4. Kooperation zwischen LEG und IBA GmbH 24
4.1 Geschichte des „Arbeiten im Park“-Ansatzes 24
4.2 Modifikation des „Arbeiten im Park“-Konzeptes durch die IBA GmbH 26
4.3 Die Rolle der LEG bei der Umsetzung des „Arbeiten im Park“-Leitthemas 27
4.4 Umsetzung des „Arbeiten im Park“-Konzeptes im Rahmen der IBA Emscher Park 28
5. Der Gründer- und Technologiepark Wissenschaftspark Rheinelbe 30
5.1 Fallbeispiel Wissenschaftspark Rheinelbe 30
5.2 Umsetzung, Planung und Vermarktung des Gewerbeparks 31
5.3 Ökonomische Wirkung des Projekts auf mikroregionaler Ebene 33
6. Beurteilung des Leitthemas „Arbeiten im Park“ 35
6.1 Impulse für die Regionalpolitik 35
6.2 Ökonomische Wirkung auf das Planungsgebiet der IBA Emscher Park 39
6.3 Veränderung der Standortattraktivität 41
6.4 Effekte auf die Beschäftigungsstruktur des RVR 43
7. Zusammenfassung und kritische Bewertung der Ergebnisse 46
7.1 Zusammenfassung der Ergebnisse 46
7.2 Fazit und kritische Auseinandersetzung 47
8. Literaturquellen 53
9. Internetquellen 60
Anhang :
I Abbildungen
II Fotographien
ii
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1 Lange Wellen der ökonomischen Entwicklung
Abb. 2 Konzept des regionales Lebenszyklus
Abb. 3 Produktlebenszyklustheorie
Abb. 4 Kennzeichen von Altindustrieräume
Abb. 5 Doppelte Finanzschwäche und Auswirkungen auf die Kommune
Abb. 6 Kontinuum der harten und weichen Standortfaktoren
Abb. 7 Entwicklung der Arbeitslosenquote während des Entwicklungsprogramm Ruhr
Abb. 8 Zonale Gliederung des Regionalverbandes Ruhr
Abb. 9 Zentrale Leitthemen der IBA Emscher Park
Abb. 10 Projekte der IBA Emscher Park
Abb. 11 Die 20 „Arbeiten im Park“-Projekte während der IBA Emscher Park
Abb. 12 Planungsgebiet des Wissenschaftsparks Rheinelbe
Abb. 13 Verteilung der Nutzungsflächen im Wissenschaftspark Rheinelbe
Abb. 14 Arbeitsschritte der NRW.URBAN (Stand 2009)
Abb. 15 Gewerbesteuersätze in NRW
Abb. 16 Beschäftigungsentwicklung im RVR seit 1989
Abb. 17 Gründer- und Technologiezentren als Instrument für Strukturpolitik
Abb. 18 Entwicklung der Arbeitslosenquote nach 1989
Tabellenverzeichnis
Tab. 1 Gründer- und Technologiezentren der IBA Emscher Park
Tab. 2 Nutzungsprofile ausgewählter Gründer- und Technologiezentren
Tab. 3 Veränderung des Planungsparadigma durch die IBA Emscher Park
Tab. 4 Grün- und Naherholungsparks in „Arbeiten im Park“-Projekten
iii
Abk ürzungsverzeichnis
AiP Arbeiten im Park
DM Deutsche Mark
EFRE Europäischer Fonds für regionale Entwicklung
ERIH European Route of Industrial Heritage
EU Europäische Union
GTZ Gründer- und Technologiezentren
IBA Emscher Park Internationale Bauausstellung Emscher Park
IfM Institut für Mittelstandsforschung
IHK Industrie- und Handelskammer
IT Information und Telekommunikation
IT.NRW Statistisches Landesamt von NRW
LEG Landesentwicklungsgesellschaft
MBV Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr
MSKS Ministerium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport
NRW Nordrhein-Westfalen
ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr
PPP Public Private Partnership
PR Public Relations
RVR Regionalverband Ruhr
SWOT -Analyse Strengts, Weaknesses, Opportunities and Threats
TU Technische Universität
T ÜV Technischer Überwachungs-Verein
iv
1. Einleitung
1.1 Einführung in das Thema
Das Ruhrgebiet galt lange Zeit als der entscheidende Taktgeber der deutschen Ökonomie. Nach dem zweiten Weltkrieg sorgte eine Sonderkonjunktur aufgrund des Wiederaufbaus für enormes Wirtschaftswachstum und führte damit zu einer Steigerung des
gesamtdeutschen Wohlstands 1 . Nach der Kohlekrise im Jahr 1957/1958 fand eine enorme Umstrukturierung des Raumes statt. Infolge des ökonomischen Niederganges der Montanindustrie und dem einsetzenden Strukturwandel, verlor ein Großteil der beschäftigten Bevölkerung ihren Beruf. Das Ruhrgebiet entwickelte sich zum „Sorgenkind“ der Bundesrepublik Deutschland.
