Inhaltsverzeichnis
1. Einführung. 3
2.Systemtheoretischer Ansatz. 3
2.1 Talcott Parsons strukturell-funktionale Theorie. 4
2.2.Niklas Luhmanns Theorie komplexer sozialer Systeme. 7
3. Interaktionstheoretischer Ansatz. 8
3.1 Georg Herbert Meads Symbolischer Interaktionismus. 9
3.2 Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns. 12
4.Schlussbetrachtung. 16
Literaturverzeichnis. 18
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1. Einführung
Individuum und Gesellschaft stehen in einem etwas bizarren Verhältnis zueinander. Einerseits stören sie sich häufig gegenseitig, andererseits sind sie voneinander abhängig. Sie können sozusagen „nicht miteinander und noch weniger ohne einander“. In dieser Ausarbeitung möchte ich versuchen dieses Verhältnis, an-hand von zwei theoretischen Ansätzen, zu verdeutlichen; „Systemtheorie“ und „In-teraktionstheorie“. Während die Systemtheorie ihren Schwerpunkt allgemein eher auf die Gesellschaft legt, tritt bei der Interaktionstheorie das Individuum etwas mehr in den Vordergrund. So wird von zwei verschiedenen Polen auf die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft geblickt. Dabei werde ich wie folgt vorgehen; Es werden für jeden der beiden Theoriebereiche exemplarisch zwei konkrete Theorien auswählen. Im Fall der Systemtheorie, wird es sich dabei um „Talcott Parsons strukturell-funktionale Theorie“ und „Niklas Luhmanns Theorie komplexer sozialer Systeme“ handeln. Die Interaktionstheorie wird hier von „George Herbert Meads Symbolischer Interaktionismus“ und „Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns“ repräsentiert. Mein Interesse an diesen Theorien bezieht sich darauf, wie sie eine Verknüpfung von Individuum und Gesellschaft durch den Sozialisationsprozess herstellen und wie viel Freiraum sie dem individuellen Handeln und der Entstehung einer Persönlichkeit zubilligen. Daher werden die einzelnen Theorien nicht in ihrer Gesamtheit dargestellt, sondern nur in den Bereichen, die meiner Meinung nach zum Verständnis der jeweiligen Theorien notwendig sind.
2. Systemtheoretischer Ansatz
Systemtheorien bezeichnen einen komplexen theoretischen Bezugsrahmen, der unter Verwendung des Systemsbegriffs ein strukturiertes, in sich zusammenhängendes gesellschaftliches Gefüge sieht, das auf Normen und Werten aufbaut. Wie bereits erwähnt, geht die Systemtheorie bei der Erklärung von Sozialisation deutlich mehr vom Pol der Gesellschaft aus als von dem des Individuums. D.h. dass der Sozialisationsprozess von der Seite der Gesellschaft gesteuert wird und erst dadurch der einzelne seine Identität entwickelt. Da Talcott Parsons und Niklas
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Luhmann als die bedeutendsten Vertreter der systemtheoretischen Analyse in der Soziologie gelten, möchte ich die gedanklichen Konstruktionen dieser beiden Theoretiker aufgreifen, um die Sozialisation aus systemtheoretischer Sicht darzustellen. (Schäfers 2006, S.283f)
2.1 Talcott Parsons strukturell-funktionale Theorie
Parsons Anspruch war es die damals vorliegenden Strömungen der soziologischen Theorie zu einer universellen Theorie zu vereinigen, es sollte eine Theorie sein die in jeder Gesellschaft zu jeder Zeit Geltung finden würde. Das Fundament seiner Gesellschaftstheorie ist die Vorstellung von der Gesellschaft als eine normativ strukturierte Ordnung sozialen Handels und die Annahme, dass jede Gesellschaft nach einem konfliktfreien Gleichgewicht strebe. Somit war nach Parsons die Funktion der Gesellschaft, der Erhalt ihrer Struktur und der Sozialisationsprozess kann daher als eine Art Reproduktion der Gesellschaft verstanden werden. (ebd. S. 284ff / Schroer 2000, S.215ff )
