O le tatau - Tatauieren in Samoa Die Kunstform in Tradition und Moderne
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Einleitung
3. Überblick über die Tatauierungstradition in Polynesien
4. Die Tätowierungstradition in Samoa
4.1 Begriffsbezeichnung tatauu 7
4.2 Mythenerzählung über die Herkunft des Tätowierenss 8
5. Einblick in die ethnographischen Berichte über das Tatauieren um 1900
5.1 Ethnographische Beschreibung einer samoanischen Tätowierungszeremoniee 10
5.2 Das Tatauierungsinstrumentt 12
6. Interkulturelle Austauschbeziehung mit der westlichen Welt
6.1 Beginn der Kolonialisierung und der ersten Einflüsse auf Polynesienn 13
6.2 Christliche Missionierungen im Kampf gegen die heidnische Praktik des Tätowierenss 13
6.3 Die Anwendung der Praktik an Europäernn 14
6.4 Die Wilden in der europäischen Sichtweisee 15
7. Die zeitgenössische Tatauierungstradition im globalen Austausch
7.1 Sa Su a Tulou ena und die zeitgenössische Kunstausübungg 19
7.2 Sa Su a Sulu ape und die zeitgenössische Tatauierungstraditionn 21
7.2.1 Ornamentee 23
7.2.2 Tätowierungsinstrumentee 24
7.2.3 Titelverleihungg 25
7.3 Tradition und Moderne im Vergleichh 25
8. Schlusswort
9. Literaturverzeichnis
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O le tatau - Tatauieren in Samoa Die Kunstform in Tradition und Moderne Vorwort
Seit tausenden von Jahren existiert im samoanischen Archipel die Kunstform des Tatauierens. Im westlichen Kontext besser bekannt als Tätowieren, bei der permanente Farbmuster mithilfe spezialisierter Instrumene in die Haut eingeschlagen werden. Diese Muster bedecken den halben Körper. Sie werden in äusserst schmerzvollen Ritualen, durch Fachmänner im zeitlichen Abstand von mehreren Wochen am Körper von jungen samoanischen Männern und Frauen ausgearbeitet. Als einzige Tätowierungstradition Polynesiens hat sie seit der Besiedlung der pazifischen Inselgruppen bis heute fortgehend bestanden. Dies trotz Versuche der Europäer seit der Kolonialisierung und der Missionierung, diese Praktik zu vernichten. Die Muster und Linien der Tätowierung haben wichtige symbolische Bedeutung für die samoanische Bevölkerung, da sie das Wissen ihrer Vorfahren beinhalten. Vor allem unter emigrierten Samoanern wächst das Bedürfnis, als Rückbesinnung auf die eigene Kultur, sich tätowieren zu lassen. In den letzten zwei Jahrzehnten gewann diese Kunstform immer mehr an Aufmerksamkeit. Das Tatauieren erweckte ein weltweites Interesse, dass als ,Tattoo Renaissance‘ bezeichnet wurde. Verstärkt liessen sich auch Menschen tätowieren, die nicht unmittelbar mit der samoanischen Kultur in Verbindung standen. Dies führte innerhalb der samoanischen Gesellschaft zu starken Kontroversen.
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O le tatau - Tatauieren in Samoa Die Kunstform in Tradition und Moderne Einleitung
Ich habe in meiner Arbeit ,O le tatau - Tatauieren in Samoa‘ versucht, eine Verbindung zwischen der Tradition und der Moderne herzustellen, indem ich die Kunstform und ihre Ausübung untersucht habe. Wie sie vor 100 Jahren stattgefunden hat und inwiefern sie heute noch in derselben Weise praktiziert wird. In erster Linie war es mir wichtig aufzuzeigen, wie stark die Tradition in der moderneren Entwicklung noch präsent ist. Dies indem ich sie mit der frühen Durchführung verglich, und was aus entwicklungsgeschichtlicher Hinsicht diese Tätowierungstradition beeinflusst hat. Auch heute noch ist sie keine moderne Praktik, sondern eine sehr traditionelle, die teilweise umgeändert, in modernisierter Weise, fortbesteht. Ich will aufzeigen, wie eine traditionelle Kunstform im globalen Kontext unserer modernen Gesellschaft an Nachfrage gewinnt, und wie die Rückbesinnung auf die eigene Tradition wieder wichtiger wird. Ausserdem will ich anhand einer empirischen Problemstellung aufzeigen, was von der Tradition im entwicklungsgeschichtlichen Verlauf in der Moderne noch übrig geblieben ist. Beginnend mit einem Überblick über die gesamtpolynesische Kunstausführung, habe ich den Schwerpunkt wegen der kontinuierlichen Ausführung auf Samoa gesetzt. Nach der Einführung spreche ich über die samoanische Tätowierungstradition und erläutere die mythische Überlieferungsgeschichte ihrer Tradition, wie sie im samoanischen Kontext verstanden und noch heute erzählt wird. Danach versetze ich mich in die Geschichte zurück und beschäftige mich mit ersten ethnographischen Studien über Samoa, in denen sehr detailliert über das Tätowieren berichtet wird. Der Ausgangspunkt meines Vergleichs beinhaltet die Beschreibung verschiedener Aspekte des zeremoniellen Vorgangs bei der Tätowierung eines Häuptlingssohns.