Die Arbeitslosigkeit war im Verhältnis zu anderen Regionen überproportional stark ausgeprägt. Bestehende Industriebetriebe nutzten ihre großen Bodenflächen, die z.T. stark in das innerstädtische Gefüge eingebunden waren, als Machtmittel und verhinderten über lange Zeit bis in die 1960er Jahren eine Neuansiedlung von anderen Industrien. Mit zunehmender Globalisierung und sinkenden Transportkosten verlor das Ruhrgebiet den Standortvorteil „direkt auf der Kohle zu sitzen“ und konnte somit nicht mehr mit den Weltmarktpreisen für Kohle und Stahl konkurrieren. Ein großer Teil der industriellen Flächen, die in Form von Zechen, Kokereien und Stahlwerken genutzt wurde, fiel brach und erzeugte ein innerregionales Nutzungsvakuum.
Die wirtschaftspolitischen Bestrebungen in Zeiten der Kohle- und Stahlkrise beschränkten sich vorwiegend auf eine strukturerhaltende Förderungspolitik. In hohem Maße wurden Subventionen genutzt, um die gewachsene ökonomische Struktur zu erhalten, statt einen langfristig nachhaltigen Wandel herbeizuführen. Erstmalig in den 1980er Jahren vollzog sich ein Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik. Statt einer strukturerhaltenden Wirtschaftspolitik sollte eine innovationsfördernde Politikstrategie das Ruhrgebiet revitalisieren. Die Internationale Bauausstellung Emscher Park sollte durch Impulse einen sozialen, ökonomischen, kulturellen sowie ökologischen Wandel gezielt fördern. Es wurden sechs Leitthemen formuliert und anschließend über 100 Projekte in einem Zeitraum von 10 Jahren verwirklicht. In der vorliegenden Untersuchung liegt ein spezielles Augenmerk auf dem Leitthema „Arbeiten im Park“. Es soll untersucht werden, ob durch gezielte Projekte
1 In der Öffentlichkeit bekannt als das „Wirtschaftswunder“
1
regionalökonomische Effekte nachhaltig erzeugt werden konnten. Zudem wird analysiert, ob ein Strategiewechsel in der Regionalplanung durch die IBA Emscher Park initiiert wurde. Leitfrage der Untersuchung ist, ob die IBA Emscher Park nötige Beschäftigungseffekte auf regionalwirtschaftlicher Ebene und nachhaltiger Basis erzeugt hat.
