlichen Sozialisierungen während der Kindheit und Jugend. In dieser Zeit, so die Theorie, erwerben Mädchen und Jungen die Regeln des Sprachgebrauches in gleichgeschlechtlichen Altersgruppen, den so genannten peer groups. Freundschaften zwischen Mädchen sind dabei vor allem von Intimität und Nähe bestimmt: Sie bewegen sich eher in kleinen Gruppen und lernen vor allem zwei Dinge: Freundschaften auf der Basis von Nähe und Intimität zu pflegen und Kritik nur indirekt zu äußern. Dominanzstrukturen gibt es kaum. Jungen dagegen dient Sprache dazu, die eigene Dominanzposition zu stärken und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Selbst wenn andere das Rederecht haben, unterbrechen Jungen häufig, um Selbstbestätigung zu erlangen und das Gegenüber herauszufordern. Diese unterschiedlichen Erfahrungen prägen Jungen und Mädchen nachhaltig. Die erlernte Strategie wird im Erwachsenenalter beibehalten, wenn auch abgeschwächt, da diese geschlechtsbestimmten Muster zumindest zum Teil durch Erlernen überkommen werden (1998: 432). Trotzdem sind die Auswirkungen noch spürbar: Es entstehen Missverständnisse zwischen den Geschlechtern, die mit psychologischen oder Machtunterschieden wenig oder nichts zu tun haben
2 Erstmals veröffentlicht 1982, nachgedruckt in Coates 1998.
2. Differenz und Dominanz 11
(1998: 420). Für Maltz & Borker ist das ein großer Vorteil von Gumpertz’ i nterkulturellem Modell: „A major advantage of Gumpertz’s framework is that it does not assume that problems are the result of bad faith, but rather sees them as the result of individuals wrongly interpreting cues according to their own rules” (1998: 421).
Ebendies ist aber auch ein häufiger Angriffspunkt der Gegner des Differenzmodells: Durch diese theoretische Definition der Verhältnisse zwischen den Geschlechtern werden die asymmetrischen Machtstrukturen in der Gesellschaft beiseite g eschoben und ignoriert. Insofern kann dieser Ansatz keine wirkliche Lösung des Problems hervorbringen - er greift es nicht an der Wurzel an.
Im Folgenden werde ich die Probleme beleuchten, die sich bei der Differenzen-forschung ergeben. Im Mittelpunkt steht dabei auch die Ableitung von Regeln für den täglichen Umgang miteinander und deren Auswirkungen für den Feminismus.
2.4. Die Problematik des Differenzmodells
Der Vorteil des neuen Differenzmodells gegenüber dem Defizitmodell ist klar ersichtlich: Es ermöglicht, die geschlechtstypischen Unterschiede ohne jegliche Bewertung zu sehen. So werden negative Konnotationen vermieden, und Männer müssen nicht von vorneherein und ohne weitere Differenzierung als machthungrige Sündenböcke herhalten (Cameron 1995: 35).
Das Geschlecht ist dem Modell zufolge ein grundlegender Teil jedes Individuums und dient als erklärende Variable. Gemeint war ursprünglich das soziale Geschlecht beziehungsweise die Geschlechtsidentität gender im G egensatz zum biologischen Geschlecht sex. Diese Unterscheidung war gemacht worden, um den krit ischen Einbezug der Gesellschaft zu ermöglichen, führte aber zu Verwirrung und einer schlussendlich uneinheitlichen Terminologie. Das Resultat: „ ...gender differences ?...? are still seen as fundamentally residing within
the individual and divorced f rom their social contexts, and are as readily biolo-
2. Differenz und Dominanz 12
gized as ever“ (Crawford 1996: 9). Die soziale Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Crawford selbst beispielsweise macht sie zum zentralen Kriterium in ihrem constructionist approach, der weiter unten behandelt wird.
In den 1970ern brachte dieses Modell neuen Schwung in die Forschung (Coates 1998: 414). Auf die Empirie, die bei Lakoff im Hintergrund gestanden hatte, wurde großes Augenmerk gelegt und dementsprechend viele Studien vorangetrieben. Im Großen und Ganzen jedoch wurden in diesen Studien hauptsächlich Lakoffs negativ belegte Stereotypen über Frauen als Ausgangsbasis für die Untersuchungen herangezogen und bestätigt beziehungsweise widerlegt (Craw-ford 1996: 18). Es blieb also bei den alten Klischees, während neue Entwicklungen fehlten: „[...] when it lacked theoretical guidance, such work eventually seemed to have little purpose beyond checking (and perhaps unwittingly perpetuating) stereotypes about the sexes, especially women, and their way of speaking” (Thorne et al. 1983: 12).
