Wahrheit und Lüge
Eine Gradwanderung zwischen dem Alltagsverhalten einerseits,
dem ethischen und biblischen Verständnis andererseits
Günter-Manfred Pracher
2
Inhaltsverzeichnis
Einführende Worte
...10
Kapitel 1
Was ist Wahrheit
...12
Der Wahrheitsbegriff eine 1. Definition nach Lexika ...12
Wahrheit im Alltag ...13
Die persönliche Wahrheit ...14
Philosophie Wahrheit, einige Philosophen und ihre Sichtweisen ...16
·
Augustinus ...17
·
Friedrich (Daniel Ernst) Schleiermacher ...18
·
(François Marie Arouet) Voltaire ...18
·
Anselm von Canterbury ...20
·
Thomas von Aquin ...20
·
René Descartes ...21
·
Edmund Husserl ...21
·
Arthur Schopenhauer ...22
·
Friedrich (Wilhelm) Nietzsche ...23
·
Søren Kierkegaards ...24
·
Immanuel Kant ...25
·
Martin Heidegger ...28
·
Aristoteles ...29
·
Sokrates ...31
·
Platon ...32
·
Ernst Bloch ...33
·
Albert Camus ...34
·
Peter Möller ...34
·
Neuthomismus ...34
3
Zitate zur Wahrheit ...36
Kapitel 2
Wahrheit und Wahrheitstheorien
...38
Die Wahrheit ...38
Der Begriff Wahrheit ...39
Der Begriff Wahrheit Definition ...40
Eine klassische Definition ...40
Aspekte der Wahrheit ...40
Wahrheitskriterien ...40
Die Erkenntnistheorie ...41
Wahrheit in der neueren Philosophie ...44
Das Äquivalenzschema ...44
Die Abbildungstheorien ...45
Die skeptische Wahrheitstheorie ...45
Die pragmatische Theorie ...46
Die Wahrheitstheorie des Pragmatismus ...47
Ein 1. schematischer Überblick über die Wahrheitstheorien ...47
Die absolute Wahrheit ...49
·
Die objektive Wahrheit ...49
·
Die ewige Wahrheit ...49
Die Korrespondenztheorie (Intention) ...50
Die Korrespondenztheorie der Wahrheit ...50
Die Probleme der Korrespondenztheorie ...51
Eine besondere Variante der Korrespondenztheorie: Die
semantische Wahrheitstheorie bei Tarskis ...54
Die Evidenztheorie ...56
Die Kohärenztheorie (Intention) ...57
Die Kohärenztheorie ...58
Die Konsenstheorie ...60
Die Konsenstheorie (Habermas) ...61
Die Wahrheitstheorie (Erlanger Schule) ...62
Grafik zur Entstehungsthese von absoluter Wahrheit ...65
Die Redundanztheorie und ihre Intention ...66
Die Redundanztheorie der Wahrheit ...68
Die performative Theorie ...69
Die Pragmatismus und Intersubjektivitätstheorie ...70
Geltungsansprüche ...72
·
Verständlichkeit ...72
·
Wahrhaftigkeit ...72
·
Wahrheit ...72
·
Richtigkeit ...73
4
Diskurs ...73
Die dialogische Theorie der Wahrheit (Erlanger Schule) ...74
Die sprachanalytisch orientierte Wahrheitstheorie ...75
Die semantische Theorie der Wahrheit ...76
Die dialektische materialistische Widerspiegelungstheorie ...77
Die logische empirische Bildtheorie ...78
Die Geschichte von den blinden Männer und dem Elefanten ...80
Induktion und Deduktion ...81
Von der Erfahrung auf das Allgemeine schließen ...81
Vom Allgemeinen auf das Spezielle schließen Deduktion ...81
Identitätstheorie ...82
Disquotationstheorie ...82
Minimaltheorie ...83
Prosententiale Theorie ...84
Widerlegung ...84
Vier Wahrheitstheoriegruppen ...85
Kapitel 3
Theologie und Wahrheit
...86
Biblische Aspekte im Blick auf das gelebte Wahrheitsverständnis ...87
·
Wahrheit und Wahrheitsverständnis im Neuen Testament ...88
·
Die katholische Kirche und ihr Verständnis von Lüge ...89
·
Die evangelische Kirche und ihr Lügenverständnis ...89
Ethik und Lüge ...90
Wahrheit und Lüge im Alten Testament ...92
Dogmatische Betrachtung von Wahrheit ...93
Wilfried Härle ...93
Karl Barth ...94
Hochmut Trägheit Lüge ...95
Kapitel 4
Wahrheit im Alltag
...96
Werte in unserer Gesellschaft, dargestellt an einer Werteskala
von Politikern und Bürger ...98
Die Bedeutung von Wahrheit in der Erziehung ...99
Lügen in der Kindererziehung ...100
Fantasie, Sehnsucht und Wirklichkeit ...101
Aufmerksamkeit ...101
Angst vor der Strafe ...102
Ein Gespräch über die Lüge Grafik ...102
Erziehung Problem Konfliktlösung ...104
Eltern erziehen oft durch Lügen ...105
Lügen ist in der Erziehung weit verbreitet ...106
Kinder und ihr völliges Vertrauen in die Eltern ...107
Lügen und Lügenverhalten enttäuschte Eltern ...107
5
Lügen: Kontrolle als Konsequenz ...107
Lügen: Enttäuschung benennen ...107
Das bewusste Lügen ...108
Die Lüge mangelndes Vertrauen ...108
Wann ist die Lüge ,,sinnvoll"? ...108
Lügen von cleveren Mütter ...108
Zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden können ...109
3.000 Lügen in der Kindheit? ...109
Keine Fantasiefiguren in der Erziehung einsetzen ...110
Die Problematik der Lüge und dem Kind im Vorschulalter ...110
Das Kind in seiner eingeschränkten Wahrnehmung ...111
Warum lügen Kinder überhaupt? ...111
Mögliche Ursachen, warum ein Kind die Unwahrheit zu sagen lernt ..112
Kinder wollen ehrlich sein ...115
So lernt ein Kind ehrlich zu sein ...115
Verhaltentipps für Eltern. Wenn ihr Kind lügt ...115
Varianten der kindlichen Lüge ...117
Das eigene Verhalten überprüfen ...117
Wann lügen Kinder? Was kann man als Eltern tun? ...120
10 Tipps für den richtigen Umgang mit Lügen ...122
Dauerlügen ...123
In der Vorbildfunktion das gutes Beispiel vorleben ...123
Lügen aus Höflichkeit oder Rücksichtnahme, lernen die
Kinder von den Erwachsenen ...123
Doch wie soll man sich verhalten, wenn man sein Kind
bei einer Lüge erwischt? ...124
Wer lügt hat Stress ...125
Die höfliche Lüge ...126
Die strafbare Lüge ...126
Die Lüge im Strafrecht ...127
Die Lüge im Zivilrecht ...127
Lügen erkennen ...128
Wann spricht man von einer Lüge? ...128
Die Lüge in der Abgrenzung zur Täuschung ...129
Wann und warum lügt ein Mensch? ...121
Warum lügen wir eigentlich? ...132
Exkurs: Darstellung einer nicht repräsentativen Umfrage ...132
In einer 1o. Realschulklasse ...132
·
Gespräche zur Frage der Lüge
IT Berater ...133
·
PR Berater ...134
·
Eine Theologin und Schulleiterin ...134
·
Eine Ethiklehrerin ...138
·
Ein Elektromeister ...141
·
Ein Installateur ...142
6
·
Ein Schüler ...144
·
Ein jungendlicher Schüler (Handballtrainer) ...146
·
Ein Schlosser ...147
·
Eine Angestellte in einem Handwerksbetrieb ...149
·
Eine Lehrerin (Handballtrainerin) ...150
·
Schüler/innen einer IGS in Offenbach ...152
·
Eine Afghanische Familie ...157
·
Zwei Realschüler vor einem Einkaufsmarkt ...159
·
Ergebnisse der Schüler/innen aus dem Fragebogen
Auswertung ...160
Gründe dafür, warum, wir eigentlich lügen ...163
Unterschiedliche Formen für die Ausübung der Lüge ...164
·
Eigennützige Gründe ...164
·
Prosoziale Gründe ...165
·
Gemische Gründe ...165
Die unterschiedlichen Formen der Lüge genauer betrachtet ...166
Die soziale Lüge ...166
Die emotionale Lüge ...166
Die Notlüge ...167
Die vorsätzliche Lüge ...170
Zwanghaftes Lügen ...170
Die Lüge im Strafrecht ...171
Im Einzelnen wird gelogen ...172
Die 10 Top Lügen der Männer und Frauen ...175
Das Verhalten während des Lügens ...175
