Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 2
2. Die Friedenspreisrede Martin Walsers 5
a. Das Schöne oder die Kritik? 5
b. Auftritt der sadistischen Intellektuellen 8
c. Die Instrumentalisierung von Auschwitz 10
d. Die Meinungs- und Gewissenswarte 12
3. Eine neue alte Volksgemeinschaft 13
4. Schlussbetrachtungen 18
Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Der für die Wahl des Preisträgers zuständige Stiftungsrat 1 des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels erkor 1998 Martin Walser zum neuen Träger seines renommierten Friedenspreises. In der Urkunde zur Begründung der Entscheidung heißt es unter anderem, dass Walser als „beliebtester lebender deutscher Schriftsteller“ 2 „den Deutschen das eigene Land und der Welt Deutschland erklärt und wieder nahegebracht“ 3 habe. Die Verleihung des Preises fand am 11. Oktober 1998 im Rahmen der 49. Frankfurter Buchmesse statt und konnte wie in jedem Jahr als „eine Art Staatsakt“ 4 bezeichnet werden; angereist waren 1198 Gäste aus Kultur, Wirtschaft und Politik, die ausnahmslos zur gesellschaftlichen „Elite“ der
Bundesrepublik Deutschland gerechnet werden konnten. 5 Die Dankesrede, die der frisch dekorierte Preisträger in der geschichtsträchtigen Kulisse der Frankfurter Paulskirche unter dem sperrigen Titel „Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede“ 6 hielt, löste in der Folge eine monatelange, heftige Kontroverse aus - die Friedenspreisrede stiftete eine Menge Unfrieden.
Der engagierteste und beständigste Kritiker Walsers in der anschließenden öffentlichen Debatte, deren Kern in der Frage des Umgangs der Deutschen mit ihrer Vergangenheit als
nazistische Völkermörder bestand 7 , war der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden
1 Er besteht aus elf Mitgliedern, vier Verlegern und Buchhändlern sowie sieben weitere Persönlichkeiten, und entscheidet mit einfacher Mehrheit.
2 Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann, Einleitung, in: Dies., Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik, Berlin 2000, S. 6 - 12, hier S. 7.
3 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Martin Walser. Ansprachen aus Anlass der Verleihung, Frankfurt am Main 1998, S. 5.
4 Detlev Claussen, Deutschland ein Wintermärchen, in: Freitag. Die Ost-West-Wochenzeitung, Nr. 2/1999.
5 Einschließlich der höchsten Repräsentanten des Staates, des frisch gewählten Bundeskanzlers Gerhard Schröder und des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog.
6 Martin Walser, Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, in: Frank Schirrmacher (Hrsg.), Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation, Frankfurt am Main 1999, S. 7 - 17. Auszüge aus der Walserrede werden auch im Folgenden aus diesem Nachdruck zitiert, um Seitenzahlen zur besseren Orientierung angeben zu können. Allerdings hat der Sammelband insgesamt deutliche Schwächen, wenn er auch den deutschen Debattenverlauf gut dokumentiert; Stimmen aus dem Ausland sind nämlich nur mit wenigen Texten vertreten - die Resonanz der Debatte etwa in Frankreich lässt sich also nur insoweit erschließen, als in deutschen Zeitungen darüber berichtet wurde. Außerdem existiert für den Herausgeber des Bandes, Frank Schirrmacher, der in der Paulskirche auch die Laudatio auf Walser gehalten hatte, anscheinend keine Meinung „links“ von der Berliner tageszeitung (taz). Ein konsequenter („linker“) Antinationalismus beispielsweise wird so höchstens in einigen (wenigen) Leserbriefen erkennbar. Schwerwiegender ist jedoch, dass die Rezeption Walsers im nationalkonservativen und rechtsextremen Bereich zur Gänze fehlt; möglich wäre, dass der Herausgeber diesem Personal nicht noch eine weitere Bühne verschaffen wollte oder dass der Abdruck an fehlenden Rechten scheiterte (das allzu knappe Nachwort legt über die Auswahl der Texte leider nicht wirklich Rechenschaft ab). Also mussten die enthusiastischen Reaktionen der rechtsradikalen Blätter an anderer Stelle dokumentiert werden: Vgl. etwa Martin Dietzsch, Siegfried Jäger, Alfred Schobert, Endlich ein normales Volk? Vom rechten Verständnis der Friedenspreisrede Martin Walsers, Duisburg 1999; Joachim Rohloff, Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik, Hamburg 1999; Brumlik et al., Vergessen; Klaus Ahlheim, Bardo Heger, Endlich einen Schlussstrich ziehen? Die Folgen der Walser-Debatte, in: dies., Die unbequeme Vergangenheit. NS-Vergangenheit, Holocaust und die Schwierigkeiten des Erinnerns, Schwalbach 2002, S. 7 - 16. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) wurde die Rede am 12. Oktober 1998 unter einem Zusatz zur Überschrift abgedruckt. Dort lautet der vollständige Titel in Anspielung auf Hannah Arendts berühmtes Werk „Eichmann in Jerusalem oder die Banalität des Bösen“, München 1966, das sie anlässlich des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Israel schrieb: „Die Banalität des Guten. Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels“.