Ein weiteres Problem ist die Inkonsistenz der Forschungsergebnisse und damit auch die Fokussierung auf Differenzen. Widersprüchliche Daten haben deutlich gezeigt, dass rein quantitative Analysen außerhalb des Kontextes nicht ausreichen. Andere wichtige Faktoren wie das Verhältnis der Gesprächspartner zueinander, aber auch kulturelle Kriterien wie Rasse, Religion und Klasse werden im Modell vernachlässigt (Thorne et al. 1983: 12-13; Crawford 1996: 28-29). Das biologische Geschlecht dient als zentrale erklärende Variable und die heterogene Zusammensetzung der Gruppe ‚Frau’ wird weitgehend ignoriert. Dies ist auch einer der Kritikpunkte Crawfords: The sex difference approach treats women as a global category. But
women (and men) are located along other socially salient dimensions, too
- such as race (dis)ability, sexuality, class, and age. Foregrounding sex as
the only or most important difference moves these other dimensions to
the background and contributes to the tendency to rely on simplistic ex-
planations for observed differences. (1996: 8)
Das Modell zielt auf Unterschiede ab. Damit besteht die Gefahr, dass Forschungsergebnisse, die im Gegensatz dazu auf Parallelen und Ähnlichkeiten zwischen Männern und Frauen hinwiesen, vorschnell abgetan und außer Acht gelassen werden und dass experimentell isolierte Differenzen als Dichotomien kategorisiert werden (u.a. Crawford 1996: 4 -5 und 1996: 28-31). Crawford
2. Differenz und Dominanz 13
weist außerdem darauf hin, dass Forschungsergebnisse jeweils passend zu den Stereotypen interpretiert wurden (1996: 30-32). Thorne et al. (1983) bestätigen dies:
In the first phase of language/gender research, many of us were eager to
piece together an overall portrayal of differences in the speech of women
and men. We invented notions like ‘genderlect’ to provide overall charac-
terizations of sex differences in speech […]. The ‘genderlect’ portrayal
now seems too abstract and overdrawn, implying that there are differ-
ences in the basic codes used by women and men, rather than variably
occurring differences, and similarities […]. ‘Genderlect’ implies more
homogeneity among women, and among men-and more differences be-
tween the sexes-than is, in fact, the case. (1983: 14)
Lakoffs Theorie der Unterschiede hat sich damit schlussendlich als zu simpel und zu undifferenziert herausgestellt. Forschung darf nicht an isolierten Faktoren, sondern muss immer im Kontext betrieben und differenziert werden, um 3 kein falsches Bild zu erhalten.
Der häufigste Kritikpunkt am Differenzmodell ist jedoch gerade die definitorische Gleichwertigkeit der Gesprächsstile von Männern und Frauen. Zwar werden Frauen dadurch zumindest in der Theorie nicht mehr länger negativ bewertet, aber es werden gleichzeitig auch real existente Machtasymmetrien ausradiert und nicht in die Analyse einbezogen. Coates (1998: 414) nennt als Hauptproblem die Tatsache, dass alle sprachlichen Formen, die dazu benutzt werden, die eigene Dominanz zu festigen, als bloße Misskommunikation dargestellt werden. Am Beispiel von Deborah Tannens Buch „You just don’t understand“ möchte ich im Folgenden aufzeigen, wie dieser Mangel in politischer Hinsicht für den Feminismus einen herben Rückschlag bedeuten kann.
2.4.1. Implikationen des Differenzmodells in der Praxis am Beispiel von Deborah Tannens Bestseller „You just don’t understand“ Der Differenzansatz war als eine von mehreren theoretischen Modellen im Bereich der Feministischen Linguistik von Anfang an umstritten und hat wie oben dargestellt seine Vor- und Nachteile. Er kann sicherlich nicht als alleiniger Ansatz bestehen, erweist seinen Nutzen aber doch deutlich bei der Analyse
3 Zu der Bewertung der Forschung nach linguistischen Geschlechtsunterschieden generell siehe
Crawford 1995; Henley & Kramarae 1991; Thorne, Henley & Kramarae 1983.
2. Differenz und Dominanz 14
gleichgeschlechtlicher Kommunikation, da dort die Kategorien Macht und Dominanz eine eher untergeordnete Rolle spielen, besonders bezogen auf Frauen. Das Dominanzmodell dagegen eignet sich besser für Gespräche zwischen Frauen und Männern (Coates 1998: 413).