Weiterführend erläutere ich, wie sich die interkulturellen Austauschbeziehungen der Samoaner zu anderen Inseln und zu den Europäern aufgrund der Kolonialisierung verfestigten. Zu unterscheiden ist zwischen dem Austausch mit den frühen Seefahrern, den Missionaren und den Europäern, die sesshaft wurden. Ich versuche aufzeigen, wie es den Samoanern trotz Missbilligung seitens der Kirche gelang, ihre Kultur weiter zu führen und wie sie die Europäer in ihrer Kunstausführung beeinflussten. Danach folgt eine Ausführung über das Bewusstsein bzw. die Haltung, welche sich seit der Zeit der ersten Seefahrten in der westlichen Welt über das Tätowieren und die damit in Verbindung stehenden ,Wilden‘ gebildet hat. Ich versuche darzulegen, inwiefern das Tattoo zum Stigmata der Personen aus der unteren Gesellschaftschicht wurde, bis es ab den 1980er Jahren neu entdeckt wurde.
In der zeitgenössischen Kunstausübung, auf die ich als letzten Hauptpunkt näher eingehe, sind zwei samoanische Familien sehr wichtig, welche beide den Anspruch erheben, seit der Frühzeit der Besiedelung der polynesischen Inseln als Tätowierungsmeister tätig zu sein. Ich gehe auf beide Linien näher ein, um parallel zu erläutern, was für Personen heutzutage tätowiert werden wollen, inwiefern die Arbeit mit der Arbeit vor 100 Jahren vergleichbar ist, was sich alles verändert hat und welchen Schwierigkeiten sich traditionelle Tätowierer im modernen Globalisierungszeitalter ausgesetzt sehen müssen. Schliesslich versuche ich den aufgespannten Bogen wieder zu schliessen, indem ich den Vergleich zu konkretisieren versuche, inwiefern die Tradition in der Moderne noch präsent ist und deshalb auch inwiefern die moderne Gesellschaft Rückbezug auf ihre Tradition nimmt.
In der Ausführung dieser Punkte wechsle ich zwischen dem tahitianischen Begriff tatau und dem englischen bzw. deutschen Begriff tattoo. Obwohl ich anfangs meiner Arbeit ausschliesslich tatau verwenden wollte, wurde mir vor allem im Gespräch mit Tomasi Sulu‘ape bewusst, dass heutzutage kaum mehr tatau im westlichen Verständnis verwendet wird. Aus diesem Grund verwende ich zu Beginn, bei der Erläuterung der Frühzeit des Tätowierens, oft den Ausdruck tatau, dieser wird jedoch mit der späteren Entwicklung fast vollständig durch Tattoo ersetzt.
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O le tatau - Tatauieren in Samoa Die Kunstform in Tradition und Moderne Überblick über die Tatauierungstradition in Polynesien
Das Tätowieren ist ein charakteristisches Merkmal für Polynesien. Das Schmücken und Präsentieren des Körpers gilt seit Jahrtausenden als essentieller Ausdruck ihrer Kunst und Kultur. Zu finden ist die Körperbemalung in Form von Tätowierungen in fast allen Kulturen. Diese Kunstform geniesst seit jeher einen sehr hohen Stellenwert in den polynesischen Gesellschaft in ihrer variationsreichen Ausübungsform. 1 Am Prägnantesten und Beständigsten war sie aber auf Samoa, gefolgt von weiteren südpazifischen Gesellschaften wie den Maori auf Neuseeland, den Tonganern, den Hawai‘ianern, auf Rapa Nui sowie bei den Südpazifikinsolanern der Marquesas und der Gesellschaftsinseln. Diese Tradition im Allgemeinen zu definieren und in ihrer weiten Verbreitung als eine einzige Tätigkeit zu beschreiben ist überaus kompliziert. Sie weist ausser des visuellen Erscheinungsbildes in Form von Farbe, die sich permanent auf der Haut abzeichnet, sowie der gemeinsamen Herkunftsgeschichte, keine Vereinheitlichung der Traditionsausübung auf. Das Tätowieren variiert von Region zu Region in seiner Form, seiner Ausdrucksweise, sowie in der Zuschreibung von Bedeutung und dessen Symbolkraft. 2 Die Herkunft des Tätowierens ist bis heute nicht
vollständig geklärt, da es sich um eine sehr weit in der Geschichte zurückführende Tradition handelt. Jedoch als wahrscheinlich gilt die Annahme, dass die Tattoowierungspraktik von den frühesten Seefahrern und Vorfahren der Polynesier abstammt.
