Inhaltsverzeichnis
1 Einführung Seite 3
2 Postkolonialismus Seite 5
3 Staat und Staatszerfall Seite 7
4 Theorien abseits des failed state Seite 9
5 Fazit Seite 12
Literaturverzeichnis Seite 14
Anhang Seite 16
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1 Einleitung
„Die Übergangsregierung [Somalias] kontrolliert nur noch einen Straßenzug“ (Frankfurter Rundschau Online 2010). Diese Pressenotiz verdeutlicht das von mir analysierte Dilemma der (Nicht-) Staatlichkeit in Somalia: Ein Staat ohne durchsetzungsfähige Regierung. In Somalia ist dieser Zustand seit nunmehr zwanzig Jahren zu beobachten. Doch was ist dort an die Stelle des Staates getreten? Der „Kampf jeder gegen jeden“, wie es Thomas Hobbes im „Leviathan“ 1651 formulierte, oder gibt es eine Ordnung abseits der europäischen Staatstheorie (vgl.: Hobbes 1997)?
Zur Analyse dieses Gegenstandes ziehe ich in der hier vorliegenden Hausarbeit „Somalia: Eine postkoloniale Skizze zur (Nicht-) Staatlichkeit“ die europäische Debatte um den „Staat“ sowie den Theorieansatz des „Postkolonialismus“ heran. Wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich bislang mit dem Thema des somalischen Staatszerfalls befasst haben, konzentrieren sich vor allen Dingen auf die lang anhaltende Staatskrise in Somalia und legen dabei ein europäisch geformtes Staatsideal als Maßstab an (vgl. Bruchhaus und Sommer 2008; Lambach 2002). Somalia ist durch den Bundeswehreinsatz zur Bekämpfung der Piraterie, der Ende des Jahres 2008 im Bundestag beschlossen wurde, wieder zu einem Thema im deutschen Sicherheitsdiskurs geworden 1 . Mein Interesse liegt dabei auf der Repräsentation Somalias als failed state. Diese Kategorisierung hat, wie ich weiter unten ausführe, einige Implikationen für den wissenschaftlichen Diskurs. Auf diesen Diskurs weise ich mit dem Theorieansatz des Postkolonialismus hin (vgl. 2 dieser Arbeit). Ich argumentiere aus der Perspektive dieser Denkrichtung, da sie dazu anhält, die kulturelle Repräsentation des eigenen Selbst zu erkennen, d.h. die eigene Perspektive als eine historisch gewachsene zu hinterfragen (vgl. Grovogui 2007: 234). Für meine Untersuchung heißt das: Ist der Blickwinkel, der verbreitet auf Somalia geworfen wird, durch europäisch-etatistische Sichtweisen gelenkt? Diese Überlegungen lassen mich meine Fragestellung auf die Betrachtungsweise der (Nicht-) Staatlichkeit in Somalia richten. Einführend widme ich ein Kapitel dem Forschungs- und Theorieansatz des Postkolonialismus. Hier stelle ich heraus, welche Argumente besonderen Wert für meine spätere Untersuchung haben. In „3 Staat und Staatszerfall“ erörtere ich den Begriff failed state, um die zentrale Begrifflichkeit meiner Arbeit zu konturieren. Hierzu lege ich zunächst zur Erfassung den Begriff „Staat“ aus sozialwissenschaftlicher Perspektive dar;
1 UN-Resolutionen 1814(2008), 1816(2008), 1838(2008) dienten 2008 als Legitimation für die „Mission Atalanta“, an der sich auch die Bundeswehr beteiligt.
