Inhalt
1. Einführung: Migration und Remigration 3
2. Migrationstheorien 3
2.1. Ravenstein 3
2.2. Lee 4
2.3. Hoffmann-Nowotny 6
3. Remigrationstheorien 7
4. Ansätze zur Erklärung der Remigration 10
4.1. Neoklassicher Ansatz 11
4.2. New Economics 12
4.3. Struktureller Ansatz 13
4.4. Remigration aus dem Aufnahmeland mit einer anderen Religion als im
Heimatland. 18
5. Religion als Migrations- und Remigrationsfaktor 18
5.1. Christliche Migranten aus der Türkei nach Deutschland am Beispiel der armenischen
und syrischen Christen 19
5.2. Philippinische Migration nach Israel 20
5.3. Muslimische Remigranten aus Deutschland in die Türkei 22
Bibliographie 26
Onlinequellen 27
Abbildungen 28
2
1. Einführung: Migration und Remigration
In dieser Arbeit wird untersucht, inwieweit Religion ein Faktor für Migration und Remigration ist. In der aktuellen Forschung wird versucht, Migration und Remigration hauptsächlich durch wirtschaftliche Faktoren zu beschreiben. Dabei werden andere Faktoren, die teilweise einen genauso starken Einfluss nehmen können, wie die wirtschaftlichen Faktoren, nicht berücksichtigt. Aus diesem Grund werden in der vorliegenden Arbeit, ausgehend von Migrations- und Re-Migrationstheorien, mögliche Migration- und Remigrationsbewegungen behandelt, bei denen die Religion ein Faktor ist.
2. Migrationstheorien
2.1. Ravenstein
Geographischer Ansatz
Die Forschungsarbeit von Ravenstein, die einen geographischen Ansatz beschreibt, ist die erste Migrationsforschung, welche methodisch die Fragestellung zu beantworten versucht. Nach Ravenstein ist
„[...] der Ruf nach Arbeitskräfte in unseren Industrie - und Handelszentren die primäre Ursache jener Wanderungsströmungen.“ 1
Ravenstein untersuchte die Land-Stadt-Migration sowie die Arbeitsmigration anhand der Volkszählung von 1881 im Vereinigten Königreich und mittels Bevölkerungsstatistiken anderer europäischer und nordamerikanischer Länder und kam zu folgenden Schlussfolgerungen: 2
Die große Masse der Wanderer legt nur eine kurze Entfernung zurück. (Wanderungen erfolgen über kleine Distanzen). Die Landbewohner in unmittelbarer Umgebung einer Stadt mit schnellem Wachstum ziehen in großer Zahl hinzu. Die so entstehenden Lücken in der
1 Ravenstein, E. G., Die Gesetze der Wanderung I, II. In: Szell, György (Hg.), Regionale Mobilität, München, 1972, S. 43
2 Ravenstein, E. G., Die Gesetze der Wanderung I, II. In: Szell, György (Hg.), Regionale Mobilität, München, 1972, S. 51-52
3
ländlichen Bevölkerung werden von Wanderern aus entlegeneren Bezirken ausgefüllt, bis schließlich die Anziehungskraft einer dieser rasch anwachsenden Städte ihren Einfluss Schritt für Schritt bis in den entferntesten Winkel des Königreichs ausdehnt. Der Dispersionsprozess verhält sich umgekehrt zum Absorptionsprozess und weist ähnliche Charakteristika auf.
Jede Hauptwanderungsströmung erzeugt eine kompensierende Gegenströmung.
Große Entfernungen zurücklegende Wanderer wenden sich im Allgemeinen Industriezentren zu.
In der Stadt geborene Personen sind weniger mobil als die vom Land. Bei kurzen Strecken sind Frauen mobiler als Männer.
