Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Martha Nussbaums aristotelischer Sozialdemokratismus 4
3 Kritik an Nussbaums Aristotelischem Sozialdemokratismus 10
4 Aristoteles - Ein Sozialdemokrat? Metakritik 13
5 Fazit 14
6 Literaturverzeichnis 16
2
1 Einleitung
„Economists are good at many things, but arguing for a particular conception of the ultimate ends of human life does not seem to be among them (Nussbaum 2000: 107).” Martha Nussbaum argumentiert gegen die ökonomische Position, ein gutes menschliches Leben ausschließlich an monetären Faktoren messen zu können (Vgl. Nussbaum und Sen 1993: 1). Stattdessen sucht sie nach einer Bestimmung eines guten und lebenswerten menschlichen Lebens abseits der ökonomischen Theorien und legt eine Antwort in Form des aristotelischen Sozialdemokratismus (ASD) vor.
In dieser Arbeit geht es um die Frage, inwieweit Martha Nussbaums ASD eine valide Interpretation Aristoteles‘ Vorstellung einer idealen Polis entspricht. Meine Arbeit wird sich vor allem auf Nussbaums Wirken in den 1990er Jahren und den beginnenden 2000er Jahren fokussieren, da sie diese Phase im Besonderen der Erforschung des guten Lebens widmete. Die Untersuchung auf weitere Episoden Nussbaums Schaffen auszudehnen, hieße, zahlreiche Wandlungen in ihrem Denken nachzuzeichnen. Meine bewusst vorgenommene Reduktion erlaubt es mir, Nussbaums Position aus dieser Episode in aller Deutlichkeit anderen Autoren gegenüberzustellen 1 .
Mit der Namensgebung ASD wird deutlich, dass Nussbaum ein Programm verfolgt, das sich an dem Denken Aristoteles‘ orientiert. Aufgrund der enormen Wirkmächtigkeit von Aristoteles Schriften, ist es kaum verwunderlich, dass Nussbaums Aristotelesinterpretation viele Kritiker findet (Vgl. u.a. Sturma 2000: 257). Manuel Knoll -der sich ihnen einreihtstellt eine kritische Frage, der ich im Laufe dieser Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven nachgehen möchte: „Ist Nussbaums Auffassung wirklich zutreffend, daß Aristoteles als Vordenker eines sozialdemokratischen Politikverständnisses begriffen werden muss (Knoll 2009: 15)?“ Um diese Frage beantworten zu können, werde ich die Frage klären, ob Aristoteles‘ Denken überhaupt demokratisch zu nennen ist. Erst wenn diese Klärung vorgenommen ist, ließe sich die berechtigte Frage stellen, ob Aristoteles als Sozialdemokrat zu bezeichnen ist und ob sich Martha Nussbaum wissenschaftlich haltbar Aristoteles‘ Denken bedient hat.
Nach Veröffentlichung ihres ASD in „Gerechtigkeit oder das gute Leben“ im Jahr 1999 haben sich Anfang des neuen Jahrtausends besonders in der angloamerikanischen wissenschaftlichen Debatte zahlreiche Kritiker gefragt, ob Nussbaum in treffender Weise
1 Nussbaum selbst gibt an: „my thinking has undergone numerous shifts (…) (Nussbaum 2000: 102).“
3
auf Aristoteles Bezug nimmt (Vgl. Arneson 2000; Mulgan 2000; Antony 2000). Mit den Standpunkten dieser Kritiker werde ich mich im 3. Kapitel auseinandersetzen. Da die Diskussion um den ASD gleichzeitig die Debatte berührt, ob und in welcher Weise es berechtigt ist, essentialistische Positionen in den Geistes- und Sozialwissenschaften geltend zu machen, werde ich diese Debatte in das Kapitel 2 einflechten. Somit wird klar, dass sich die Kritik an Nussbaums Theorie sowohl auf ihre Interpretation Aristoteles‘, als auch im Bezug auf ihren essentialistischen theoretischen Standpunkt an sich angebracht wird. Beide Positionen beschäftigen sich gleichsam mit der Frage, wie aristotelisch Nussbaums ASD eigentlich ist. In Kapitel 4 werde ich mich auf Passagen Aristoteles‘ Politik beziehen, um zu untersuchen, ob sich hier sozialdemokratische Elemente ausmachen lassen. Im abschließenden Fazit werde ich resümieren, welche Schlüsse sich aus der hier vorgestellten Debatte ziehen lassen.
2 Aristotelischer Sozialdemokratismus
Der Bezug auf Aristoteles‘ Philosophie ist in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vor allen Dingen von Vertretern des normativ-ontologischen Ansatzes, wie Eric Voegelin und Hannah Arendt, wieder aufgenommen worden (Knoll 2009: 12). In der angloamerikanischen Debatte spielt Aristoteles „Renaissance“ gerade im Widerstreit zwischen Anhängern des Liberalismus und des Kommunitarismus in den 1980er Jahren eine entscheidende Rolle (Sturma 2000: 257) 2 . Auf diese Debatte werde ich im Folgenden immer wieder zur Verdeutlichung des Standpunktes Martha Nussbaums zu sprechen kommen.