7 Der Philosoph Jürgen Habermas, einer der in der Friedenspreisrede explizit angegriffenen „Denker“ (Walser, Sonntagsrede, S. 10), äußerte sich erst 1999 zu der Kontroverse, als deren „heiße Phase“ bereits vorüber war. In der von Walser ebenfalls attackierten Wochenzeitung Die Zeit (Walser, Sonntagsrede, S. 10 f. Allerdings fungieren Autor wie Zeitung lediglich als Stellvertreter für (eine) bestimmte Gruppe(n) und werden daher in der Rede nicht namentlich erwähnt, sondern sind nur indirekt, durch die von Walser gebrachten Zitate identifizierbar)
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in Deutschland, Ignatz Bubis. Er übte den ersten, noch stillen Protest, indem er ohne Beifall zu klatschen sitzen blieb, während das komplette restliche Auditorium den Redner nach
dessen „Sonntagsrede“ mit stehenden Ovationen bedachte. 8 Am nächsten Tag bezeichnete Bubis der Deutschen Presse Agentur gegenüber dieselbe Rede als „geistige Brandstiftung“ 9 , woraufhin seine schon in der Paulskirche sichtbare, geradezu symbolisch wirkende Isolierung ihre Fortsetzung in der Öffentlichkeit fand. In der ersten Phase der Auseinandersetzung wurde sich fast ausschließlich auf den Zentralratsvorsitzenden
„eingeschossen“ 10 , erst recht nachdem dieser am 9. November 1998 in der Gedenkrede zum
60. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 seine Vorwürfe gegen Walser noch einmal
wiederholt und mit langen Zitaten aus dessen Dankesrede näher ausgeführt hatte 11 - ohne diese Rede wäre der vorerst letzte „Rülpser einer unverdauten Vergangenheit, die aus dem
Bauch der Bundesrepublik in regelmäßigen Abständen aufsteigen“ 12 , in dieser Form wohl gar nicht erst entstanden. 13
fragte er nicht nur im Hinblick auf die Walser-Bubis-Debatte: „Übernehmen wir, die wir als Bürger der Bundesrepublik (..) in der politisch-rechtlichen und kulturellen Nachfolge des Staates und der Gesellschaft der ‚Tätergeneration’ stehen, eine historische Haftung für die Konsequenzen ihrer Taten? Machen wir die selbstkritische Erinnerung an ‚Auschwitz’ - die wachgehaltene Reflexion auf das mit diesem Namen verbundene Geschehen - explizit zum Bestandteil unseres politischen Selbstverständnisses? Akzeptieren wir die beunruhigende politische Verantwortung, die den später Geborenen aus dem von Deutschen verübten, unterstützten und geduldeten Zivilisationsbruch erwächst, als Element einer gebrochenen nationalen Identität?“ (Jürgen Habermas, Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal, in: Die Zeit Nr. 14/1999) Doch im Unterschied etwa zum Historikerstreit, zur Auseinandersetzung über Daniel Goldhagen oder die Wehrmachtsausstellung, die Habermas hier ebenfalls im Blick hatte, ging es bei der personalisierten Debatte um die Walsersche Friedenspreisrede nicht um verschiedenen Deutungen historischer Fakten, sondern um die Bedeutung, die diese Fakten für die Gegenwart besitzen oder besitzen sollten sowie das Selbstverständnis einer „Nation“, die sich zunehmend für „normal“ hält.