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Durch archäologische Fundgegenstände aus der Zeit um 1500 v. Ch., insbesondere in der Form einzigartig dekoriertem Porzellan der Lapita, dessen Muster und Motive in stylistischer Ähnlichkeit auch bei zeitgenössischen Tätowierungen zu finden sind, lässt sich dies
Ausgrabungsstätten auf Tonga, bei denen Lapita Porzellan entdeckt wurde, fand man auch Meisseln die als Tätowierungsinstrumente dienten. 4 Auf den Marquesas wurde, von allen polynesischen Kunstformen am Grossflächigsten, fast der ganze Körper mit Ausnahme des Kopfes, tätowiert, um damit den Status, den Reichtum und das Geschlecht des Einzelnen zu kennzeichnen. Der Körper wurde dabei zunächst symmetrisch in Zonen aufgeteilt, diese dann unterteilt in Gebiete, in die einzelne Muster und Symbole eingearbeitet wurden. Diese definierten die Person in ihrer sozialen Identität und waren Zeugnis der Stärke für die Schmerzen, die beim Tätowieren
ausgehalten werden mussten. Desweiteren galten sie als Verbindung zu Kriegergruppen. Sie wurden erstellt bei Honorierungen, wie beispielsweise der Teilnahme an einem Festessen oder als Erinnerung an Siege. Unterschiedlich dazu waren die Tätowierungen der Hawaiianer asymmetrisch. Als kakau i ka uhi bezeichnet wurden Tätowierungen, die nur auf einem Bein bzw. Arm oder nur einer Gesichtshälfte vollbracht wurden. Beim Maui Chief tätowierte man ein pahupahu, ein Muster, bei dem die eine Seite des Körpers vollständig schwarz war. Tätowieren war für die Hawaiianer eine Form der Schutzgebung, insbesondere Tätowierungen
1 Kaeppler, 2008: s.114
2 ebd.: s.111
3 ebd.: s.114
4 Mallon, 2005: S.147
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O le tatau - Tatauieren in Samoa Die Kunstform in Tradition und Moderne
auf dem rechten Arm als Symbol des Schutzes der Krieger, die mit diesem Arm ihren Speer hielten. Am Bekanntesten aller südpazifischen Formen des Tätowierens sind die Gesichtstätowierungen der Maori auf Neuseeland (siehe Abb.:2, S.5). Die Ehre, das Gesicht zu tätowieren, wurde ausschliesslich dem jeweiligen Chief zuteil. Die Männer trugen ein weiteres Tattoo von den Hüften abwärts bis zu den Knien, die Frauen hatten ein kleineres Gesichtstattoo von den Lippen bis zum Kinn. Ähnlich wie auf den Marquesas wurde der Körper in Zonen aufgeteilt. Ein ta moko, wie die Körperverzierung genannt wurde, gab Aufschluss über die Identität des Trägers. Auf Tonga, den Gesellschaftsinseln und Samoa finden sich weitere Ausdrucksformen des Tätowierens, welche häufig als Zeichen der Mannbarkeit während der Pubertät durchgeführt wurden. 5 Die polynesischen Gesellschaften standen seit jeher in einer kulturellen Austauschbeziehung zu den benachbarten Inselgruppen. Weiter ab dem 18. Jahrhundert mit den europäischen Seefahrern, gefolgt von den christlichen Missionaren und Emigranten aus Europa, die sich kontinuierlich auf den einzelnen Inseln ansiedelten. Die Tätowierungtradition wurde vor allem von den Missionaren geächtet, verbannt und sogar gesetzlich verboten, so dass sie in vielen polynesischen Gesellschaften in Vergessenheit geriet. Mit der Unabhängigkeit der Inselstaaten in den letzten Jahren, sowie globalen Veränderungen, insbesondere durch Emigrationsbewegungen mit Rückbesinnung auf die eigene Herkunft, erlebt die Kunstform des Tätowierens eine Art Renaissance. Die Tätowierungstradition in Samoa
Die samoanische Tätowierungstradition ist fester Bestandteil der Gesellschaft und hat eine tiefe Bedeutung in der Identitätsbildung und sozialen Anerkennung für dessen Träger. Sie hat von Anfang an bis heute als einzige Tautauierungstradition Polynesiens fortgehend existiert. 6 In der samoanischen Tatauierungstradition wird dem Mann ein sogenanntes pe‘a