Die Neurobiologie pathologischer Lügner ...175
Der Mund lacht, aber die Augen nicht ...176
Mögliche Handlungen und Merkmale einer Lüge ...177
Zwölf Indizien die einen Lügner enttarnen ...178
Verhaltensmuster und Reaktionen als Hinweis ...179
Wie gehen wir als Gesellschaft mit Wahrheit in
Krisensituationen um? ...180
8 Tipps für den Umgang mit Krisen ...183
Was versteht man unter Krisen? ...186
Was ist eine Krise, auch im Blick auf Kinder? ...186
Was kann man zu einer erfolgreichen Krisenbewältigung
beitragen? ...187
7
Vom Umgang mit der Krise ...189
Die 4 Phasen einer Krisenbewältigung ...189
Was können Krisen positives bewirken? ...190
Das persönliche Krisenmanagement ...191
Krisen konstruktiv nutzen ...192
Halbwahrheit ...195
Beispiele zur Problematik der Halbwahrheiten
Helga Die Mutter und ihre Halbwahrheiten...196
Halbwahrheit und die Statistik ...197
Weitere Definitionen von Lüge ...198
Die Lüge der Barmherzigkeit und ihre Verantwortbarkeit,
eine Erklärung für diese besondere Form der Lüge ...200
Die Lüge in der Sterbegleitung? ...201
Tod und Leben (Eugen Drewermann) ...201
Begriffliche Klärung: Tod und Sterben ...203
Die medizinische Sicht von Tod und Sterben ...203
Der Wandel in der Einstellung zum Sterben ...203
Die Phasen des Sterbens (Kübler Ross) ...204
Für Sterbende da sein und was wir tun können ...205
Der Sterbende ... in seiner vertrauten Umgebung ...206
Der Sterbende darf selbst entscheiden ...206
Sterbende begleiten heißt...206
Gespräch beim Sterbenden ...207
Ich als Angehöriger ...207
Die Christliche Sterbebegleitung ...207
Sterbende und ihre Bedürfnisse ...208
Der Umgang mit der Wahrheit
Die Wahrheit zwischen Arzt und Patient ...208
Die Wahrheit zwischen Patient und Angehörigen ...209
Umgang mit Schuld ...210
Krankensalbung in der katholischen Kirche ...210
Meine letzte Ölung alte Bezeichnung für Krankensalbung ...211
Wegzehrung ...211
Die Angst vor dem Tod Sterben ...212
Lebensangst ...213
Angst vor der Zukunft ...213
Nah Toderfahrungen ...214
Memento mori ...216
Die Kunst des Sterbens Ars morendi heute ...216
Totentanz ...217
Sterben mit Würde auch im Krankenhaus ...218
Sterben im Pflegebereich ...218
Aufklärung über Tod und Leben ...219
Kapitel 5
Christen und die gelebte Wahrheit
...220
Die Lüge ...220
Die Lebenslüge ...221
Eine weitere Definition von Lüge ...222
Unaufrichtigkeit (und der Lüge) ...222
8
Die Selbstlüge ...223
Das achte Gebot im Dekalog ...225
Darstellung von 3 Formen der Lüge:
Die Selbstlüge ...226
Die Fremdlüge ...226
Die Kollektivlüge ...226
Was ist Wahrheit ...229
Die Lüge kritisch im Katholizismus betrachtet ...230
Heiligt der Zweck den Einsatz einer Lüge ...231
Die staatliche Lüge ...232
Die Lüge im Verständnis der Japaner ...234
Die Lüge philosophisch betrachtet ...234
Die Lüge in ihrer sinnverwandten Bedeutung ...234
Wahrheit oder nur für wahr gehalten?...235
Glauben mit Personenbezug ...236
Kapitel 6
Das Verständnis von Wahrheit und Lüge
...238
Wahrheit und Lüge ...239
·
Im Christen und Judentum
Die christliche Theologie, Glaube und Wahrheit ...241
Im Judentum ...241
Die römisch katholische Kirche ...245
Altes Testament ...246
Neues Testament ...246
Bibelstellen zum Nachschlagen ...248
Kritische Bemerkungen ...249
·
Im Islam
Die Taqiyya im Koran ...250
Allgemeine Definition im Islam ...251
Lügen im Koran ...251
Die Einzigartigkeit Allahs und die Beigesellung ...253
Lügen Kidb ...254
Ungläubige machen sich von Allahs Weg abwendig ...254
·
Im Buddhismus
Buddhismus ...259
Buddha ...261
Die Lüge im Buddhismus ...265
Abschließendes Fazit
...267
Glossar
...270
Bibelstellen chronologisch geordnet
...282
Koranstellen chronologisch geordnet
...284
9
Literaturnachweis
...285
Anhang
Urteil zur erlaubten Lüge Schwangerschaft
...287
Anhang
Kirchliche Dogmatik
...290
Anhang
Fragebogen
...292
Anhang
Weitere Informationen zur Auswertung des Fragebogens
...294
Biografie
...315
10
Einführende Worte
In einem Baumarkt am 28.09.2011 im Main Kinzig Kreis:
Ein Kunde steht an der Information des Baumarktes und wartet auf seine
Kundenkarte. Während dieser Wartezeit, hat der Kunde noch einige
Fragen nach einem Laminatschneider, den damit verbundenen Kosten.
Die Angestellte an der Kasse kann die Fragen nicht beantworten. Sie
greift zum Telefonhörer und ruft einen Kollegen aus: ,,Herr B. ein
Ferngespräch". Wenige Sekunden später ist der ausgerufene Kollege
offensichtlich am Telefon seiner Abteilung. ,,Ich bin das Ferngespräch",
lacht die Angestellte der Information in den Hörer und informiert sich.
Lügen haben kurze Beine. Wenn dieser Satz der Wahrheit entsprechen
würde, dann wäre es wohl um die gesamte Menschheit und ihrer Größe
nicht sehr gut bestellt. Unabhängig davon, wohin wir schauen, wir
kommen immer wieder zu der selben Erkenntnis: In der Politik und leider
auch in der Kirche, den PR Abteilungen und Privatsendern, ob in den
Schulen oder am Arbeitsplatz, auf der Straße oder auch in den eigenen
vier Wänden alle, jeder einzelne Mensch dreht hier und da ein bisschen
an der Wahrheit, ,,begradigt und beschönt" den tatsächlichen
Sachverhalt, manchmal etwas mehr und drastischer, an anderen Stellen
wieder etwas weniger, geschickter, unauffälliger und dezenter.
Wir sind auch nicht Pinocchio, glücklicherweise keine geschnitzte
Holzfigur, die beim Lügen eine lange Nase bekommt und die Lüge
dadurch für alle anderen Menschen sichtbar wird; wir sind auch nicht der
Baron Münchhausen, und doch machen wir alle dasselbe, wir lügen.
Jeder Mensch lügt nach den Auswertungen von wissenschaftlicher
Erhebungen und Untersuchungen (erschreckender Weise) bis zu 200 Mal
am Tag. ,,Der Bus hatte Verspätung", ,,Ich stand im Stau" oder ,,Nein, die
Hose macht dich nicht dick", solche und ähnliche Alltagslügen kennt
wohl jeder. Obwohl Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe als Richtschnur
unseres Handelns gelten, ist es scheinbar nicht sehr weit her damit. Oft
geschehen Lügen ja auch aus Höflichkeit und Bescheidenheit heraus oder
sie sind reine Schmeichelei. West.art hat mit dem Wirtschafts
psychologen Jack Nasher darüber gesprochen, wie man Lügen erkennt
und warum wir alle es so häufig tun.
Jede noch so kleine Flunkerei (die wir im Regelfall noch nicht als Lüge
ansehen) ist aus Sicht des Betroffenen an einen bestimmten Zweck
gebunden. Dieser Zweck muss aber nicht immer im Bezug auf andere
Menschen schlecht sein; dieses Tun kann sogar gute Ziele verfolgen,
wobei dem Lügner das recht häufig noch nicht einmal bewusst ist.
Dieses Buch geht nun gezielt den Fragen nach, wo die Lüge eigentlich
anfängt, beziehungsweise was eine Lüge
ist? Wie sieht unser
persönliches Wahrheitsverständnis aus? Warum lügen wir überhaupt?
Welche Ziele verfolgen wir mit dem Lügen?