8 Mit den einzigen Ausnahmen der Ehefrau Ignatz Bubis’, Ida Bubis, und dem Merseburger Theologen, Jugend-und Studentenpfarrer und Publizisten Friedrich Schorlemmer, der 1993 selbst mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden war: „In meiner Reihe sind lediglich Schorlemmer, meine Frau und ich sitzen geblieben. Ich war, was die Gesellschaft angeht, was die Öffentlichkeit angeht, ziemlich allein. Ich habe zwar einige Briefe bekommen, aber es war eine Minderheit, die mir zugestimmt hat, und es war wenig Prominenz dabei.“ (Interview von Hermann L. Gremliza mit Ignatz Bubis, Die Haare sind mehr geworden, in: Deutschland denken heißt Auschwitz denken. Walser-Debatte, Geschichtsrevisionismus, Antisemitismus. Eine Dokumentation des AStA der Universität München, München 2001, S. 10 - 13, hier S. 10. Ursprünglich erschienen in: konkret 2/1999).
9 dpa, Geistige Brandstiftung. Bubis wendet sich gegen Walser, in: Schirrmacher, Dokumentation, S. 34 f, hier S. 34. Es muss den Verteidigern Walsers durchaus zugestanden werden, dass die Art von Bubis’ Interventionen die Diskussion auch nicht immer e rleichtert haben mögen; auch gab es nicht ausschließlich „Entweder-Oder-Positionen“; zum Beispiel hat der Friedenspreisträger von 1991, György Konrad, einen vermittelnden Standpunkt bezogen - als Jude kritisierte er Walser, als Schriftsteller hingegen Bubis (Vgl. György Konrad, Die Freiheit des Erinnerns, in: Schirrmacher, Dokumentation, S. 524 - 533). Doch alles in allem wurde nahezu die gesamte Debatte in unschöner, polemischer, vor allem aber auch in persönlich verletzender Härte geführt.
10 Das Verhältnis „kippte“ erst nach dem Gespräch in den Räumen der FAZ am 14. Dezember 1998. Vgl. Ignatz Bubis, Salomon Korn, Frank Schirrmacher, Martin Walser, Wir brauchen eine neue Sprache für die Erinnerung. Ein Gespräch, in: Schirrmacher, Dokumentation, S. 438 - 465.
11 Vgl. Ignatz Bubis, Rede des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland am 9. November 1998 in der Synagoge Rykerstrasse in Berlin, in: Schirrmacher, Dokumentation, S. 106 - 113. Bubis wiederholte gegen Ende dieser zur „Gegendarstellung“ auf Martin Walser geratenen Rede die Befürchtung: „Wenn [...] jemand, der sich zur geistigen Elite der Republik zählt, so etwas behauptet, hat das ein ganz anderes Gewicht. Ich kenne keinen, der sich auf Frey oder Deckert beruft, aber mit Sicherheit werden auch die Rechtsextremisten sich jetzt auf Walser berufen.“ (Bubis, Rede, S. 111). Diese Einschätzung hatte sich leider nur allzu schnell bestätigt beispielsweise als Gerhard Freys „Deutsche Nationalzeitung“ am 16. Oktober 1998 unter dem eingängigen Titel „Auschwitz als Moralkeule“ „einige besonders interessante Erkenntnisse“ des „Tabu-Bruchs“ des „weltberühmten Schriftsteller[s] Martin Walser“ unverändert zitierte - unter einer Anzeige für ein zweibändiges „Werk“ mit dem Titel „Wer ist wer im Judentum?“ (vgl. Deutsche National Zeitung, Auschwitz als Moralkeule. Aus der Rede Martin Walsers aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, in: Deutsche National Zeitung Nr. 43/1998).
12 Habermas, Zeigefinger. Der Autor fügt hinzu: „Die politische Öffentlichkeit hat sich freilich (...) diesmal nur dank der Courage - das war das Beunruhigende - eines prominenten Juden befreien können“ (ebd.).
13 Wobei natürlich Walsers provokante Rede als der eigentliche Auslöser gelten muss - was in der späteren Debatte nicht immer den Anschein machte.