ähnlich. Es handelt sich jedoch bei
jeder Tätowierung um sehr differenzierte Unikate, dessen familieninterne Bedeutung nicht preisgegeben wird. 7 Das malu hat weniger schwarze Stellen als das pe‘a, sein Name hat es von einem wichtigen Zeichen auf dem Knie, dass bei der männlichen Tätowierung nicht vorkommt. Malu bedeutet, Schutz und Sicherheit zu geben, oder auch Zuflucht. 8
5 Kaeppler, 2008: s. 114 ff
6 Gell, 2004: s. 42
7 Mallon, 2005: s. 145
8 Mallon, 2005: s.145
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O le tatau - Tatauieren in Samoa Die Kunstform in Tradition und Moderne
4.1 Begriffsbezeichnung tatau
Die Bezeichnung Tattoo stammt von dem tahitianischen Begriff
tatau,
eines nachgeahmten Naturlautes,
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dessen Bedeutung übersetzt ,richtig‘ bzw. ,kunstgerecht‘ ist. Auch im samoanischen Sprachgebrauch wird dieser Begriff verwendet. Der vollständige Begriff
ta tatau
bedeutet, ,richtig schlagen‘ oder auch ,in vierkanten Figuren‘, da die samoanischen Tatauierer keine gekrümmten Linien, wie beispielsweise Kreise, tatauierten. Des weiteren wird
tatau
im samoanischen Sprachgebrauch für
richtig bzw. korrekt ausgeführte Tätigkeiten verwendet. Beispielsweise benützt man den Begriff, falls etwas in Ordnung gebracht wurde oder wenn etwas lot- oder waagrecht ist. Eine richtig angelegte Zeichnung oder ein Schema, in dem Sinne auch eine Hautzeichnung, kann als Tatau bezeichnet werden. 10 Aus dem Begriff Tatau entstand durch Verballhornisierung das englische Wort Tattow, welches durch die europäischen Seefahrer unter Cook in den westlichen Wortschatz gekommen ist. In der englischen Sprache wurde der erste ,a‘ als ,ä‘ ausgesprochen, was wiederum von der
übernommen wurde und in Tattoo umgewandelt wurde. Interessanterweise hat die englische Sprache die deutsche Form rückübernommen schliesslich das Wort Tattoo (tätu gesprochen) gebildet. 11 Obwohl die Berichterstattung über die Seefahrten v o n J a m e s
Begriffswort ,Tatau‘ für eine bestimmte Praktik ins europäische Bewusststein einführte, ist die Körperkunst an sich unter den Europäern bereits bekannt gewesen. Diese ist aber durch die interkulturellen Polynesien verstärkt zum Ausdruck gekommen, bzw. stimuliert worden. 12
Als Tatauieren bezeichnet man eine Tätigkeit, bei der unlöschbare Pigmentspuren unter die Haut gestochen werden. Das Tatauierungsinstrument durchsticht die Haut und gibt Tinte frei, die von der Haut aufgenommen wird und auch dort bleibt. Von der Aussenseite her ist sie unzulänglich, aber sichtbar, als ob eine durchsichtige Schutzschicht über der Farbe liegen würde. Oftmals wurden Tatauierungen von den Europäern fälschlicherweise als Körperbekleidung interpretiert, da sie wie eine künstliche Haut über dem Körper ausgebreitet waren. Nichtsdestotrotz sahen auch die Polynesier ihre Tatauierungen als Schutz gegen aussen,
9 Thomas, 2005: s.7
10 Krämer,1903; s. 65
11 Krämer, 1903: s. 64
12 Thomas, 2005: S.7
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O le tatau - Tatauieren in Samoa Die Kunstform in Tradition und Moderne
als Bedeckung und als Körperschmuck an. 13 Die linguistische Rekonstruktion von tatau verweist auf die Frühzeit der Ansiedlung der Polynesier im Südpazifik. 14
4.2 Mythenerzählung über die Herkunft des Tätowierens
Die Samoaner verstehen die Herkunft ihrer Tätowierungstradition als eine von ihren Vorfahren an sie überreichte Gabe, deren Handhabung wenigen Auserwählten vorenthalten ist und nur über die genealogische Linie weitergegeben werden kann. Die Herkunftsgeschichte basiert auf einem Mythos, der seit Jahrhunderten erzählt wird.
