VORWORT DES AUTORS ☺
Warum soll Weinen nicht erlaubt sein, wenn doch Lachen so gern gesehen wird? Natürlich ist der Tod einer wichtigen Person etwas schlimmes, aber warum machen wir es uns dann noch schwerer, indem wir unsere natürlichen emotionalen Reaktionen unterdrücken? Jede/r, der sich schon mit Trauer auseinandersetzen muss, fühlt sich in vielen Situationen gezwungen, seine Emotionen irgendwie zu regulieren. Das Leben muss ja weiter gehen, und da haben Emotionen nichts zu suchen. Meint Frau und Mann…
Diese Arbeit möchte in Erfahrung bringen, wie zwei junge erwachsene Menschen mit den emotionalen Reaktionen auf ihr kritisches Lebensereignis umgehen.
Ein großer Dank möchte ich Frau Hascher aussprechen, die mich professionell betreute, aber auch wirklich warmherzig unterstützt hat. Eva, Jana und Marc, danke fürs Korrektur lesen. Danke, liebe C. und S., dass ihr euch dazu bereit erklärt habt, an den Interviews teilzunehmen. Diese Arbeit ist für euch.
Ich möchte mich aber auch bei allen weiteren Personen bedanken, die zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen haben.
Ich widme diese Arbeit den Gefühlen, denn nur durch Gefühle wird uns bewusst, dass wir lebendig sind. Carpe diem.
Felix.
ABSTRACT
DEUTSCH
Ein Kritisches Lebensereignis wie der Tod eines nahen Familienmitgliedes lösen heftige emotionale Reaktionen bei den Betroffenen aus. Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit dem Umgang und der situativen Regulation von Trauer und anderen Emotionen. Hintergrund sind Theorien über Emotionen und Emotionsregulation, zudem werden Eigenschaften von kritischen Lebensereignissen und Krisen beleuchtet. Es wurden zwei Geschwister, die ihren Vater durch einen tödlichen Unfall verloren haben, nach ihrem Emotionserleben im Kontext dieses tragischen Ereignisses befragt. Die gewonnen Informationen werden qualitativ in einem interpretativen Verfahren dahingehend untersucht, wie Emotionen in verschiedenen Situationen reguliert werden und welche Effekte die Emotionsverarbeitung nach sich ziehen können. Erkenntnisse haben einen fallspezifischen Charakter. Mögliche Hypothesen und neue Fragestellungen werden im Anschluss generiert, und Implikationen für die zukünftige Forschung und für die pädagogisch-psychologische Praxis werden diskutiert.
[schlüsselwörter: ‚emotionen’ ‚emotionsregulation’ ‚lebensereignisse’ ‚kritische
lebensereignisse’ ‚bewältigung’ ‚krise“ ‚stress’ ‚trauer’]
ENGLISH
A critical life event such as a death of a family member causes unexpected and strong emotions. This bachelor thesis examines the depths of how people react to grief and cope with mourning and other emotions in certain situations. Theories about emotions and feelings in certain critical life events are the basic framework for this work and will be furthermore examined. Two siblings who lost their father in an accident were interviewed about how they were able to cope with such a tragic life incident and how the managed their emotions in a further context of their daily life. All the extracted information is the background for this thesis on coping with strong emotions and possible effects on life situations later on. Consolidated findings are case specific and possible hypothesis and new questions are generated. More over, implications for future research in pedagogy and psychology are discussed in the end.