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Das Ziel der vorliegenden Arbeit liegt nicht in einer Interpretation der Friedenspreisrede, die auch frühere Werke oder gar das gesamte Lebenswerk Martin Walsers
mit einbezieht 14 oder die Rede unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet 15 . Beiträge aus der sich 1998/99 anschließenden Debatte werden zu großen Teilen ebenfalls nicht
berücksichtigt. 16 Stattdessen beschränkt sich diese Arbeit auf eine selbständige Auslegung des Redetextes als einer zusammenhängenden Sinneinheit. Dazu wird zuerst eine ausführliche Zusammenfassung der hier in vier Teile gegliederten Rede geleistet; die dabei vermittelte Sichtweise ist natürlich subjektiv und somit bereits als Teil der Interpretation zu
betrachten. 17 Der Fokus der anschließenden Analyse wird insbesondere auf das Motiv der
14 Wenngleich Walser selbst innerhalb seiner „Sonntagsrede“ immer wieder, direkt oder indirekt, auf eigene Äußerungen aus der Vergangenheit verweist (vgl. vor allem Walser, Sonntagsrede, S. 12 f; vgl. auch Klaus-Michael Bogdal, „Nach Gott haben wir nichts Wichtigeres mehr gehabt als die Öffentlichkeit“. Selbstinszenierungen eines deutschen Schriftstellers, in: Ludwig Arnold (Hrsg.), text + kritik. Zeitschrift für Literatur, Heft 41/42, Dritte Auflage: Neufassung, München 2000, S. 19 - 43, hier S. 29 f).
15 Denn es handelt sich bei der Friedenspreisrede nach Ansicht des Verfassers in erster Linie um eine politische, nicht um eine ästhetische Kommunikation. Daher wird sie in dieser Arbeit auch hauptsächlich deren Kriterien unterworfen.
16 Abgesehen von der schieren Masse der Wortmeldungen beruhen diese wiederum nur auf bestimmten Deutungen der Rede und können daher in den Augen des Verfassers zu einem großen Teil lediglich als recht unergiebige Meinungsäußerungen erachtet werden. Im übrigen bleibt es dem Verfasser auf diese Weise größtenteils erspart, auf die subtilen, oftmals eindeutig als „sekundär antisemitisch“ (nach Theodor W. Adorno, Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, in: ders., Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt am Main 1971, S. 105 - 133, hier S. 108) zu bezeichnenden Abwehr- oder Erinnerungsaggressionen (der Begriff soll das „psychologische Bestreben“ bezeichnen, die Erinnerung an Auschwitz verdrängen zu wollen, „weil sie unliebsam ist und die eigene, auch und gerade kollektiv Identität ernsthaft in Frage stellt. Zudem wird auf das politische Interesse verwiesen, die Geschichte der deutschen Nation politisch zu idealisieren. Aus der Abwehr der Erinnerung speist sich die Abwehraggression, die nach außen gekehrte Wut auf diejenigen, die an die unerwünschten Seiten der eigenen beziehungsweise der kollektiven Vergangenheit erinnern oder diese repräsentieren“; Brumlik et al., Einleitung, in: Dies., Vergessen, S. 6 - 12, hier S. 6, Anmerkung 1 sowie Lars Rensmann, Enthauptung der Medusa. Zur diskurstheoretischen Rekonstruktion der Walser-Debatte im Licht politischer Psychologie, in: Brumlik et al., Vergessen, S. 28 - 126, hier S. 33, Anmerkung 3, Hervorhebung im Original; der Begriff ist somit dem des „sekundären Antisemitismus“ sehr ähnlich, nur das die Erinnerungsabwehr nicht unweigerlich zum Hass auf die Juden - den Antisemitismus - führen muss. Sie gleicht somit eher einem Motiv.) sowie die enthemmten, manifest beziehungsweise „primär“ antisemitischen Widerlichkeiten näher einzugehen, die während dieser Debatte vermehrt zu einer öffentlichen Plattform fanden, oftmals an renommierter Stelle - leider auch durch mehrere Leserbriefe, die Martin Walser selbst zu Publikationszwecken aus seinen angeblich „tausend Briefen“ ausgewählt hat, etwa für die offiziöse Schirrmacher-Dokumentation. Die wichtigsten Beiträge werden jedoch auch hier Berücksichtigung finden müssen.
