1 Einleitung 1
2 Understanding David Lynch: Wege zur Deutung 2
2.1 Naive Ansätze zu Lost Highway und Mulholland Drive 3
2.1.1 Ein mystischer Thriller? 3
2.1.2 Paralleluniversen in Hollywood 5
2.2 Lynchville psychoanalytisch: Todd McGowan/Slavoj Žižek 5
2.2.1 Lost Highway 7
2.2.2 Mulholland Drive 10
2.3 Vergleich der Ansätze 12
2.4 „I thought sleep would do it - Versuch einer lückenlosen Interpretation 15
2.4.1 Träume, Traumdeutung und Film 16
2.4.2 Die richtige Reihenfolge 17
3 Die Dekonstruktion misogyner Elemente des klassischen Hollywoodfilms 22
3.1 Der Traum als stilistisches Mittel zur Darstellung von Stereotypen 23
3.2 Reproduzierte Misogynie zum Zweck der Entlarvung 23
3.3 Übertreibung und Ironie 25
3.4 Weibliche vs. männliche Misogynie 25
4 Literaturverzeichnis 26
4.1 Primärwerke 26
4.2 Sekundärliteratur 26
5 Abbildungen 29
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1 Einleitung
Enigmatisch, irritierend, verstörend oder doch künstlerisch wertvoll? Das Spektrum der Einschätzungen zu David Lynchs Filmen ist ein breites. In einem Punkt sind sich die Rezipienten jedoch einig: Eine eigene Welt ist die Basis aller Werke des Regisseurs, „eine Welt, welche substantiell anders geartet ist als jene, die dem Zuschauer konventionell bekannt ist“ (Tober). Entgegen des Vorwurfs zahlreicher Kritiker, Lynchs Filme stellen lediglich „eine gezielt sinnlose Aneinanderreihung interessanter aber letztendlich wahlloser Bilder und Momente“ (Blanchet) dar und eine narrative Logik sei nicht zu erwarten (cf. Rhodes 57), geschieht die Umsetzung des Filmstoffes äußerst methodisch, rational und präzise (cf. Jenny) - oder wie David Lynch, der sich sonst mit Äußerungen zur Konstruktion seiner Filme stark zurückhält, es zusammenfasst: „Man kann nicht nur wild rumspinnen und verrückt sein, sonst findet man ja seine Pinsel und Farbtöpfe gar nicht und bringt nichts zu Stande“ (ibid.). Bezüge zur bildenden Kunst sind dabei nicht alleine sinnbildlich zu verstehen, denn Lynch ist auch auf diesem Gebiet tätig; erst von November 2009 bis April 2010 stellte er seine Werke in einem deutschen Museum aus, empfohlen wurde ein Mindestalter von 18 Jahren bei dem Besuch von David Lynch -Dark Splendor (cf. Alt). Der Regisseur zeigte hier neue Bilder und Tableaus, aber auch „wenig bekannte Kurzfilme aus seiner Zeit an der Akademie“ (Alt) - der Pennsylvania Academy of the Fine Arts, an der Lynch in den 1960ern studierte. Bedenkt man seinen universitären Hintergrund, verwundert die methodische und organisierte Vorgehensweise kaum; nur auf diesem Fundament kann „man sich dann seinen kreativen Impulsen überlassen und so verrückt spielen […], wie man nur will“ (Jenny). Bestätigt wird dies durch die lange Zeitspanne, die Lynch in die Produktion seiner Filme investiert: Alleine für Lost Highway benötigte er fünf Jahre (cf. McGowan 154). Dass Lynch sich vehement weigert, Erläuterungen zu seinen Filmen abzugeben (cf. Blanchet), beziehungsweise zum Teil widersprüchliche Angaben macht, nährt böswillige Unterstellungen zu deren möglicher Sinnfreiheit sicherlich. Zugleich gibt der US-Amerikaner