Inhalt
1. Einleitung 3
2. Die Wiener Moderne und der Ästhetizismus 3
2.1 Hofmannsthals Kritik am Ästhetizismus 5
2.2 Wege ins Leben 6
3. Das Märchen der 672. Nacht 7
3.1 Ambivalente Welten 7
4. Fazit 16
2
1. Einleitung
Dekadenz und Ästhetizismus hatten für den literarischen Kreis der Generation des jungen Wien einen ambivalenten Charakter: Weltflucht und Lebensglaube. Besonders Hofmannsthal
ist die „lebensabgewandte Sterilität“ 1 des ästhetizistischen Lebens und damit der lebensabgewandte Aspekt schon früh bewusst. In seinen frühen Werken setzt sich Hofmannsthal sehr kritisch mit dem Ästhetizismus auseinander, wobei er ihn nicht nur als lebensabgewandt, sondern zuweilen als lebensbedrohlich und sogar lebensfeindlich entlarvt. Die Einheit von Subjekt und Welt, wie sie im hofmannsthalschen Begriff der ‚Präexistenz‘ erfasst wird, geht im ästhetizistischen Lebensmodell real verloren, „weil das Subjekt nicht
mehr erkennend, glaubend, fühlend und somit auch nicht handelnd an der Welt partizipiert.“ 2 „Das schöne Leben verarmt einen. Wenn man immer so leben könnte wie man will, würde
man alle Kraft verlieren“ 3 , schreibt Hofmannsthal im Mai 1896 an Leopold von Andrian. Der schöne Schein einer Welt der ästhetischen Schau, unter Ausschluss der ‚hässlichen‘ Seiten des Lebens, ist demnach kräftezehrend und in der Folge fehlt dem Ästheten diese Kraft zur Bewältigung der Realität. Auch im Märchen der 672. Nacht führt der Protagonist ein zurückgezogenes Leben, umgeben von den schönen Dingen der Welt, und scheitert am Ende kraft- und orientierungslos in der realen Welt.
Ziel dieser Arbeit ist die Herausarbeitung der ambivalenten Darstellung der ästhetizistischen Lebensform und das daraus resultierende, unausweichliche Schicksal des Protagonisten in Hofmannsthals Märchen der 672. Nacht. Dabei sollen die Darstellung der ‚zwei Welten‘ und deren Repräsentanten sowie ihr Rollenwechsel im Verlauf der Erzählung untersucht werden, um einen Beitrag zur ästhetizismuskritischen Interpretation des Frühwerks am Beispiel des Märchens der 672. Nacht zu leisten.
2. Die Wiener Moderne und der Ästhetizismus
Die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts sind geprägt von einer Endzeitstimmung. Verursacht durch die Verstädterung ist vor allem die soziale Lage im Umbruch, soziale Strukturen verändern sich, die Arbeitslosigkeit ist hoch und die Verunsicherung in der Bevölkerung steigt. Hinzu kommt das nahende Ende eines historischen Abschnittes - das Fin de siećle -, das von Phantasien des Untergangs und der Zerstörung des Bestehenden und der daraus
1 Barz, S. 213.
2 Jäger-Trees, S. XII (Die Seitenzahlen der Einleitung sind in römischen Ziffern nummeriert).
3 Hofmannsthal: Briefwechsel Hofmannsthal/Andrian, S. 64. Zitiert nach Barz, S. 214.
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erhofften Neuordnung des Bestehenden, begleitet wird. 4 Auch geistesgeschichtlich findet ein Umbruch statt: die bisherige Leitwissenschaft, die Biologie, wird durch die Psychologie und Psychiatrie abgelöst, es vollzieht sich eine Wendung vom Außen zum Innen, von der Erfassung der Außenwelt hin zur Darstellung psychischer Empfindungen und innerer
Vorgänge. 5 In diesem Umwälzungsprozess traditioneller Werte, stellen Strömungen wie der Ästhetizismus eine radikale Abkehr von den vorherrschenden Vorstellungen und einen Zufluchtsort in einem Kultus des Schönen dar. Hugo von Hofmannsthal beschreibt, was um 1900 als modern gilt, folgendermaßen:
Heute scheinen zwei Dinge modern zu sein: Die Analyse des Lebens und die Flucht aus dem Leben. Gering ist die Freude an Handlung, am Zusammenspiel der äußeren und inneren Lebensmächte, am Wilhelm-Meisterlichen Lebenlernen und am Shakespearischen Weltlauf. Man treibt Anatomie des eigenen Seelenlebens, oder man träumt. Reflexion oder Phantasie, Spiegelbild oder Traumbild. Modern sind alte Möbel und junge Nervositäten. Modern ist das psychologische Graswachsenhören und das Plätschern in der
rheinphantastischen Wunderwelt. Modern ist Paul Bourget und Buddha; das Zerschneiden von Atomen und das Ballspielen mit dem All; modern ist die Zergliederung einer Laune, eines Seufzers, eines Skrupels; modern ist die instinktmäßige, fast somnambule Hingabe an jede Offenbarung des Schönen, an einen Farbakkord, eine funkelnde Metapher, eine wundervolle Allegorie. 6
Charakteristisch für die ästhetizistische Weltanschauung ist die Wirklichkeitsflucht in eine harmonische Welt des schönen Scheins und die dadurch bedingte Isolierung von der Realität
der Außenwelt. 7 Es ist vor allem der Ausschluss des Hässlichen bzw. das Errichten einer ‚Gegenwelt‘ zur hässlichen Wirklichkeit, in der größter Wert auf eine Ordnung nach
ästhetischen Kriterien gelegt wird. 8 Der Rückzug in die Passivität des schönen Lebens ist als Reaktion auf eine durch die gravierenden Umwälzungen bedingte Identitätskrise des ‚jungen Wien‘ zu verstehen und zeigt das zeittypische Schwellenbewusstsein. Die Endzeitstimmung und die damit verbundene Hoffnung auf einen Neuanfang, aber auch die große Unsicherheit hinsichtlich eines neuen Zeitalters, beschreibt Hermann Bahr:
Es kann sein, daß wir am Ende sind, am Tode der erschöpften Menschheit, und das sind nur die letzten Kämpfe. Es kann sein, daß wir am Anfange sind, an der Geburt einer neuen Menschheit, und das sind nur die Lawinen des Frühlings. 9