1.2 Forschungsleitende Fragestellung
Bei der vorliegenden Analyse liegt der Forschungsschwerpunkt auf dem Leitthema der Internationalen Bauausstellung „Arbeiten im Park“. Anhand von Leitfragen sollen regionale Auswirkungen auf Ökonomie und kommunale Planungsbehörden analysiert werden. Die Betrachtung potenzieller Effekte bezieht sich in erster Linie auf die meso-räumliche Ebene und beschränkt sich auf das Ruhrgebiet mit speziellem Fokus auf die Emscherregion (vgl. Abb. 8). Anhand von sozio-ökonomischen Daten, Statistiken und wissenschaftlichen Publikationen soll überprüft werden, ob sich räumlich quantifizierbare Beschäftigungseffekte messen lassen. Außer quantitativen Aspekten sollen zudem qualitative Effekte für die Region analysiert werden. Eine wirtschaftsgeographische Betrachtung der harten und weichen Standortfaktoren soll eine mögliche Auf- bzw. Abwertung der Ökonomie in der Emscherzone untersuchen. Der zeitliche Untersuchungsraum beginnt mit dem Start der IBA Emscher Park im Jahr 1989 und versucht mögliche Auswirkungen bis heute zu untersuchen. Hat sich durch die IBA Emscher Park die Kooperation zwischen den Kommunen verbessert? Erzeugt kommunale Kooperation ein Klima der Innovation? Welche Grundpfeiler der regionalen Kooperation wurden durch die IBA Emscher Park gelegt? Setzt das Leitprojekt „Arbeiten im Park“ neue Akzente im Planungsprozess der kommunalen Behörden? Funktioniert die Verbindung von ökologischen Aspekten mit ökonomischen Zielen? Besitzt die IBA Emscher Park einen innovativen Charakter im Bereich der Nachhaltigkeit? (Gerade das Thema Nachhaltigkeit hat in den vergangenen Jahren aufgrund der globalen Umweltveränderungen an Relevanz gewonnen.) Inwiefern war das Konzept der IBA Emscher Park ihrer Zeit voraus? Welche Rückschlüsse auf die Wirkung von strukturpolitischen Maßnahmen lassen sich feststellen? Wie kann man Steuergelder möglichst effizient einsetzen, um eine Wirkung zu erzielen (Gießkannenprinzip vs. Einzelförderung)? Die wichtigsten Betrachtungsebenen bei der Untersuchung sind somit einerseits die ökonomischen Effekte der IBA Emscher Park mit dem Augenmerk des Leitthemas „Arbeiten
2
im Park“, sowie die Wirkungen auf die kommunalen Planungsprozesse und Kooperationsmuster.
1.3 Einordnung in die Geographie
Ein wichtiger Aspekt bei der Analyse ist eine Einordnung in die geographische Wissenschaft. Ökonomie und die Auswirkungen auf das räumliche Gefüge auf einen Besiedlungsraum lassen sich aus meso-ökonomischer Perspektive nur ganzheitlich analysieren. Die Geographie fungiert als Schnittstelle zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften und besitzt durch ihre Interdisziplinarität enormes Synergiepotenzial zwischen den jeweiligen Teilbereichen der Wissenschaften. Der ganzheitliche Untersuchungsmaßstab der Geographie eignet sich besonders, um raumwirksame Effekte zu analysieren, ohne dass wichtige Teilaspekte vernachlässigt werden. Effekte, die aufgrund der IBA Emscher Park quantifizierbar sind lassen sich auf multidimensionaler Ebene feststellen. Jedoch beschränken sich viele Effekte nicht auf messbare Zahlen und haben qualitativen Charakter, welcher schwer zu messen ist. Zudem besitzen die Maßnahmen einen raumwirksamen Aspekt auf das Siedlungsgefüge der Städte und wirken in einem zeitlichen Muster. Bei der Analyse der regionalökonomischen Effekte einer strukturpolitischen Maßnahme greifen verschiedene Teilbereiche der Geographie ineinander.
Wichtige Teildisziplinen der Untersuchung sind u.a. die Wirtschaftsgeographie, Stadt-und Sozialgeographie und im Bereich der Transferleistung zwischen Analyse und Anwendung die Angewandte Geographie. Nachbardisziplinen sind u.a. die Volkswirtschaftslehre, die Betriebswirtschaftslehre sowie die Sozialwissenschaften. Aus der Wirtschaftsgeographie sind vor allem die dynamisch-zyklischen Standorttheorien (Produktlebenszyklus / vgl. Abb.3) und die theoretischen Ansätze zur Erklärung des strukturellen Wandels (Theorie der Langen Wellen und Konzept des regionalen Lebenszyklus) essentiell, um ein Grundverständnis zum Thema aufzubauen (vgl. Abb. 1 und Abb. 2). Strukturwandel ist ein dynamischer Prozess, der im Zeitablauf unterschiedliche, ungleichmäßige Entwicklungen der Wirtschaft durch Innovationsprozesse auslöst (HAAS und NEUMAIR 2008, S. 76). Das ökonomische Wachstum im Ruhrgebiet beruht auf den Basisinnovationen der zweiten und dritten Langen Welle (vgl. Abb. 1). Jeweilige Basisinnovationen unterliegen einem regionalen Produktlebenszyklus.
