Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 1
2 CVETAEVAS RUSSLANDBILDER 3
3 MARINA CVETAEVAS LYRISCHE DARSTELLUNG VON MOSKAU 9
3.1 KINDHEIT UND JUGEND IN MOSKAU 10
3.2 MOSKAU UND DIE EMIGRATION 16
Moskau vor der Abreise (1914-1922) 16
Emigrationsjahre (1922-1839) 26
3.3 RÜCKKEHR IN DIE HEIMAT (1939) 28
4 ABSCHLUSS 29
LITERATURVERZEICHNIS 30
II
1 Einleitung
Marina Ivanovna Cvetaeva wurde am 26. September 1892 in der zukünftigen russischen Hauptstadt Moskau geboren und verbrachte dort den größten Teil ihres Lebens. „Красною кистью/ рябина зажглась./ Падали листья./ Я родилась.“ 1
Viele Aspekte in der Dichtung Marina Cvetaevas haben ihren Ursprung in der unruhigen und verdrängten Kindheit, die trotzdem einzigartig war. Cvetaeva war eine Frau mit einem schweren und hoch dramatischen Schicksal. Die strenge mütterliche Erziehung hinterließ Spuren in ihren Gedichten. Die Mutter akzeptierte nie Marinas Leidenschaft zum Schreiben und hatte ganz andere Pläne für sie. „Nach einer solchen Mutter blieb mir nur eines übrig -Dichter zu werden.“, 2 - erinnerte sich Marina Cvetaeva. So fing sie an bereits im Alter von sechs Jahren Gedichte auf russisch, französisch und deutsch zu schreiben. Ihre Werke verfasste sie in der Zeit politischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Doch niemals preiste sie die Revolution an und machte sie auch nicht zum Thema in ihren Gedichten, es sei denn in einer indirekten Weise, bedingt durch den Kontext.
Die Liebe zum Leben spiegelte sich bei Cvetaeva in erster Linie in der Liebe zu Russland und zur russischen Muttersprache, aber insbesondere in der Liebe zu ihrer Heimatstadt Moskau, der sie schließlich eine Vielzahl ihrer Gedichte gewidmet hatte. Wie bei Puškin, so gehören auch in Cvetaevas Poesie Russland und Moskau zu den wichtigsten Themen, auch wenn bei ihr solche Motive wie Liebe, Trennung und Ewigkeit im Gegensatz zum „Russischen“ immer in den Vordergrund gerückt sind. Die Dichterin hatte im Vergleich zu anderen berühmten russischen Dichtern wie Blok oder Nekrasov kein mythisches, lebendiges, aber ihr eigenes Russland- und Moskaubild geschaffen. Cvetaevas Moskau verkörpert ihre Heimat, also Russland. Das Land und die Stadt vereinigen sich zu einem Ganzen. Betrachtet man die Darstellung von Moskau in ihren Gedichten, ist dort immerzu auch das Bild des geliebten Russland anwesend.
Bereits im Jahre 1912 erscheint Cvetaevas Gedichtsammlung "Волшебный фонарь", wo neben der Darstellung des alltäglichen Familienlebens zum ersten Mal die äußere Gestalt Moskaus auftaucht. Nach den vielen Jahren der Emigration zuerst in Berlin, dann in Prag und schließlich in Paris erhält das Thema Heimat in ihren Werken eine besondere Bedeutung. Erst in der Emigration entwickelt sich eine besonders nahe Beziehung zu Russland.
1 Cvetaeva, M. I.: Polnoe sobranie poėzii, prozy, dramaturgii v odnom tome. Moskva, 2010.
2 Cvetaeva, Marina: Mutter und die Musik: autobiograph. Prosa. Frankfurt am Main, 1993, S. 14.
1
Dort realisiert sie auch, dass ihre Gedichte nur in der von ihr verlassenen Heimat eine Chance haben, den richtigen Leser zu erreichen, und wirklich verstanden zu werden.
In der vorliegenden Arbeit werden verschiedene Bilder von Russland, aber insbesondere das Bild von Moskau parallel zum Lebensweg Marina Cvetaevas analysiert. Dafür werden mehrere Gedichte aus unterschiedlichen Gedichtsammlungen herangezogen und hinsichtlich des genannten Themas näher betrachtet. Alle biografischen Daten aus dem Leben von Marina Cvetaeva wurden der Biographie von Maria Razumovskij (1994) entnommen.
