Motive für den Kindsmord in Wagners
"Die Kindermörderin"
Holger Hoppe
Inhalt
Einleitung 3
I. Geschichtlicher Hintergrund 3
1. Kindsmord in der Literatur 3
2. Gesellschaftliche Umstände 5
3. Kindsmord in der Gesetzgebung 7
II. Ursachen und Anlass des Kindsmord 9
1. Zufall oder nicht? - Der Anlass... 9
2. Vergewaltigung oder Verführung 13
3. Evchens Ehrenparadoxon 16
Zusammenfassung 18
Literatur-/Quellenverzeichnis 19
Einleitung
Ein beliebtes Thema in der literarischen Bewegung des Sturm und Drang war der Kindsmord lediger, junger Mütter aus dem Bürgertum. Sowohl in Goethes "Faust" als auch in Heinrich Leopold Wagners "Die Kindermörderin" wird dies thematisiert, im ersteren eher mit nebensächlicher Bedeutung und im zweiten als beherrschender Gegenstand. In dieser Hausarbeit möchte ich zunächst die gesellschaftlichen und juristischen Hintergründe beleuchten, die der Kindsmordthematik zu solcher Popularität in der Literatur verholfen haben, während ich im zweiten Teil die individuellen Gründe des Kindsmord von Wagners Evchen aufzeigen möchte.
I. Geschichtlicher Hintergrund
1.Kindsmord in der Literatur
Obwohl das Trauerspiel "Die Kindermörderin" von Heinrich Leopold Wagner das einzige Werk aus der Zeit des Sturm und Drang ist, welches dem Thema Kindsmord literaturgeschichtliche Bedeutung verliehen hat, was man an der vielfältigen Rezeption und an der Umarbeitung durch K.G. Lessing und durch Wagner selbst erkennen kann, haben sich viele andere, zum Teil sehr bekannte Autoren des Themas angenommen. Auch wenn Richard von Dülmen behauptete, dass "zur Aufschlüsselung der sozialen Wirklichkeit der Kindsmörderin im 18. Jahrhundert" (vgl. B 6d: 1991, 104) der "schöne" literarische Diskurs wenig beigetragen haben soll, so dienten die mannigfaltigen literarischen Arbeiten in verschiedenen Gattungen doch der Provokation der Inhaber politischer Macht und gesellschaftlicher Verantwortung.
Besonders in den 1770er Jahren entstanden viele Werke zum Thema: Wagners 1776 erschienener "Kindermörderin" folgte im selben Jahr die Lenz′sche Erzählung "Zerbin oder die neuere Philosophie", Schink veröffentlichte ein Jahr später sein Gedicht "Empfindungen einer unglücklich Verführten bey der Ermordung ihres Kindes", 1782 wurde das von Stäutlin 1776 geschriebene Gedicht "Seltha, die Kindermörderin" im Schwäbischen Musen-Almanach vorgelegt und 1777 erschien Buchholzs Erzählung "Bettina". Sprickmann schrieb 1777 seine Ballade "Ida" und im nächsten Jahr die Erzählung "Mariens Reden bei ihrer Trauung", Meißner trat mit seinen beiden 1779 erschienenen Gedichten "Lied einer Gefallenen" und "Die Mörderin" genauso wie Bürger mit seiner Ballade "Des Pfarrers Tochter von Taubenhain" (1782) dem Kreis der Kindsmord-Autoren bei. 1782 brachte Schiller sein Gedicht "Die Kindsmörderin", eingebettet in eine Reihe Liebesgedicht wie "Laura am Klavier" oder "Triumph der Liebe", heraus und stellte damit eindeutig den Zusammenhand mit dem Motiv des sexuellen Begehren her. Wucherer widmete sich in seinem Drama "Julie, oder die gerettete Kinds-Mörderinn" (1782) dem Thema, in den späten 1770er Jahren entstand auch noch "Das Nuß-Kernen, eine pfälzische Idylle" von Maler Müller. (vgl. Luserke 1997: 226-228). Abgesehen von Wagners Drama zählt heute Goethes "Urfaust", der 1773-1775 entstanden ist, jedoch erst 1887 veröffentlicht wurde, zu den bekannteren Werken, die das Thema Kindsmord in sich aufnehmen. Goethe beschreibt, wie das Mädchen Gretchen von einem sozial wie auch intellektuell überlegenen Liebhaber, nämlich Faust, verführt und dann verlassen wird, wonach sie ein Kind zur Welt bringt und es ermordet, da in der damaligen Gesellschaft keine Akzeptanz für Mütter mit unehelichen Kindern vorhanden war. Das die Gestaltung des Wagner′schen Dramas ähnlich ausfällt, ist kein Zufall, denn offenbar gehen beide Werke auf das selbe historische Ereignis zurück: die Hinrichtung der Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt am 14. Januar 1772 in Frankfurt, welcher Goethe offenbar beigewohnt hatte und mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar Einsicht in die Akten der Verhöre hatte. Goethe traf Wagner danach in Straßburg, sie wurden Freunde und bald erfuhr Wagner von dessen Absichten bezüglich "Faust", besonders was die Figur des Gretchens betraf. In "Dichtung und Wahrheit" (Bd. 1, Seite 647) schreibt Goethe 1812/1813 dann folgendes: "Er fasste das Sujet auf, und benutzte es für ein Trauerspiel, "Die Kindesmörderin". Es war das erste Mal, dass mir jemand etwas wegschnappte; es verdross mich, ohne dass ich′s ihm nachgetragen hätte."
[...]
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M.A. Holger Hoppe, 2003, Motive für den Kindsmord in Wagners "Die Kindermörderin", Munich, GRIN Publishing GmbH
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