3
Abb. 1 Lange Wellen der ökonomischen Entwicklung. Quelle: SEDLACZEK 2007 nach STEINBERG
1994 in: GEBHARDT et al. 2007, S. 677 verändert. Entnommen aus: BOLDT, K-W. GELHAR, M.
2008, S. 40 Layout: R. SPOHNER
Abb. 2 Konzept des regionalen Lebenszyklus. Quelle: RÖSCH 1998 in: HAAS und NEUMAIR 2008, 78
4
Abb. 3 Produktlebenszyklustheorie. Quelle: NUHN 1985 in: HAAS und NEUMAIR 2008, S. 56
Am Anfang dieses Zyklus ist eine Region aufgrund ihres Vorsprunges in Forschung und Entwicklung kreativ und erzeugt somit notwendige Innovationen, welche vermehrt vom Markt nachgefragt werden (Kohle- und Stahlprodukte). Mit fortschreitender Dauer und nachlassender Produktdifferenzierung verliert eine Region jedoch die Marktführerschaft und beginnt zu stagnieren. In der Stagnationsphase des Ruhrgebiets machte sich die starke Konzentration von Monostrukturen deutlich und verstärkte die ökonomischen Schrumpfungsprozesse. Mit der Kohlekrise ab 1958 stürzte das Ruhrgebiet in die verteidigende Phase. Diese Phase ist geprägt durch eine „besitzstandsorientierte Interessenskoalition aus Politik, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften“ (HAAS und NEUMAIR 2008, S. 79), deren Ziel in der Verhinderung einer Erosion der Region auf sozialer, ökonomischer und technologischer Ebene bestand. Der einstige Wirtschaftsmotor der Bundesrepublik Deutschland entwickelt sich mit zunehmender Globalisierung und fehlender Perspektive zu einer Altindustrieregion (vgl. Abb. 4). Produktlebenszyklen der Montanindustrie sind an ihrem Ende angelangt und befinden sich in einer Schrumpfungsphase (vgl. Abb. 3). Die Auswirkungen dieses Strukturwandels vollziehen sich nicht nur auf ökonomischer Ebene sondern auch auf sozialer, ökologischer und räumlicher Ebene. Stadtgeographische Aspekte sind nicht nur die Aufgabe der Geographie. Wirkungsweisen des Strukturwandels wirken Vielfältig auf die stadtgeographische Betrachtung ein.
5
Wichtige Nachbardisziplinen sind u.a. die Politologie (vorherrschendes Verständnis der Marktform), die Raumplanung, die Soziologie (Segregation und Polarisation von Gesellschaftsschichten, zunehmende Heterogenisierung bzw. Pluralisierung von Gemeinschaften), die Architektur bzw. Städtebau (prägendes Leitbild der Architektur) und die Ökonomie (ZEHNER 2001, S. 17).
In dieser Arbeit liegt der Fokus auf der Analyse der politischen Veränderungen bei den raumplanerischen Methoden. Das Spektrum der genutzten Methoden liegt in der Analyse und Bewertung von Primär- und Sekundärliteratur und sozio-ökonomischen Statistiken, welche frei zugänglich sind (wie z.B. „Zahlenspiegel der Metropole Ruhr“ und „IT.NRW“).
1.4 Definition der Fachbegriffe
Angesichts des komplexen Themas ist es durchaus sinnvoll, wichtige Begriffe (Altindustriegebiete, Standortfaktoren, doppelte Finanzschwäche und Strukturpolitik), die in der Ausarbeitung eine bedeutende Rolle spielen, zu erklären und zu definieren. Das wirtschaftspolitische Milieu von NRW war schon immer sehr stark interventionistisch geprägt. Landespolitiker versuchten schon seit der Gründung des Bundeslandes die Wirtschaft zu steuern. Jeglicher Einfluss des Staates auf die Entwicklung der Ökonomie ist Wirtschaftspolitik. Wenn die Maßnahmen darauf abzielen, die Wirtschaftsstruktur eines Raumes nachhaltig zu ändern, versteht man dies als Strukturpolitik.