Frage über Fragen, wenn wir uns mit dieser Thematik auseinandersetzen,
uns ihr ehrlich stellen. Wann handelt es sich denn um eine Lüge? Wann
sprechen wir von Wahrheit und was sagt die Wissenschaft, im
11
Besonderen die Philosophie dazu? Beides ist sachbetrachtet doch sehr
stark relativ zu sehen und einzuschätzen, denn die Wahrheit ist
,,subjektiv", und jeder Mensch, völlig unabhängig von seinem Alter,
empfindet, erlebt, erzählt und schildert sie aus seiner ganz eigenen,
persönlichen Wahrnehmung und Empfindung heraus.
Bei vorbereitenden Gesprächen mit Menschen aller Altersgruppen und
sozialen Schichten für dieses Buch machte ich immer wieder die
Erfahrung, dass mir meine Gesprächspartner im Brustton ihrer
persönlichen Überzeugung sagten: ,,Nein, ich lüge nicht, ganz im
Gegenteil, ich verabscheue die Lüge". Wer mag es mir verübeln, dass ich
schon an der einen oder anderen Stelle lächelte, ich schon an so mancher
Stelle bei mir dachte: ,,Allein bei dieser Äußerung handelt es sich schon
um eine Lüge".
Aus diesem Erleben und dieser Erfahrung heraus stelle ich nun auch an
Sie, liebe Leserin, lieber Leser die Frage: ,,Können Sie von sich ehrlichen
Herzens sagen, dass Sie noch nie gelogen haben und auch nicht lügen?"
Eigentlich handelt es sich hier nur um eine rhetorische Frage, denn wir
wissen doch alle, auch dann, wenn wir es nach außen nicht zugeben
wollen, dass wir mehr oder weniger oft die Lüge, als Notlüge und somit
als eine Ausrede getarnt einsetzen, um uns einen möglichen oder auch
drohenden Ärger und die daraus folgenden Probleme zu ersparen.
Lügen? Ich doch nicht! So oder ähnlich reagieren die meisten von uns,
wenn wir mit unserer Auslegung der Wirklichkeit konfrontiert werden.
Doch wir können die Lüge nicht aus unserem Leben eliminieren, auch
wenn wir uns noch so elaboriert ausdrücken. Je mehr wir die Lüge
ablehnen, desto mehr lügen wir, bewusst oder auch unbewusst.
Die größte Lüge besteht allerdings in der Illusion, ein Leben ohne
Lüge führen zu können
. Selbst dann, wenn wir bereit sind, die
subjektive Zurechtbiegung der Wirklichkeit als ein harmloses
,,schwindeln" zu akzeptieren, sind wir nicht in der Lage, den alltäglichen,
existentiellen Anforderungen ohne Lüge zu entsprechen. Wir brauchen
und verwenden die Lüge (leider) Tag und Nacht.
Hanau, im Dezember 2011
12
Kapitel 1
Was ist Wahrheit
Der Wahrheitsbegriff eine 1. Definition nach Lexika
In der Philosophie wird der Wahrheitsbegriff (englisch truth; französisch
vérité; griechisch aletheia; lateinisch veritas) zumeist prädikativ als eine
Bestimmung von Urteilen, von Aussagen oder Sätzen verwendet,
manchmal aber auch in Bezug auf mentale Akte und Zustände. Von der
prädikativen Verwendung des Wahrheitsbegriffes ist die attributive und
die substantive Verwendung zu unterscheiden
1
.
,,Wahrheit ist die Übereinstimmung mit ihrem Gegenstand; ein
unabhängig vom Gegenstand gültiges Wahrheitskriterium gibt es nicht.
Die Philosophie beantwortet die Grundfrage nach der Möglichkeit, den
Kriterien und der Erkennbarkeit von Wahrheit in den einzelnen Systemen
unterschiedlich. In der Logik ist Wahrheit die inhaltliche
Übereinstimmung eines Satzes mit den Tatsachen; zu unterscheiden von
der ,,Richtigkeit", worunter die formale Gültigkeit eines Satzes
verstanden wird.
2
Eine Definition des Terminus Wahrheit tritt bereits eine
Wahrheitsdiskussion zur Frage der Definierbarkeit schlechthin los.
So vertritt Gottlob Frege
3
die Auffassung, dass die Wahrheit so
fundamental (grundlegend, wesentlich) ist, dass sie sich nicht definieren
lässt.
Für Alfred Tarski
4
dagegen ist der Begriff Wahrheit sehr wohl
definierbar, was für Tarski bedeutet, dass das Verständnis eindeutig auf
andere Begriffe zurück zu führen ist.
Die Lüge ist der Missbrauch der Sprache (RGG Religion in Geschichte
und Gegenwart) aus ganz egoistischen Gründen, ergo einer egoistischen
Motivation heraus.
Die Lüge ist das täuschende Verbergen eines Sachverhaltes oder
Geschehens. Sie betrifft immer einzelne Aussagen einer oder auch
mehrer Personen, die Unwahrhaftigkeit dagegen immer den Kern der
Person.
Vom Wahrheitsbegriff ist demzufolge die Wahrhaftigkeit zu
unterscheiden, die als das subjektive ,,Für Wahr Halten" der eigenen
Aussage bestimmt werden kann. Eine große Rolle spielen die
Korrespondenztheorien
(von lateinischen co = mit, und respondere,
antworten) oder Übereinstimmungstheorien der Wahrheit, nach denen
1
Lexikon der Philosophie, Uwe Wiedemann
2
Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, Mannheim, 2001
3
Friedrich Ludwig Gottlob Frege, * 8. November 1848 in Wismar; 26. Juli 1925 in
Bad Kleinen, war ein deutscher Logiker, Mathematiker und Philosoph.
4
Alfred Tarski beziehungsweise ursprünglich Alfred Tajtelbaum oder Teitelbaum,
geboren am 14. Januar 1901 (nach anderen Quellen: 1902) in Warschau; 26.
Oktober 1983 in Berkeley, USA, war ein polnisch US amerikanischer
Mathematiker und Logiker.
13
etwas wahr ist, wenn es dem entspricht oder mit dem übereinstimmt,
von dem es ausgesagt wird. Das wird manchmal auch als die klassische
Definition der Wahrheit
bezeichnet.
In neuerer Zeit wird für diese Auffassung auch der Begriff
,,Korrespondenztheorie" verwendet. Eine Aussage ist dann wahr, wenn
sie mit dem Sachverhalt, den sie beschreibt, beschreiben will,
korrespondiert. In diesem Sinne sind folglich sowohl die philosophischen
Materialisten, wie auch die objektiven Idealisten Vertreter der
Korrespondenztheorie. Auch die Skeptiker vertreten diese Auffassung,
sagen aber unmissverständlich, dass wir uns nie sicher sein können, ob
wir eine Wahrheit im Sinne der Korrespondenztheorie gefunden haben
(keine Anhänger der Korrespondenztheorie sind die Vertreter der
diversen Spielarten des Subjektiven Idealismus, da es nach ihren
Auffassungen keine vom erkennenden Subjekt unabhängig existierenden
Tatbestände, Dinge, Eigenschaften gibt).
Unterschieden wird auch zwischen einem prädikativen und einem
attributiven Wahrheitsbegriff. In der Regel wird der prädikative
Wahrheitsbegriff verwendet. Ein Satz oder ein Gedanke ist immer dann
wahr, wenn die Aussage (im Sinne der Korrespondenztheorie) richtig ist.
Beim attributiven Wahrheitsbegriff dagegen ist eine Sache, ein
Lebewesen, eine Erscheinung an sich schon wahr. ,,Ein wahres
Kunstwerk". ,,Ein echter Mensch". ,,Ein richtiges Bedürfnis". Dem liegt
die Auffassung zu Grunde, dass alles eine Idealform hat, der sie
entsprechen muss, um dann auch wahr zu sein. Diese Auffassung findet
man unter anderem bei Platon und Hegel. Aber auch völlig
unphilosophische Menschen haben (meist unbewusst) häufig diese
Einstellung.
Wahrheit im Alltag
Umgangssprachlich bedeutet, beziehungsweise beschreibt Wahrheit die
Übereinstimmung von Gedanken oder einer Aussage mit dem, was
tatsächlich vorhanden oder geschehen ist. So lautet auch der klassische
Wahrheitsbegriff der abendländischen Philosophie Adequatio intellectus
et rei. Wahrheit bedeutet, dass uns in unserem Bewußtsein ein objektiver
Tatbestand gegenwärtig ist, und zwar so, dass jegliche Täuschung
ausgeschlossen ist.
So stellt sich an dieser Stelle bereits die Frage danach: Was ist Wahrheit?
Vielleicht das, was jeden Abend im Fernsehen ausgestrahlt wird?
Möglicherweise auch das, was in den Zeitungen steht? Oder vielleicht
doch Meinungen aus dem Internet, der freisten und unkontrolliertesten
Plattform für Meinungsaustausch?