2 Cvetaevas Russlandbilder
Marina Cvetaeva verarbeitete in ihren Werken und lyrischen Darstellungen ihre grenzenlose Liebe zu Russland. Nicht nur in der Heimat sondern auch außerhalb dieser konnte sie ihrem Land treu bleiben. Sie freute sich über ihre Errungenschaften und bedauerte die Misserfolge. Es fiel ihr schwer, sich von Russland zu trennen, sich von ihrer Heimatstadt zu verabschieden und ihre Leser zurückzulassen. Doch hatte sie keine Wahl. In der Emigration träumte sie von einer Rückkehr als „желанный и жданный гость“. Doch dies sollte anders geschehen. Wie die größten russischen Dichter, behandelt auch diese Autorin in ihren Werken das Thema „Russland“ mit einer besonderen Hingabe. Ihre Werke sind von einer tiefen Verbundenheit zur Heimat gekennzeichnet. Russland ist in ihren Augen ein Ausdruck der Rebellion, der Widerspenstigkeit und des ausgeprägten Eigenwillens: „Ох, Родина - / Русь, Неподкованный конь!“ 3
Als Auftakt zur Betrachtung von verschiedenen Russlandbildern wird das Motiv der Ebereschenbeere "рябина" herangezogen. Im letzten Gedicht des Moskauer Zyklus "Стихи о Москве" erlebt der Leser die Geburt des lyrischen Ich, die mit drei für Russland symbolischen Dingen assoziiert wird, mit "рябина", mit Kirchenglocken „колокола“ und mit dem Glauben "день Иоанна Богослова".
Красною кистью Рябина зажглась. Падали листья. Я родилась. Спорили сотни Колоколов. День был субботний: Иоанн Богослов. Мне и доныне Хочется грызть Жаркой рябины Горькую кисть. 4 16 августа 1916
Das Motiv „Pябина“ begleitet durchgehend das Werk Marina Cvetaevas. Die Ebereschenbeere verbindet das Schicksal Cvetaevas mit dem Schicksal Russlands: „Ведь русская доля - ему.../ И век ей: Россия, рябина...“ (Але , 24 августа 1918). 5 Dieselbe lyrische Figur hilft ihr in der Zeit der Emigration den Verlust ihrer Heimat zu ertragen.
3 Cvetaeva (2010), S. 366. 4 Cvetaeva (2010), S. 110.
5 Cvetaeva (2010), S. 141.
3
Тоска по Родине! Давно Разоблаченная морока! Мне совершенно все равно - Гдесовершенно одинокой Быть, по каким камням домой Брести с кошёлкою базарной В дом, и не знающий, что - мой, Как госпиталь или казарма. (…)
Всяк дом мне чужд, всяк храм мне пуст, И всё - равно, и всё - едино. Но если по дороге - куст Встает, особенно - рябина... 6 3 мая 1934
Um ein glaubwürdiges Bild von Russland zu konstruieren, wird mit unterschiedlichen Facetten gearbeitet. Eines davon ist das Bild des zaristischen und adligen Russland mit seinen Zaren, Zarinnen und Heiligtümern.
Это просто, как кровь и пот: Царь — народу, царю — народ. Это ясно, как тайна двух: Двое рядом, а третий — Дух. Царь с небес на престол взведен: Это чисто, как снег и сон. Царь опять на престол взойдет — Это свято, как кровь и пот. 7 „ЛЕБЕДИНЫЙ СТАН“: 7 мая 1918, 3-ий день Пасхи
Cvetaeva greift immer wieder auf den geschichtlichen Hintergrund zurück: Московская Русь, Смутное время, каторжная Россия. Innerhalb des geschichtlichen Kontextes trifft man in ihren Werken auf unterschiedliche Persönlichkeiten, wie Петр I, Лжедмитрий и Марина, Степан Разин, боярыня Морозова.
Ein anderes Bild verkörpert das volkstümliche Russland - Русь - mit zahlreichen folkloristischen Elementen, die Cvetaeva besonders gern in ihren Werken einsetzt. Sie greift zu Motiven aus Märchen und arbeitet damit insbesondere in ihren Poemen „Царь-девица“ und „Молодец“, die auf Grundlage von Aleksandr Afanas’evs Märchen entstanden sind. Dort verwendet sie viele Slawismen, Vulgarismen und folkloristische Elemente: кабы, земной пир, гулять, плясать, песнь, ушком, шепотком, д'как, прынц заморский, вызвездит лоб, охальник, худородный холоп.
