Zu Beginn der Forschungsarbeit ist das Erarbeiten der Fragestellung ein wichtiger Teil des qualitativ-empirischen Forschungsprozesses. Zu Beginn besteht zumeist ein Interesse an einem Thema oder einem empirischen Feld. Basierend auf diesem Interesse ist die Formulierung und die zunehmende Präzisierung einer Fragestellung eine zentrale Aufgabe der Forschungsarbeit. 1
Ein Forschungsprozess beginnt damit, sich über die eigenen Interessen klar zu werden: Was genau ist es, womit ich mich beschäftigen will? Welche der vielen Aspekte, die damit verbunden sind, interessieren mich nicht? 2
Es kann hilfreich sein, zunächst in Form eines Brainstormings oder einer Mind Map für das Forschungsinteresse relevante Aspekte festzuhalten. 3 Hierbei können folgende Fragen von zentraler Bedeutung sein: Welche persönlichen Erfahrungen verbinde ich mit dem Thema? Inwiefern ist mein Verhältnis zum Thema eine Ressource? Oder kann es mich im Forschungsprozess behindern? 4
Im Folgenden werden unser Forschungsinteresse und die sich daraus ergebende Fragestellung erläutert.
Unser Forschungsinteresse ergab sich daraus, dass wir während unseres Studiums der Sozialen Arbeit die Erfahrung gemacht hatten, dass viele männliche Kommilitonen erst später in ihrem Lebenslauf das Studium der Sozialen Arbeit ergriffen hatten. Diese Beobachtung lies uns Überlegungen zu dieser Thematik anstellen, die wir in gemeinsamen Gesprächen und Diskussionen vertieften. Da das Interesse an diesem Feld bei allen vorhanden war, vertieften wir anschließend die Forschungsfrage.
Eine weitere Beobachtung war, dass viele von unseren Kommilitonen zuvor eine Ausbildung in einem eher „typisch männlichen“ Berufszweig absolvierten. Sie waren Beispielsweise im IT Bereich tätig. Hinzu kam, dass sie sich im Alter von 30-40 Jahren befanden, als sie sich für das Studium der Sozialen Arbeit entschieden. Dieser Lebensabschnitt stellt unserer Meinung nach üblicherweise die Phase der Familienplanung dar. Unser Interesse galt dieser Personengruppe, da wir herausfinden wollten was unsere männlichen Kommilitonen dazu bewegte, sich insbesondere in der Lebensmitte für eine neue berufliche Richtung zu
1 Vgl.: Universität Bielefeld 2006
2 Universität Bielefeld 2006
3 Vgl.: Universität Bielefeld 2006
4 Universität Bielefeld 2006
2
entscheiden. Zudem stellte sich für uns die Frage, wieso manche von ihnen ihre bis dahin besser bezahlten Tätigkeiten für das Studium aufgaben, um anschließend in einem eher geringer bezahlten Berufsfeld tätig zu werden. Interessant für uns waren die Beweggründe die dazu führten eine Neuorientierung einzuschlagen. Trugen persönliche Erfahrungen dazu bei? Spielten die bis dahin gemachten Erfahrungen in einer zum Beispiel ehrenamtlichen Tätigkeit eine Rolle? Wollten sie schon früher eine soziale Richtung einschlagen, und wurden zum Beispiel durch gesellschaftliche Vorgaben daran gehindert?
Um diese Aspekte zu beantworten, stellten wir uns folgende Frage:
Was bewegt Männer zwischen 30 und 40 Jahren dazu, sich durch ein Studium der Sozialen Arbeit beruflich neu zu orientieren?
Diese Frage wurde von uns so formuliert, da es uns ausschließlich um die Beweggründe und die Motivation zu dieser Entscheidung ging. Zudem war uns wichtig, dass die Männer, die wir befragen wollen, ursprünglich über keine Ausbildung im sozialen Bereich verfügten, sondern einen anderweitigen Berufszweig einschlugen. Die berufliche Neuorientierung sollte eine Veränderung in ihrem Leben darstellen, es sollte sich nicht um eine aufbauende Qualifizierung im sozialen Bereich handeln (Bsp. Vom Erzieher zum Sozialpädagogen).
Um ein einheitliches Verständnis der vorliegenden Arbeit zu gewährleisten, sollen im Folgenden die Kernbegriffe unserer Fragestellung definiert werden. Daraufhin soll dargestellt werden, welche empirischen Ergebnisse zu unserer Fragestellung bereits vorliegen. Auf diese vorliegenden Ergebnisse hin, werden wir im Folgenden unserer Hypothesen formulieren.
Definition: „Bewegen- Beweggrund- Motivation“
Das lateinische Wort „movere“ bedeutet „bewegen, in Bewegung setzen, verändern, beeinflussen“. Der Begriff „Motivation“ wird von diesem lateinischen Begriff abgeleitet. 5 Da bei unserer Fragestellung nach Beweggründen für eine berufliche Neuorientierung gesucht wird, soll der Begriff „Beweggrund“ bzw. der in unserem Fall synonym verwendete Begriff „Motivation“ definiert werden.
Motivation bedeutet, „Die Beweggründe die das Handeln eines Menschen bestimmen.“ 6
5 Dudenredaktion, 2002b, S.478
3
Zimbardo versteht unter Motivation ein Ingangsetzen, Steuern und Aufrechterhalten von körperlichen und physischen Aktivitäten. 7
In der Psychologie ist Motivation ein Sammelbegriff für die Beweggründe, die das Handeln eines Individuums beeinflussen. 8
Nach diesen Definitionen verstehen wir in Bezug auf unsere Fragestellung unter dem Begriff Beweggründe/ Motivation, Ursachen/ Anreize, die Männer zwischen 30 und 40 Jahren dazu veranlasst, sich beruflich neu zu orientieren, indem sie ein Studium der Sozialen Arbeit aufnehmen.