Im Gegensatz zur üblichen und verhältnismäßig leisen Diskussion innerhalb der Forschung geriet der Differenzansatz aber in den 90ern heftig ins Kreuzfeuer der Kritik, als Deborah Tannen ihren Bestseller „You just don’t u n-derstand“ (1990) veröffentlichte, der alleine auf diesem Modell b asiert. Das Buch war ein Nachfolger ihrer 1986er Publikation „That’s not what I meant!“, in dem besonders das Kapitel über Kommunikation zwischen Männern und Frauen den Beifall der breiten Masse fand. Tannen schrieb daraufhin ein ganzes Buch über dieses Thema und stand damit fast ein Jahr lang in der Bestsellerliste der New York Times.
Das Buch behandelt die alltägliche Kommunikation von Paaren im privaten Bereich. Anhand von vielen Beispielen mit hohem Identifikationswert b eschreibt Tannen, was sie in der Tradition des Modells der zwei Kulturen als reine Missverständnisse zwischen Frauen und Männern betrachtet und versucht, die zugrunde liegenden Denkweisen sowohl von Männern als auch von Frauen aufzudecken. Zu diesem Zweck führt sie die Begriffe ‚Berichtssprache’ und ‚Beziehungssprache’ ein (Tannen 1990: 76-77). Die Berichtssprache wird hauptsächlich von Männern in der Öffentlichkeit verwendet und dient dazu, Unabhängigkeit zu bewahren und den eigenen Status innerhalb einer sozialen Hierarchie zu manifestieren. Beziehungssprache dagegen ist die Domäne der Frauen, die sich lieber im kleinen, privaten Kreis austauschen. Bindungen werden definiert und gefestigt, Ähnlichkeiten und Parallelen hervorgehoben. Die Grundaussage des Buches lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Männer sind auf ihre Unabhängigkeit bedacht, Frauen auf soziale Bindung und Nähe - so entstehen Missverständnisse. Um diese zu umgehen, müssen beide Geschlechter lernen, die Partnerin beziehungsweise den Partner korrekt zu interpretieren. Damit ist das Kommunikationsproblem lösbar.
2. Differenz und Dominanz 15
2.4.2. Die Kontroverse um „You just don’t understand“
Grund für die heftige Kontroverse um „You just don’t understand“ ist vor allem Tannens unkritische Darstellung dieses sensiblen Themas, gerade in der Öffentlichkeit und den Massenmedien (Freed 1992: 144). Tannen hat ihre Theorie nicht nur dem Fachpublikum, sondern auch für diejenigen publik und interessant gemacht, die keine Fachkenntnisse besitzen: Ihr Buch - für den Massenmarkt geschrieben - hat den Charakter eines Ratgebers, nicht den eines Fachbuches. Das ist an sich nicht das Problem, wenn aber wissenschaftliche Erkenntnisse für die Massenmedien aufbereitet werden, muss unbedingt darauf geachtet werden, die vertretene Theorie in den richtigen Kontext zu setzen.
In Tannens Fall hätte das bedeutet, den LeserInnen deutlich mitzuteilen, dass es sich bei der Differenztheorie eben nicht um den vorherrschenden und als gesichert geltenden Ansatz innerhalb des Forschungszweigs handelt, sondern um einen unter mehreren, der zwar anerkanntermaßen seine B erechtigung und Vorteile hat, gegen den aber auch viel einzuwenden ist. Umso schwerwiegender ist das Versäumnis, weil die Einwände gegen das Differenzmodell keine geringen oder nebensächlichen Defizite aufzeigen, sondern einen substantiellen Mangel des Modells, nämlich die völlige Vernachlässigung von Machtstruktu- 4 .Insofern hat Tannen e i-ren innerhalb unserer patriarchalischen Gesellschaft nem unwissenden Publikum nur eine Seite der Medaille präsentiert und die zweite unerwähnt gelassen, mit potenziell schwerwiegenden Folgen für den Feminismus und die Feministische Linguistik. So sehr Tannens Buch auch eine bessere Verständigung zwischen Männern und Frauen anstrebt, eine wirkliche Lösung ist damit nicht gewonnen.
Eine der schärfsten Kritikerinnen Tannens ist Senta Trömel-Plötz. Sie wirft Tannen in ihrem 1991er Aufsatz „Selling the Apolitical“ 5 vor, ihr Buch mache drei Jahrzehnte Feminismus und Frauenbewegung zunichte, es sei ein an Frauen gerichteter Beschwichtigungsversuch, der die Mächtigen der Gesellschaft - 4 DieseArgumentation wird unter anderen vertreten durch Freed 1992, Crawford 1995, Came-
ron 1995, Trömel-Plötz 1998. Freed 1992: 144 geht besonders auf den populärwissenschaftli-
chen Umgang mit diesem Thema ein.
