Die alte Frage, wie neuronale Prozesse mit phänomenalem Bewusstsein assoziiert werden können, beschäftigt die Philosophie der Psychologie sowie die Philosophie des Geistes seit geraumer Zeit. So befasst sich auch der Artikel von O’Regan, Myin und Noë: “Sensory consciousness explained (better) in terms of ‘corporality’ and ‘alerting capacity’”(2005) mit der Frage und versucht dabei einen ganz eigenen Erklärungsansatz zu liefern: das qualitative Empfinden einer Erfahrung ist nicht etwas, was uns einfach passiert, sondern etwas, dass wir aktiv hervorrufen, also etwas, dass wir tun. Die Autoren beschreiben phänomenales Bewusstsein als eine Art Fertigkeit, die trainiert werden muss. Im Gegensatz zu rein mentalen Prozessen wie Denken, besitzen sensorische Systeme zwei wichtige, objektiv messbare Eigenschaften: die Körperlichkeit (corporality) und ein Alarmierungsfunktion (alerting capacity). Dadurch soll erklärt werden, warum eine Sinneserfahrung ein Sinnesgefühl 1 (sensory feel) besitzt im Gegensatz zu rein mentalen Prozessen. Gleichzeitig wollen die Autoren mit der körperlichen Beschaffenheit sowie dem Alarmierungsvermögen einen Erklärungsansatz liefern, warum sich unterschiedliche Gefühlsempfindungen unterschiedlich anfühlen.
Die Argumentation für ihre These geht nun wie folgt:
Die Autoren richten sich gleich zu Beginn des Artikels gegen die allgemeine Vorstellung, dass phänomenale Empfindungen durch neuronale Aktivität kausal hervorgerufen werden und halten es daher auch für inadäquat nach derartigen Hirnmechanismen zu suchen. Den Grund für das Verwerfen eines derartigen Forschungsprogrammes (bspw. das Finden neuronaler Korrelate des Bewusstseins, siehe Koch 2005) sehen die Autoren in der Unmöglichkeit die Erklärungslücke zur folgenden Frage zu schließen: Wie und warum entsteht aus einen physischen System ein qualitatives Gefühl? Um diese Frage beantworten zu können, müsste man zwei Aspekte berücksichtigen: Erstens müsste man erklären, warum bestimmte Typen neuronaler Aktivität mit einem bestimmten Sinnesgefühl verknüpft sind, während andere das nicht sind. So bringt bspw. die Gehirnaktivität, die mit dem Sehen der Farbe Rot assoziiert ist, ein bestimmtes Sinnesgefühl mit sich, wohingegen bei der Gehirnaktivität des Denkens an die Farbe Rot ein bestimmtes Sinnesgefühl ausbleibe. Gegeben des Falles, dass eine bestimmte neuronale Aktivität ein gewisses phänomenales Gefühl produziere, müsste
1 O’Regan et al. benutzen in diesem Zusammenhang oft den Begriff „feel“. Übersetzt hieße dieser Begriff die Haptik, da sich die Autoren allerdings auf nicht nur das phänomenale Bewusstsein des Tastsinns ziehen, sondern auf alle anderen Sinnesmodalitäten, wäre es angebrachter diesen Begriff mit „Sinnesgefühl“ zu übersetzen.
man zweitens erklären, warum und wie sich bestimmte Sinnesgefühle voneinander unterschieden. Wodurch produzieren einige Neuronen das Gefühl von Rot, wohingegen andere Neuronen das Gefühl von Grün produzieren? O’Regan et al. stehen der prinzipiellen Beantwortung dieser Fragen durch neuronale Prozesse negativ gegenüber und bezweifeln, dass jemals eine Antwort darauf gefunden werden könne.
Der Grund warum die Philosophen und Wissenschaftler bis dato keine Lösung für das Erklärungsproblem des phänomenalen Bewusstseins gefunden haben, liegt nach Aussagen der Autoren darin, dass ein Gedankenfehler vorliegt. Man habe bis jetzt den neuronalen Aktivitäten eine andere Rolle zugewiesen. Anstatt davon auszugehen, dass neuronale Mechanismen phänomenale Erfahrung kausal hervorrufen, sei es sinnvoller sich neuronale Aktivität eher als notwendige ermöglichende Bedingung, für eine Erkundungsaktivität (exploratory activity) vorzustellen, worin die Erfahrung des Sinnesgefühls besteht. Das bedeutet, dass die Sinnesgefühle überhaupt nicht kausal verursacht werden, sondern sie werden erst durch den Fakt, dass man bestimmte unterschiedliche körperliche Fertigkeiten ausübt, konstituiert. Die Sinneserfahrung könne dadurch erreicht werden, dass der Organismus ein implizites Wissen darüber hat, wie sich der Sinneseindruck (sensory input) des Organismus´ ändern würde, wenn dieser sich bewegen würde. Diese Fertigkeit bezieht sich auf die sensomotorische Kontingenz (sensorimotor contingency), welche die Kovariation zwischen den Handlungen des Organismus und dem resultierenden Sinneseindruck beschreibt. Die bestimmte Qualität des Sinnesgefühls könne durch die Körperlichkeit und die Alarmierungsfunktion (alarming capacity) erklärt werden.