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dabei beziehe ich mich auf die Ideen Max Webers. Eine Definition des Staatsbegriffs ist aus meiner Sicht essentiell, um zu klären in welcher Theorietradition die Idee des failed state steht. Zur Verdeutlichung ziehe ich einige Forschungsarbeiten heran, die mangelnde Staatlichkeit untersuchen. „4 Konzepte abseits des failed state“ schließt sich mit der Diskussion möglicher Organisationsformen außerhalb staatlicher Gebilde an. Da der Hauptgegenstand die Diskussion um den failed state ist, verweise ich an dieser Stelle auf wenige Daten zur geschichtlichen und politischen Situation Somalias. Seit 1960 ist Somalia von italienischer und britischer Herrschaft unabhängig und wurde von Anfang der siebziger Jahre bis 1991 vom Diktator Siad Barre 20 Jahre lang beherrscht. Seit dieser Zeit strebt die nördliche Provinz Somaliland nach ihrer Unabhängigkeit, 1998 folgte die Region Puntland. Beiden Provinzen wird allerdings bisher die Autonomie seitens der internationalen Gemeinschaft verweigert. Aktuell herrscht in der Hauptstadt Mogadischu ein Machtkampf zwischen der Übergangsregierung Sheik Sharif Ahmed, gestützt durch Truppen der AMISOM-Mission der Afrikanischen Union (AU), und Al-Shaabab Milizen, die für die Errichtung eines islamischen Staates kämpfen (vgl. AKUF 2010). Seit Anfang der neunziger Jahre gab es verschiedene aus UN-Resolutionen hervorgegangene Missionen seitens der Europäischen Union, der AU und der USA 2 . Unter anderem firmierten UNOSOM I und II im Namen der Vereinten Nationen, um für eine Waffenruhe zu sorgen und um humanitäre Hilfe zu koordinieren. Im Rahmen von UNOSOM II wurden von Juni bis Oktober 1993 militärische Mittel zur Bekämpfung der Somalia National Alliance angewandt. Verlustreiche Kämpfe vor allen Dingen seitens der USA, führten 1995 zur Beendigung des Mandats. Eine Staatlichkeit nach europäischem Vorbild konnte mittels der verschiedenen Missionen bis heute nicht implementiert werden (vgl. AKUF 2010).
2 Z.B. UNOSOM I und II in den Jahren 1992/3
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2 Postkolonialismus
Jean-Paul Sartre, politischer Philosoph und Mitbegründer des Existenzialismus, verwies in seinem Vorwort zu Frantz Fanons berühmtem Werk „Die Verdammten dieser Erde“ (Fanon 1961) auf die Beziehung der Europäer zu den Bewohnern „ihrer“ ehemaligen Kolonien. „Mutterländer“ behielten sich, laut Sartre, alleinig das Recht vor, aufgrund ihrer Selbstbeschreibung als die Überlegenen in Verstand, Technologie und Wissenschaft die Geschichte nach ihrem Selbstverständnis zu schreiben (vgl. Grovogui 2007: 230). Dabei bestimmten die Kolonisatoren gleichsam auch über den Willen der „Eingeborenen“, deren Ansichten nicht diskutiert wurden. Sartre preist den Autor Fanon in seinem Vorwort als Kolonisierten (Fanon wurde auf Martinique geboren), der Dekolonisation nicht nur als physische Befreiung von fremden Mächten versteht. „Frantz Fanon recognised the centrality of the need to decolonize the mind, a task which he envisaged as far more difficult than the mere removal of the colonizer” (Ahluwalia 2001: 39). Ist Fanon Auslöser einer neuartig geführten Dekolonisationsdebatte, so gibt ebenso eine große Übereinkunft darüber, dass Edward Saids „Orientalismus“ (Said 1979) als Wegbereiter der heutigen Auseinandersetzung mit dem Postkolonialismus als Forschungs-und Theorieansatz angesehen werden kann (vgl. Ahluwalia 2001: 1). Said beschrieb die damalige Sichtweise Europas auf die arabische Welt und stellt dabei heraus, dass eine Existenz „seperate, unequal, and hierarchical spheres“ konstruiert wird (vgl. Grovogui 2007: 238). Um die Unterschiede aufrecht zu erhalten werden die eigenen, westlich-kolonisatorischen Werte als gut und zivilisiert beschrieben, während die der Anderen als korrupte gelten. Daraus folgt, dass sich die arabische Welt säkularisieren und demokratisieren muss, um das Ideal des „Westens“ zu erreichen. Diese Denkweise sei tief in dem missionarischen Ethos Europas, angefangen bei den Kreuzzügen verwurzelt (vgl. Grovogui 2009: 238).
Die Themenkomplexe, mit denen sich die Theorie des Postkolonialismus beschäftigt, reichen weit über die kritische Beschäftigung mit der Epoche des Kolonialismus hinaus. Der Postkolonialismus befasst sich auch mit der eurozentristischen Tradition, die eigene Sinngebung, Gesetze und Normen als die überlegenen anzusehen (Grovogui 2007: 231). Ungemein wichtig bei der Überwindung des Eurozentrismus ist die Bewusstwerdung der Konstruktion des „rassifizierten und vergeschlechtlichen hegemonialen Eigenen (Whiteness) und dem abgewerteten Anderen“ (Ha 2010: 261). Damit wird deutlich, dass der Postkolonialismus nicht bloß ein Theorieansatz ist, sondern eine Veränderung der
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Arbeit zitieren:
Jasper Finkeldey, 2010, Somalia: Eine postkoloniale Skizze zur (Nicht-) Staatlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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