allerdings an, dass korrekte Interpretationen durchaus möglich sind und dass die entsprechenden Hinweise nur richtig ausgewertet werden müssten (cf. Blanchet). Dieser Behauptung soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. Zahlreiche Rezipienten, darunter anerkannte Medienwissenschaftler, haben sich bereits an einer Deutung versucht; die populärsten Ansätze sollen im Folgenden exemplarisch anhand der Filme Mulholland Drive und Lost Highway auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft
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werden. Anschließend soll eine innovative Interpretation vorgestellt werden, auf deren Basis schließlich auf einen weiteren zentralen Kritikpunkt eingegangen wird. Bei diesem auffallend häufig geäußerter Vorwurf gegenüber Lynchs Filmen handelt es sich um den der ihnen - zumindest angeblich - innewohnenden Misogynie (cf. Wild 8). Laut Jana Evans Braziel äußert sich diese „especially in terms of his depictions of femininity, masochism and the female body as sites of graphic violence” (108); man bemängelt darüber hinaus, Frauen würden bei Lynch eindimensional dargestellt und hätten keinerlei positive Eigenschaften (cf. Wild 8). Andere Kritiker glauben, eine stereotype und binäre Darstellung von Frauen sowie den häufigen Einsatz des objektivierenden male gaze erkennen zu können (cf. Schaffner 271). Anna Katharina Schaffner greift diese Kritikpunkte in ihrem Essay ‚Fantasmatic Splittings and Destructive Desires‘ auf und stellt ihnen eine innovative These gegenüber: Zwar zeichne Lynch seine Frauenfiguren auf stereotype und eindimensionale Weise und auch der male gaze werde häufig verwendet, doch geschehe dies unter einem rein feministischen Gesichtspunkt: Indem er bewusst zu derlei Darstellungen greife, thematisiere und dekonstruiere Lynch misogyne Elemente klassischer Hollywoodproduktionen (cf. ibid.). Diese Annahme soll in der vorliegenden Arbeit, ebenfalls anhand von Mulholland Drive und Lost Highway, einer genaueren Analyse unterzogen werden. Dabei wird gezeigt, dass die unverschleiert stereotypen Darstellungen von Frauen durch die den Filmen zugrundeliegende Ironie schlichtweg ad absurdum geführt werden. Auf diese Weise soll Schaffners These verifiziert und - sofern möglich - ergänzt werden. Insgesamt wird die vorliegende Arbeit also ganz im Zeichen einer Aufdeckung des richtigen Verständnisses von Lynchs Filmen stehen - sowohl auf der Inhalts- als auch auf der Intentionsebene.
2 Understanding David Lynch: Wege zur Deutung
Anknüpfend an die Feststellung, dass Lynchs Filme keineswegs als sinnfreie Aneinanderreihung bedeutungsloser Szenen verstanden werden dürfen, sollen nun die wichtigsten Ansätze zur Deutung der Werke vorgestellt werden. Ausgeschlossen werden dabei zunächst diejenigen Interpretationen, welche sich mit einer möglichen Intention des Regisseurs oder der Machart der Filme befassen; die Inhaltsebene soll hier im Vorder-grund stehen. Die zu beantwortenden Fragen lauten also: Wie können Lost Highway und Mulholland Drive inhaltlich gedeutet werden? Was geschieht und was nicht?