Die Körperlichkeit beschreibt kleinste Körperbewegungen, die die neuronale Aktivierung verändern, die wiederum von den Sinneseindrücken abgeleitet werden. Da Sinnesinformationen so leicht auf Körperbewegungen reagieren, haben sie eine solch „intime“ Qualität. Im Gegensatz dazu werden nicht-sensorische mentale Phänomene wie Wissen oder Glauben nicht durch Körperbewegungen beeinflusst. So sei damit erklärbar, warum die Vorstellung einer bekannten Person nicht so starke Sinnesgefühle hervorruft, als wenn diese Person direkt vor einem stünde. Die Augenbewegungen und eigenen Körperbewegungen, die man im Kontakt mit der Person macht, beinhalten drastische Veränderungen in der ankommenden Sinnesinformation über sie. Dieser starke Wechsel an Sinnesinformationen entsteht nicht durch das einfache Vorstellen der Person aus der Erinnerung.
Die Alarmierungsfunktion beschreibt den Fakt, dass sensorische Systeme derart verbunden sind, dass plötzliche Veränderungen im Sinneseindruck den Organismus dazu veranlassen, sich und seine Verarbeitungsressourcen zu der Veränderung hin zu orientieren. Die Aufmerksamkeits-Ressourcen des Organismus´ werden automatisch auf die Veränderung gelenkt. Diese Fähigkeit der Sinnesstimulation automatische Orientierungsreaktion auszulösen, besitzen nur Sinnessysteme, nicht jedoch andere mentale Phänomene wie Wissen oder Glauben.
Gleichzeitig erlaube der neue Ansatz nach O’Regan et al. unterschiedliche Grade für phänomenale Bewusstseinszustände zu erklären. Dies geschieht durch die Korrelation unterschiedlicher Grade an Körperlichkeit und Alarmierungsfunktion mit dem Grad des damit verbundenen Sinnesgefühls. Die Idee ist, dass je höher der Grad an Körperlichkeit und Alarmierungsfunktion, desto stärker sei auch die Menge damit verbundener Sinnesgefühle. So sei bspw. die Farbe Rot mit einem starken Sinnesgefühl verbunden, da diese Farbe eine hohe Alarmierungsfunktion für den Organismus habe.
Schließlich lässt sich festhalten, dass das Modell der sensomotorischen Kontingenz den zuvor von den Autoren aufgestellten Erklärungsproblemen für phänomenales Bewusstsein begegnen kann. Es kann einerseits verständlich machen, warum bestimmte Typen neuronaler Aktivität mit einem bestimmten Sinnesgefühl assoziiert sind, während andere das nicht sind, sowie warum sich bestimmte Sinnesgefühle voneinander unterscheiden: Nach O’Regans Modell wird das Sinnesgefühl durch die Fertigkeit, d.h. der sensomotorischen Kontingenz konstituiert, wobei die Qualität und Stärke des Sinnesgefühls durch die Körperlichkeit und Alarmierungsfunktion ausgemacht wird. Schließlich sind unterschiedliche sensorische Modalitäten wie Sehen, Fühlen oder Hören durch ihre unterschiedliche Beteiligung an der sensomotorischen Kontingenz dafür verantwortlich, dass sie mit unterschiedlichen sensorischen Qualitäten assoziiert werden. Mit anderen Worten, die Unterschiede im phänomenalen Bewusstsein liegen in den unterschiedlichen Aktivitäten, die man ausführt.