4 Vgl.: Pfeiffer, S. 11-13.
5 Vgl.: Anz, S. 7.
6 Hofmannsthal, Band 8, S. 176.
7 Vgl.: Wilpert, S. 9-10.
8 Vgl.: Jäger-Trees, S. XI (Die Seitenzahlen der Einleitung sind in römischen Ziffern nummeriert).
9 Wunberg, S. 189.
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2.1 Hofmannsthals Kritik am Ästhetizismus
Eine grundsätzlich ambivalente Haltung gegenüber dem Ästhetizismus zeichnet bereits den jungen Hofmannsthal aus. So schreibt er 1896, 22-jährig, an Hermann Bahr von der
„Sackgasse des Ästhetizismus“ 10 und vier Jahre später spricht er in einem Brief an Graf Kessler darüber, dass er bei jener theoretischen Disposition, die man Ästhetizismus nennen
könne, immer ein Verarmen und Erstarren empfunden habe. 11 Trotz des großen Einflusses des Ästhetizismus und der eigenen inneren Verwandtschaft mit dem ästhetisch-hermeneutischen
Weltzugang 12 , „gibt sich Hofmannsthal ihm nicht hin und macht ihn nicht zum Hauptgegenstand seiner Dichtung […], sondern begreift ihn als ein Zwischenstadium, das es
letztendlich zu überwinden gilt.“ 13 Den meisten Figuren in Hofmannsthals Frühwerk fehlt, aufgrund von Fremdheit und Furcht gegenüber dem Leben, die Fähigkeit, sich mit dem Leben
zu verbinden. 14 Hofmannsthal betrachtet die ästhetizistische Lebensweise zugleich als Ursache und Folge einer solchen Weltfremdheit. 15 Ein weiterer Aspekt der kritischen Betrachtung einer ästhetizistischen Lebensweise ist für Hofmannsthal das „mangelnde
Beteiligtsein am Leben und die fehlende Unmittelbarkeit des Erlebten.“ 16 Durch dieses Gefühl entsteht eine Leere, die die Distanz und Fremdheit gegenüber Menschen, die im Leben verankert und durch Tatkraft mit ihm verbunden sind, erhöht. Diese Distanz und die daraus resultierende brennende Sehnsucht nach dem ‚wirklichen Leben‘ ist ein charakteristischer Wesenszug der Figuren in Hofmannsthals Frühwerk. Die Sehnsucht der Figuren ist jedoch nicht Motivation genug, sie zu Taten zu bewegen; es ist vielmehr ein passives und willenloses Warten auf die Wirklichkeit. Eine solche betrachtende Haltung zur Welt, das wartende ‚Zuschauen‘, stellt keinesfalls eine Möglichkeit dar, die Distanz zum Leben zu beseitigen,
sondern fördert diese. 17
Hofmannsthal war sich der Gefahr des Ästhetizismus bewusst und hat diesen stets kritisiert. Er hat die Schwächen und Unzulänglichkeiten des schönen Lebens in einer Scheinwelt erkannt und eine Rückbindung an das Leben gefordert, indem „das Denken von der Seelenanalyse weg auf etwas außerhalb gerichtet werden [soll], und die künstliche Welt
der Phantasie und des Traumes zugunsten einer realitätsbezogenen zu verlassen [ist].“ 18 Die
10 Nehring, S. 22.
11 Vgl.: Burger, S. 28.
12 Vgl.: Barz, S. 213.
13 Jäger-Trees, S. 5.
14 Vgl.: Nehring, S.14-18.
15 Ebenda, S. 23.
16 Jäger-Trees, S. 14.
17 Vgl.: Nehring, S. 24.
18 Vgl.: Jäger-Trees, S. 18.
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Arbeit zitieren:
Gabor Balintfy, 2011, Über den Nutzen des Ästhetizismus in Hugo von Hofmannsthals "Märchen der 672. Nacht", München, GRIN Verlag GmbH
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