2. De vulgari eloquentia - Das Werk
Das Werk enthält zwei von ursprünglich vier geplanten Büchern und ist im Gegensatz zur Divina Commedia und dem Convivio in lateinischer Sprache verfasst, was darauf zurückzuführen ist, dass das Werk vorrangig an europäische Gelehrte gerichtet ist und das Lateinische als Sprache der Wissenschaft einen höheren Stellenwert hatte um sein Anliegen auf die richtige Art und Weise präsentieren zu können. Das erste Buch behandelt vor allem Dantes Diskurs über die verschiedenen Vulgari auf der Suche nach dem Vulgare illustre das seinen Vorstellungen entspricht. Das zweite Buch beinhaltet hingegen vielmehr Anweisungen für die richtige Verwendung dieses Vulgare illustre.
2.1 Liber primus - La lingua e la sua Storia
Zu Beginn des ersten Buches führt Dante zunächst einen Diskurs über die Entstehung und Herkunft der Sprache und deren unterschiedliche Formen der Ausprägung und Entwicklung. Dabei beruft er sich darauf, dass die Sprachfähigkeit und das Wort und die Sprache an sich, etwas von Gott an den Menschen gegebenes seien:
Des Weiteren unterscheidet er zwischen Grammatik, welche eher künstlich sei und natürlicher Sprache. Eben diese natürliche Sprache, das Vulgare definiert er als Sprache, die vor allem durch Nachahmung gelernt wird, wohingegen es kein feststehendes Regelwerk wie eben eine Grammatik für diese Sprache gibt:
Von diesen beiden Sprachen, der künstlichen, dem Lateinischen und der natürlichen
5 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, III., S. 1020.
6 Dante, 2005 (wie in Anm. 1) De Vulgari Eloquentia, Liber primus, III., S. 1021.
7 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, I., S. 1018.
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Sprache, dem Vulgare definiert er letzteres als „nobiliori“ 8 im Vergleich zu den Grammatiken der Römer und Griechen. Zum einen eben weil sie natürlicher und freier sei, zum anderen jedoch auch, weil sie, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung in Vokabular und ähnlichem, von allen Menschen verwendet werde und letztendlich auch die ältere Sprache von beiden sei. 9
Bezüglich der Zerstreuung der Sprache und der Entstehung der verschiedenen Sprachen bezieht er sich auf die Bibel, Genesis 11 10 und den dort beschriebenen Turmbau zu Babel und die Erklärung der Sprachunterschiede:
Aus der Zerstreuung der Sprache und auch der Menschen, die sich über die ganze Welt verstreuten resultierten Dantes Meinung nach drei Sprachidiome, die dann jeweils den Grundstein, den Ursprung der später entstandenen Sprachen der einzelnen Völker darstellten. Darauf basierend erstellt Dante eine romanische Sprachfamilie die er nach dem Kriterium des Bejahungspartikel einzelnen Sprachgruppen zuordnet. Das sogenannte „ydioma thriphrium“ 12 unterteilt er in eine Gruppe, die mit oc bejaht, eine weitere die mit oil bejaht und eine dritte von der das si genutzt wird, das Spanische, das Französische und das Italienische (Lateinische). Dass diese drei eine Sprachfamilie bilden und auf die gleiche Ursprungssprache zurückzuführen seien zeigen laut Dante die vielen in allen drei Sprachen identischen Bezeichnungen und Ausdrücke wie beispielsweise il cielo, l'amore, und il mare. 13 Im Folgenden wendet er sich dann speziell den italienischen Volgari bzw. dem Lateinischen zu und bezieht sich auch geographisch auf das entsprechende Territorium. So teilt er die italienische Halbinsel durch eine beinah vertikal-angelegte Linie
8 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, I., S. 1019.
9 Vgl. Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, I., S. 1018f.
10 La torre di Babele (Sl 33:10-11; Lu 1:51)(De 32:8; At 17:26) At 2:1-11:1 Tutta la terra parlava la stessa lingua e usava le stesse parole. 2 Dirigendosi verso l'Oriente, gli uomini capitarono in una pianura nel paese di Scinear, e là si stanziarono. 3 Si dissero l'un l'altro: «Venite, facciamo dei mattoni cotti con il fuoco!» Essi adoperarono mattoni anziché pietre, e bitume invece di calce. 4 Poi dissero: «Venite, costruiamoci una città e una torre la cui cima giunga fino al cielo; acquistiamoci fama, affinché non siamo dispersi sulla faccia di tutta la terra». 5 Il SIGNORE discese per vedere la città e la torre che i figli degli uomini costruivano. 6 Il SIGNORE disse: «Ecco, essi sono un solo popolo e hanno tutti una lingua sola; questo è il principio del loro lavoro; ora nulla impedirà loro di condurre a termine ciò che intendono fare. 7 Scendiamo dunque e confondiamo il loro linguaggio, perché l'uno non capisca la lingua dell'altro!» 8 Così il SIGNORE li disperse di là su tutta la faccia della terra ed essi cessarono di costruire la città. 9 Perciò a questa fu dato il nome di Babel, perché là il SIGNORE confuse la lingua di tutta la terra e di là li disperse su tutta la faccia della terra.