Im Grunde genommen ist die Wahrheit nichts anderes als die höchste
Form der Plausibilität. Wir gehören wohl zu der letzten Gruppe und
können wichtige Ereignisse (vor allem die vom 11.September) plausibler
erklären, als es die Medien vermögen. Wir sehen Ereignisse im
Zusammenhang, stellen und beantworten wichtige Fragen, die bei
14
anderen Meinungen und Halbwahrheiten immer wieder vernachlässigt
werden.
Die Politik der meisten (westlichen) Regierungen hat derzeit nur noch
wenig mit Demokratie zu tun. Zwei Beispiele: Teile der amerikanischen
Verfassung wurden bereits durch Bush außer Kraft gesetzt; die
Terrorangriffe vom 11. September waren garantiert ,,false Flag"
Operationen, wurden also von der Regierung geplant und ausgeführt.
Wahrheit
gibt es nur vor Gott
5
.
Wahrheit, wenn sie gesprochen wird, von wem auch immer, spricht
immer von der Liebe Gottes
6
.
Die persönliche Wahrheit
Genau betrachtet gibt es wohl unendlich viele Wahrheiten. Die Wahrheit
als solche ist jedoch in den meisten Fällen subjektiv. Als Wahrheit
verstehen wir im Regelfall das, was wir auch als wahr akzeptieren,
unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht. Es gibt sowohl die kleinen,
unbedeutenden Wahrheiten, wie auch die großen, entscheidenden
Wahrheiten, die dann allerdings auch Veränderungen mit sich bringen,
bringen können; das geschieht dann im kleinen wie auch in größerem
Umfang. Wenn wir eine Wahrheit in der Gesellschaft oder auch in
unserem Umfeld etablieren (begründen, einrichten, errichten) wollen,
dann müssen dazu andere Menschen erreicht und davon überzeugt
werden, gelegentlich auch mit Beweisen, in anderen Fällen durch eine
ausgesprochen gute Rhetorik (Redekunst).
Will man eine Wahrheit wissen, geht man in den meisten Fällen
analytisch vor. Dabei stellt sich dann auch die Frage: Wie wichtig ist es
eigentlich die Wahrheit immer zu kennen oder mit einer Unwahrheiten
leben zu müssen? Vielleicht ist das nicht immer all zu wichtig für den/die
Einzelne/n; wenn etwas auch als Wahrheit deklariert wurde, beeinflusst
es den Menschen in der Regel nicht besonders, auch dann nicht, wenn es
eigentlich nicht stimmt.
Manche Menschen verbreiten Lügen und sind dabei der festen
Überzeugung, dass es sich um die Wahrheit handelt, ergo alles seine
Richtigkeit hat. Es bleibt also an dieser Stelle festzuhalten, dass es
Wahrheiten
gibt
·
die geglaubt werden und
·
Wahrheiten die gewusst werden, also als bewiesen akzeptiert
sind.
Die Mehrzahl der Menschen geht davon aus, dass es im Leben immer
mehr Unwahrheiten als Wahrheiten gibt. Behauptungen und Lügen zum
5
Die Bibel, Brief an die Römer, Kapitel, Vers 25
6
Die Bibel, Johannesevangelium, Kapitel 14, Vers 6
15
Beispiel oder auch falsch verstandene Erörterungen. Andere Menschen
glauben, dass die String Theorie
7
wahr ist, aber sie verstehen sie gar
nicht; für manche Wahrheiten gilt übrigens, dass es besser ist, wenn sie
im Verborgenen bleiben.
Wahrheit ist nicht gleich Wahrheit,
wisst ihr wie ich´s meine?
Wie ich´s drehe und auch wende,
für mich gibt´s doch nur diese Eine.
Die Tatsache, dass Wahrheit nicht gleich Wahrheit ist, dass habe ich im
Kindergarten, den mein Enkelkind besuchte auf eine ganz üble und
erschreckend krasse Art erfahren und lernen dürfen: Mein Enkelkind war
über längere Zeit krank; dadurch war es ihr nicht möglich, ihren
Geburtstag mit den anderen Kindern ihrer Gruppe gemeinsam zu feiern.
Ich sah darin noch kein größeres Problem, denn ein Geburtstag kann ja
auch nachgefeiert werden; ich ging also in den Kindergarten, schilderte
die Situation und bekam als Antwort, dass es überhupt kein Probleme sei,
wenn ich rechtzeitig Bescheid sagen würde, wann mein Enkelkind den
Kindergarten wieder besuchen würde.
Dann war dieser Tag absehbar; ich sagte also wie ausgemacht 2 Tage
vorher im Kindergarten Bescheid, verbunden mit der Information, dass
ich für Kuchen, Essen und Trinken sorgen würde. Mir wurde von der
Erzieherin gesagt, dass alles so in Ordnung ginge.
Voll bepackt gingen wir in den Kindergarten. Als ich das Mitgebrachte
der Erzieherin übergab, wurde mir nun zu meiner großen Verwunderung
erklärt, dass sie versuchen wollte, am nächsten Tag den Geburtstag
nachzufeiern, da man im Kindergarten nicht Bescheid wusste, keine
Ahnung davon hatte, dass mein Enkelkind heute wieder kommen würde.
Direkt von mir darauf angesprochen, dass das nicht stimmte, denn ich
hatte 2 Tage vorher die entsprechende Information an sie selbst gegeben,
bestritt sie das Geschehen. Sie beschwerte sich anschließend bei der
Kindergartenleiterin, die mich dann telefonisch um ein persönliches
Gespräch bat. In diesem Gespräch bestritt sie nicht den von mir
geschilderten Sachverhalt, der durch Zeugen untermauert wurde, sondern
sagte mir, dass die Erzieherin ihr ganz persönliches und eigenes
7
Als Superstringtheorie (abkürzend meist Stringtheorie) bezeichnet man eine
Sammlung eng verwandter hypothetischer physikalischer Modelle mit dem Ziel, alle
bisher beobachteten Fundamentalkräfte der Physik einheitlich zu erklären. Sie gilt
damit als Ansatz für die in der Physik gesuchte Vereinheitlichung der Gravitation
(Schwerkraft, Anziehungskraft, die zwischen allen Körpern und ihren Massen wirkt,
im Besonderen zwischen Himmelskörpern) mit den Quantenfeldtheorien der nicht
gravitativen Wechselwirkungen. Bisher ist die Theorie nicht experimentell
überprüft. Je nach Grundannahmen werden in den Stringtheorien etwas
unterschiedliche, aber ähnliche Schlussfolgerungen gezogen. Alle Stringtheorien
haben jedoch das gemeinsame Grundkonzept, dass Strings (englisch für Fäden) als
fundamentale Objekte mit eindimensionaler räumlicher Ausdehnung angenommen
werden.
16
Wahrheitsverständnis hatte! Der Begriff Wahrheit und das entsprechende
Wahrheitsverständnis haben viele Facetten, das hatte ich nun verstanden!
Philosophie Wahrheit, einige Philosophen und ihre Sichtweisen
Der Begriff der Wahrheit nimmt in der philosophischen Diskussion eine
zentrale und damit sehr wichtige Rolle ein. Gottlob Frege
8
ordnete den
Zielgedanken aller Wissenschaften unter den Begriff der Wahrheit ein.
Doch auch in unserem Alltag ist Wahrheit ein wichtiger Bestandteil;
dabei spielt es keine Rolle, ob ich Gerichtsverfahren, das Verhalten im
täglichen Geschäftsleben oder im partnerschaftlichen Umgang
miteinander in den Fokus aller meiner Überlegungen einbeziehe.
Welcher Mensch will denn nicht logisch korrekt argumentieren und
damit dann auch logischerweise von wahren Voraussetzungen zu den
wahren Schlussfolgerungen kommen? Wer möchte denn in unserer
Gesellschaft nicht als zuverlässiger und wahrhaftiger Mensch angesehen
und geachtet werden? Aus diesen Überlegungen heraus könnte man
tatsächlich davon ausgehen, dass der Wahrheitsbegriff im Laufe der
vergangenen Jahrhunderte schon längst geklärt worden ist und keinerlei
Unsicherheiten mehr bestehen. Diese Einschätzungen würden den realen
Zustand aber weit verfehlen, denn die Diskussion um das
Wahrheitsverständnis ebbt bis zum heutigen nicht ab.