5 Nachgedruckt in Coates 1998, hieraus wird auch zitiert.
2. Differenz und Dominanz 16
die Männer - in ihrem Verhalten bestätige und keine unbequemen Fragen oder gar Forderungen stelle. Ihrer Meinung nach macht Tannen es sich zu einfach: „Only an author who is not in touch with the women in her field could
write a book in 1990 on conversations between women and men without
understanding that women cannot simply adopt the male style and be
powerful, too; and also that men will not voluntarily give up their style
and be powerless like women.“ (Trömel-Plötz 1998: 449)
Männer sind demnach nicht die unschuldigen, missverstandenen Wesen, die Tannen darstellt. Trömel-Plötz ist der Ansicht, dass Männer sich absichtlich unkooperativ verhalten, um Kontrolle auszuüben und ihre Machtposition zu stärken (1998: 452). Ähnlich äußert sich Alice Freed, die darauf hinweist, dass Männer sich sehr wohl rücksichts- und verständnisvoll zeigen können - vo rausgesetzt, sie sehen darin einen Vorteil für sich: „Not only do men understand and use what Tannen calls ‚women’s communicative style’, but they consciously and actively exploit this same expressive register, commonly known as sweet-talking, when in pursuit of sexual conquests“ (1992: 149). Tannens Beispiele, eigentlich dazu gedacht, Missverständnisse zwischen heterosexuellen Partnern darzustellen, zeugen im Gegenteil von asymmetrischen Machtverhältnissen und dominanten Männern, die autark Entscheidungen fällen und G espräche kontrollieren. Freed betont, dass dieses Verhalten herzlich wenig mit Sprache oder Gesprächsstilen zu tun habe, sondern Zeichen dafür sei, dass der Mann seine gr ößere soziale Macht ausübe (1992: 145-146). Besonders der Begriff ‚Misskommunikation’ trifft auf Widerstand. Selbstverständlich existiert sie, aber es gibt auch Grenzen der Missverständlichkeit. Jeder Mensch ist dafür verantwortlich, sich so auszudrücken, dass er oder sie von anderen verstanden wird, und um ein sinnvolles Gespräch zu führen, muss man im Sinne der Grice’schen Maximen kooperieren 6 . Tannen bemerkt im Vorwort ihres Buches, dass asymmetrisch dominante Gesprächsstrukturen zwar auftreten, aber nicht zwangsläufig beabsichtigt seien (1990: 18) - sind sie deswegen in ihrer Gesamtheit entschuldbar? Trömel-Plötz: „We cannot arbitrarily produce speech acts and claim idiosyncratic i ntentions for them - there is a limit to how an utterance can be both understood and misunderstood.“ (1998: 449-450). Zu behaupten, dass beste Absichten automatisch Grobheit und Rück-
6 Eineausführliche Erklärung zu den Grice’schen Kooperationsmaximen findet sich bei Kort-
mann 1999.
2. Differenz und Dominanz 17
sichtslosigkeit im Umgang mit anderen Menschen entschuldigen, sei psychologisch gesehen naiv, ergänzt Crawford (1996: 107).
Die fehlende Verknüpfung der dargestellten männlichen Verhaltensweisen mit den Machtstrukturen innerhalb unserer Gesellschaft ist nach Meinung der g enannten Kritikerinnen der entscheidende Schwachpunkt an Tannens Ratgeber: Auf diese Weise bleibt das Buch oberflächlich und orientiert sich an den Symptomen des Problems, geht aber nicht an dessen Wurzel, die der Feminismus seit Jahrzehnten zu bekämpfen sucht. Im Sinne des Differenzmodells mag man zwar von vorneherein mit der Definition von Gleichheit arbeiten. Wenn unterschiedliche Gesprächsstile aber regelmäßig dazu führen, dass immer dieselbe Partei verletzt, herabgesetzt oder zum Schweigen gebracht wird, dürfen die ursächlichen Unterschiede nicht als symmetrisch nebeneinander stehend betrachtet werden.