[key words: ‚emotion’ ‚emotion regulation’ ‚crisis’ ‚stressful life events’ ‚critical life events’ ‚mourning’ ‚coping’ ]
Felix Autor: Umgang mit Emotionen bei kritischen Lebensereignissen
I N H A L T S V E R Z E I C H N I
1 EINLEITUNG 6
1.1 ALLGEMEINE FORSCHUNGSFRAGE 7
1.2 AUFBAU DER ARBEIT. 8
2 DAS KONZEPT DER KRITISCHEN LEBENSEREIGNISSE 9
2.1 EINE ANNÄHERUNG AN DEN BEGRIFF „KRITISCHES LEBENSEREIGNIS“ 9
2.2 EINE ANNÄHERUNG AN DEN BEGRIFF „KRISE“ 11
2.3 WISSENSCHAFTSTHEORETISCHE BETRACHTUNGSWEISEN. 12
2.4 VERLUSTERLEBNISSE - VERSCHIEDENE PERSPEKTIVEN 14
3 EIN KONZEPT VON EMOTIONSREGULATION 16
3.1 EINE ANNÄHERUNG AN DEN BEGRIFF „EMOTION“ 16
3.2 EINE ANNÄHERUNG AN DEN BEGRIFF „TRAUER“ 18
3.3 DAS KOMPONENTEN-PROZESS-MODELL DER EMOTION 20
3.4 EINE ANNÄHERUNG AN DEN BEGRIFF „EMOTIONSREGULATION“ 23
3.5 DAS PROZESSMODELL DER EMOTIONSREGULATION 24
3.6 DIE BEDEUTUNG DER SITUATION. 27
3.7 INTERAKTION DER KONZEPTE „KRITISCHE LEBENSEREIGNISSE“ UND „EMOTION“ 28
4 ZIELSETZUNG UND METHODISCHE VORGEHENSWEISE 29
4.1 PRÄZISIERUNG DES FORSCHUNGSGEGENSTANDS UND DER FORSCHUNGSFRAGEN 29
4.2 SKIZZE DER WISSENSCHAFTLICHEN VORGEHENSWEISE 30
4.3 BESCHREIBUNG DER METHODEN 30
4.4 BEGRÜNDUNG FÜR DIE WAHL DER METHODEN 33
0
Felix Autor: Umgang mit Emotionen bei kritischen Lebensereignissen
5 AUSWERTUNG UND DARSTELLUNG DER INTERVIEWS 34
5.1 DAS GEMEINSAME KRITISCHE LEBENSEREIGNIS: DER TOD DES VATERS 34
5.2 DER FALL S. IM HINBLICK AUF EMOTIONEN - EINE ZUSAMMENFASSUNG 35
5.3 DER FALL C. IM HINBLICK AUF EMOTIONEN - EINE ZUSAMMENFASSUNG 37
5.4 GEMEINSAMKEITEN UND UNTERSCHIEDE 40
6 ERKENNTNISSE ZU EMOTIONSREGULATION UND EMOTIONEN 43
6.1 EMOTIONSREGULATIONSTRATEGIEN IM KONTEXT VON SITUATIONEN. 43
6.1.1 BILDUNG VON KATEGORIEN. 43
6.1.2 EMOTIONSREGULATION IN DEN VERSCHIEDENEN SITUATIONEN 44
6.1.3 BEISPIELE ZUR ANWENDUNG VON EMOTIONSREGULATIONSSTRATEGIEN 48
6.1.4 ZUSAMMENFASSUNG 49
6.2 EFFEKTE VON EMOTIONALER AUSEINANDERSETZUNG MIT DEM TOD. 50
6.2.1 EFFEKTE VON EMOTIONSUNTERDRÜCKUNG. 50
6.2.2 WEITERE EFFEKTE IM PERSÖNLICHEN UMGANG MIT TRAUER. 51
6.2.3 ZUSAMMENFASSUNG 52
6.3 GENERIERUNG MÖGLICHER HYPOTHESEN UND NEUER FRAGESTELLUNGEN 53
7 DISKUSSION 54
7.1 DISKUSSION DER ERKENNTNISSE AUS EINER PÄDAGOGISCH-PSYCHOLOGISCHEN
PERSPEKTIVE 55
7.2 SELBSTKRITISCHE REFLEXION DES AUTORS 56
8 LITERATURVERZEICHNIS 57
ANHANG
A : ABBILDUNGSVERZEICHNIS TABELLENVERZEICHNIS
B : DER INTERVIEWLEITFADEN
C : VORINTERPRETATION „TRANSKRIPT INT.S.“
:D VORINTERPRETATION „TRANSKRIPT INT.S.“
E : EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG
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Felix Autor: Umgang mit Emotionen bei kritischen Lebensereignissen
1 Einleitung
“Although generally optimistic, I confess to a „tragic view of life“. I believe that all growth involves change, that change means loss (of a previous position, of a certain view of oneself and the world), and that loss is painful. Undergoing disequilibration and subsequent accommodation (change) is not a pleasant experience; that is why so many avoid it, preferring assimilation (remaining the same) instead. But meaningful change and growth inevitably entail some suffering.” (Marcia, 2010, S. 19)