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Unter den inhaltsbezogenen Deutungsversuchen herrschen zwei Ansätze vor: naive und psychoanalytische Interpretationen. Als naiv müssen in erster Linie diejenigen verstanden werden, welche die Filme wörtlich nehmen, indem sie beispielsweise übersinnliche Erklärungen vorschlagen und jegliche Ironie oder gar unstimmige Aspekte ignorieren. Derlei Ansätze erfreuen sich insbesondere unter Lynchs Kritikern, aber auch bei wissenschaftlich uninteressierten Zuschauern besonderer Beliebtheit. Sollten jedoch, da Lynch selbst großen Wert auf methodische Präzision legt, nicht umfangreichere, wissenschaftlich begründbare und gleichwohl komplexere Erklärungen in Betracht gezogen werden? Um diese Frage zu klären, sollen anschließend die psychoanalytischen Untersuchungen von Todd McGowan und Slavoj Žižek herangezogen werden. Sind hiermit schlüssigere Interpretation von Lost Highway und Mulholland Drive zu konzipieren oder wird durch die Argumentation mit der Psychoanalyse einzelnen Elementen der Filme doch zu viel Bedeutung beigemessen? Da Žižeks und McGowans Theorien stellenweise abstrakt anmuten, werden zunächst ihre theoretischen Grundlagen erläutert. Danach sollen diese, neben den angesprochenen naiven Sichtweisen, auf die ausgewählten Filme angewendet und die jeweils stimmigste Interpretation bestimmt werden. Zuletzt soll eine weitere mögliche und innovative Deutung vorgestellt werden - Mulhol-land Drive und Lost Highway als Träume. Inwiefern es sich um einen neuartigen Ansatz handelt, soll unter dem entsprechenden Punkt 2.4 näher erläutert werden. Um Wiederholungen und Ausschweifungen zu vermeiden, wurden für die vorliegende Untersuchung Sequenzprotokolle zu Lynchs Mulholland Drive und Lost Highway angefertigt. 1 Wird auf eine gesamte Szene Bezug genommen, soll deren spezifische Nummer im Folgenden als Referenz angeführt werden; direkte Zitate werden weiterhin anhand ihres Zeitpunktes im Film belegt. Da Lynchs Filme offenkundig nicht-chronologische Abläufe aufweisen, sind die vorliegenden Sequenzaufzeichnungen besonders ausführlich gestaltet - es handelt sich somit vielmehr um Szenenprotokolle. Da eine Reorganisation der Szenen angestrebt wird, ist dies durchaus intendiert.
2.1 Naive Ansätze zu Lost Highway und Mulholland Drive
2.1.1 Ein mystischer Thriller?
Am populärsten unter den naiven Ansätzen zu Lynchs Lost Highway präsentiert sich die Annahme eines Teufelspaktes, den Protagonist Fred schließt. Die Rahmengeschichte ist
1 Siehe Figure 1 und Figure 2 im Anhang dieser Arbeit.
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bekannt: Der Saxophonist und „his sensuous but emotionally cold wife“ (Bryant 57) Renee führen eine unglückliche Ehe. Der Musiker ist äußerst paranoid und hinsichtlich der Treue seiner Frau misstrauisch [I-4] - ob dies gerechtfertigt ist oder nicht, wird nicht aufgeklärt. Im Sinne der Voraussetzung eines Teufelspaktes treibt die Eifersucht Fred schließlich zum Mord an Renee [I-12], für den er zum Tode verurteilt wird [I-14]. Durch einen Pakt mit dem Teufel erhält er jedoch eine zweite Chance, auch um das Geheimnis von Renee zu erfahren (cf. Thomas). Der Leibhaftige tritt in Gestalt des Mystery Man auf [I-10], die Schließung des Paktes selbst wird im Film nicht gezeigt. Fred erhält ein neues Leben, das er in Form des jüngeren, potenten und insgesamt sozial erfolgreicheren Peter genießt [II-4]. Zunächst erscheint dies als enorme Verbesserung, vor allem, als er Alice kennenlernt, die Renee bis auf die Haarfarbe gleicht und eine leidenschaftliche Affäre mit ihm beginnt [II-9]. Seine Rückverwandlung [III-1] und das Filmende [II-9] werden in erster Linie mit dem Betrug des Teufels an Fred begründet, durch den sich die Geschichte wiederholt und das Objekt der Begierde erneut unerreichbar bleibt (ibid.). Zum Schluss flieht Fred, womöglich um seine Schuld bei dem Teufel nicht begleichen zu müssen. Doch er befindet sich bereits in der Hölle, welche aus der endlosen Wiederholung des Geschehens besteht - repräsentiert durch die Übermittlung des Satzes „Dick Laurent is dead“ [III-8] durch Fred an sich selbst (ibid.). Ob diese phantastische Interpretation von Lynchs Lost Highway gegen eine psychoanalytische bestehen kann, soll im Folgenden gezeigt werden. Neben diesen beiden Optionen finden sich allerdings weitere Deutungen, welche zwar auf psychologischen Erklärungen basieren, mit psychoanalytischen Interpretationen allerdings wenig gemein haben und denen das Prädikat naiv dennoch nicht angemessen ist. Der Vollständigkeit wegen sollen sie an dieser Stelle angesprochen werden. Den populären psychologischen Deutungen nach leidet Fred nun an einer dissoziativen Störung, welche sich laut ICD-10, der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, „in teilweisem oder völligem Verlust der normalen Integration der Erinnerung an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins […] sowie der Kontrolle von Körperbewegungen“ (ICD-10 239) äußert. Hierzu zählen unter anderem die Multiple Persönlichkeitsstörung, welche ein Fred häufig unterstelltes Krankheitsbild darstellt, sowie Dissoziative Fugue, bei der es sich um den zeitgemäßen Ausdruck der von David Lynch angesprochenen „psychogenic fugue“ (Blanchet) handelt. Diese kann nach außerordentlich traumatischen Erlebnissen, zu de- nen sicherlich der Mord der Geliebten zählt, auftreten.