Der Terminus ,,Wahrheit" ist noch immer in der Philosophie ein
bedeutender und sehr zentraler Begriff. Dabei zielt das Streben der
Philosophen in erster Linie nach dem Verständnis, also dem inhaltlichen
Verständnis von der Wahrheit. Was dann dabei unter dem Begriff
,,Wahrheit" im einzelnen zu verstehen ist, ob und wie sie überhaupt
erlangt werden kann, da sind sich die Philosophen allerdings nicht einig;
ebenso uneinig sind sie sich bei der Frage, woran Wahrheit zu messen ist,
sodass aus diesem Grund in der Philosophie deutlich unterschiedliche
Interpretationen und damit sehr vielseitige Antworten gefunden und auch
dementsprechend zahlreich dargestellt werden.
Viele Philosophen sind im Verlaufe ihrer Überlegungen zu dem Schluss
gekommen, dass die objektive Wahrheit für den Menschen nicht
erreichbar ist oder die Menge der objektiven Wahrheiten, die ein Mensch
haben kann, im Vergleich zu dem nicht Erkennbaren und den
Vermutungen sehr gering ist. Im Ergebnis dieser Auffassungen
entstanden dann Begriffe wie beispielsweise die subjektive, relative oder
praktische Wahrheit, je größer die Annäherung an dieses Ideal ist
(Platon, Hegel und Kierkegaard).
,,Philosophen tun sich gelegentlich schwer mit der Lüge und haben
infolgedessen Probleme damit, da sie nicht in ihr Vernunftsystem
integrierbar ist.
9
8
Friedrich Ludwig Gottlob Frege, * 8. November 1848 in Wismar; 26. Juli 1925 in
Bad Kleinen, war ein deutscher Logiker, Mathematiker und Philosoph.
9
Privatdozent Dr. habil. Klaus Jürgen Grün, * 16. April 1957, ist ein deutscher
Philosoph. Er gilt als Kritiker der akademischen Philosophie.
17
,,Diskreditiert man die Lüge", so Wittgenstein, ,,dann übersieht man all
jene Aspekte, die zeigen, dass die Lüge schon lange zum Leben und zur
Alltagspraxis gehört".
An dieser Stelle möchte ich die Gedanken einiger Philosophen zu dieser
Fragestellung nur ganz kurz und schon fast stichwortartig anreißen,
einige ihrer Kerngedanken und des jeweiligen Verständnisses aufzeigen,
und sie dann zur Einstimmung in die unterschiedlichsten
Begriffsverständnisse des Problemkreises von Lüge Wahrheit
ausrichten und darstellen; es ist aber nicht immer vermeidbar, dabei auch
einige darüber hinaus gehende Informationen des Philosophen mit
anzusprechen:
Augustinus von Hippo
10
Augustinus von Thagaste, Augustin oder Aurelius Augustinus, war einer
der bedeutendsten christlichen Kirchenlehrer und ein wichtiger Philosoph
an der Epochenschwelle zwischen Antike und Mittelalter. Zunächst war
er Rhetor (bei den antiken Griechen ein Redner oder als Theoretiker
ein Lehrer der Beredsamkeit) in Thagaste, Karthago, Rom und Mailand.
Von 395 bis zu seinem Tod war er Bischof von Hippo Regius.
Augustinus führt in den ,,Confessiones" (Bekenntnisse, sind
autobiographische Betrachtungen des christlichen Kirchenlehrers
Augustinus, die um das Jahr 400 entstanden sind) zu dieser Thematik
aus:
Die Auseinandersetzung mit der Lüge findet man bei Augustinus bereits
im frühen 5. Jahrhundert; so beschreibt Augustinus den Fakt, die Sprache
zur Täuschung zu benutzen, als eine Sünde.
Ähnliches Gedankengut findet sich auch bei Kant und darüber hinaus
auch in der modernen Sprachphilosophie. Damit kann an dieser Stelle
festgestellt werden, dass uns die Lüge auch in sehr verschiedenen
Ansprüchen begegnet und damit eine Zurückzuweisung der Lüge als
etwas zu sehen und zu verstehen ist, das dem Wahrhaftigkeitsanspruch
der menschlichen Vernunft klar widerspricht, auf die die Intention der
Sprache, die ganz grundsätzlich auf wahre Aussagen ausgerichtet und
geprägt ist, im Grundsatz entgegen steht, so nach den Ausführungen von
Dr. Klaus Jürgen Grün
11
.
Bei Augustinus heißt es in seinem immer wieder herangezogenen
Mörderbeispiel: ,,Angenommen, es flüchtet sich einer zu dir, den du
durch eine Lüge vom Tode befreien könntest. Wirst du dann nicht
lügen?"
10
Augustinus von Hippo, * 13. November 354 in Tagaste (Thagaste), in Numidien,
heute Souk Ahras in Algerien; 28. August 430 in Hippo Regius in Numidien,
heute Annaba in Algerien.
11
Klaus Jürgen Grün, * 16. April 1957, ist ein deutscher Philosoph. Er gilt als
Kritiker der akademischen Philosophie.
18
Auch bei dieser doch sehr heiklen Frage hält Augustinus unbeirrbar
daran fest, dass die Bibel das Lügen verbietet. Stellt man die Frage
danach, ob die Rettung eines anderen Menschen die Lüge erlaubt ist,
dann ist das im Grunde die Frage danach, ob die Rettung eines anderen
Menschen die Sünde erlaubt, zugesteht. Für Augustinus ist hiermit das
Seelenheil des Menschen in Gefahr, das allein auf der Freiheit von der
Sünde beruht und darüber hinaus verlangt, dass eben dieses Seelenheil im
eigenen Leben, und erst recht dem Leben eines Mitmenschen Vorrang
hat. Das heißt ganz eindeutig, dass die Lüge mit der göttlichen
Heilsordnung eben nicht vereinbar ist, in keinem Fall.
,,Jeder aber, der lügt, redet im Gegensatz zu dem, was er denkt, in der
Absicht, zu täuschen. Und doch haben wir die Sprache fürwahr nicht zu
dem Zwecke, damit sich die Menschen gegenseitig irreführen, sondern
damit einer dem Anderen seine Gedanken mitteilen kann. Diese Sprache
also als Täuschung zu gebrauchen ist Sünde; denn das ist ihr Zweck
nicht auch aus dem Grunde dürfen wir nicht glauben, die Lüge sei
keine Sünde, weil wir bisweilen jemandem mit einer Lüge nützen
können".
Sinngemäß sagte er, dass die Lüge eine Sünde ist und bleibt, aber diese
Menschen der Lüge folgten (ohne es eigentlich zu wissen),
gewissermaßen also einem übergeordneten göttlichen Plan; dadurch war
dann in der Konsequenz der Nutzen ihrer Lüge so groß, dass sie auf
Verzeihung dieser Sünde hoffen konnten. Festzuhalten bleibt dabei aber
auch: Es bedarf nach der Auffassung von Augustinus aber der göttlichen
Verzeihung. In seinen Augen kann niemals der Zweck die Mittel
heiligen. Das Problem des Verschweigens der Wahrheit löste
Augustinus, in dem er sagte: ,,Zwar muss alles was du sagst wahr sein,
aber du brauchst nicht alles zu sagen was wahr ist."
Noch einmal ganz deutlich: Für Augustinus ist die Lüge nicht mit der
göttlichen Heilsordnung vereinbar.
Friedrich (Daniel Ernst) Schleiermacher
12
Schleiermacher versucht in der romantischen Gegenbewegung zum
Rationalismus der Aufklärer , das religiöse ,,Gefühl der
schlechthinnigen Abhängigkeit" den Gebildeten wieder nahe zu bringen.
Er sieht das subjektive, nicht begrifflich fassbare Erleben der
Unendlichkeit als eine rein rezeptive und passive Form des
Selbstbewusstseins, die sich jedem aktiven kritischen Zugriff des
Verstandes entzieht. Damit greift er in gewisser Weise die
mittelalterliche Mystik mit ihrer Kritik an veräußerlichten
Religionsformen wieder auf. Er kritisiert auf diese Weise zugleich den
Dogmatismus und Konfessionalismus der protestantischen Staatskirchen,
verlangt aber dennoch keine institutionelle Trennung von Kirche und
Staat.
12
Schleiermacher, * 21. November 1768 in Breslau; 12. Februar 1834 in Berlin, war
protestantischer Theologe, Altphilologe, Philosoph, Publizist, Staatstheoretiker,
Soziologe, Kirchenpolitiker und Pädagoge.
19
In mehreren dieser Wirkfelder wird er dadurch zu den wichtigsten
Autoren seiner Zeit, in einigen Bereichen wird er auch zu den Klassikern
der Disziplin überhaupt gerechnet.