Das heutige Leben bringt einen mehr oder weniger ausgeprägten Alltag mit sich, über die Lebenszeit passieren auch immer wieder nicht-alltägliche Ereignisse, die eine besondere subjektive Bedeutung für den Menschen haben. Jeder Mensch hat da seine eigenen Geschichten zu erzählen. Solche Ereignisse können starke Emotionen auslösen, sich auf viele unterschiedliche Lebensbereiche auswirken und bringen somit unweigerlich die betroffene Person aus ihrem inneren Gleichgewicht. Eine persönliche Krise beginnt. Die Gefahr einer Krise besteht für jeden: “Individuals can be trapped in an extended crisis period for months or years if inner conflicts are not resolved!” (Williams, 2010, S. 526). Lebenskrisen sind zwar unvermeidlich, sie können aber durch eine bewusste Auseinandersetzung einen „built-in as part of ego-development“ bedeuten. „Without them, there is no growth, only stasis“, unterstreicht Marcia (2010, S. 33). Demgemäß hat jedes Ereignis, so schlimm es uns im Moment auch erscheinen mag, neben den negativen auch seine positive Seiten und kann für die betroffene Persönlichkeit einen wichtigen Wachstumsschub bedeuten (Schneider, 1996, S. 118ff.).
Ein wohl sehr tragisches „Kritisches Lebensereignis“ ist der plötzliche Verlust einer geliebten Person. Durch ein derartiges Geschehnis bricht zunächst einmal die Welt des Betroffenen / der Betroffenen zusammen. Nichts ist mehr so wie vorher. Die damit verbundenen heftigen emotionalen Reaktionen können jedoch nicht immer frei ausgelebt werden, da der Alltag einen irgendwann wieder einholt und die betroffene Person dazu angehalten wird, gesellschaftliche Aufgaben zu bewältigen und Erwartungen zu erfüllen. Es gilt also, sich mit dem Ereignis zu arrangieren, zu lernen damit umzugehen und seine Trauer sowie weitere damit verbundene Emotionen in den verschiedensten Lebenssituationen zu regulieren.
Einer der effektivsten Regulationsmechanismen im Kontext eines kritischen Lebensereignisses ist vielleicht die Zeit. Ein Sprichwort sagt nicht umsonst: Die Zeit heilt alle Wunden! Es
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Felix Autor: Umgang mit Emotionen bei kritischen Lebensereignissen obliegt jedoch der betroffenen Person, wie sie die Zeit nach dem Ereignis gestaltet und auf welche Art und Weise der Heilungsprozess der Wunde beeinflusst wird. Fest steht, dass auf jeden Fall eine Narbe bleibt. Ein tragisches Ereignis wird immer emotional bedeutsam für den jeweiligen Menschen bleiben. Mechanismen der Emotionsregulation spielen hierbei eine wichtige Rolle für den Umgang mit kritischen Lebensereignissen und so gesehen auch für die Bewältigung alltäglicher Situationen. Die vorliegende Arbeit wird sich mit Themen rund um Emotionen im Kontext von Verlusterlebnissen beschäftigen, die als kritisch von der betroffenen Persönlichkeit erlebt werden
1.1 Allgemeine Forschungsfrage
In der Lehrveranstaltung „Theorie-Praxis-PS für Bachelorarbeiten“ unter Leitung von Prof. in Dr. in Tina Hascher setzte man sich mit der Rolle von Emotionen in Theorie und Praxis auseinandergesetzt. Davon inspiriert habe ich mich für das Thema dieser Arbeit entschieden. Ich werde folgende Forschungsfragen mit dieser Arbeit, die ich im Rahmen dieser Lehrveranstaltung verfasst habe, versuchen zu beantworten:
• Wie werden Emotionen wie Trauer, die durch ein kritisches von Verlust geprägtes
Lebensereignis ausgelöst werden, von betroffenen Personen situativ reguliert?
• Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Charakteristiken der verschiedenen
Situationen und den jeweils angewandten Emotionsregulationsstrategien? Auch wenn sich die Forschungsfrage dieser Arbeit auf Emotionen und Emotionsregulation in Situationen beziehen, muss zunächst geklärt werden, wie kritische Lebensereignisse definiert werden und was im speziellen das „Kritische“ bei Verlusterlebnisse ist. Denn der emotionale Ausdruck der Trauer ist auf dieses Ereignis zurückzuführen und muss auch in diesem Bezugsrahmen betrachtet werden. Die Kernfrage dieser Arbeit bezieht sich also auf die Regulation von Emotionen, die durch das jeweilige kritische Lebensereignis ausgelöst wurden. In diesem Zusammenhang soll zugleich aufgezeigt werden, in welchen Situationen Emotionen wie reguliert werden. Es wird versuchen, charakteristische Situationsmerkale aufzuschlüsseln und diese in bestimmte Kategorien einzuteilen.
Es soll durch diese qualitativ durchgeführte Untersuchung etwas über die Anwendung von bestimmten Emotionsregulationsstrategien in gewissen situativen Kontexten in Erfahrung gebracht werden, umsomit der pädagogischen und psychologischen Theorie/Praxis mit zusätzlichen Erkenntnissen zu dienen.
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Felix Autor: Umgang mit Emotionen bei kritischen Lebensereignissen Diese explorative Forschungsarbeit wird nicht auf alle Aspekte eingehen können und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Viele Erkenntnisse sind auf subjektive Interpretationen des Autors zurückzuführen und wollen keine Aussagen über richtig oder falsch machen. Die Arbeit soll als Beispiel zeigen, wie man sich mit dieser Fragestellung wissenschaftlich auseinandersetzen kann und welche spannenden Fragen noch weiter erforscht werden könnten. Sie wird bestimmte individuelle Aussagen über zwei Personen zu machen, die im Kontext dieser Arbeit untersucht wurden. Mögliche Hypothesen werden im Anschluss generiert.
1.2 Aufbau der Arbeit
Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit Fragen nach Emotionserleben und Emotionsregulation im Kontext von einem kritischen Lebensereignis. Zunächst werden dazu in einem literarischen Diskurs ein Konzept der kritischen Lebensereignisse (Kapitel 2) sowie Konzepte von Emotionen und Emotionsregulation (Kapitel 3) erarbeitet und auf besondere Aspekte in diesem Zusammenhang hingewiesen. Anschließend wird im Kapitel 4 der Forschungsgegenstand und die Forschungsfrage präzisiert und die methodische Vorgehensweise dargestellt und begründet. Kapitel 5 versucht, grundlegende Erkenntnisse aus der kleinen qualitativ-empirischen Untersuchung zusammenzufassen, die Fallportraits darzustellen und diese gegenüberzustellen. Davon ausgehend wird in Kapitel 6 das Datenmaterial im Hinblick auf Emotionsregulation untersucht und dahingehend interpretiert, in welchen Situationen Emotionsregulationsmechanismen wie Emotionsunterdrückung und Emotionskontrolle ihre Anwendung finden. Desweiteren soll aufgezeigt werden, welche Effekte die verschiedenen Emotionsregulationsstrategien auf das Individuum haben können. Im Anschluss daran werden mögliche neue Fragestellungen und Hypothesen generiert. Abschließen soll die Arbeit in Kapitel 7 mit einer Diskussion der Ergebnisse sowie mit einer selbstkritischen Reflexion.
Felix Autor: Umgang mit Emotionen bei kritischen Lebensereignissen
2 Das Konzept der Kritischen Lebensereignisse
In der Fragestellung sollen Emotionen im Kontext von einem kritischen Lebensereignis betrachtet werden. Deswegen muss zunächst geklärt werden, was überhaupt ein kritisches Lebensereignis ist und welche Eigenschaften ein solches aufweist. Dieses Kapitel ist das Ergebnis einer Literaturrecherche zu diesem Thema und fasst wesentliche Charakteristika zusammen. Auf den verwandten Begriff der Krise wird ebenfalls verwiesen. Ich weiteren Verlauf wird in einer theoretischen Auseinandersetzung der Blick auf kritische Lebensereignisse fokussiert, die durch Verlust (z.B. Tod nahe stehender Person) charakterisiert sind.