Für eine erste definitorische Annährung möchte ich zunächst verdeutlichen, warum Martha Nussbaum eine essentialistische Theoriebildung wie sie sie mit dem aristotelischen Sozialdemokratismus verfolgt, zu einem Kernbestandteil ihres Programms macht. Nussbaum verspürt in der heutigen Politik ein Bedürfnis nach Essentialismus, dass sie folgendermaßen formuliert: „Wir können nicht sagen, wie es einem Land geht, solange wir nicht wissen, wie die Menschen dort im Hinblick auf die zentralen menschlichen Funktionen aktiv sein können (Nussbaum 1993: 246).“ Sie nimmt damit eine Position ein, die einer nach ihrer Einschätzung verbreiteten Form des Relativismus gegenübersteht. So beobachtet Nussbaum, dass einige ihrer Kolleginnen aus postkolonialer Perspektive
2 Sturma verweist darauf, dass Aristoteles Wirkungsgeschichte, angesichts zahlloser Theoretiker, die sich auf ihn bezogen haben, beispiellos ist. Allenfalls Jean-Jacques Rousseau hätte einen vergleichbaren Einfluss auf die Rezeptionsgeschichte gehabt (Vgl. Sturma 2000: 257).
4
essentialistische Positionen dahingehend kritisierten, dass sie ethnozentristisch vorgingen und Differenzen zwischen der westlichen Welt und nicht-westlichen Kulturen missachteten. Sie schildert, dass eine Kollegin die Einführung der Pockenschutzimpfung in Indien durch Engländer dahingehend geißelte, dass sie einen indigenen Kult zur Vertreibung der Pocken verschwinden lassen habe. Dieses könne nach Einschätzung der Kollegin, deren Namen nicht genannt wird, als Beispiel dafür gelten, dass der westliche Standpunkt nur in binären Dimensionen denke. Der Tod stehe dem Leben gegenüber, die Krankheit der Gesundheit. Erst wenn man diese Denkweise überwunden habe, könne man die radikale Andersartigkeit anderer Kulturen erkennen und verstehen (Vgl. Nussbaum 1993: 324-325). Nussbaum verdeutlicht ihre scharfe Kritik am Relativismus in Bezugnahme auf eine ihrer Kolleginnen. Nussbaum zeigt auf, dass die Hinnahme der Andersartigkeit im Fall der Pocken bedeute, dass die betreffenden Menschen mitunter sterben müssten, da sie nicht geimpft wurden. Aristotelikerinnen, zu denen sie sich zählt, würden daher die Verbesserung der Gesundheit dem Verlust eines Kultes vorziehen. Es sei nach Nussbaum unabdingbar, universale menschliche Eigenschaften zu finden, um globale ethische Maßstäbe zu extrahieren (Vgl. Nussbaum 1993: 327). Martha Nussbaum stellt ein politisches Konzept vor, dass zentrale Gedanken aus Aristoteles‘ Vorstellung vom guten menschlichen Leben für ihre eigene Konzeption fruchtbar macht. Die Aufgaben des Staates werden laut Nussbaum nur erfüllt, wenn die „Gestaltung“ der staatlichen Ordnung „jedem Bürger die materiellen, institutionellen und pädagogischen Bedingungen zur Verfügung“ stelle und ihm damit einen Zugang zum guten menschlichen Leben verschaffe (Vgl. Nussbaum 1999: 24).
Nussbaum vertritt dabei eine normative Position, die darauf abzielt die Lebensverhältnisse für Menschen speziell in Entwicklungsländern zu verbessern (Vgl. Jörke 2005: 88-89). Sie interpretiert das aristotelische Staatsideal so, dass „alles so geregelt [ist], dass jeder Bürger zu jedem Zeitpunkt mit dem Lebensnotwendigen versorgt ist“ (Nussbaum 1999: 27). Damit richtet sich Nussbaums Anthropologie besonders gegen ökonomische Theorien, die das gute Leben lediglich an quantitativen ökonomischen Kennziffern messen würden. Diese Betrachtung sei verkürzt, da sie nichts über die eigentliche Lebensqualität einzelner Menschen aussage; etwa über die Zugangschancen zu Bildung oder die ärztliche Versorgung (Nussbaum und Sen 1993: 1). Laut Nussbaum könnten Fragen des menschlichen Wohlergehens auf den Begriff commitment zusammengefasst werden, der Verpflichtung, Engagement und Bindungen umfasst. Die ökonomische Theorie widme sich diesen Phänomenen nicht. Die Bedeutung von reiner Nutzenkalkulation werde bei Fragen
5
Arbeit zitieren:
Jasper Finkeldey, 2011, Wie aristotelisch ist der aristotelische Sozialdemokratismus Martha Nussbaums?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte: Wie aristotelisch ist der aristotelische Sozialdemokratismus Martha Nussbaums? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte: neuer Titel erschienen: Wie aristotelisch ist der aristotelische Sozialdemokratismus Martha Nussbaums?
Jasper Finkeldey hat einen neuen Text hochgeladen
Zur Dis-/Kontinuität mittelalterlichen politischen Denkens in der neuz...
Marsilius von Padua, Johannes ...
Bettina Koch
0 Kommentare