Tannen mag es nicht beabsichtigt haben, aber was sie letzten Endes in ihrem Buch getan hat, ist, das Verhalten von Männern zu erklären und es gleichsam zu entschuldigen. Sie hat zwar versucht, Gleichberechtigung ins Spiel zu bringen, insofern nämlich, dass sich in diesem Modell sowohl Männer wie auch Frauen ein wenig besser anpassen müssten, um Kommunikationsprobleme zu lösen. Sobald bei einem solchen Kompromiss aber eine Partei Macht an die andere abgeben müsste, ist Widerstand zu erwarten. Betrachtet man noch dazu den überwiegend weiblichen Markt für „poppsychology“ (Crawford 1996: 98), kann von Gleichberechtigung und Gleichstellung im Grunde keine Rede mehr sein. Tannens Buch mag für Frauen wie Männer gleichermaßen geschrieben sein, kaufen und auch lesen tun es überwiegend erstere. Die Lösung wird daher zur Einbahnstraße. Frauen sind diejenigen, die sich anpassen und ändern, während Männer ihre Machtposition weiter behalten und sogar ausbauen können. Ähnlich denken auch Henley & Kramarae über den Differenzansatz: „[T]he construction of miscommunication between the sexes emerges as a powerful tool, maybe even a necessity, to maintain the structure of male supremacy“ (1991: 42). Tatsächlich hat Tannen den Männern die perfekte Entschuldigung geliefert: „’I can’t help it, honest, it’s my language’“ (Freed 1992: 145). Aus Freeds Sicht
2. Differenz und Dominanz 18
tut Tannen nichts anderes als Männer in Schutz zu nehmen, während Frauen auch zukünftig in ihren Bedürfnissen zu kurz kommen werden: She repeatedly excuses their insensitivities in her examples and justifies
their outright rudeness as merely being part of their need for independ-
ence.[...] Tannen emphasizes the importance of women’s adjusting to
men’s need for status and independence over men’s need to understand
women’s desire for connection. (Freed 1992: 145)
Auch Trömel-Plötz kritisiert die einseitige Lösung des Buches scharf: “Many men, however, must appreciate Tannen’s analysis - they do not have to find out what women want and, above all, they do not have to change.” (Trömel-Plötz 1998: 451).
Schlussendlich ist die Feministische Linguistik mit dieser populärwissenschaftlichen Lösung des Problems wieder zurück in die 70er Jahre und z urück ins Defizitmodell ve rsetzt worden: Die Frauen sind diejenigen, die ein Problem haben beziehungsweise selbst zum Problem stilisiert werden, und entsprechend 7 . sind sie diejenigen, die sich ändern müssen
2.4.3. Die Auswirkungen von Machtasymmetrien in der Gesellschaft
Um wirklich Gültigkeit zu besitzen, muss eine Konversationsanalyse auch Hierarchiebeziehungen berücksichtigen, und zwar sowohl auf unterschiedlichem Geschlecht als auch auf unterschiedlichem Status beruhende. Reale oder auch nur subjektiv wahrgenommene Hierarchien beeinflussen das Verhalten stark, vor allem im öffentlichen Bereich. Der Status des Gegenübers spielt eine Rolle bei der Entscheidung, wie wir anderen begegnen; er bestimmt Merkmale wie den Grad der Höflichkeit, die Wortwahl und auch die Möglichkeit, das G espräch zu kontrollieren:
Hierarchies determine whose version of the communication situation will
prevail; whose speech style will be seen as normal; who will be required to
learn the communication style, and interpret the meaning, of the other;
whose language style will be seen as deviant, irrational, and inferior; and
who will be required to imitate the other’s style in order to fit in the soci-
ety. (Henley & Kramarae 1991: 19-20)
Es gibt keinen Grund anzunehmen, warum die sonst üblichen Hierarchien und Machtverhältnisse im privaten Leben plötzlich keine Rolle mehr spielen soll- 7 ZurStilisierung von Frauen als Problem in der Diskussion um Geschlechtsunterschiede siehe
Crawford 1996: 9.
2. Differenz und Dominanz 19
ten. Genau das ist aber die Voraussetzung für Tannens Problemlösung: Sie kann nur unter der Voraussetzung funktionieren, dass Beziehungen im luftleeren Raum existieren und nicht vom Machtgefüge außerhalb beeinflusst werden. Stellen wir uns eine Beziehung mit klassischer Rollenverteilung vor: Er arbeitet, sie ist Hausfrau und Mutter. Allein schon sein äußerer Status und die Tatsache, dass er das Geld verdient, geben dem Mann in diesem Fall mehr Einfluss und Macht (Crawford 1996: 105).
Immer noch nicht wird in unserer Gesellschaft akzeptiert, dass Frauen mit Haushalt, Ki ndern und oft noch einem Job mindestens genauso, wenn nicht mehr, belastet sind als Männer. Frauen sind nach wie vor "second-class citizens“ (Crawford 1996: 105). Trömel-Plötz zitiert hierzu aus einem UN-Bericht von 1980, in dem steht, dass Männern 99 Prozent des Grundbesitzes gehört, dass sie 90 Prozent aller Gehälter bekommen und dabei nur ein Drittel der A rbeit leisten (1998: 456-457).