Diese differenziert sich zwischen Strukturerhaltungspolitik, Strukturanpassungspolitik und Strukturgestaltungspolitik (www.wirtschaftslexikon.gabler.de). Um ein Mindestmaß inländischer Produktion zu erhalten, werden strukturerhaltende Maßnahmen durchgeführt. Betroffene Branchen sind im Ruhrgebiet Unternehmen aus dem Bereich der Montanindustrie (Kohle und Stahl). Staatliche Interventionen in diese Märkte werden in der Regel durch direkte und indirekte Subventionen getätigt. Strukturanpassungspolitik beabsichtigt, den Abbau von Arbeitsplätzen zu verlangsamen und nötige sozialpolitische Maßnahmen zur Kompensierung der freigesetzten Arbeitskräfte zu verwirklichen. Beispielsweise wird versucht, die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Branchen wiederherzustellen. Als Instrumente für diese Strategie dienen unter anderem Subventionen und der Kapazitätsabbau der betroffenen Branchen. Arbeitnehmern sollen durch Umschulungsmaßnahmen Perspektiven in anderen Tätigkeitsbereichen aufgezeigt werden. Strukturanpassungspolitik entwickelt sich bei Nichterfüllung des gewünschten Effektes zur
6
Strukturerhaltungspolitik. Maßnahmen wie die IBA Emscher Park fallen unter Strukturgestaltungspolitik. Es wird mit gezielten Leuchtturmprojekten versucht, eine gesamträumliche Wirkung zu erzielen. Die Emscherzone ist eine sogenannte Altindustrieregion. Auch wenn der Begriff „Altindustrieregion“ bis heute keine allgemeingültige Definition besitzt (GELHAR 2010, S. 4) lassen sich zahlreiche Indikatoren festmachen, welche auf das Ruhrgebiet und speziell auf die Emscherregion übertragbar sind (vgl. Abb. 4). SCHRADER postulierte 1993, dass es wichtig ist, geeignete Indikatoren und dominierende Kennzeichen zu nennen.
Abb. 4 Kennzeichen von Altindustrieräume. Quelle: SCHRADER 1993 in: GELHAR 2010, S. 4
Diese Kennzeichen sollten quantitativer Natur und beispielsweise durch das Statistische Bundesamt ermittelbar sein (Arbeitslosenquote, Industriedichte,
Beschäftigungsstruktur). Der Förderungsfonds der EU Ziel-2 Förderregionen (Europäischer Sozialfonds, EFRE und Kohäsionsfonds) benutzt ähnliche Indikatoren, um Räume „mit einem sozioökonomischen Wandel in den Sektoren Industrie und Dienstleitungen“ zu definieren. Kennwerte für diese Definition waren hohe Arbeitslosigkeit und ein hoher Anteil an Industriebeschäftigten (GELHAR 2010, S. 4).
In der Wirtschaftsgeschichte der Emscherzone spielten monostrukturierte Großbetriebe eine prägende sozioökonomische Rolle. Aufgrund des Kohlevorkommens und der
7
räumlichen Nähe zu Absatzmärkten entwickelte sich die Emscherregion relativ früh zu einer Industrieregion. Die Unternehmensstruktur erzeugt einen hohen Anteil an Industriebeschäftigten und die Umweltverschmutzung war dem Gewinnstreben der Unternehmen untergeordnet. Aufgrund ökonomischer Krisen und Wettbewerbsverluste durch zunehmende Globalisierung brach ein Großteil der industriellen Beschäftigung ein, wodurch eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit erzeugt wurde. Mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit ergaben sich auch soziale Probleme.