11 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, VII., S. 1025.
12 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, VIII., S. 1026.
13 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, VIII., S. 1026f.
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in eine linken und einen rechten Teil die unterschiedliche Sprachzonen repräsentieren. 14 In diesen Gebieten beschreibt er wiederum 14 Vulgari, die wiederum in sich in weitere Dialekte unterteilt werden, die jeweils von Gebiet zu Gebiet und auch im kleinen Umkreis, von Stadt zu Stadt oder sogar in naheliegenden Ortschaften variieren können. 15
Im XI. Kapitel wendet Dante sich dann explizit den Vulgari zu um dann im Folgenden Quam multis varietatibus latio dissonante vulgari, decentiorem atque illustrem Ytalie venemur loquelam; et ut nostre venationi pervium callem habere possimus, perplexos frutices atque
14 Vgl. Abbildung: La divisione dantesca dell'Italia (De
vulgari eloquentia,
I, X, 4-5). Ricostruzione sulla base di F. L. Pullè,
Italia. Genti e favelle. Disegno antropologico-linguistico. Atlante,
Milano, F.lli Bocca, 1927. Citato da Grassi et alii, 1997, S. 72.
15 Dante, 2005 (wie in Anm.1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, X., S. 1030: „Dicimus ergo primo Latium bipartitum esse in dextrum et sinistrum. Si quis autem querat de linea dividente, breviter respondemus esse iugum Apenini, […].“
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sentes prius eiciamus de silva. 16
Dabei führt er zunächst die Vulgari an, die sich seiner Meinung nach keinesfalls zur Auswahl eignen und die er metaphorisch als „frutices“ 17 , als Gesträuche darstellt, von denen der „silva“ 18 , der Wald befreit werden müsse. Darunter fallen für Dante die Vulgari der Römer, die der Region Marca d'Ancona, die der Spoletaner, die der Mailänder und Bergamasken und die der Aquilejer und Istrianer. Diese Gruppe stellt seine erste Ausselektierung der Vulgari dar, die für ihn nicht in Frage kommen, da sie für ihn nicht die geforderten Attribute, wie „illustre“ präsentieren. So sagt er beispielsweise über das Römische: „Dicimus igitur Romanorum non vulgare, sed potius tristiloquium, ytalorum vulgarium omnium esse turpissimum;“ 19 . Das Sardische hingegen versuche krampfhaft die lateinische Grammatik nachzuahmen und eigne sich ebenfalls nicht. 20 Im nächsten Schritt selektiert er das Sizilianische und das Apulische aus, mit der Begründung, dass
[...] debet nec siculum nec apulim esse illud quod in Ytalia pulcerrimum est vulgare, cum eloquentes indigenas ostenderimus a proprio divertisse. 21
Dabei bezieht er sich darauf, dass zwar seiner Meinung nach besonders das Sizilianische hervorragend sei, dieses sich jedoch eher auf die Sprache und die Dichtungen am Hofe zur Zeit von Frederigo Cesare und Manfredi beziehe, während es die Sprache betrachtend für die heutige Zeit nicht mehr gelten könne. Des Weiteren sieht er als Kriterium bei der Auswahl des Vulgare, dass vor allem von der Bevölkerung gesprochen werden sollte, diese gehobene Form die sich am Hofe finden lasse spiegele daher nicht das Sprachbild der Bevölkerung wider, welches wiederum 22 „prelevationis honore minime dignum est“ 23 und werde daher von ihm nicht in Betracht gezogen.
Im nächsten Schritt wendet er sich dem Toskanischen zu, wobei er dabei zunächst die unterschiedlichen Sprachweisen die in Florenz, Pisa, Siena, Lucca und Arrezzo zu finden sind, differenziert und voneinander abgrenzt. Die Sprachweisen der Städte Perugia, Orvieto, Viterbo und Città di Castello lässt wegen ihrer Nähe und Verbundenheit zu Rom und Spolento direkt außen vor und erwähnt sie nicht weiter. 24 Bezüglich des Toskanischen
16 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, XI., S. 1031.
17 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, XI., S. 1031.
18 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, XI., S. 1031.
19 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, XI., S. 1031.
20 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, XI., S. 1032: „homines imitantes“.
21 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, XII., S. 1034.
22 Vgl. Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, XII., S. 1032f.
23 Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber primus, XI., S. 1033.
24 Vgl. Dante, 2005 (wie in Anm. 1): De Vulgari Eloquentia, Liber Primus, XIII., S. 1034f.
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Pia Pinkawa, 2011, "Il bel paese là dove 'l sí suona", München, GRIN Verlag GmbH
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