Inhalt
1. Einleitung 2
2. Theorien des Wahlverhaltens 3
2.1. Soziologische Erklärungsansätze 3
2.1.1. Mikrosoziologischer Erklärungsansatz 3
2.1.2. Makrosoziologischer Erklärungsansatz 5
2.2. Individualpsychologischer Erklärungsansatz 6
2.3. Rational Choice 7
3. Wahlbeteiligung an den Bundestagswahlen von 1949-2009 9
4. Schätzungen und Interpretationen 10
5. Zusammenfassung und Ausblick 13
Literaturverzeichnis 15
Anhang 18
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1. Einleitung
Die Beteiligung an Wahlen gilt als die zentralste Möglichkeit der unmittelbaren politischen Partizipation des Volkes in parlamentarischen Demokratien (Katz 1992: 157). Umso erstaunlicher ist es, dass trotz der großen Bedeutung von Wahlen in Demokratien die Wahlbeteiligung bei der deutschen Bundestagswahl 2009 auf ein historisches Tief von 70,9% der 62,2 Millionen deutschen Wahlberechtigten sank, die niedrigste Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik Deutschland seit Kriegsende (Egeler 2010). Ein Rückschluss auf eine Ablehnung der Demokratie durch die deutsche Bevölkerung wird jedoch durch zahlreiche repräsentative Umfragen entkräftet. So bekennt sich seit Anfang der sechziger Jahre die breite Bevölkerungsmehrheit zur demokratischen Ordnung und lehnt konkurrierende Herrschaftsmodelle ab (Gabriel 2005: 490-495).
Es stellt sich somit die Frage, worauf die gesunkene Wahlbeteiligung bei den Wahlen zum Deutschen Bundestag zurückgeführt werden kann, wenn die Mehrheit der Deutschen die Demokratie für die beste Staatsform hält.
Ziel dieser Arbeit ist es, aufgrund der Demokratieakzeptanz und der Systemunterstützung in Deutschland, andere Ansätze zur Erklärung der sinkenden Wahlteilnahme zu finden. Dazu werden die drei wichtigsten Erklärungsansätze des Wahlverhaltens darstellt: Diese beinhalten sowohl die soziale Position des Bundesbürgers, das „Spannungsfeld von langfristig stabiler Parteiidentifikation und kurzfristigen wandelbaren Positionen zu politischen Belangen und Kandidaten“, als auch das Kosten-Nutzen-Kalkül des Einzelnen bei seiner Wahlentscheidung (David 2009: 426; Goerres 2010: 277-282). Anschließend wird zur Verdeutlichung die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen von 1949 bis 2009 in der Bundesrepublik Deutschland aufgezeigt, um danach den Rückgang mit Hilfe der drei vorgestellten Erklärungsansätzen zu interpretieren. Um die Ergebnisse zu verdeutlichen, werden noch weitere Faktoren sinkender Wahlbeteiligung aufgeführt.
Abschließend fasst die vorliegende Ausarbeitung die Bedeutungskraft der Faktoren von niedriger Wahlbeteiligung zusammen und beantwortet zudem die daraus resultierende Frage, ob eine sinkende Wahlbeteiligung der Demokratie schadet. Beendet wird die
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Betrachtung mit einer Prognose zur tendenziellen Entwicklung der Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik Deutschland für die kommenden Jahre.
2. Theorien des Wahlverhaltens
Mit Hilfe von Theorien, welche durch empirische Studien unterstützt und fundiert werden sollen, versucht die Wahlforschung Aussagen über die „individuellen und gruppenspezifischen Prozesse und Bestimmungsfaktoren“ (Eith / Mielke 1996: 285) des Wählerverhaltens zu finden. Grundlegend geht es um die Analyse von Einstellungen, Motiven und Verhaltensmustern jedes einzelnen Wählers und darum, welche Bedingungen, Voraussetzungen und Einflüsse der Wahlbeteiligung und Stimmenabgabe zu Grunde liegen. Die Erklärungsansätze stellen ein verkleinertes Abbild der sozialen Wirklichkeit dar und können somit nur bestimmte Aspekte betonen. Zudem haben die Ansätze lediglich eine instrumentelle Funktion (Arzheimer / Falter 2003: 564).
Bereits in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden die drei bis heute bekanntesten Theoriemodelle: Der soziologische Erklärungsansatz, der individualpsychologische Erklärungsansatz sowie das Modell des rationalen Wählers. In den achtziger Jahren folgte zudem das Modell der sozialen Milieus, dessen heutige Bedeutung jedoch nicht ganz unumstritten ist. Im Folgenden möchte ich auf alle oben genannten Theorien, außer auf das Modell der sozialen Milieus, eingehen und einen Einblick verschaffen (Korte 2009: 77).
2.1. Soziologische Erklärungsansätze
2.1.1. Mikrosoziologischer Erklärungsansatz
Mikrosoziologische Ansätze bedienen sich bei der Untersuchung des Wahlverhaltens am sozialen Umfeld des Wählers (Korte 2009: 77). Die Wahlentscheidung des Einzelnen hängt demnach von der Zugehörigkeit einer bestimmten sozialen Gruppe ab, in der gleiche soziologische Ansichten vertreten sind. Somit kommt es vermehrt zu einer sozialen Kontrolle, welche sich in Form von Gruppendruck äußert. Das Individuum selbst versucht sich an seine unmittelbare Umgebung (Familie, Freunde
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usw.) anzupassen, um in einem weitgehend spannungsfreien Umfeld zu leben (Lazarsfeld et al 1969:148).