2.2. Lee
Funktionalistischer Ansatz
Lee vertritt einen funktionalistischen Ansatz, um die Migration zu beschreiben. Die „Theorie der Wanderung“, wie Lee seinen Ansatz nennt, kann als
„[...] Versuch angesehen werden, eine explizit individualistische Interpretation des Push-Pull-Paradigmas zu liefern und somit zu einer Behebung von empirischen Schwierigkeiten zu gelangen.“ 3
Lee definiert Migration sehr umfassend, sodass sogar der Wohnungswechsel im selben Haus bei ihm als Wanderung angesehen wird. Lediglich der Anlass und die Folgen der Wanderungen sind unterschiedlich:
„Wanderung ist allgemein definiert als ein permanenter oder semipermanenter Wechsel des Wohnsitzes. Dabei soll keine Einschränkung in bezug auf die Entfernung des Umzugs oder auf die freiwillige oder unfreiwillige Art der Handlung, kein Unterschied zwischen externer und interner Wanderung gemacht werden. Daher wird der Umzug über das Treppenhaus von einer Wohnung zur anderen genau so sehr als Akt der Wanderung gezählt wie ein Umzug von Bombay in Indien nach Cedar Rapids in Iowa, obwohl natürlich
3 Mueller, Ulrich (Hrsg.),Handbuch der Demographie, Band 1, Springer-Verlag, Heidelberg, 2000, S. 452
4
der Anlaß und die Folgen solcher Umzüge sehr unterschiedlich sind. Jedoch sind nicht alle Arten der räumlichen Mobilität in diese Definition eingeschlossen. Ausgeschlossen sind z.B. die kontinuierlichen Bewegungen von Nomaden und Wanderarbeitern, die keinen dauernden Wohnsitz haben, und zeitweilige Umzüge, wie die in die Berge für die Sommerzeit.“ 4
Ausgehend von Ravensteins Analyse und einer sehr umfassenden Definition der Migration versuchte Lee
„[...] die Entwicklung eines allgemeinen Schemas […], in das eine Vielzahl von räumlichen Bewegungen eingeordnet werden kann, und von einer kleinen Zahl anscheinend selbstverständlicher Thesen eine Zahl von Schlussfolgerungen im Hinblick auf das Volumen von Wanderung, die Entwicklung der Merkmale von Wanderern abzuleiten“ 5
Lee fasst die Faktoren, die zur Wanderungsentscheidung führen und in den Prozess der Wanderung eingehen, in vier Kategorien wie folgt zusammen:
Nach Lee bestehen in jedem Gebiet unzählige Faktoren, die dazu führen, Menschen in diesem Gebiet zu halten oder sie anzuziehen. Schließlich gibt es auch solche, die sie abstoßen. 7 Die Bewertung dieser Faktoren hängt von vielfältigen individuellen Unterschieden ab. 8
„Einige von diesen Faktoren beeinflussen die meisten Menschen in nahezu gleicher Weise, während andere verschiedene Menschen in unterschiedlicher Weise beeinflussen.“ 9
Daher hatte Lee, wie auch Hoffmann-Nowotny schon festgestellt hatte, 10 als Ausweg Folgendes vorgeschlagen:
„Tatsächlich können wir allgemein, da wir niemals den exakten Satz von Faktoren bestimmen, die Wanderung, die von besonderer Bedeutung zu sein scheinen, nur wenige
4 S. Lee, Everett, Eine Theorie der Wanderung. In: Szell, György (Hg.), Regionale Mobilität, München, 1972, S. 117
5 S. Lee, Everett, Eine Theorie der Wanderung. In: Szell, György (Hg.), Regionale Mobilität, München, 1972, S. 117
6 S. Lee, Everett, Eine Theorie der Wanderung. In: Szell, György (Hg.), Regionale Mobilität, München, 1972, S. 118
7 S. Lee, Everett, Eine Theorie der Wanderung. In: Szell, György (Hg.), Regionale Mobilität, München, 1972, S. 118
8 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim, Migration: Ein Beitrag zu einer soziologischen Erklärung, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, 1970, S. 88
9 S. Lee, Everett, Eine Theorie der Wanderung. In: Szell György (Hg.), Regionale Mobilität, München, 1972, S. 118
10 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim, Migration: Ein Beitrag zu einer soziologischen Erklärung, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, 1970, S. 88 f.