5
2.1.2 Paralleluniversen in Hollywood
Zum Erscheinungszeitpunkt von Lost Highway im Jahr 1997 wurde noch überwiegend in Zeitungen und anderen Printmedien über die richtigen Interpretationen zu Lynchs Filmen spekuliert. Es kann angenommen werden, dass der überwiegende Teil der Schreiber über eine medienwissenschaftliche Vorbildung oder zumindest Erfahrung verfügt, darüber hinaus unterliegen die Artikel für gewöhnlich vor der Veröffentlichung einer Korrektur. Der Medienalltag hatte allerdings, als Mulholland Drive 2001 erschien, einen gravierenden Wandel erlebt: Während 1997 nur 6,5% der Deutschen das Internet nutzten, waren es nun bereits 44,1% (cf. Von Eimeren 315). Da entsprechende Foren und private Internetseiten keiner Kontrolle hinsichtlich der Sinnhaftigkeit ihrer Beiträge unterliegen, lag alleine hier in kürzester Zeit eine Fülle an naiven Interpretationen vor, die sich sehr schnell verbreiteten. Besonders stark vertreten ist dabei die Theorie der Paralleluniversen. Das blaue Kästchen aus Bettys Tasche [1.29] fungiert in diesem Sinne als Portal zwischen den Welten und „although the box represents the only direct access to each universe, each character retains vestigial memories of their parallel universe counterpart” (Mulholland Dr.-Theories). Rita und Betty finden bereits kurz nach ihrem Zusammentreffen zu solch einer engen Beziehung [I-28], weil sie im Paralleluniversum die Beziehung als Camilla und Diane führen [II-3]: „Rita recalls the name ‚Diane Selwyn‘. Adam even seems to recognize Betty at the audition“ (ibid.). Der Club Silencio spielt “in a realm between the two universes” (ibid.), Übergänge werden durch Überblendungen [I-1, II-11] dargestellt. Das alte Paar [I-9] und Tante Ruth [I-5] schützen die Welt, in der Betty und Rita eine glückliche Beziehung führen, während der Cowboy [I-24] und die dubiose Film-Mafia [I-10] sie zu zerstören versuchen (cf. Mul-holland Dr.-Theories). Weitere Interpretationen schlagen vor, dass es sich beim ersten Teil um einen Film handelt, den Diane und Camilla gedreht haben, dass die Protagonistinnen eigentlich Geister sind oder es gar zur Reinkarnation gekommen sei (cf. ibid.).
2.2 Lynchville psychoanalytisch: Todd McGowan/Slavoj Žižek
In seiner Abhandlung The impossible David Lynch analysiert der amerikanische Filmwissenschaftler Todd McGowan nahezu alle bekannten Werke des Regisseurs, wobei dies anhand eines elementaren Oppositionspaares geschieht: desire und fantasy. Desire, zu Deutsch das Begehren, Verlangen oder auch der Wunsch, lässt sich in seiner wörtlichen Bedeutung verstehen. Es handelt sich um das (mögliche) Verlangen einer
Arbeit zitieren:
Alice Fleischmann, 2011, Understanding David Lynch, München, GRIN Verlag GmbH
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