dass die an der Diskussion um das Konfix beteiligten Autoren in dieser Frage zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen, wie wir es an einzelnen Beispielen erkennen werden. Wir stellen folgende Hypothesen auf: Der Konfixbegriff ist keine Kategorie, weil seine Kategorienmitglieder in ihrem morphologischen Verhalten zu verschieden sind. Damit ist er als Kategorie gescheitert. Prototypische Konfixe existieren nicht. Die insbesondere von EISENBERG u.a. in Kapitel 3 vorgenommene Beschreibung und Unterteilung der Konfixe ist nicht fundiert, wie wir es an einzelnen Beispielen nachweisen. Dennoch gibt es zahlreiche durch Entlehnung und Lehnwortbildung aufgenommene nichtnative Einheiten, deren Verortung in die herkömmlichen morphologischen Kategorien, wie in die der Affixe nicht möglich ist und deretwegen das Begriffsfeld der Wortbildung erweitert wurde (SCHMIDT 1987: 45f). Für ihre Kategorisierung und Beobachtung unterbreiten wir Vorschläge, welche die lebhaften Debatten um das Konfix und andere Aspekte der Fremdwortbildungsforschung - hoffen wir es - bereichern werden.
2. Forschungsstand
Gegen Ende der 1980er Jahre wurde die Fremdwortbildung Gegenstand einer umfassenden Untersuchung, über die der 1987 publizierte Forschungsbericht der Arbeitsgruppe Lehnwortbildung ausführlich berichtet. (HOPPE 1987). In dem Bericht nahmen sich die Autoren nicht-nativer Wortbildungseinheiten an, denen bis dahin keine geltende Kategorie einen Platz anbieten konnte. Für die nicht-nativen Einheiten führte Günter Dietrich SCHMIDT in seinem Aufsatz „Das Kombinem. Vorschläge und Erweiterung des Begriffsfeldes und der Terminologie für den Bereich der Lehnwortbildung“ den Terminus Konfix ein, der in der Wortbildung rasch Anklang und Verwendung fand. 2 In Anlehnung an das französische Vorbild bezeichnet SCHMIDT den Konfixbegriff als Sonderfall eines Kombinems, das zwar nicht wortfähig ist, aber eine Basis bilden, kompositionsgliedfähig sein kann und positionsfest ist (SCHMIDT 1987b: 50).
Mit diesen Kategoriemerkmalen und somit mit dem Begriff ist man sich nicht einig. Die genannten Merkmale treffen nicht in dem Maße auf Konfixe zu, dass man sie als gültige Kategorienmerkmale bezeichnen könnte. Für EISENBERG sind Konfixe zum Beispiel positionsfest, während FLEISCHER /BARZ Konfixen die Positionen als Erst- und Zweitglied zuschreiben. (FLEISCHER /BARZ 1995: 67)
Machte Peter O. MÜLLER 2005 in einer Dokumentation auf massive Lücken in der Erforschung von Wortbildungen mit nicht-nativen Einheiten aufmerksam, entstand im Juni
2 Siehe FLEISCHER /BARZ (1995), EISENBERG (2006;2011), MEIBAUER (2006) DONALIES (2000;2007)
2
2009 unter seiner Herausgeberschaft der Band „Studien zur Fremdwortbildung“, in dem das Konfix erneut ein Thema wurde. TRUNKWALTER, FLIESS, RONNEBERGER-SIBOLD und FEINE bescheinigen in ihren Untersuchungen über die Konfixe man, phob, drom dem Begriff eine hohe Produktivität im überwiegend wissenschaftlichen Sprachgebrauch und in der Werbung. Sie sehen Gebundenheit und Basisfähigkeit als die Hauptmerkmale der Kategorie an. DONALIES und EINS hingegen kommen in ihren Untersuchungen über das Konfix als Wortbildungseinheit zu dem Entschluss, dass dem Konfixbegriff kaum ein Merkmal zu eigen ist, dass ihn vor der problematischen Abgrenzung zu Affixen bewahrt und das Konfixe unter anderem ebenso gut als gebundene Grundmorpheme, sprich: Stämme bezeichnet werden können. Eine ähnliche Auffassung vertritt ELSEN (ELSEN 2005: 133), die ebenfalls Konfixe als gebundene Stämme beschreibt, die nur in Kombinationen mit anderen Morphemen im Bereich der Lehnwortbildungen vorkommen.