Denn Städte mit hoher Arbeitslosigkeit leiden unter der sogenannten „doppelten Finanzschwäche“. Wegen der Schließung großer Unternehmen fehlen dem kommunalen Haushalt wichtige Gewerbesteuereinnahmen. Gleichzeitige Belastung der Kommune durch hohe Sozialtransferleistungen und selektive Abwanderungstendenzen verstärken diese Abwärtsspirale (ÖKO ZENTRUM 2005, S. 3 und WALZ 1993, S. 98).
Abb. 5 Doppelte Finanzschwäche und Auswirkung auf die Kommune. Quelle: WALZ 1993. Eigene
Ergänzungen und Entwurf
8
In dieser Ausarbeitung wird eine Unterscheidung von ökonomischen Effekten aus regionalpolitischer Sicht quantitativer und qualitativer Art vorgenommen. Unter quantitativen Effekten werden messbare Werte verstanden. Aus regionalpolitischer Sicht fallen Veränderungen des Bruttoinlandsproduktes, der Erwerbsquote und der Arbeitslosenquote unter diese Kategorisierung. Qualitative Effekte sind schwer messbar und unterliegen der subjektiven Priorisierung der regionalpolitischen Instanz. So kann das Erreichen eines vorgegebenen Zieles als qualitativer Aspekt gewertet werden. Weitere wichtige Bereiche der ökonomischen Effekte aus Sicht der Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind Standortfaktoren. Diese sind „die maßgeblichen Determinanten der Standortwahl, welche sich positiv oder negativ auf Anlage und Entwicklung eines Betriebes auswirken“ (HAAS und NEUMAIR 2008, S. 13). Tendenziell wird zwischen harten und weichen Standortfaktoren unterschieden.
Abb. 6 Kontinuum der harten und weichen Standortfaktoren. Quelle: GRABOW et al. 1995 in: HAAS
und NEUMAIR 2008, S. 17
Aus der Abb. 6 lässt sich ableiten, dass es keine klare Abgrenzung zwischen harten und weichen Standortfaktoren gibt. Es besteht ein fließendes Kontinuum zwischen harten und weichen Standortfaktoren. Weiche Standortfaktoren sind Faktoren, die „sich auf das individuelle Raumempfinden der Menschen in ihrer Arbeits- und Lebenswelt beziehen“ (SCHORER 1993, S. 499ff.). Harte Standortfaktoren wirken sich direkt auf die betriebswirt-
9
schaftlichen Kennzahlen eines Unternehmens aus. Zudem unterscheidet die gewählte Perspektive über die Priorität von Standortfaktoren. Unternehmen haben beispielsweise andere qualitative Ansprüche an eine Region (z.B. Image, Wirtschaftsfreundlichkeit usw.) als Arbeitnehmer (z.B. hohe Wohn- und Lebensqualität). Um nötige Informationen über die Einschätzung der Standortfaktoren zu erhalten, werden vorhandene empirische Untersuchungen benutzt.
1.5 Reflexion des Forschungsstandes
Das Planungsmodell der IBA Emscher Park und seine Auswirkungen auf den Emscherraum wurden von verschiedenen Institutionen untersucht. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung veröffentliche zum Schlussauftakt der Bauausstellung ein Heft mit vielen Beiträgen. Die Autoren der Artikel stammen aus verschiedenen Milieus (Wissenschaftler, Wirtschaftsförderer, Kulturdezernenten, Stadtplaner, Architekten uvm.) und erlauben eine ausführliche Analyse aufgrund der vielschichtigen Sichtweisen. Weiterhin hat die TU Dortmund einen umfassenden Projektkatalog mit dem Titel „Internationale Bauausstellung Emscher Park - 10 Jahre danach“ veröffentlicht. Diese Veröffentlichung beinhaltet alle Projekte und genaue Informationen über Kosten und Planungsprozesse. Zudem wird zu manchen Projekten ein Fazit über die Wirkung hinzugefügt. Das Fachgebiet „Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung“ der TU Dortmund initiierte das Forschungsprojekt „IBA revisited“ mit den Forschungsschwerpunkten „Arbeiten im Park“, „Wohnen“ und „Impulse“. Das Projekt wurde 2006 begonnen und vergibt