Nach Parsons versuchen die Handelnden ihre individuellen Bedürfnisse und die gesellschaftlichen Anforderungen an sie miteinander zu vereinbaren, wobei die „Handelnden stets bereit sind, Kompromisse in der Weise zu schließen, dass das System immer in einem Gleichgewicht gehalten werden kann“(Korte, 1995,S.178). Diese Behauptung entspringt der Annahme, dass Menschen nicht bereits mit irgendwelchen natürlichen Neigungen zur Welt kommen, die beim Zusammenleben mit anderen unterdrückt werden könnten und so Konflikte zwischen individuellen und kollektiven Interessen entstehen. Nach Parsons ist der Mensch mit einer ausgeprägten „Plastizität“ (Parsons, 1994, S.180) ausgestattet, d.h. er besitzt keine feststehenden Verhaltenstendenzen oder Motive, die mit den gesellschaftlichen Normen oder Werten kollidieren könnten. Erst durch die Gesellschaft bildet sich eine Identität des einzelnen heraus, der dann immer primär im Sinne der Gemeinschaft handeln. (ebd./ Münch 2007, S. 33ff)
Im Sozialisationsprozess akzeptieren und verinnerlichen Individuen die Werteorientierungen ihrer Gesellschaft. Werteorientierungen könnte man auch als Verhal-
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tensmustern bezeichnen, sie geben vor welches Verhalten als richtig oder falsch in einer Gesellschaft angesehen wird. Parsons entwickelt hierzu ein Modell, welches fünf dichotome Orientierungsalternativen für das Handeln in einer Situation vorgibt, die sogenannten „Pattern Variables“:1.Affektivität vs. Neutralität, 2. Selbstorientierung vs. Kollektivorientierung, 3. Partikularismus vs. Universalismus, 4. Zuschreibung vs. Leistungsorientierung, 5. diffuses Verhalten vs. spezifisches Verhalten 1 . Jedes Pattern-Variable-Paar bezeichnet ein Gegensatzpaar mit zwei Handlungsoptionen, die zugleich geltende Werte der Gesellschaft darstellen. Nach Parsons muss sich der Handelnde in jeder gesellschaftlichen Situation für eine der beiden Optionen entscheiden. Somit kann nach diesem Konzept das Individuum immer nur im Rahmen der gesellschaftlichen Werte handeln. (Hennig 2006, S. 193f) Ein Handlungssystem besteht laut Parsons aus vier Subsystemen des menschlichen Handelns: Organismus, personales System, soziales System und kulturelles System. Diese haben jeweils eine spezifische Funktion 2 und vermitteln während dem Sozialisationsprozess untereinander.
Wie bereits erwähnt, geht Parsons davon aus, dass die menschliche Persönlichkeit im Sozialisationsprozess entsteht. Erst durch „soziale Konditionierung von Geburt an“ (Parsons, 1994, S.180) entwickelt der einzelne eine Identität. So kann man den Sozialisationsprozess nach Parsons im Wesentlichen als einseitigen Anpassungsprozess des Individuums an das gesellschaftliche Gefüge beschreiben. Parsons definiert hierfür fünf Phasen, die eine primäre und sekundäre Sozialisation beinhalten. (ebd./ Münch 2007, S.25ff)
Die erste Phase bezeichnet Parsons als „Die Phase der Oralen Abhängigkeit von der Mutter“ (Reichwein, 1971, S.169), hier beginnt der Säugling sich an die Bedingungen der Umwelt anzupassen. Das Neugeborene lernt, dass seine Bedürfnisse
1 Bedeutung der einzelnen Pattern Variables (in der Reihenfolge): 1. „unmittelbare Bedürfnisbefriedigung u. Ausleben der Emotionen“ vs. Zurückstellung der „eigenen Bedürfnisse zugunsten einer distanzierneutralen Einstellung“. 2. Ausleben der „individuellen Bedürfnisse u. Interessen ohne Rücksicht“ auf die Gesamtheit vs. Unterordnung zu Gunsten des Allgemeinwohl. 3. Partikularismus vs. Universalismus: Orientierung an „engsten Umgebung“ u. Differenzierung der „Handlungen nach Intensität der Beziehung“ vs. Orientierung an „allgemeinen Standers“.4.Verhalten anderen gegenüber abhängig von „zugeschriebenen Eigenschaften“ vs. Verhalten abhängig „von ihren Fähigkeiten “5. Beziehung basiert nicht auf „spezifischen Kontexten“ vs. Beziehung beschränkt sich auf „besondere Handlungssituation“ mit festgelegten „Position“(ebd.).