17 Die Paulskirchenrede stellt den Interpreten allerdings vor eine verhältnismäßig schwere Aufgabe. Nicht umsonst umschreibt Wolfram Schütte die der Rede innewohnenden Gründe, die mit „raffiniertester rhetorischer Äquilibristik und sprachlicher Ironie“ (Wolfram Schütte, Nachlese. Annotate: „Ein springender Brunnen“ oder die Friedenspreis-Rede, in: Ludwig Arnold (Hrsg.), text + kritik. Zeitschrift für Literatur, Heft 41/42, Dritte Auflage (Neufassung), München 2000, S. 116 - 127, hier S. 116) zu so viel Unfrieden geführt haben, wie folgt: „Nicht durch die Eindeutigkeiten ihrer Aussagen, sondern durch die Zweideutigkeiten ihrer Formulierungen; nicht durch ihren polemischen Furor, sondern durch die Ambivalenzen ihrer rhetorischen Formulierungen; nicht durch die Klarheit der intellektuellen Haltung des Redners, sondern durch die subversive Nebelhaftigkeit seines Standortes. Nie zuvor ist deshalb auch über die vermeintlichen ‚Missverständlichkeiten’ einer öffentlichen Rede kakophonischer gerätselt und interpretatorischer verhandelt worden - obgleich der Redner, der lange dazu schwieg, bis zuletzt behauptete: ‚Ich bin nicht missverstanden worden.’“ (ebd.; zum Walser-Zitat vgl. Bubis, Korn, Schirrmacher, Walser, Gespräch). Die rhetorische Methodik des vorgeblich selbstbezüglichen Autors besteht in einem „Verhau von ‚Entblößungs- und Verbergungsstrategien’ ebenso subtilster wie raffiniertester Art uneigentlicher Rede - meisterlich verwandt der Brandrede des Marc Anton in Shakespeares Julius Caesar. Die Abbreviatur ihrer vielfachen ironischen Brechungen bot dem Autor jederzeit die Möglichkeit, sich auf Pirouetten zurückzuziehen, die er auf literarischem Glatteis gezogen habe und terminierte in der wahrhaft nietzscheanischen Volte, wonach es ‚der Ehrgeiz des der Sprache vertrauenden Redners (sein dürfe), dass der Zuhörer oder die Zuhörerin den Redner am Ende der Rede nicht mehr so gut zu kennen glaubt wie davor’.“ (Wolfram Schütte, Auf-und Abstieg im Wörterbaum. Essay in zehn Teilen. Vom "Händedruck mit Gespenstern" zum "Springenden Brunnen" - und weit darüber hinaus: die Friedenspreisrede, das Gespräch Walser-Bubis und andere Rauchzeichen, abrufbar unter: http://www.titel-magazin.de/walser_es1.htm bis http://www.titel-magazin.de/walser_es10.htm, hier Einleitung, Hervorhebungen im Original. Zum Walser-Zitat vgl. Walser, Sonntagsrede, S. 17). Matthias Trautsch merkt zur „Selbstdarstellung“ (Matthias Trautsch, „Vom geistig.moralischen Podest der Nation“. Eine Analyse der Walser-Bubis-Debatte, abrufbar unter: http://www.mikro.de/text/podest.pdf, S. 53) des Geehrten an: „Walsers Habitus geht nicht in der Darstellung
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Rede gelenkt, das nach Ansicht des Verfassers am ehesten eine Problematisie rung verdient: Es besteht in der Konstruktion eines nationalen Kollektivs, das sich durch die Abgrenzung
von einem noch näher zu bestimmenden Gegenkollektiv konstituiert. 18
2. Die Friedenspreisrede Martin Walsers
a. Das Schöne oder die Kritik?