„Zwei Fitifrauen kamen auf ihrer Reise nach Samoa, und sie sangen ihren (ihrer beider) Gesang folgendermassen: Tätowiert die Weiber und lasst die Männer. Die Frauen kamen seewärts von Falealupo an. Eine der Frauen schaute hinunter (auf den Meeresboden) und sah daselbst eine Tridacna-Muschel. Darauf tauchten die Frauen nach derselben und brachten sie in ihr Boot. Darauf sagte die eine Frau: Wie ist nur unser Lied? Darauf erwiderte die andere Frau: Unser Lied heisst so: Tätowiert die Männer und lasst die Weiber. Darauf kamen die Frauen in Safotu an. Sie gingen nun dorthin, wo der Häuptling Lavea schlief. Die Frauen riefen nun: Heda! wir haben ein Handwerk hier, das wir beide mitgebracht haben. Darauf gingen die Frauen weiter und gelangten nach Salelavalu, zu dem ali‘i Mafua. Aber auch er wollte von dem Handwerk der Frauen nichts wissen. Darauf gingen sie weiter nach Safata und kamen nach dem Haus des Häuptlings Su‘a; aber er war gerade fort bei der Arbeit. Darauf ging die Tochter des Häuptlings um zu bestellen, dass die Frauen gekommen seien. Darauf kam der Häuptling herunter zu dem Strand zu den Frauen. Darauf sprachen die Frauen: Freund, wir haben ein Handwerk hier, das wir mitgebracht haben. Der Häuptling antwortete: Danke. Darauf brachten sie Rindstoffe und Curcumagelb den Frauen. Die Frauen antworteten: Dies ist der Behälter und darinnen alle die Tätowierhämmer. Diese Hämmer hier sind unser Handwerkszeug. Sie brachten nun auch die Kokosschale und füllten sie mit Kawa, und die Frauen sagten: Wenn man Kawa verteilt, so erhältst du zuerst den Becher. Wenn du nicht trinkst, so sind dies deine Worte: Die ‘ava trinke (der aitu). Wenn du in einem grossen Häuptlingskreise sitzest, so bekommst du doch zuerst den ipu (Krämer 1902: S.102).“
Die Erzählung berichtet von einem siamesischen Zwillingspaar namens Taema und Tilifaiga, die auf einer ihrer Irrfahrten Fiji berührten und von dort die Tatauierkunst nach Samoa mitgebracht haben. Interessanterweise soll das Zwillingspaar zunächst gesagt haben, dass man die Frauen und nicht die Männer tatauieren soll, da es so der Brauch war auf Fiji, bis sie auf dem Meeresboden eine Riesenmuschel, eine Tridacna, fanden, 15 nach deren Fleisch sie hungerten. Sie tauchten in den Ozean ein um sie zu holen und als sie wieder an die Oberfläche kamen, haben sie den genauen Wortlaut vergessen und sangen darum, dass man die Männer tatauieren soll und nicht die Frauen. 16 In einer weiteren Interpretation steht, dass die Göttinnen die Kunst, Frauen zu tatauieren, während ihrer Fahrt über den Ozean von Meistern erlernt haben sollen. 17 Die Göttinnen kamen zunächst in Falealupo an, dem westlichsten Punkt des samoanischen Archipels, dem Ort, der im Glauben der Samoaner als Platz für den Eintritt ins samoanische Paradies, pulotu, und in die Unterwelt, Salafe‘e, steht. 18
Die Geschichte kann vielfältig gedeutet werden und wird im zeitgenössischen samoanischen Kontext variantenreich erzählt, so dass relativ unklar bleibt, welche Auslegung dem Wahrheitsanspruch am Gerechtesten wird. Insbesondere bei der Vergabe von Rechten wie der Erlaubnis zu Tätowieren erweist sich die richtige Auslegung der Geschichte als grundlegend. Unterschiedlich ausgelegt wird in erster Linie der
13 Gell, 2004: s.42 ff
14 Mallon, 2005: s.148
15 Krämer, 1903: S.64 ff
16 Mesenhöller, 2006: s.1
17 ebd.
18 Va‘a, 2006: s.308
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Arbeit zitieren:
Fabienne Gsponer, 2011, O le tatau - Tatauieren in Samoa, München, GRIN Verlag GmbH
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