2.1 Eine Annäherung an den Begriff „Kritisches Lebensereignis“
Jeder individuelle Lebenslauf ist charakterisiert durch „eine unterschiedliche Sequenz einzelner Erfahrungen, von Rückschlägen und Fortschritten, von Anforderungen und Überforderungen, von Gewinnen und Verlusten, von Einsichten und Aussichten, von kleinen Widrigkeiten des Alltags und großen Ereignissen und Transitionen im Leben“ (Fillip & Aymanns, 2010, S. 27). Es ist daher schwierig (kritische) Lebensereignisse zu kategorisieren, weil deren Charakteristik, der Zeitpunkt, die betreffende Persönlichkeit, die situativen Merkmale, der soziale Kontext und die Konsequenzen miteinbezogen werden müssen. Cornelius und Hutsch (1995, zitiert nach Fillip, 1995, S. 77) versuchen, Lebensereignisse in ihrem zeitlichen Auftreten (chronologisches Alter, historische Zeit) sowie in bestimmte Charakteristika (Veränderungsmuster wie z.B. Zeitpunkt innerhalb der Biographie, Sequenz, Dauer und Simultaneität von Lebensereignissen) einzuteilen.
Kritische Lebensereignisse können klassifiziert werden in normative und nicht-normative Ereignisse. Der Begriff „normativ“ bezeichnet altersgebundene, vorhersehbare, antizipierbare Ereignisse und Übergänge, die während der biologischen und sozialen Lebenszeit eine hohe Verbreitung innerhalb der Gesellschaft haben. Sie sind also statistisch gesehen „normale“ Anforderungen und Aufgaben für den Menschen, die im Laufe seines Lebens bearbeitet werden „müssen“, weil „ihre Bearbeitung eine Vorraussetzung für den Übergang in das nächste Entwicklungsstadium ist“ (Fillip & Aymanns, 2010, S. 32). Beispiele hierfür wären ein Schuleintritt, Schulwechsel oder eine Familiengründung. Viele dieser Ereignisse sind jedoch in „ihrer Grundqualität positiv“, es geht also in diesem Kontext ebenso um Krisenerleben bei „Nicht-Eintritt normaler Ereignisse“ wie beispielsweise das „Nicht-Erfüllen eines Kinderwunsches“ oder „Wiederholen einer Schulklasse“ (Fillip & Aymanns, 2010, S. 33).
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Felix Autor: Umgang mit Emotionen bei kritischen Lebensereignissen [key words „developmental deadlines“ „ missed transitions“ „non-events“ “transitions”] Geschehnisse, die im zeitgeschichtlichen Rahmen passieren; also Eingriffe in die Entwicklung von Individuen in Form von historischen Ereignissen und Sozialem Wandel (z.B. Kriege, Terroranschläge, Technischer Fortschritt), werden von Fillip und Aymanns (2010, S. 36) als kollektive Ereignisse bezeichnet. Sie sind als „ein von vielen geteiltes Schicksal“ zu betrachten und können eine „kollektive Traumata“ bewirken (Fillip & Aymanns, 2010, S. 40). Begebenheiten, die “weder im “normalen” Lebenslauf zu erwarten“ und „im engeren Sinne individuelle krisenhafte Erfahrungen darstellen“, werden oftmals als „nicht-normative“ (non- normative) Ereignissebezeichnet (Fillip & Aymanns, 2010, S. 41). Sie sind eher unvorhersehbar oder ungewöhnlich und treten plötzlich im Leben eines Menschen ein. Der Begriff „non-normativ“ wird im Kontext mit kritischen Lebensereignissen von Fillip und Aymanns (2010, S. 40ff.) auf zwei verschiedene Gruppen bezogen: (1) Die erste Gruppe umfasst ungewöhnliche, kaum verbreitete Ereignisse von geringer Eintrittswahrscheinlichkeit (z.B. Vergewaltigungsopfer werden), die für die betroffene Person eine einzigartige und (subjektiv) nicht kontrollierbare Zäsur im Leben darstellt. Auch besonders schwere traumatische Ereignisse werden unter dieser Gruppe subsumiert. (2) Die zweite Gruppe umfasst nicht unbedingt außergewöhnliche, aber von dem „normalen“ Zeitfenster (»off time«, d.h. zu früh oder zu spät) abweichende Ereignisse (z.B. Tod des eigenen Kindes durch einen Unfall oder frühe Elternschaft etc.). Kritische Lebensereignisse weisen somit als grundlegende Eigenschaft einen Angriff auf das Person-Umwelt-Passungsgefüge auf, das in einen