5
behandeln, die von besonderer Bedeutung zu sein scheinen und die allgemeine oder durchschnittliche Reaktion einer beträchtlichen Gruppe betreffen.“ 11
Nach Hallow Salaw bezweifelt Hoffmann-Nowotny, ob Lees Versuch als brauchbarer Ansatz einer Theorie der Migration bezeichnet werden kann, denn es handelt sich seiner Meinung nach dabei um ein Prinzip und nur um den Versuch der Interpretation eines formalen „Push-Pull“, indem einige dieser Faktoren konkret benannt werden, die theoretische Dimension aber nicht sichtbar wird. 12
2.3. Hoffmann-Nowotny
Theorie struktureller und anomischer Spannung Die allgemeine Basishypothese bei Hoffmann-Nowotny lautet: „Strukturelle Spannung sind die zentralen Determinanten des Wandels sozietaler Systeme.“ 13
Die allgemeine Basishypothese wurde auf sieben Postulaten aufgebaut, auf denen auch die Theorie struktureller und anomischer Spannungen beruht. Die Postulate (Axiome) wurden wie folgt zusammengefasst:
1. Macht und Prestige sind die zentralen Dimensionen sozietaler Systeme. Macht und Prestige sind wechselseitig voneinander abhängig. 2. In sozietalen Systemen sind Macht und Prestige differentiell zugänglich. Die Zugehörigkeit von Macht und Prestige ist selbst wiederum in Abhängigkeit von den zentralen Dimensionen zu sehen.
3. In sozietalen Systemen sind Macht und Prestige differentiell verteilt. Die differentielle Verteilung von Macht und Prestige bedeutet „Ungleichheit“ sozietaler Einheiten.
4. In sozietalen Systemen sind Macht und Prestige ungleichgewichtig verteilt. Macht und Prestige sozietaler Einheiten entsprechen sich tendenziell nicht.
11 S. Lee, Everett, Eine Theorie der Wanderung. In: Szell, György (Hg.), Regionale Mobilität, München, 1972, S. 119
12 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim, Migration: Ein Beitrag zu einer soziologischen Erklärung, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, 1970, S. 91
13 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim, Migration: Ein Beitrag zu einer soziologischen Erklärung, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, 1970, S. 36
6
5. In sozietalen Systemen wird der Grad des Ungleichgewichts von Macht und Prestige durch Bezug auf die Prestigeverteilung bestimmt. 6. In sozietalen Systemen besteht tendenziell ein Konsensus über die Bewertungsgrundlage - das Wertsystem - das die Kriterien der „Zuschreibung“ von Macht und Prestige enthält. 7. In sozietalen Systemen besteht eine Tendenz zum Ausgleich von Macht und Prestige. Sozietale Einheiten streben nach einem Abbau von Machtüberschüssen und Machtdefiziten, machtdefizitäre Einheiten nach einer Erhöhung der Macht, machtüberschüssige nach einer Erhöhung des Prestiges.
Dabei ist Macht
„[...] der Grad, zu dem ein Anspruch des Akteurs auf Teilhabe an zentralen sozialen Werten durchgesetzt werden kann“
und Prestige
„[...] der Grad, zu dem der Anspruch des Akteurs auf Teilhabe an zentralen sozialen Werten oder ihr Besitz als legitim angesehen wird“ 14 .
Das Auseinanderfallen oder die Ungleichheit von Macht und Prestige führen zu strukturellen Spannungen, die in drei verschiedenen Formen auftreten können:
3. Remigrationstheorien
14 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim, Migration: Ein Beitrag zu einer soziologischen Erklärung, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, 1970, S. 26
15 Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim, Migration: Ein Beitrag zu einer soziologischen Erklärung, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, 1970, S. 27
7
Arbeit zitieren:
Serkan Ince, 2011, Migration und Remigration unter Berücksichtigung der religiösen Faktoren, München, GRIN Verlag GmbH
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