Martin Walser beginnt die „Sonntagsrede“ 19 , wie schon im Titel angedeutet, mit der Schilderung seiner persönlichen „Erfahrungen“ bei deren Vorbereitung. In einem
suggerie rten „Selbstgespräch“ 20 benennt er sie vor allem in einer unangenehmen öffentlichen Erwartungshaltung, die sogleich an den „Ausgesuchte[n]“ 21 herangetragen worden sei, als „die Medien gemeldet hatten, wer in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen werde“: „Klar, von ihm wurde die Sonntagsrede erwartet. Die
kritische Predigt.“ 22 Walser teilt seinen Lesern 23 mit, dass er sich „eingeengt [...],
einer Rolle auf; er bedient sich aus dem Fundus der zur Verfügung stehenden rhetorischen Posen. Die eingenommenen Rollen können dabei durchaus widerspruchsvoll sein. (...) Die rhetorischen Manöver sind jedoch nicht n ur disparat; sie stützen, verstärken und ergänzen sich gegenseitig. Durch die unterschiedlichen Positionierungen wird ein breites Arsenal an Legitimations- und Immunisierungsstrategien eröffnet, aus dem sich der Redner je nach Bedarf bedienen kann. Gerade die Flexibilität seiner rhetorischen Haltung macht Walsers inhaltliche Aussagen so widerstandsfähig gegenüber der Argumentation seiner Kritiker.“ (ebd., Hervorhebung im Original). In großen Teilen ist die Paulskirchenrede geradezu als „kryptisch“ zu bezeichnen. (vgl. Micha Brumlik, Messianischer Blick oder Wille zum Glück. Die Kryptotheologie der Walser-Bubis-Debatte, in: Brumlik et al., Vergessen, S. 127 - 134).
18 Leider können hier weitere, hochinteressante Aspekte der komplexen Dankesrede (wie zum Beispiel Walsers Gewissensbegriff mit all seinen Konsequenzen, seine anfechtbaren Kleist- und Hegel-Interpretationen oder auch die Wechselwirkungen mit der Laudatio Schirrmachers) allenfalls im Ansatz „geschnitten“ werden, da der Rahmen dieser Arbeit ansonsten bei weitem gesprengt werden müsste.
19 Da der Terminus „Sonntagsrede“ als abwertende Bezeichnung für erbauliche, aber doch inhalts- und folgenarme Ansprachen verwendet wird, verweist er bereits auf seine ironische Brechung in der Rede: Der Leser kann also von Beginn an davon ausgehen, dass die übliche „Sonntagsrede“ eben gerade nicht zu erwarten ist.
20 Die vorgeführte Introspektion ist nach Überzeugung des Verfassers jedoch lediglich eine (dar)gestellte. Abgesehen davon, dass eine Selbstbeobachtung, die diesen Namen auch verdiente, wohl höchstens in privatester Atmosphäre, in der Poesie oder aber in der Psychotherapie denkbar wäre; auf der politischen Bühne der Paulskirche, vor 1200 Zeugen, laufenden Fernsehkameras und in Erwartung der Rezeption der Rede ist sie gänzlich unmöglich. Der Autor schafft sich mit seinem Selbsterkundungsgestus eine Sicherheit, hinter der er sich wenn nötig immer wieder verstecken kann. Walser spricht auch nicht in einem „inneren Monolog“, denn beide kennzeichnenden Merkmale dieser Erzähltechnik, Ichform und Präsens, werden nicht durchgängig benutzt, sondern es wird zwischen Präsens und Imperfekt gewechselt und neben der ersten auch die zweite und dritte Person Singular benutzt. Diese uneinheitliche Vorgehensweise erlaubt dem Preisträger einerseits eine allen äußerlichen und moralischen Maßstäben entzogene, weil ausschließlich auf dem Gefühl basierende, „private“ Argumentation, die obendrein noch besonders aufrichtig erscheint, wenn ihre Ergebnisse im Gegensatz zu allgemeinen Imperativen stehen; indem er sich aber andererseits nicht nur von äußerlichen Realitäten, sondern auch von sich selbst distanziert („der für den Preis Ausgesuchte“; Walser, Sonntagsrede, S. 7, später auch „der Autor“; Walser, Sonntagsrede, S. 8, oder „der Schriftsteller“; Walser, Sonntagsrede, S. 15), erweckt er gleichzeitig den Eindruck größerer Intersubjektivität und ist scheinbar über die materielle Welt und das bloß Relative erhaben.