regelmäßig Diplomarbeiten an interessierte Studierende der TU Dortmund. Das Institut für Raumplanung veröffentlichte 1999 den Sammelband „Laboratorium Emscher Park - Städtebauliches Kolloquium zur Zukunft des Ruhrgebietes“ mit verschiedenen Beiträgen, welche vor allem die Veränderungen im Planungsprozess einzelner Akteure untersuchte. Im Jahr 2005 veröffentlichte das Öko-Zentrum NRW Hamm eine umfassende Evaluation des Leitthemas „Arbeiten im Park“. Dabei wurden Fragebögen an die ange- siedeltenUnternehmen verschickt und empirisch ausgewertet. Diese Studie erlaubt eine gute Rezension der regionalökonomischen Effekte auf der quantitativen sowie qualitativen Ebene der Ökonomie. Wichtige Erkenntnisse des Forschungsstandes fließen in die vorliegende Ba-chelorarbeit mit ein. Zudem existiert eine Vielzahl von Literatur, welche die IBA Emscher Park als Thema beinhalten und wichtige Sachinformationen zu den Projekten liefern. Die vor-
10
liegende Untersuchung soll mehrere Forschungsergebnisse vernetzen und versucht durch eine geographische Betrachtungsweise neue Erkenntnisse zu generieren. Dabei liefern die Leitfragen (vgl. Kap. 1.2) ein nötiges Gerüst, um eine präzise Analyse zu ermöglichen.
1.6 Aufbau und Methodik
Bei der vorliegenden Untersuchung werden vorerst die allgemeinen Leitthemen vorgestellt und die Ursachen bzw. die Notwendigkeit einer regionalpolitischen Strukturmaßnahme erläutert. Die formulierten Leitfragen sollen die Fragestellung präzisieren und einen roten Faden aufbauen. In einem kurzen geschichtlichen Überblick werden vorangegangene Strukturmaßnahmen (Kapitel 2) vorgestellt mittels derer dem Leser der Wandel in der Planungsstrategie verdeutlicht werden soll. Zunächst wird im Kapitel 3 die Internationale Bauausstellung Emscher Park als Ganzes vorgestellt. Im Kapitel 4 erfolgt dann ein Fokus auf das Leitthema „Arbeiten im Park“. Zur Beantwortung der Leitfragen wird die Umsetzung des „Arbeiten im Park“-Konzeptes, anhand des Fallbeispieles Wissenschaftspark Rheinelbe vorgestellt und bewertet (Kapitel 5). Gründe für die Auswahl des Wissenschaftspark Rheinelbe sind u.a. die überregionale Bekanntheit durch diverse Auszeichnungen aufgrund des Baudesigns und die umfassend umgesetzte Kombination von ökologischen und ökonomischen Aspekten. Kapitel 6 dient zur Analyse und Bewertung des Gesamtkonzeptes. Dabei spielen Auswirkungen auf die Kommunal- bzw. Regionalpolitik, ökonomische Effekte auf die Emscherzone und dem Planungsgebiet des RVR, sowie Impulse für die Standortqualität eine wichtige Rolle. Anhand der Vorstellung dieser Indikatoren soll verdeutlicht werden, dass strukturpolitische Maßnahmen nicht alleine an ihren quantitativen Beschäftigungseffekten gemessen werden sollten.
Im Schlussteil erfolgt eine kurze Zusammenfassung und eine ausgiebige kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept „Arbeiten im Park“ bzw. der IBA Emscher Park (Kapitel 7). Die kritische Betrachtung ist nötig, um potenzielle Verbesserungsvorschläge zu entwickeln, welche ein wichtiges Instrument bei der angewandten Geographie darstellen. Geographische Analyse- und Betrachtungsweisen sind prädestiniert, um kommunale Entscheidungen zu hinterfragen und zu verbessern. Zur Bewertung der Beschäftigungseffekte werden Daten benutzt, die sich auf das gesamte Gebiet des RVR beziehen (vgl. Abb. 8).
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Arbeit zitieren:
Daniel Udayanan, 2011, Die IBA Emscher Park. Eine Untersuchung ihrer regionalökonomischen Effekte aus Sicht der Geographie, München, GRIN Verlag GmbH
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