Natürlich leben wir heute nicht mehr im Jahr 1980, sondern bereits im nächsten Jahrtausend - es liegen aber trotzdem nur gut 20 Jahre dazwischen. Das ist weniger als eine Generation weiter, und wie viel kann sich in dieser Zeitspanne tun? Formale Gleichheit zwischen Männern und Frauen gab es auch damals schon. wie aber sieht die Realität aus? Beispielsweise gibt es bis heute im deutschsprachigen Raum nur eine einzige Frau, die eine C4-Professur und einen Lehrstuhl für Gynäkologie und Geburtshilfe innehat 8 - eine Ironie, diese Situation ausgerechnet im Fach Frauenheilkunde vorzufinden.
Auch die Einführung der Frauenquote hat Ungerechtigkeiten wie diese nicht beseitigt. Sie ist meiner Meinung nach ohnehin fragwürdig. Die Frauenquote ist kein Instrument, um Gleichbehandlung zu erzwingen, sie bestätigt indirekt, was immer noch zu viele Menschen denken: Wenn eine Frau und ein Mann dieselbe Ausbildung haben, ist der Mann der bessere Kandidat für einen b estimmten Posten. Frauen brauchen dagegen die Unterstützung von oben, in diesem Fall des Gesetzgebers (eine Regierung, die sich mehrheitlich aus Männern zusammensetzt). Die Frauenquote soll Frauen einen Vorteil verschaffen, bestätigt aber gleichzeitig, dass Frauen diesen Vorteil auch brauchen - und
8 Prof. Dr. Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik und Poliklinik der TU München.
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zwar weil sie schwächer sind, nicht etwa, weil sie üblicherweise übergangen werden. Es ist im Grunde eine staatlich bescheinigte Herabsetzung der Frau. Sie impliziert, dass Frauen minderwertig sind und ist - ähnlich wie Tannens Buch - nicht dazu geeignet, patriarchalisch bestimmte Denkstrukturen zu ändern.
Die gläserne Decke in der Personalstruktur Deutschlands gibt es trotz Frauenquote: Frauen in Führungspositionen sind rar gesät. Das liegt natürlich auch mit daran, dass Frauen sich hierzulande immer noch entscheiden müssen, ob sie Ki nder haben oder lieber Karriere machen wollen. Andere europäische Länder wie beispielsweise Frankreich haben für berufstätige Frauen deutlich bessere Bedingungen geschaffen. Mit Erfolg: In Frankreich haben 45 Prozent aller Mütter von drei Kindern einen Job, und insgesamt sind 70 Prozent aller Frauen berufstätig (Zipf 2001: 24).
Es geht aber nicht nur um die Rahmenbedingungen allein, sondern auch um den Status von Frauen. Solange die Gesellschaft nicht bereit ist, Frauen als gleichwertig anzuerkennen, wird sich am Machtgefüge nichts ändern. Der Gesprächsstil, der typischerweise mit Frauen assoziiert wird, findet sich zumeist im Service- und Kommunikationsbereich der Unternehmen, also dort, wo es darum geht, Bindungen zu Kunden und Geschäftspartnern aufzubauen und zu erhalten. Der Auftrag ist deutlich: Frauen sollen quasi den Menschen dienen. die dem Unternehmen nützen. In diesen Bereichen wird der weibliche G esprächsstil positiv bewertet, und daher könnte dies als ein Schritt in die richtige Richtung betrachtet werden. Tatsächlich erlaubt es Frauen einen Beruf außerhalb des Haushalts, aber ohne sie auf die ebenen zuzulassen, auf denen Entscheidungen werden. Hier - so will es das Klischee - sind Männer vonnöten, um die gestellten Aufgaben zu bewältigen. Dass sich Service zu einem immer wichtigeren Marketinginstrument entwickelt und stark an Bedeutung gewinnt, ist nur ein kleiner Trost. Die Gleichstellung ist dennoch weit entfernt.
In diesem Stadium sind Ratgeber wie „You just don’t understand“ kontraproduktiv und untergraben im Endeffekt ihre eigenen Ziele. Sozialer Austausch ist ein sehr mächtiges Instrument, mit dem die männliche Dominanz und die weib-
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liche Unterordnung etabliert und legitimiert werden können. Daher bekommt Tannens Buch, so unpolitisch es auch beabsichtigt gewesen sein mag, politisch gesehen höchste Brisanz, weil es nicht den Status Quo angreift, sondern ihn im Gegenteil dazu noch unterstützt und den Feminismus behindert. Trömel-Plötz sagt, Tannen verkaufe „political naïveté“ (1998: 448), und angesichts der g esellschaftlichen Machtverteilung hat sie recht. Die Neutralität, die Tannen in bester Absicht in ihrem Buch sorgfältig beibehält, wird zur einer „fake neutrality“, wie sich Talbot (1998: 141) ausdrückt: sie verstärkt die Ungleichheit, die das eigentliche Problem darstellt.