Zustand des Ungleichgewichts führt. Zudem bewirken sie, dass subjektive Theorien der bislang nicht hinterfragten Gewissheiten erschüttert werden (Weltbild, Selbstbild und Selbstwertbezug). Sie vermögen heftige Emotionen auszulösen, etwa durch mangelnde Kontrollierbarkeit oder Vorhersehbarkeit sowie durch einen hohen Überraschungsgehalt. Dies kann den Betroffenen in weiterer Folge in eine Krise stürzen können (vgl. Fillip & Aymanns, 2010, S. 13f; Fillip & Aymanns, 2010, S. 41ff.). Eine Zusammenfassung von Merkmalen und Charakteristiken kritischer Lebensereignisse gibt auch Große (2008, S. 24) an. Jedes kritische Lebensereignis bringt soziale Veränderungen mit sich und besitzt somit eine soziale Relevanz. Die Normalität des Ereignisses (normativ / nicht-normativ) sowie der Zeitpunkt des Ereignisseintritts (on-time / off-time) zeichnen kritische Lebensereignisse ebenso aus wie die zeitliche Komponente, ob es sich „plötzlich“ (akut) ereignet oder über einen längeren Zeitraum andauert (chronisch). Als weitere Merkmale nennt Große (2008, S. 24) das „Ausmaß der Veränderung“ (auf das Person-Umwelt-Gefüge), den „Wirkungsgrad“ (auf die verschiedenen Lebensbereiche), die „emotionale Reaktion“ auf das
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Felix Autor: Umgang mit Emotionen bei kritischen Lebensereignissen Ereignis sowie der Umfang des „Einfluss- und Kontrollverlust“ der betreffenden Person. Letztlich lässt aber nur die subjektive Bedeutung des Ereignisses einen Schluss darauf zu, ob das Ereignis auch als ein „kritisches“ für die betroffene Person erlebt wird.
2.2 Eine Annäherung an den Begriff „Krise“
Tenorth und Dippelt (2007, S. 427) grenzen kritische Lebensereignisse von altersbezogenen Entwicklungsaufgaben ab und definieren sie als „unvorhersehbare lebensverändernde Ereignisse (…) im Sinne von Stressoren“. Diese stellen „aufgrund der plötzlichen Veränderung hohe Anforderungen an die Bewältigung“, können eine „Krise oder Krankheit“ auslösen, aber ebenso bei „erfolgreicher Lösung einen Gewinn an Kompetenz bewirken“ (Tenorth & Dippelt, 2007, S. 427). Eine Krise stellt einen Abschnitt in einem psychologischen Entwicklungsprozesses dar, „in dem sich nach einer Zuspitzung der Situation die weitere Entwicklung entscheidet“ (Bogyi, 1997, S. 129).
Der Begriff „Krise“ (griech. krisis »Entscheidung, Höhepunkt, Wendepunkt«) stellt einerseits, aus psychologischer Sicht, ein Ereignis dar, „welches einen schmerzhaften seelischen Zustand auslöst und als bedrohlich erlebt wird, weil das Erreichen wichtiger Lebensziele oder die Bewältigung des Alltags gefährdet ist und bisherige Problemlösemethoden zur Bewältigung nicht ausreichen (Tenorth & Dippelt, 2007, S. 426). Zur Situation einer Krise gehört der Charakter der Unausweichlichkeit, ebenso ist kein Zeitaufschub möglich. Andererseits können Krisen die Chance bergen, neue Sichtweisen zu entwickeln, sich neu zu definieren und „trotz Leid“ das Leben positiv zu verändern (Schneider, 1996, S. 9ff.). Letztere Perspektive schließt neben der Beraterliteratur auch die entwicklungspsychologisch inspirierte Forschung ein. Ein Erklärende Konzepte von Kritischen Lebensereignissen untersuchen Auswirkungen im Kontext auf persönliches Wachstum, also Veränderung auf die Persönlichkeit, in Ziel- und Motivstrukturen, Wertorientierungen und Überzeugungssystemen (Fillip & Aymanns, 2010, S. 99ff.). Kritische Lebensereignisse dienen für die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne als Beschreibung von Entwicklungs- und Lebensverläufen, Wendepunkten und Umbrüche. Sie stellen zudem eine „subjektive Rekonstruktion des eigenen Lebens“ dar und eröffnen somit „ein erweitertes Verständnis von Prozessen der Entwicklungsregulation über die Lebensspanne“, auch im Hinblick auf die zukünftige Lebenszeit eines Individuums (vgl. Fillip & Aymanns, 2010, S. 28ff.).