21 Walser, Sonntagsrede, S. 7.
22 Beide Zitate: Ebd. Bereits hier ließe sich zum ersten Mal einwenden, dass die Welt, wie sie sich Martin Walser allem Anschein nach darbietet, nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben muss: Allein die naheliegende Erinnerung an die Reaktionen auf die Paulskirchenrede von Günter Grass im Vorjahr, mit der der gleichaltrige „Kollege und Konkurrent auf dem literarischen Feld (...) seine Unbeliebtheit im deutschen Establishment kolossal gesteigert [hatte], indem er (...) bekannte, wegen der Waffenlieferungen an die Türkei und die Asyl- und Abschiebepraxis schäme er sich für Deutschland“ (Alfred Schobert, Von Walser zu Finkelstein. Neue Etappen der Geschichtspolitik, Vorabdruck aus: AStA der Universität München (Hrsg.), Alte Herren - Neue Rechte. Rechte Normalität in Hochschule und Wissenschaft, München 2002, in: Deutschland, S. 14 - 21, hier S. 15), hätte Walser ebenso gut zu dem genau entgegengesetzten Urteil bringen können: Dass nämlich Kritik heutzutage sogar unerwünscht sei. Oder hatte er sich einfach nur vorgenommen, wie sich etwa Alfred Schobert fragt, „das Medienecho zu überbieten, das (...) Günter Grass (...) gefunden hatte“ (ebd.)?
5
festgelegt“ 24 vorkäme; Schuld an der Repression scheinen „Paulskirche, öffentlichste Öffentlichkeit, Medienpräsenz“ zu tragen. Viel lieber hätte der Preisträger „fünfundzwanzig oder gar dreißig Minuten lang nur Schönes“ g esagt, „Wohltuendes, Belebendes, Friedenspreismäßiges. Zum Beispiel Bäume rühmen“. Da er aber unter
„Rechtfertigungszwang“ 25 stehe, wende er sich ungewollt dennoch dem kritischen Thema zu, zunächst indem er einen Satz in Anlehnung an ein berühmtes Zitat aus Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ 26 formuliert: „Über Bäume zu reden ist kein Verbrechen mehr, weil inzwischen so viele von ihnen krank sind.“ 27
23 Hier und im Folgenden wird hauptsächlich aus Gründen der Lesbarkeit auf die Erwähnung des Frankfurter Auditoriums verzichtet, obwohl sich eine Rede natürlich immer in erster Linie an die anwesenden Zuhörer richtet. Dieses Vorgehen erscheint dem Verfasser aber unter anderem auch deswegen als durchaus gerechtfertigt, weil Martin Walser die Friedenspreisrede seiner Ansicht nach von vornherein auf eine öffentliche Auseinandersetzung und eine dementsprechend breite Lektüre hin konzipiert hat. Ein Hinweis darauf findet sich zum Beispiel in einem Walser-Interview von Michael Freitag, das am 9. Oktober 1998 unter dem Titel „Warum keine Interviews mehr, Herr Walser?“ im FAZ-Magazin erschien. Dort erklärt der Schriftsteller, dass er in Zukunft keine Interviews mehr geben werde, und berichtet, dass ihm vor kurzem „ein Mann (...), der ein bedeutender Politiker war und heute ein bedeutender Mann der Wirtschaft ist“ (Lothar Späth?) erzählt habe, „dass er, als er einmal unter einem hohen Rechtfertigungsdruck gestanden hatte, die Möglichkeit gehabt hätte, sich in der Öffentlichkeit zu erklären. Er hat es nicht getan. Das fand ich toll, wunderbar. (...) Ich dachte, wenn ich das nächste Mal dran bin, mache ich es genauso.“ (Zitiert nach: Bogdal, Selbstinszenierungen, S. 33). Der Duisburger Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal meint zu diesen Äußerungen: „Im Rückblick mutet das merkwürdig an, und es liegt nahe, das ‚letzte Interview’ als berechnende Strategie zur Abwehr einer von ihm [Martin Walser; Anmerkung des Verfassers] erwarteten Reaktion auf die (nach eigenen Aussagen in der späteren Diskussion mit Bubis) schon geschriebene Rede zu deuten. (...) Der Vergleich zwischen einem Politiker, der sich wegen einer ‚Affäre’ zu rechtfertigen hat, und einem Schriftsteller, der eine öffentliche Meinungsäußerung beabsichtigt, ist auf merkwürdige Weise schief. Er ergibt nur einen Sinn, wenn die Äußerungen in Frankfurt als Grenzübertretung (nicht von Gesetzen, sondern des öffentlichen Konsens) geplant waren. Die nachträgliche Interpretation der Rede durch Walser als ‚Selbstgespräch’ ist vor diesem Hintergrund wenig plausibel.