Ausgangspunkt des Erklärungsmodells bildet die „Theorie der sozialen Kreise“ vom Soziologen und Sozialpsychologen Georg Simmel (Dahme 1989: 109-195). Laut Simmel befindet sich jeder Mensch in verschiedenen sozialen Kreisen, welche durch Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung, Beruf, Konfession und Wohnort gekennzeichnet sind und somit das politische und gesellschaftliche Verhalten des Individuums prägend beeinflussen. Nach Simmel wird jedoch unterschieden, ob sich das Individuum in einem „konzentrischen Kreis“, d.h. dass der Einfluss der unterschiedlichen sozialen Gruppen in die gleiche politische Richtung wirken oder in einem System von sich kreuzenden sozialen Kreisen mit gegenläufigen und sogar widerstreitenden Loyalitätsforderungen, den „cross-pressures“, befindet. Individuen, die „konzentrischen Kreisen“ angehören, weisen in der Regel eine langfristig stabile Parteiorientierung auf, wobei die Inkonsistenzen bei Mitgliedern der „cross-pressures“ zur Verzögerung der Wahlentscheidung, mutmaßlich zur Wahlenthaltung und einem Rückgang des politischen Interesses führen können (Kaltefleiter / Nißen 1980: 104).
Eine der bekanntesten mikrosoziologischen Wahlstudien stellt die der „Columbia-School“ dar, welche von Paul F. Lazarsfeld, Bernard Berelson und Hazel Gaudet durchgeführt wurde und erstmals 1940 unter dem Titel „The People’s Choice“ veröffentlicht wurde (Eilfort 1994: 71). Simmels Axiom vom soziologischen Gruppenansatz wird von den Autoren übernommen und versucht mit empirischen Überprüfungen zu belegen (Kaltefleiter / Nießen 1980: 105). Die hohen Überschneidungen von sozialstrukturell bedingter politischer Prädisposition und der letztendlich getroffenen Wahlentscheidung lassen sich sehr treffend in folgendem Zitat von Lazarsfeld et al. zusammenfassen:
„A person thinks, politically, as he is, socially. Social characteristics determine political preference.” (Lazarsfeld / Berelson / Gaudet. 1949: 27).
Für die Untersuchung befragten Lazarsfeld und seine Mitarbeiter 600 Personen in Eric Country (Ohio) anlässlich der Präsidentschaftswahlen in den USA von 1940 mit Hilfe von Panelbefragungen. Über einen Zeitraum von 7 Monaten wurde dieselbe Gruppe von Menschen monatlich zu ihrem politischen Verhalten und ihrer politischen Einstellung
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interviewt. Die Ergebnisse der Studie brachten hervor, dass der Einfluss eines mehr oder weniger homogenen sozialen Umfelds weitgehend ein politisch homogenes Verhalten erzeugt (Kaltefleiter / Nießen 1980: 106; Roth 2008: 29-31; Bürklin / Klein 1998: 55). Schwachpunkte zeigen sich jedoch bei einer Erklärung von kurzfristigen Wahlentscheidungsänderungen, da von einer längerfristigen und stabilen Stellung in den sich gegenseitig verstärkenden sozialen Einflusskreisen ausgegangen wird (Korte 2009: 77).
2.1.2. Makrosoziologischer Erklärungsansatz
Erweitert wurde das mikrosoziologische Modell schließlich in den sechziger Jahren von Seymour M. Lipset und Stein Rokkan (1967), deren makrosoziologische Cleavage-Theorie des Wahlverhaltens „die sozialstrukturell verankerten Parteipräferenzen in einen sozial- und politikgeschichtlichen Zusammenhang“ (Kleinhenz 1995: 24) stellt. Dieses Modell geht davon aus, dass die Konflikte innerhalb der Gesellschaft die Entstehung und Entwicklung der Parteien bestimmen. Dies geschieht durch langfristige Verbindungen zwischen den einzelnen politisierten Bevölkerungsgruppen und bestimmten politischen Entscheidungsträgern, um deren wechselseitige Interessen mit Erfolg vertreten zu können. Die zu Beginn eher lockeren Verbindungen verstärken sich jedoch mit der Zeit zu stabilen Parteiorganisationen und festigen sich zu beständigen Konfliktlinien („Cleavages“), welche die zentralen Interessen- oder Wertekonflikte verschiedener organisierter sozialer Gruppen widerspiegeln. (Roth 2008: 33)
Nach Lipset und Rokkan (1967) bestehen vier Konfliktlinien („Cleavages“):
- Kapital vs. Arbeit
- Kirche vs. Staat
- Stadt vs. Land
- Zentrum vs. Peripherie
Alle vier „Cleavages“ stellen sich gegen die etablierte nationale Elite und ihre kulturelle Hegemonie und vertreten ebenso einen Strom der Emanzipation und Mobilisierung (Lipset / Rokkan 1967: 23). In fast allen Parteisystemen in den westeuropäischen Ländern sind trotz Verschiedenartigkeiten in Institutionen und Wahlsystemen
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Arbeit zitieren:
2011, Sinkende Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen trotz Demokratieakzeptanz, München, GRIN Verlag GmbH
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