Ist für EINS der Konfixbegriff wegen seiner unscharfen Definitionsmerkmale obsolet, verhält sich DONALIES in der Frage vorsichtiger. Zwar plädiert sie, obwohl sie den Konfixbegriff verteidigte (DONALIES 2000), den Terminus „configere“ für nicht-native Wortbildungseinheiten zu überdenken, weist aber angesichts zahlreicher Untersuchungsergebnisse darauf hin, dass außer den Merkmalskriterien von Konfixen es auch die Kriterien von Affixen sind, die - je nach Untersuchungsansatz von Wortbildungseinheiten - auf tönernem Fundament stehen können. Für Wortbildungseinheiten, die weder Affixe noch Wörter sind, aber gebunden und basisfähig sind, muss ein Terminus gefunden werden, unabhängig davon, ob diese Einheiten vielleicht einmal frei vorkommen oder Stämme werden ( DONALIES 2009: 43).
Schließlich sei noch auf verwirrende Zuordnungen hingewiesen, wie es die Einheit neo erfährt (siehe Abschnitt 4.2.4) und in der Grammatik des Duden von 1995 werden Konfixe mit unikalen Einheiten verwechselt (ELSEN 2005: 134). Kurz und gut: „Es herrscht […] nicht gerade Einigkeit, was das Konfix angeht“ (ebd.).
3 . Der Konfixbegriff 3.1 Merkmale
Der Konfixbegriff hat seinen Ursprung im Lateinischen. Ihm wohnt das Verb configere, zu deutsch: etwas aneinander heften, inne.
Bevor ich auf die erwähnten Einzelheiten der regen Diskussion um den Konfixbegriff eingehe, erläutere ich die Merkmale jener Morpheme, die derzeit unter dem Konfixbegriff subsummiert werden.
3
EISENBERG bezeichnet typische Konfixe als produktiv. Sie haben wie Stämme eine lexikalische Bedeutung. Ein Konfix ist nicht wortfähig, weil es keine Flexionsstammform besitzt, die für sich vorkommt. Konfixe sind nicht nativ und kommen bei Anglizismen, Gräzismen und Latinismen vor (EISENBERG 2006: 242). 3 Entweder sind es als Ganzes entlehnte Wörter aus fremden Sprachen oder Teile fremder Wörter, die zur Wortbildung im Deutschen verwendet werden.
MEIBAUER bezeichnet wie EISENBERG Konfixe als Bestandteile von Wortbildungen. Sie sind jedoch nicht frei und keine typischen Affixe, weil Affixe sich nie miteinander zu einem Wort kombinieren lassen. Das leisten Konfixe jedoch durchaus, als Beispiele nennt MEIBAUER Mikro+phon, Sozio+loge und hom+gen. Konfixe wie zum Beispiel phil können in einer Kombination sowohl die erste als auch die zweite Position einnehmen, worin MEIBAUER ein Abgrenzungskriterium der Konfixe zu den Präfixen und den Affixen sieht, kommen Affixe schließlich „entweder als Präfixe oder Suffixe vor“ (MEIBAUER 2006: 31). Über die Merkmale von Konfixen und Affixen als mögliche Differenzierungskriterien beider Kategorien voneinander wird noch an anderer Stelle die Rede sein.
EISENBERG (2011: 309) bezeichnet Konfixe als Einheiten, die nicht wortfähig sind, keine Derivationsbasis bilden und lediglich mit dem Fugenelement o eine Kompositionsstammform bilden, sonst nicht als Stamm verwendbar ist und einen morphologischen Ausdruck sui generis darstellt. 4
Philo ist die Kompositionskonfixform und loge die Flexionskonfixform. Im Gegensatz zu dem gebundenen Stamm techn, der in Verbindung mit den Affixen +isch, +ik, +er zur Bildung neuer Lexeme führt, ist es nach EISENBERG „das Charakteristische an dieser morphologischen Kategorie“, dass sie „nicht mit Affixen kombinieren“ können. Konfixe sind gebunden, erscheinen nur in Konfixkomposita, kombinieren nicht mit Affixen und sind basisfähig, jedoch nur innerhalb von Konfixkomposita (ebd.: 244). EISENBERG sieht durch Segmentierung des Kompositums in der Einheit techn als gebundener Stamm eine Derivationsstammform, die durch die Fuge o zur Konfixstammform techno wird (EISENBERG 2006: 242, 2011: 312).