Definition: „Berufliche Neu-Orientierung“
Das reflexive Verb „sich orientieren“ wird im Duden folgendermaßen definiert: „sich nach jmdm/etwas richten“. 9
Unter dem Adjektiv „neu“ kann in einer seiner Bedeutungen „bisher unbekannt, noch nicht da gewesen, noch nicht üblich“ verstanden werden. 10
„Beruflich“ wird als „den Beruf betreffend“ 11 definiert. Daraus lässt sich erschließen, dass unter dem Begriff „Neu-Orientierung“ eine dem Beruf betreffende Ausrichtung gemeint ist, die bisher unbekannt/ noch nicht da gewesen/ noch nicht üblich war. Unserer Fragestellung nach wird somit eine Ausrichtung in einen bisher unbekannten Beruf vorgenommen. Der zusammengesetzte Begriff „berufliche Neu-Orientierung“ ist in der Literatur kaum ausfindig zu machen. Unserem eigenen Verständnis nach verstehen wir unter diesem Begriff einen beruflichen Wechsel in einen „unbekannten“/ neuen Beruf bzw. Studiengang der Sozialen Arbeit. D.h., dass sich dieser Beruf/ dieses Studium inhaltlich nicht mit dem ersten Beruf deckt. Ebenso wird hierbei offen gelassen, ob dieser beruflichen Neu-Orientierung eine oder mehrere Berufsausbildung/en bzw. Studiengänge voraus gingen.
Definition: „Alter zwischen 30 und 40 Jahren“
Abschnitt 1.01 Dem Statistischen Bundesamt zufolge stehen Männer im Alter von 30 bis 40 in der Lebensmitte. 12 Jedoch kann man hier keine allgemeingültige Altersangabe machen, denn in der Literatur findet mach verschiedene Definitionen zur Bestimmung der Lebensmitte bzw. der unterschiedlichen Lebensphasen.
6 Drosdowski, G., 1996, S.505
7 Vgl.: Zimbardo, P. G., 1995, S.407
8 Heckhausen & Heckhausen, 1989, S.10
9 Dudenredaktion, 2002a, S.671
10 Dudenredaktion, 2002a, S.652
11 Dudenredaktion, 2002a, S.199
12 vgl.: Statistisches Bundesamt, 2010, S.16
4
Aus entwicklungspsychologischer Sicht nach Robert J. Havighurst (1948) befinden sich Männer ab dem 31. bis zum 50. Lebensjahr im mittleren Erwachsenenalter. In diesem Lebensabschnitt ergeben sich folgende Lebensaufgaben: Heim/ Haushalt führen, Kinder aufziehen, berufliche Karriere. 13
Während das frühe Erwachsenenalter (bis zum 30. Lebensjahr) hauptsächlich von „Aufbauarbeiten“ geprägt ist, finden im mittleren Erwachsenenalter, Rücküberprüfungen Bewertungen und Modifizierungen statt. 14
Entwicklungsthemen des mittleren Erwachsenenalters sind nach Faltermaier:
• Den Kindern zum reifen Erwachsenssein verhelfen
• Soziale und politische Verantwortung entwickeln
• Befriedigende berufliche Entwicklung
• Freizeitinteressen entwickeln
• Akzeptieren physiologischer Veränderungen 15 Abschnitt 1.02
Das mittlere Erwachsenenalter ist zudem geprägt von der Thematik des „Innehaltens und Bewertens“. Demnach stellen sich Menschen in solchen Situationen Fragen, die ihr eigenes Leben betreffen. Daniel Levinson und Mitarbeiter haben dazu folgende Fragen zusammengetragen:
• Was habe ich mit meinem bisherigen Leben getan?
• Welches sind meine wirklichen Werte, und wie bilden sich diese in meinem Leben ab?
• Was sind meine größten Begabungen und wie nutze oder vergeude ich sie?
• Was ist aus meinen alten Träumen geworden und was möchte ich nun mit ihnen tun?
• Kann ich fortan so leben, dass meine Wünsche, Werte, Begabungen und Sehnsüchte auf bestmögliche Weise kombiniert werden? 16
Bisherige empirische Ergebnisse zu unserem Gegenstand
Auf der Suche nach bisherigen empirischen Ergebnissen die zu unserer Fragestellung/ unserem Gegenstand vorliegen, sind wir kaum fündig geworden. Insbesondere im Bereich der beruflichen Neuorientierung durch ein Studium der Sozialen Arbeit konnten wir keine Ergebnisse ausfindig machen.
Einige Hochschulen führten mit ihren Studierenden des Studiengangs Soziale Arbeit Studierendenbefragungen zum Thema „Studienmotivation“ durch. Jedoch wurden hierbei
13 vgl.: Charlotte Bühler, Erik H. Erikson u.a. 2002 in Faltermaier u.a.2002, S.51
14 vgl. Faltermaier u.a. 1992, S.122
15 vgl. Faltermaier u.a., 1992, S.123
16 vgl. Mietzel G., 1992, S.214
5
Arbeit zitieren:
Julia Menzel, 2011, Projektarbeit Qualitative Forschung: Was motiviert Männer zwischen 30 und 40 Jahren dazu, sich durch ein Studium der Sozialen Arbeit neu zu orientieren?, München, GRIN Verlag GmbH
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