2 Funktionen der Subsysteme (in der Reihenfolge): Anpassung, Ziel- und Motivationssetzung, Integration, Bewahrung latenter Strukturen.
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von der Mutter befriedigt werden, beginnt sich mit ihr zu identifizieren und entwickelt eine „kollektive Identität“.
Daraufhin folgt „die Phase der Liebesabhängigkeit von der Mutter“ (ebd.), in der das Kind allgemeine Verhaltenserwartungen zu verinnerlichen beginnt, indem es versucht, der Mutter durch angepasstes Verhalten zu gefallen. Die relevanten Werteorientierungen beziehen sich in dieser Phase auf das Pattern-Variable-Paar „Universalismus versus Partikularismus“, d.h. dass das Verhalten des Kindes allmählich an allgemeine Standards angepasst wird, indem es sein Handeln an der Mutter orientiert, die die allgemeinen Normen vertritt. Auf dieser Entwicklungsetappe internalisiert das Kind bereits zwei Identitätsobjekte; die Mutter und das Selbst.
Erst in der dritten Phase löst sich das Kind etwas von der Mutter. Während der „ödipale Phase“(ebd.) werden weitere Familienmitglieder zunehmend wichtig. Das Kind internalisiert seine Kinderrolle und die Rolle seiner Eltern. Besonders prägnant ist für diese Phase der Sozialisation die Geschlechtsdifferenzierte. Das Kind erkennt die in seiner Familie vorhandenen Geschlechtsrollen; Mutter und Vater, Schwester und Bruder, Frau und Mann, und beginnt auch sein Verhalten nach dem Kriterium Geschlecht auszurichten. Väter, an denen sich Jungen orientieren, repräsentieren die Männerrolle und Mütter, die als Vorbilder für Mädchen gelten, die Frauenrolle das Partikularistische. Damit einher geht eine Internalisierung der Wertevorstellungen der Pattern-Variable „Affektivität versus affektive Neutralität“. Dabei neigen Mädchen angeblich dazu ihre Emotionen offen auszuleben, unterdessen Jungen daran arbeiten neutral zu wirken. Mit dieser Phase hat das Kind die primäre Sozialisation abgeschlossen, in der es Geschlechts- und Generationsrollen , sowie die Funktionen des personellen und sozialen Systems verinnerlicht und sich dabei kulturelle Wertemuster angeeignet hat.
Die sekundäre Sozialisation erlebt der Mensch in seiner Schulzeit, in der die Bedeutung von außerfamiliären Bezugsgruppen radikal zunimmt. Während der„Latenzphase“ (ebd.) liegt der Orientierungsschwerpunkt des Kindes weiterhin auf dem Geschlecht, allerdings werden allgemeine Wertorientierungen, vor allem das Leistungsprinzip, immer bedeutender. Die Grundschule bringt Kinder erstmals
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Katharina Kibjakova, 2010, Entstehung des Individuums in der Gesellschaft , München, GRIN Verlag GmbH
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