2.5. Doing Gender: Eine zeitgemäße Interpretation der Geschlechtsidentität
Welches Modell erscheint nun als das richtige? Auch wenn ich dem Differenzmodell keinesfalls alle Relevanz absprechen möchte, als Modell ist es nicht umfassend genug. Das Dominanzmodell jedoch läuft Gefahr, weibliche Charakteristika als defizitär hinzustellen. Es existiert ebenso wie das Differenzmodell seit mehreren Jahrzehnten und war zur Zeit seiner Entstehung und auch lange danach adäquat für die Beschreibung der vorherrschenden Machtstrukturen in der Gesellschaft. Aber ist es das heute noch? Zum einen entspricht die heutige Gesellschaft, insbesondere das Verhältnis der Geschlechter zueinander, nicht mehr der aus den 1970ern. Zuviel hat sich mittlerweile dank Emanzipation und Feminismus verändert. Zum anderen aber ist es das starre und veraltete Konstrukt von Geschlechtsidentität, das sich im Kreis dreht und keine Lösungsansätze hervorbringt. Stattdessen wird durch die ständige Wiederholung von Belegen für die männliche Dominanz eben jene Dominanz gefestigt. Um zeitgemäße Geschlechtsforschung zu betreiben, ist es notwendig, die Theorie zu reformulieren und biologisches Geschlecht nicht länger mit Geschlechtsidentität gleichzusetzen. Judith Butler (1991) hat das Problem ausführlich dargelegt und gezeigt, wie die Forschung dem Feminismus eine neue Richtung geben und ihn beleben kann.
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Die Geschlechtsidentität ist Butler zufolge der Knackpunkt der feministischen Politik. Die Identität wird von der Forschung als biologisch gegeben und fixiert vorausgesetzt und als erklärende Variable für unterschiedliches Verhalten herangezogen. In der starren Identitätsdefinition, die sowohl dem Dominanz- als auch dem Differenzansatz zugrunde liegt, sieht sie das grundlegende Problem. Es äußert sich auf zwei Arten: Einerseits repräsentiert der Feminismus die Frauen nicht auf adäquate Weise. Es mangelt ihm daher an breiter Unterstützung. Zum zweiten verstärkt die Binarität ‚Mann - Frau’ die Machtstrukturen und Geschlechtsgegensätze, die der Feminismus eigentlich auflösen möchte.
Das erste Problem ist bereits als Kritikpunkt am Differenzansatz genannt worden. Frauen sind keine homogene Gruppe. Mit der normativen Kategorie ‚Frau(en)’, die als stabiles und kohärentes Konstrukt alle Frauen über einen Kamm schert, muss sich der Feminismus der Anklage einer „groben Fehlrepräsentation“ (Butler 1991: 20) stellen. Dasselbe gilt übrigens für Männer: Auch sie sind keine homogene Masse.
Das zweite Problem jedoch ist schwerwiegender. Ihre starre Definition teilt Identität in zwei binäre Positionen: Mann oder Frau. Entscheidend für die Zu-ordnung sind das eigene biologische Geschlecht und die sexuelle Ausrichtung auf das jeweils andere. „Zwangsheterosexismus“ nennt Butler die Grundlage dieser Identitätsdefinition (1991: 46). Begründet ist die Polarisierung von Männern und Frauen im Patriarchat, das Frauen markiert und damit das B ewusstsein und die Erwartungen der Gesellschaft formt. Insofern ist die Darstellung von Geschlechtsidentität eine strukturelle Forderung des Patriarchats (Rodino 1997: 6).
Durch diese Forderung werden sowohl Männer als auch Frauen in ein starres Korsett gedrängt, das beiden Geschlechtern keinen Raum für eine eigene Identität gibt. Sie müssen entweder ganz Frau oder ganz Mann sein, dazwischen gibt es keine Abstufungen 9 . „Die Instituierung einer naturalisierten Zwangsheterosexualität erfordert und reguliert die Geschlechtsidentität als binäre Bezie-
9 Icherinnere hierbei auch an die Kritik am Differenzansatz: Ähnlichkeiten zwischen Männern
und Frauen werden oft allzu bereitwillig und unter Umständen vorschnell als Fehler im Expe-
riment abgetan und beiseite geschoben.