DONALIES sieht wie EISENBERG (DONALIES 2007: 12) die Gebundenheit als Merkmal der Konfixe an. Sie kommen nicht frei in Texten vor und kombinieren nicht direkt mit
3 Siehe dazu EISENBERG (2011: 315) und Abschnitt 5: Entlehnungen aus dem Englischen werden keine Konfixe. Durch den
medial und wirtschaftlich motivierten Sprachkontakt des Deutschen mit dem Englischen sind in der deutschen
Wortbildung Anglizismen Stämme.
4 EISENBERG (2006: 243) Die Konstituenten phil und loge sind Konfixe, die Fuge o ist ein Affix, die allerdings keine
Stammform, sondern eine Konfixform als Schwester hat. Philologe ist als Ganzes und Komposita eine StGr
(Stammgruppe), enthält aber selbst keine Gruppe, worin EISENBERG einen Unterschied zu den übrigen Komposita sieht.
4
Flexionsaffixen. Faszin, therm und skop führt DONALIES als typische Beispiele für die Kategorie an. *Skop oder *faszin sind keine freien Wörter in Texten (ebd.) und lassen sich nicht durch Kombination mit Flexionsaffixen syntaktisch nutzbar machen. *Er faszint mich oder *die Skopen sind keine Verben oder Substantive in Sätzen (ebd.). Neben der Gebundenheit sieht DONALIES (DONALIES 2000: 155 ) auch die Basisfähigkeit als Merkmal der Konfixkategorie an. Eine morphologische Einheit sieht DONALIES als prinzipiell basisfähig an, wenn sie mit einem anerkannten Wortbildungsaffix kombinierbar ist (ebd.: 155). Sie grenzt in dieser Frage Konfixe und unikale Einheiten voneinander ab, weil Einheiten wie eru in eruieren und plaus in plausibel nur „in einem einzigen Derivat eingefroren“ (ebd.) sind. Konfixe sind basisfähig im „Sinne einer kreativen Verwendbarkeit der fraglichen Einheiten in der Wortbildung“ (ebd.).
Bezüglich der Basisfähigkeit unterscheidet DONALIES zwischen unmittelbarer und mittelbarer (ebd.) Kombinierbarkeit (DONALIES 2007: 12). Unmittelbar kombinierbar sind Konfixe wie therm mit Suffixen wie isch und ismus, während mittelbar kombinierbare Konfixen wie geo das nicht können. Nur über die Verbindung mit dem Konfix log ist eine Kombination mit Affixen zu einer anderen Wortart möglich. In einer anderen Abhandlung über den Konfixbegriff wendet sich DONALIES gegen die Segmentierung von geolog in geo und log und nimmt ein komplexes Konfix geolog an, um nicht „den Nachteil einer Vielzahl von weiteren Konfixen in Kauf zu nehmen“ (DONALIES : 155). An komplexe Konfixe dieser Art können nun die üblichen Wortbildungssuffixe gehängt werden.
Zusammenfassend werden die Merkmale der Konfixe wie Produktivität, Basisfähigkeit und Gebundenheit, wie EISENBERG, MEIBAUER, und DONALIES in ihren grundlegenden morphologischen Einführungen feststellen, auf unterschiedliche Weise nachgewiesen und begründet, ein Umstand, der den Nachweis eines für die Kategorie typischen Merkmals erschwert.
Bevor wir auf die Entstehung des Konfixbegriffs und auf seine einzelnen Merkmale eingehen, deren intensivere Betrachtung ihn umstritten werden lassen, werden zuerst einige Konfixe und ihre Klassifikationen aufgeführt. Wir werden im Verlauf der Diskussion um den Konfixbegriff feststellen, dass einige der nachstehend aufgeführten Einheiten nicht zu der Kategorie Konfix gezählt werden. Daher dient die Klassifikation weniger der Darstellung prototypischer Konfixe, als vielmehr der Vorstellung verschiedener Einheiten, an denen sich Kontroversen um die Terminologie entwickeln.
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Arbeit zitieren:
Thomas Röhrs, 2011, Das Konfix - vom Scheitern eines Terminus, München, GRIN Verlag GmbH
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