Zu den immer wieder auftretenden Fragen und Zweifel am Kreuzestod
Jesu griff er mit persönlichen Gedankenanstößen ein; Schleiermacher
schrieb in ,,Das Leben Jesu" (Seite 442 443): ,,Es ist in der neuern Zeit
häufig darüber gestritten worden, wie es sich mit dem Tode Jesu verhalte,
wiefern es etwas natürliches und der Sache gemäßes sei, dass er in einem
so kurzen Zeitraum wie die Kreuzigung wirklich gestorben sei, und ob
deswegen sein Tod als ein wirklicher Tod angesehen werden könne ?"
Voltaire
13
Einer der schärfsten Kirchenkritiker damals war François Marie
Arouet (1694 1778), der sich Voltaire nannte. In Frankreich nennt man
das 18. Jahrhundert auch ,,das Jahrhundert Voltaires" (le siècle de
Voltaire). Voltaire, Aufklärer in seiner Zeit, schrieb für gezielt die
französischsprachige europäische Oberschicht, zu der nicht nur der Adel,
sondern auch das aufstrebende Bürgertum gehörte. Viele seiner ungefähr
750 Werke erlebten in einer rasanten Geschwindigkeit mehrere Auflagen
und wurden sehr schnell in andere europäische Sprachen übersetzt.
Voltaire, der über darüber hinaus über hervorragende Englisch und
Italienischkentnisse verfügte, veröffentlichte auch in diesen Sprachen
einige seiner Gedanken/Texte. Da er einen beträchtlichen Teil seines
Lebens außerhalb Frankreichs verbrachte, kannte daher auch die
Niederlande, England, Deutschland und die Schweiz aus seiner eigenen,
persönlichen Anschauung. Mit der Kritik an den Missständen des
Absolutismus und der Feudalherrschaft war Voltaire ein wichtiger
Wegbereiter der Französischen Revolution. Seine Waffen im Kampf für
seine Vorstellungen waren dabei ein immenses Wissen, Phantasie,
Einfühlungsvermögen, ein präziser und allgemein verständlicher Stil,
sowie Sarkasmus und Ironie.
Er bekämpfte vor allem den Machtanspruch der katholischen Kirche und
das Bündnis des Klerus mit Adel und Absolutismus. Er rief zur
Zerstörung des Papsttums auf (,,Écrasez l'infâme!") und trat gegen die
religiöse Indoktrination, für die Glaubens und Gewissensfreiheit ein.
Voltaire bekannte sich jedoch nicht zum Atheismus, sondern zum
Deismus (Gottgläubigkeit vom lateinischen Deus [De:(j)us ] Gott)
abgeleitet, bezeichnet man im Allgemeinen den Glauben an Gott aus
Gründen der Vernunft), weil er den Glauben an einen strafenden Gott als
beste Basis für ein soziales Leben nach moralischen Grundsätzen hielt
(,,Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden").
,,
Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat". Voltaire fordert
damit allerdings geradezu zum Lügen auf: ,,Die Lüge ist eine sehr hohe
Tugend, wenn sie Gutes tut. Man muss wie der Teufel lügen, nicht
zaghaft, nicht zu Zeiten, sondern mutig und immer, ...".
13
Voltaire, geboren am 21. November 1694 in Paris; 30. Mai 1778 in Paris;
eigentlich François Marie Arouet, war einer der meistgelesenen und
einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung.
20
Anselm von Canterbury
14
lateinisch: Anselmus Cantuariensis
Anselmo de Candia Ginevra, war ein Theologe und Philosoph des
Mittelalters. Er wird vielfach als Begründer der Scholastik angesehen
(,,Vater der Scholastik") und ist Hauptrepräsentant der Frühscholastik.
Die Wahrheit nicht zu kennen heißt für ihn nicht, an eine Lüge zu
glauben. Immerhin ist ,,die Lüge" gleichfalls so schwer zu beweisen wie
etwa ,,die Wahrheit". Sofern wir jedoch wissen, dass es keiner Antwort
(= keines Beweises) bedarf, weil diese Antwort nichts an ,,der Sache an
sich" ändern kann, lässt sich eine neue Sicht dazu zu gewinnen. Es ist
ähnlich mit allen anderen Situationen die sich ,,als solche" nicht
ändern, selbst dann nicht, wenn ein Mensch ihre Hintergründe im
Nachhinein so gut verstünde wie die Tatsache, dass 1 + 1 = 2 ist. Was
änderte sich demnach ,,an Gott", wenn der Mensch ihn verstehen würde?
Andere Frage könnte lauten: Was änderte sich ,,an ihm", wenn es ihn
denn gar nicht gäbe? Würde sich denn etwas an seiner
Nichtvorhandenheit ändern, wenn wir seine Vorhandenheit bewiesen
wäre? Könnten in der Umkehrung die Beweise seiner Vorhandenheit
denn etwas daran ändern, dass er nicht vorhanden ist? Als Ergebnis aus
diesen Gedankenspielen ergibt sich ganz klar die Erkenntnis: Die neue
Sicht ist frei davon, Dinge erfragen (= wissen) zu wollen, deren
Antworten keine Rolle spielen können.
Was ist eine Lüge?
,,Possumus igitur, nisi fallor, definire quia veritas est rectitudo sola mente
perceptibilis". Anselm von Canterbury, De veritate 11. Die Übersetzung:
Wir können also, wenn ich mich nicht täusche, definieren: Die Wahrheit
ist die allein mit dem Geist wahrnehmbare Strukturordnung.
Thomas von Aquin
15
Innerhalb der mittelalterlichen Philosophie ist Thomas von Aquin einer
der bekanntesten Vertreter einer Korrespondenz
oder
Adäquationstheorie der Wahrheit
16
. Thomas von Aquin integriert die
Offenbarung und die rationale Welterkenntnis in ein gemeinsames
umfassendes Lehrsystem: Natürliches Fragen nach dem Weltgrund
kommt zu einer allgemeinen Erkenntnis eines (des) höchsten Wesens
(Gott); der christliche Glaube ergänzt dieses Verständnis nun durch das
geoffenbarte Wissen, wer und was dieses Wesen denn genau ist und was
es will.
Die Gedanken Thomas von Aquin über die Lüge weisen zahlreiche
Übereinstimmungen mit der Theorie des Kirchenvaters Augustinus auf.
Genauso wie er geht auch Thomas von Aquin in seiner Argumentation
vom natürlichen Sprachzweck aus und kommt so zu dem Schluss, dass
jede Lüge einen sündhaften Charakter hat. Die Lüge zersetzt die Einheit
von Erkennendem und Sein und verhindert so das Glück, das an sich
14
Anselm von Canterbury * um 1033 in Aosta; 21. April 1109 in Canterbury; auch
Anselm von Aosta (Geburtsort) oder Anselm von Bec, seinem Kloster.
15
Thomas von Aquin, * um 1225 auf Schloss Roccasecca bei Aquino in Italien;
7. März 1274 in Fossanova
16
Marian David, ,,The Correspondence Theory of Truth" in der Stanford Encyclopedia
of Philosophy, englisch, inklusive Literaturangaben
21
Erkenntnis und Austausch von Wahrheit ist. Thomas von Aquin führt den
Begriff der Wahrhaftigkeit ein, die er als eine Tugend betrachtet, die
durch andere Tugenden wie beispielsweise Klugheit oder Liebe im Lot
gehalten werden soll; dagegen sind kluges Verschweigen und eine
zweideutige Rede als leichte Sünden, die den Menschen nicht vom
wahren Ziel abhalten, zulässig. Als völlig unzulässig betrachtet Thomas
von Aquin, ebenso wie Augustinus die willentliche Irreführung in
Glaubenssachen, also jede Form von Lügen im Bezug auf die
Erkenntnisinhalte, die Gotteserkenntnis betreffen.
Thomas von Aquin wird eine Erkenntnis zugeschrieben: ,,veritas est
adaequatio rei et intellectus" (die Wahrheit ist die Übereinstimmung von
Wahrheit und Verstand).
René Descartes
(latinisiert Renatus Cartesius)
17
Mit René Descartes gewinnt die Antithese zwischen Philosophie und
Theologie deutlich an Schärfe: Diese war schon seit der Reformation
gegeben, da Martin Luther den Christusglauben dem allgemeinen
Weltwissen, dem abstrakten Gotteswissen und dem zweckgebundenen
Herrschaftswissen entgegen stellte. Nun brachte Descartes die
scholastische Synthese von natürlicher Theologie (beziehungsweise
philosophischer Metaphysik) und spezieller, christlicher Offenbarung
auch von der Seite eines nicht von vornherein gläubigen Denkens her in
das Denken seiner Mitmenschen ein. Erstmals begründet das denkende
Subjekt Selbstbewusstsein, Autonomie. Von der intuitiven Erfahrung des
Cogito ergo sum
(,,Ich denke, also bin ich.") aus stützt der Begriff
Gottes nur noch sekundär menschliche Selbstgewissheit.