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hung, in der sich das männliche vom weiblichen Tun unterscheidet“ (Butler 1991: 46). In diesem Sinne werden auch bei der Untersuchung durch die immer wiederkehrende Wiederholung der Begriffe Differenz und Dominanz genau diese Unterschiede und Machtstrukturen, denen der Feminismus eigentlich entgegenwirken möchte, weiter gefestigt. Entsprechend erzieht die Gesellschaft Mädchen und Jungen anhand unterschiedlicher Normen und reproduziert damit die Polarisierung von Männern und Frauen. Crawford spricht in diesem Zusammenhang von einer „self-fulfilling prophecy“ (1996: 12) insofern, dass gesellschaftliche Normen das Verhalten stark beeinflussen: Wird ein Mensch wie eine Frau behandelt, verhält er sich auch so. Behandelt man ihn als Mann, verhält er sich wie einer. Die Unterschiede werden erst im sozialen Umgang miteinander geschaffen: „When women and men are treated differently in ordinary daily interaction, they may come to behave differently in return“ (Craw-ford 1996: 14).
Die Forschung trägt dazu bei, die Gegensätze zu verstärken und zu reproduzieren, weil sie das binäre System als Ausgangsbasis heranzieht: „Attempts to prove difference are often attempts at gender polarization and [...] are one way to rationalize limiting the opportunities of women“ (Bing & Bergvall 1996: 17).
Wie oben bereits gesagt wurde, ist die Geschlechtsidentität fest verbunden mit den Konzepten ‚biologisches Geschlecht’ und ‚sexuelles Begehren’, und zwar nur in bestimmten Kombinationen. Problematisch wird es dann, wenn Personen auftauchen, deren Identität inkonsistent und instabil ist. Hermaphroditen beispielsweise widersetzen sich der Einordnung, weil sie sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane haben; homosexuelle oder bisexuelle Menschen ebenso, weil sie nicht oder nicht ausschließlich das andere Geschlecht sexuell begehren (Butler 1991: 38). Hier bricht die Identität auseinander und muss redefiniert und erweitert werden, um weiterhin Gültigkeit zu besitzen. Was die Gesellschaft anbelangt, ergeben sich Nachteile für diejenigen Personen, die nicht den Erwartungen entsprechen - ebenso aber auch für Frauen, die ins Bild der Gesellschaft passen: „Those who do not fall into male or female categories face ostracism, discrimination, and repression. Furthermore, those
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who do fall neatly into the female category are viewed as inferior to men“ (Rodino 1997: 2).
Die Lösung des Identitätsproblems innerhalb des Feminismus ist die offene und variable Gestaltung des Konstrukts ‚Identität’, wie sie Butler proklamiert. Sie darf vor allem nicht mehr an das biologische Geschlecht gekoppelt sein, denn Identität ist eine kulturelle Konstruktion, also „weder das kausale Resultat des Geschlechts, noch so starr wie scheinbar dieses“ (1991: 22). Geschlechtsidentität wird nicht von vorneherein festgelegt, sondern in einem fortlaufenden Prozess produziert. Im Sinne Nietzsches, es gäbe kein Seiendes hinter dem Tun 10 , erweist sich die Geschlechtsidentität als performativ, also selbst konstruierend: „Hinter den Äußerungen der Geschlechtsidentität (gender) liegt keine geschlechtlich bestimmte Identität (gender identity). Vielmehr wird diese Identität gerade durch diese ‚Äußerungen’ konstituiert, die angeblich ihr Resultat sind“ (1991: 49). Insofern wird dann nicht mehr davon gesprochen, einem Geschlecht anzugehören, sondern von doing gender.
Auf diese Weise werden viele unterschiedliche Identitätskonzepte möglich, die einem Menschen in all seiner oder ihrer Individualität deutlich besser gerecht werden: „Sobald die allgemein anerkannten Identitäten und Dialogstrukturen, die der Vermittlung bereits etablierter Identitäten dienen, nicht mehr Thema oder Gegenstand der Politik bilden, können Identitäten je nach den konkreten Praktiken, die sie entwickeln, wechselweise entstehen und sich wieder auflösen“ (1991: 36).
2.6. Zusammenfassung
Zusammenfassend profitiert der Feminismus von dieser Identitätskonzeption auf mehreren Ebenen. Zum einen wird die Kategorie „Frau“ so redefiniert, dass sie die ganze Vielfalt einer menschlichen Persönlichkeit repräsentieren kann. Auf diese Weise können sich Frauen tatsächlich damit identifizieren anstatt mit
10 „There is no ‚being’ behind doing...the ‚doer’ is merely a fiction added to the deed“ aus
Nietzsche 1989: 45, zitiert nach Rodino 1997.
Arbeit zitieren:
Katrin Kleinbrahm, 2003, Geschlechtstypische Kommunikation im Internet, München, GRIN Verlag GmbH
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