O’Regan et al. haben mit ihrem Modell der sensomotorischen Kontingenz einen ersten Versuch unternommen das phänomenale Bewusstsein trotz der berühmten Erklärungslücke (formuliert durch Joseph Levine, 1983) wissenschaftlich zu fassen und experimenteller Überprüfung zugänglich zu machen. Durch den geschickten Schachzug die Sinnesgefühle sich erst in einem dynamischen Zusammenspiel aus Körperbewegungen und
Sinnesinformationen konstituieren zu lassen, versetzen O’Regan et al. den Fokus von den neuronalen Mechanismen auf die sensomotorischen Kontingenz eines Organismus und entgehen somit der Erklärungslücke. Nichtsdestotrotz ergeben sich einige Fragen und andere Probleme bzgl. des neuartigen Ansatzes:
Phänomenales Bewusstsein besteht nicht ausschließlich aus sensorischen mentalen Zuständen, d.h. durch bestimmte Gefühle, die sich durch die Sinnesmodalitäten konstituieren. Auch nicht-sensorische Phänomene, wie ein Angstgefühl oder das Gefühl verliebt zu sein, haben eine ganz eigene Qualität, die unter die Kategorie phänomenales Bewusstsein fallen. Können diese mit dem Ansatz der sensomotorischen Kontingenz erklärt werden? Natürlich könnte man hier einwenden, dass das Gefühl verliebt zu sein eher in die Kategorie der komplexen Emotionen fällt und nicht im Erklärungsbereich des Modells von O’Regan et al. liegt. Allerdings scheint auch insgesamt eine strikte Trennung zwischen nicht-sensorischem Bewusstsein und sensorischem Bewusstsein schwierig zu werden. Die von O’Regan et al. beschriebene Alarmierungsfunktion, die eine unbewusste Orientierungsreaktion bei Veränderung eines in der Umwelt vorhandenen Reizes auslöst, steht im Zusammenhang mit der Amygdala, einem Gehirnkern, der wiederum eng mit Emotionen vor allem mit Angst assoziiert wird. Selbst eine kurze Angst- oder Schreckreaktion hat eine ganz bestimmte intime Gefühlsqualität, die auch erklärungsbedürftig ist. O’Regan et al. beschreiben, dass Hirnaktivitäten zwar als eine notwendige Bedingung für phänomenales Bewusstsein angesehen werden, dass diese Aktivitäten allerdings keinen Erklärungsanspruch für Sinnesgefühle besitzen. Diese Ablehnung der neuro-kognitiven Erklärungsmacht wird nicht plausibel, da schließlich auch O´Regan et al. nicht völlig auf neuronale Prozesse verzichten können um phänomenales Bewusstsein zu erklären. Erstens werde nach ihrer Aussage die Sinneserfahrung schließlich dadurch erreicht, dass der Organismus ein implizites Wissen darüber besitzt, wie sich der Sinneseindruck ändert, wenn er sich bewegen würde. Hierbei drängt sich die Frage auf, woher dieses implizite Wissen kommt und wie es sich manifestiert, wenn es doch unabdingbar für die Sinneserfahrung ist. Wie sollte diese Ergänzungsfrage anders beantwortet werden, als sich auf Lern- und Gedächtnisprozesse im Gehirn zu beziehen? Zweitens haben O’Regan et al. folgende Vorstellung davon, wie ein sich Subjekt einer Sache phänomenal bewusst wird:
“Of course, whenever a creature is in a perceptual situation, countless sensorimotor contingencies apply, and some of these are actualised by associated exploratory movements. But, either by being alerted by something significant that happens out there, such as a sudden movement, or a loud noise, or by the perceiver’s own decision, one of the ongoing patterns of exploration is allowed to play a prominent role in the perceiver’s mind. The perceiver bundles all the capacities he disposes of and reorganizes them with respect to what thereby becomes the prominent theme of the ongoing perception (note that it might be prominent only fleetingly). Then, the perceiver is perceptually aware.” (O’Regan et al.,2005: 385; Hervorhebungen durch M.B.)
Auch bei dieser Beschreibung wird nicht klar, inwiefern eine Person phänomenal bewusst werden kann, ohne neuronale Prozesse als Erklärungsansatz mit einzubeziehen. Einfach nur zu beschreiben, dass der Wahrnehmende alle Kapazitäten, über die er verfügt, derart reorganisiert, dass dabei ein hervorstechendes Thema zur anhaltenden Wahrnehmung wird, wäre für eine Erklärung unzufrieden stellend. Man möchte schließlich wissen wie das genau geschieht und dafür würde sich eine neuro-kognitive Erklärung anbieten. Schließlich sei noch zu bemerken, dass die kontraintuitive Idee, dass sich Sinnesgefühle in sensomotorischer Kontingenz konstituieren und aktiv durch diese hervorgerufen werden, nach wie vor nicht wirklich verständlich macht, was genau ein qualitatives Gefühl ist. So würde mit dieser Erklärung ein Zombie ohne phänomenales Bewusstsein trotzdem nicht verstehen, was dieses Gefühl sein soll, dieses bleibt daher nach wie vor zu einem gewissen Grade privat. Durch die Voraussetzung, dass das Sinnesgefühl, welches der sensomotorischen Kontingenz inhärent ist, nur konstituiert wird und nicht kausal verursacht werden kann, scheint O’Regan das Problem eher umgangen zu haben, ohne es zu wirklich lösen. Denn damit postuliert O’Regan bereits die qualitative Natur unserer Sinnesgefühle, wohingegen Ansätze neuronaler Mechanismen von Sinnesfühlen diesen Umstand überhaupt erst einmal erklären wollen.
Literatur:
Koch, C. (2005): Bewusstsein - ein neurobiologisches Rätsel. Spektrum Akademischer Verlag.
Levine, J. (1983): Materialism and Qualia: The Explanatory Gap. In: Pacific Philosophical
Quarterly. Band 64, Nr. 4: 354-361.
O’Regan, K.; Myin, E.; Noë, A. (2005): Sensory consciousness explained (better) in terms of
‘corporality’ and ‘alerting capacity’. In: Phenomenology and the Cognitive Sciences, Nr. 4:
369-387.
Arbeit zitieren:
Maxi Becker, 2011, Das Konzept der sensomotorischen Kontingenz, München, GRIN Verlag GmbH
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