Für Descartes, der die Lüge nicht vom Bereich der Macht Gottes
ausschließt, ist die Lüge aber kein inneres Übel.
Edmund Husserl
18
vertritt eine Variante der Evidenztheorie der Wahrheit, eine
phänomenologische Wahrheitstheorie (die Wahrheitstheorien werden im
nächsten Kapitel ausführlich behandelt). In seinem frühen Werk ,,Das
Ideal der Adäquation. Evidenz und Wahrheit" von 1901, ergibt sich die
Wahrheit in Bezug auf Gegenstände und auf Begriffe durch eine
Erfüllung, wobei das Gegebene als Gemeintes und das Gegebene als
Selbstgegebenheit zusammenfallen. Die Wahrheit ist also eine Identität,
und diese Identität ergibt sich mit Evidenz. Evidenz wird dabei als
Gewissheit verbürgende Erfahrung dieser Übereinstimmung verstanden.
,,Wahrheit" ist die völlige Übereinstimmung von Gemeintem und
Gegebenem. Das Erlebnis der Übereinstimmung ist dann die Evidenz
oder Intuition. Evidenz in diesem Sinne ist also kein Gewissheitserlebnis,
17
René Descartes, * 31. März, 1596, in La Haye/Touraine, Frankreich; 11. Februar
1650 in Stockholm, Schweden, war ein französischer Philosoph, Mathematiker und
Naturwissenschaftler.
18
Husserl, * 8. April 1859 in Proßnitz, Mähren; 27. April 1938 in Freiburg im
Breisgau) war ein Philosoph und Mathematiker. Der Geburt nach Österreicher,
erwarb Husserl 1896 die preußische Staatsangehörigkeit.
22
sondern die unmittelbare Erfahrung, die dann aber im Sinne Husserls
korrigierbar ist, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass die damalige
Erfahrung nicht zutreffend war.
Arthur Schopenhauer
19
Schopenhauer entwarf eine Lehre, die in gleicher Weise sowohl die
Ethik, die Metaphysik und die Ästhetik beinhaltet. Er selbst sah sich als
ein Schüler und Vollender von Immanuel Kant, dessen Philosophie er als
Vorbereitung seiner eigenen Lehre verstand. Weitere Anregungen bezog
er aus der Ideenlehre Platons und aus den Vorstellungen der östlichen
Philosophien. Innerhalb der Philosophie des 19. Jahrhunderts entwickelte
er eine eigene Position des subjektiven Idealismus und vertrat damit als
einer der ersten Philosophen im deutschsprachigen Raum die
Überzeugung, dass der Welt ein unvernünftiges Prinzip zugrunde liegt.
Schopenhauer verteidigt die Lüge, ähnlich wie die Gewalt, in einer
absoluten Notwehrsituation; werde ich angegriffen oder versucht mir
jemand seinen Willen aufzuzwingen oder mir auch schlechte Ware zu
verkaufen, dann kann ich mich natürlich mit einer Notlüge dagegen zur
Wehr setzen. Es stellt sich dann dabei allerdings die Frage, ob die
Verwerflichkeit der Lüge nicht vielleicht damit im Zusammenhang der
Frage zu sehen und zu verstehen, welcher Mensch nun wirklich das
Recht auf die Wahrhaftigkeit der Mitmenschen hat.
Die heute gängigen Verfahren, ,,Ableitungen der Unrechtmäßigkeit der
Lüge aus dem Sprachvermögen des Menschen", hat Schopenhauer schon
vor 150 Jahren als ,,platt, kindisch, und abgeschmackt" bezeichnet.
Schopenhauer sagt ganz klar und unmissverständlich, dass nur die
differenzierte Beurteilung der Lüge ,,den schreienden Widerspruch
zwischen der Moral, die gelehrt, und der, die täglich, selbst von den
Redlichsten und Besten, ausgeübt wird" beseitigt. (Privatdozent Dr.
Klaus Jürgen Grün lehrt am Institut für Philosophie und ist Leiter sowie
Gründer des Philosophischen Kollegs für Führungskräfte).
Trotz seiner scharfen Kritik an der Lüge ist Schopenhauer weit davon
entfernt, die Lüge in absolut jeder Situation als ein unzulässiges Tun zu
erklären; ganz im Gegenteil, denn Schopenhauer erkannte durchaus ein
Recht zur Lüge an; seine schlichte Begründung: Ich brauche niemandem,
,,der unbefugt in meine Privatsphäre späht", Rede und Antwort zu
stehen.
Wittgenstein sagt über Schopenhauer: ,,Schopenhauer, der sich selbst
zwar nicht als Materialist verstand, aber gleichwohl die Stichworte für
eine materialistische Sicht der Lüge gibt. Schopenhauer verstand es, ein
Recht zur Lüge zu formulieren. Schopenhauer spürte, dass eine
Verneinung der Lüge uns selber in unserem Dasein verneinen möchte.
19
Schopenhauer, * 22. Februar 1788 in Danzig; 21. September 1860 in Frankfurt am
Main, war ein deutscher Philosoph, Autor und Hochschullehrer. Er war der Sohn der
Schriftstellerin und Salonière Johanna Schopenhauer und Bruder der Schriftstellerin
Adele Schopenhauer.
23
Schopenhauers Erläuterung der berechtigten Lüge macht zweierlei
deutlich: Zum einen, dass sich das Recht zur Lüge nicht alleine auf die
Fälle beschränkt, in denen es um die Abwehr von direktem Zwang geht,
zum anderen, dass nicht jede Lüge dem Motiv folgte, einen anderen
gegen seinen Willen zu zwingen. Aber das ist das Hauptmotiv der Lüge:
einen anderen gegen seinen Willen zu zwingen. Das ist das Motiv der
Lüge in Schopenhauers Denkweise, die gleichwohl dem einzelnen
Menschen, dem Individuum zuweilen das Recht gibt zu lügen".
Ludwig Josef Johann Wittengenstein
20
, ein österreichisch britischer
Philosoph sagt, dass ,,Schopenhauers Aussagen zur Lüge führen zu einer
vollkommen eigenwilligen Vorstellung, zu einer einzigartigen
Betrachtung in der Philosophiegeschichte, die er in einem Dialog aus den
,Parerga und Paralipomena' zum Ausdruck bringt: Er nennt dort die
Religion ,die Wahrheit im Gewande der Lüge'".
,,
Die Wahrheit kann warten, denn sie hat ein langes Leben vor sich".
,,
Jede Wahrheit durchläuft drei Stadien: Zuerst wird sie verhöhnt, danach
wird sie gewaltsam bekämpft, zuletzt wird sie als selbstverständlich
akzeptiert
".
Friedrich Nietzsche
21
Nietzsche sieht den christlichen Glauben in Europa in einem Niedergang
begriffen ,,Gott ist tot". Die christliche Moral hebt sich (auch in seiner
eigenen Philosophie) selbst auf, denn nach seiner Überzeugung würden
auch alle bisher geglaubten Werte mit dem Glauben an einen Gott sich
selbst entwerten. In der dekadenten (kulturellem Niedergang) Moderne
enthüllt sich die christlich abendländische Tradition als eine im Kern
nihilistische (eine Orientierung, die auf der Verneinung jeglicher
Seins , Erkenntnis , Wert und Gesellschaftsordnung basiert). Auf
diesen nun bevorstehenden ,,europäischen Nihilismus", in dem Nietzsche
eine ,,Selbstverkleinerung des Menschen" befürchtet, sucht er nun eine
Antwort. Seine vor allem in ,,Also sprach Zarathustra" gegebenen
Hinweise auf neue Wertsetzungen (,,Wille zur Macht", ,,Ewige
Wiederkunft", ,,Übermensch", Wiederherstellung des Dionysoskults)
bleiben dabei allerdings im direkten Vergleich unklar.
In seiner Spätzeit spitzt Nietzsche seine Kritik auf den Kern der
christlichen Botschaft zu (Der Antichrist): Für ihn ist das Christentum
eine barbarische Schwächung aller edlen Eigenschaften des Menschen.
Das Christentum hat mit Paulus von Anfang an eine lebensfeindliche
Sklavenmoral gepredigt, so dass Nietzsche sich den Aufschwung zu
20
Ludwig Josef Johann Wittgenstein, * 26. April 1889 in Wien; 29. April 1951 in
Cambridge) war ein österreichisch britischer Philosoph.