“ (ebd.; vgl. auch oben, Anmerkung 20). Der Verfasser schließt sich der Einschätzung Bogdals an, der gemeinsam mit seinem Duisburger Kollegen Michael Brocke, Professor für jüdische Studien, Walser bereits als geladenen Stargast bei den 48. Duisburger Universitätstagen in einem offenen Brief kritisiert hatte. Damals zeigt en die betreffenden Meldungen in der FAZ schon in den Überschriften deutlich, wo die Sympathien der „Zeitung für Deutschland“ lagen - so wurden die akademischen Walser-Kritiker mit dem Wortspiel „Aufarbeiterrat“ bedacht, wohingegen der Brief von Siegfried Jüttner, Dekan des Fachbereichs Sprach- und Literaturwissenschaften, und Gerhard Köpf, Literaturwissenschaftler, die Bogdal und Brocke sogleich widersprochen hatten, mit der Überschrift „Meinung mit Mandat“ geehrt wurden (vgl. dazu auch Schobert, Etappen, S. 17 sowie Anmerkung 21; vgl. zur jeweiligen Meldung FAZ, Aufarbeiterrat. Offener Brief an Walser aus Duisburg, in: Schirrmacher, Dokumentation, hier S. 178 sowie FAZ, Meinung mit Mandat. Zweiter Brief aus Duisburg, in: Schirrmacher, Dokumentation, hier S. 188 f; zu Brockes Position vgl. auch Michael Brocke, Stellungnahme zum Festvortrag von Martin Walser bei den Duisburger Universitäts-Tagen, in: Schirrmacher, Dokumentation, hier S. 242 - 245; zu Jüttners Position vgl. auch Siegfried Jüttner, Mit „Klarstellungen“ den geöffneten Freiraum geschlossen. Leserbrief in der FAZ, in: Schirrmacher, Dokumentation, S. 489). Aber auch Formulierungen innerhalb der Friedenspreisrede, wie etwa die des Zitterns „vor Kühnheit“ (Walser, Sonntagsrede, S. 13), weisen darauf hin, dass Walser sich des Konfliktpotentials des Gesagten durchaus bewusst war. Somit konnte er auch eine längere Rezeption beziehungsweise eine Debatte über die Rede erwarten - die unverkennbare Ironie in seinen anfänglichen Darlegungen, dass „ein bisschen Porenverschluss“ (Walser, Sonntagsrede, S. 7) „die Medien noch zwei, wenn nicht gar zweieinhalb Tage lang eifrig den Nachhall pflegen“ (ebd.) ließe, ist nur noch ein weiterer Hinweis darauf, das sich der Sachverhalt so darbietet. Schon vorher hatte „die Presse (..) wochenlang vom ‚unbequemen’ Martin Walser berichtet, der ‚die Sprachregelungen des linken Establishments’ und der ‚Political (sic!) correctness’ aufgekündigt habe.“ (Trautsch, Podest, S. 74). So hatte etwa Joachim Kaiser nach der Bekanntgabe seiner Entscheidung für Walser dem Börsenverein bescheinigt, er handle „mutig und vielleicht sogar bewusst provokant, (...) denn Walser ist kein braver, vorbildlich demütiger, stiller, um Ausgleich, Nettigkeit und Konfliktminderung bemühter, weisheitsgetränkter Autor, den das Alter dazu gebracht hat, todlangweilige Sachen zu schreiben.“ (zitiert nach: Ebd.) Wenn man eine Debatte aber bereits erwartet, dann kann man natürlich auch fest von der wiederholten Lektüre der Rede als deren eigentlichem Gegenstand ausgehen.
24 Walser, Sonntagsrede, S. 7.
25 Alle vier Zitate: Ebd. Dass eine kritische Rede erwartet werden kann, muss dem aufmerksamen Leser allerdings schon früher deutlich geworden sein, wahrscheinlich spätestens durch den ironischen Begriff des „Friedenspreismäßigen“.
26 Bertold Brecht, An die Nachgeborenen, in: Ders., Gesammelte Werke, Frankfurt am Main 1967, Bd. 9: Gedichte 2, S. 722 - 725, hier S. 722. Dort heißt es: „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“.
27 Walser, Sonntagsrede, S. 7. Auf weitere Implikationen dieser „Anleihe“ wird weiter unten noch näher einzugehen sein; siehe Anmerkung 96.
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Arbeit zitieren:
Stefan Kühnen, 2003, Martin Walsers (Un-)Friedenspreisrede, München, GRIN Verlag GmbH
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