Williams (2010, S. 525) weist auf einen Zusammenhang zwischen dem Wohlbefinden und den verschiedenen Phasen hin, die eine von einem kritischen Lebensereignis betroffene Person durchlaufen „muss“.
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Felix Autor: Umgang mit Emotionen bei kritischen Lebensereignissen
Abbildung 1: Zeitliche Phasen und Eigenschaften von Lebensübergängen in Bezug auf das subjektive Wohlbefinden (Williams, 2010, S. 525)
Im Kontext dieser Arbeit ist nur die Betrachtung der Kurve notwendig, die ein negatives Ereignis (Verlust) charakterisiert. Es ist ersichtlich, dass es Schwankungen im Wohlbefinden einer betroffenen Person während der Zeit gibt, welche zwangsläufig in eine Krise führen. Diese stellt einen Tiefpunkt, aber ebenso auch einen Wendepunkt dar.
Das chinesische Wort für Krise wird in zwei Zeichen ( und »Chance« zugleich bedeuten.
2.3 Wissenschaftstheoretische Betrachtungsweisen
Kritische Lebensereignisse können aus erziehungswissenschaftlichen, psychologischen, entwicklungspsychologischen, sozialpsychologischen, stresstheoretischen sowie weiteren Sichtweisen, Perspektiven und Kontexten betrachtet werden, die hier jedoch nicht näher dargestellt werden. Es sollen lediglich zwei Heuristiken für kritische Lebensereignisse im Folgenden skizziert werden
Aufgrund des Umstandes, dass kritische Lebensereignisse nicht nur als Stress und emotionales Chaos erlebt werden, sondern die Anatomie ihrer ein äußerst komplexes Gebilde darstellt (Aymanns & Fillip, 2010, S. 50), hat Fillip (1995, 2010) ein ebenso komplexes heuristisches Analysemodell ausgearbeitet. Ihr Modell ist aus einem eher psychologischen Blickwinkel heraus entwickelt worden. Im Grunde bildet es stark vereinfacht einen Verarbeitungsprozess
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Felix Autor: Umgang mit Emotionen bei kritischen Lebensereignissen über die physikalische, subjektive und historische Zeit ab. Es lassen sich Aussagen darüber treffen, welche Merkmale (Antezedenzmerkmale, Personenmerkmale, Kontextmerkmale, objektive und subjektive Ereignismerkmale) ein Lebensereignis als kritisch qualifizieren, welche unmittelbaren Reaktionen (physiologische, emotionale und kognitive Aktivitäten) darauf folgen, welche Art des Bewältigungsverhaltens hervorgerufen werden kann und welche Folgen (personenseitige, kontextseitige und interaktionale Effektmerkmale) das Ereignis für die betroffene Person haben kann (vgl. Fillip, 1995, S. 9ff.; Fillip & Aymanns, 2010, S. 53f.). Auf eine differenziertere Darstellung wurde verzichtet.
Abbildung 2: Heuristik zur Erfahrungsverarbeitung kritischer Lebensereignisse (Große, 2008, S. 90)
Große (2008) verdeutlicht in ihrem Modell den Prozess der Auseinandersetzung und somit Strategien im Umgang mit kritischen Lebensereignissen. Sie versucht in ihrer erziehungswissenschaftlich angelegten Studie die lebensgeschichtliche Bedeutung von kritischen Lebensereignissen eines Einzelfalls (im Hinblick auf die Biographieplanung junger Frauen) nachvollziehend zu beschreiben und Erkenntnisse über biographische Bildungs- und Lernprozesse zu gewinnen. Dabei stützt sie sich auf eine rein subjektive Bewertung und
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