6 Cvetaeva (2010), S. 944.
7 Cvetaeva (2010), S. 134.
Кабы нас с тобой — да судьба свела — Ох, веселые пошли бы по земле дела! Не один бы нам поклонился град, Ох мой родный, мой природный, мой безродный брат! (…)
Нагулявшись, наплясавшись на земном пиру, Покачались бы мы, братец, на ночном ветру… И пылила бы дороженька — бела, бела, — Кабы нас с тобой — да судьба свела! 8 25 октября 1916
Elemente des russischen Volksliedes verleihen Gedichten eine besondere Offenheit, Leichtigkeit, größere Emotionalität und Temperament. Cvetaeva kreiert eine bunte, lyrische Landschaft: высокое небо и широкая степь, ветер, звезды, костры, соловьиный гром, скачка, погоня, ямщики, бубенцы, рокот веков, топот подков.
Песнь прежалостную тут мы споем: Как прощалась Царь-Девица с конем. (…)
Приклонись ко мне, Царица, ушком, Цену сам тебе скажу шепотком. — Помертвела ровно столб соляной, Д'как сорвется, д'как взовьется струной, Как толкнет его тут Царь сгоряча: «Врешь, молочная лапша! каланча! Прынц заморский либо беглый монах, — Ни в каких я не повинен сынах!» Как плевком ему да вызвездит лоб!.. «Хам! Охальник! Худородный холоп! (…)
Поэма-сказка ЦАРЬ-ДЕВИЦА, Москва, 14 июля - 17 сентября 1920 9 Das Bild der russischen Frau bei Cvetaeva charakterisiert die russische Seele besonders eindrucksvoll. Die lyrische Heldin "с гордым видом, с бродячим нравом" erlebt man als „кабацкая царица“ - eine arme Schönheit mit der rätselhaften, tiefen russischen Seele:
(…)
Как последний сгас на мосту фонарь — Я кабацкая царица, ты кабацкий царь. Присягай, народ, моему царю! Присягай его царице, — всех собой дарю! Кабы нас с тобой — да судьба свела, Поработали бы царские на нас колокола, Поднялся бы звон по Москве-реке О прекрасной самозванке и ее дружке. (…) 10 25 октября 1916
8 Cvetaeva (2010), S. 112.
9 Cvetaeva (2010), S. 309. 10 Cvetaeva (2010), S. 112.
Целовалась с нищим, с вором, с горбачом, Со всей каторгой гуляла — нипочём! Алых губ своих отказом не тружу, Прокажённый подойди — не откажу! (…) 11 Москва, ноябрь 1920
In der Gestalt der Moskauer „стрельчихи“, der Frau eines Schützen: „Голубиный рокот тихий./ Черные глаза Стрельчихи.“ 12 Ein anderes Mal ist es die unbezähmbare „боярыня Морозова“, die sich Zar Peter dem Großen widersetzt:
(…)
Как Петр-Царь, презрев закон сыновний, Позарился на голову, твою — Боярыней Морозовой на дровнях Ты отвечала Русскому Царю. (…) 13 9 декабря 1917
Zwei weitere Frauenbilder werden von der ruhigen „бездомная черница“ und von der gottlosen und demonischen „ворожея-чернокнижница“ verkörpert:
Сегодня ночью я одна в ночи́ — Бессонная, бездомная черница! — Сегодня ночью у меня ключи От всех ворот единственной столицы! (…) 1 августа 1916 14 (…) Крест золотой скинула, Черный ларец сдвинула, Маслом святым ключ Масленный — легко движется. Черную свою книжищу Вынула чернокнижница. (…) 15 29,30 марта 1916
Mit einem weiteren Kriterium, Elementen aus der russischen Natur, setzt sich Cvetaeva bei der Darstellung des Russischen - „русскости“, intensiv auseinander. Die russische Natur scheint die Ausgangsquelle ihrer Dichtkunst zu sein. Sie spürt eine enge Bindung zu ihr, durch die sie sich als Dichterin von anderen unterscheiden kann. An dieser Stelle sind als Beispiel einige Bilder aus der Natur zu nennen: рожь, нива, дожди, сырость, серость, сваи, беседа с широким, российским, сквозным ветром, российский сквозняк.
11 Cvetaeva (2010), S. 345.
12 Cvetaeva (2010), S. 129. 13 Cvetaeva (2010), S. 129.
14 Cvetaeva (2010), S. 109. 15 Cvetaeva (2010), S. 98.
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Tatjana Baron, 2011, Das Moskau- und Russlandbild in der Lyrik Marina Cvetaevas, München, GRIN Verlag GmbH
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