Er lieferte bedeutende Beiträge zur Philosophie der Logik, der Sprache und des
Bewusstseins. Seine beiden Hauptwerke Logisch philosophische Abhandlung
(Tractatus Logico Philosophicus 1921) und Philosophische Untersuchungen
(1953, postum) wurden zu wichtigen Bezugspunkten zweier philosophischer
Schulen, des Logischen Positivismus und der Analytischen Sprachphilosophie.
21
Nietzsche, *15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen; 25. August 1900 in Weimar,
war ein deutscher Philosoph, Dichter und klassischer Philologe.
24
einem höheren Menschsein nur als totales Abstreifen des
abendländischen Christentums mit einer ,,Umwertung aller Werte"
vorstellen kann.
Die besondere Position Nietzsches lautet: ,,Wer nicht lügen kann, weiß
nicht, was Wahrheit ist" (Nietzsche: Also sprach Zarathustra). In seiner
Schrift ,,Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne" von 1873
betrachtet er die Problematik der Wahrhaftigkeit anhand einer
Genealogie (Wissenschaft der Herkunft) der Sprache: Da jedes Wort
selbst eine Ungenauigkeit und damit eine Unwahrheit darstellt, kann die
Sprache folglich auch kein Fundament der Wahrheit sein. Nietzsche
weist im diesem Zusammenhang deutlich darauf hin, dass nach diesen
Erkenntnissen der Gebrauch von Worten in konventioneller
(traditionsgemäß, der Norm entsprechend) Weise keine Wahrheit enthält.
Da die Menschen aber gesellschaftliche Wesen sind und ihre Sprache
darum auch traditionellen Mustern folgt, folgen muss, besteht
Wahrhaftigkeit in der moralischen ,,Verpflichtung, nach einer festen
Konvention zu lügen". Um diesen Zustand zu überwinden, sollen die
alten, kraftlosen Metaphern (bildliche Ausdrücke), jene ,,Illusionen, von
denen man vergessen hat, dass sie welche sind", (Nietzsche: ,,Über
Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne") zerstört werden und
durch eigene, kreative Schöpfungen ersetzt werden.
Nach Nietzsche ruhen alle priesterlichen und philosophisch
priesterlichen Herrschaftsgebilde auf dem gegebenen Recht zu einer
heiligen Lüge. Er bezeichnet deshalb eine Täuschung oder
Verheimlichung der Wahrheit, auch in einer vermeintlich guten Absicht
angewendet, als eine Volkstäuschung für religiöse Zwecke), wie sie sich
nicht nur im Christentum, sondern bei Mohammed, also auch im Islam,
bei Konfuzius oder auch bei Platon findet.
,,Der Wille zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und
Wechseln ist tiefer, 'metaphysischer' als der Wille zur Wahrheit, zur
Wirklichkeit, zum Sein: die Lust ist ursprünglicher als der Schmerz".
22
,,Die Wahrheit zu sagen, ist die Ohnmacht zu lügen", so Nietzsche.
Søren Kierkegaard
23
In seinen meist pseudonym (unter einem Decknamen) veröffentlichten
Schriften zeigte er sich als engagierter Verfechter der Idee des
Christentums gegen die Realität der Christenheit. Etwa ein Drittel seiner
gedruckten Werke besteht im Weiteren aus veröffentlichten Predigten
und religiösen Reden, die unter seinem eigenem Namen erschienen sind.
Kierkegaard wird auch häufig als der erste Existenzphilosoph und als
geistiger Wegbereiter oder Begründer der Existenzphilosophie
verstanden.
22
Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, KSA 13, Seite 226
23
Kierkegaard, * 5. Mai 1813 in Kopenhagen; 11. November 1855 in Kopenhagen,
war ein dänischer Philosoph, Essayist, Theologe und religiöser Schriftsteller.
25
Das Leitmotiv seines Lebens, das nach seinem Verständnis für ihn
bleiben wird, lässt sich in der Aussage ,,nicht Theorie und bloßes Wissen,
sondern Tun und Leben, nicht teilnahmslose, neutrale Objektivität,
sondern Einsatz und Entscheidung der Person" bestimmen das Leben
zusammenfassen und ausdrücken. In einer Tagebuchnotitz vom
01.08.1835 schreibt er: ,,... Es kommt darauf an, meine Bestimmung zu
verstehen, zu sehen, was Gott eigentlich will, dass ich tun soll; es gilt,
eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit ist für mich, die Idee zu finden,
für die ich leben und sterben will".
24
,,Die Lüge ist jene Dichtung, die nicht aus dem Leben kommt. Man kann
ein System des Denkens aufstellen, nicht aber ein System des Daseins",
so Kierkegaard.
,,Je mehr Leute es sind, die eine Sache glauben,
desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Ansicht falsch ist.
Menschen, die Recht haben, stehen meistens allein".
Immanuel Kant
25
Immanuel Kant ist ein Vertreter der so genannten Pflichtethik
(,,Einführung in die Theologische Ethik" von Martin Honecker). Kant
klassifizierte die Wahrheiten wie folgt:
·
Apriorische Wahrheiten: Wahrheiten, die von der Erfahrung
unabhängig sind, wie zum Beispiel ,,2 + 2 = 4", zu deren
Begründung man keinerlei Erfahrung benötigt.
·
Aposteriorische (empirische) Wahrheiten: Wahrheiten, die
von der Erfahrung abhängig sind, als Beispiel: ,,die Erde dreht
sich um die Sonne", zu deren Begründung man Erfahrung
benötigt.
·
Analytische Wahrheiten: Wahrheiten, bei denen der
Prädikatsbegriff im Subjektsbegriff enthalten ist, beispielsweise
,,alle Junggesellen sind unverheiratet", zu deren Begründung
man nur Bedeutungsregeln alleine benötigt.
·
Synthetische Wahrheiten: Wahrheiten, bei denen der
Prädikatsbegriff nicht im Subjektsbegriff enthalten ist, wie zum
Beispiel ,,alle Junggesellen sind glücklich", zu deren
Begründung man nicht nur Bedeutungsregeln alleine benötigt.
24
Johannes Hirschberger, Geschichte der Philosophie, Band 1, Seite 494, Herder Ver
lag, Freiburg, 1980
25
Kant, * 22. April 1724 in Königsberg; 12. Februar 1804 in Königsberg, war ein
deutscher Philosoph der Aufklärung. Er zählt zu den bedeutenden Vertretern der
abendländischen Philosophie. Sein Werk Kritik der reinen Vernunft kennzeichnet
einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen
Philosophie.
26
·
Notwendige Wahrheiten: Wahrheiten, deren Verneinung zu
einem logischen Widerspruch führt, wie beispielsweise ,,alle
Kreise sind rund".
·
Kontingente (oder zufällige) Wahrheiten: Wahrheiten, deren
Verneinung zu keinem logischen Widerspruch führt, wie
Aussagen ,,die Anzahl der Planeten ist gleich 9".
Kant sagt
konkret zu der Frage der Lüge: Man darf nicht lügen, da das
eigene Handeln immer so sein muss, dass man daraus ein allgemein
gültiges Gesetz schaffen könnte (Kategorischer Imperativ gültig im
Sinne von binden). Daraus lässt sich nun ableiteten: Lügt der Mensch, so
nach dem Verständnis von, würde das zur Folge haben, dass alle
Menschen nicht nur lügen dürften, sondern sogar müssten.
Im Blick auf die Moral, die Kant allein durch die Vernunft zu begründen
versucht, billigt er der Religion jedoch eine mündige, Mensch sein
fördernde Rolle zu; denn ,,es ist notwendig, dass unser ganzer
Lebenswandel sittlichen Maximen (allgemeinen Lebensregeln)
untergeordnet werde", so Kant. Dabei benötigt die Eigenart des
menschlichen Denkens eine ,,wirkende Ursache", sowie einen
,,entsprechenden Ausgang, es sei in diesem, oder einem anderen Leben"
(Kant 1787). ,,Ohne also einen Gott und eine für uns jetzt nicht sichtbare,
aber gehoffte Welt, sind die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar
Gegenstände des Beifalls und der Bewunderung, aber nicht Triebfedern
des Vorsatzes und der Ausübung" (Kant 1787). Die Idee eines Gottes hat
für Kant im Hinblick auf die Moral eine motivierende, nicht aber eine
begründende Funktion. Gott ist für Kant in der Kritik der praktischen
Vernunft ein notwendiges ,,Postulat" (denknotwendige Voraussetzung)
der Vernunft, ohne dass ihr deswegen auch objektive Realität zukommt.
Kants abstrakter, philosophischer Gottesbegriff ist jedoch nicht identisch
mit den Vorstellungen eines beispielsweise persönlichen Gottes oder
eines Gottes, der in die Welt eingreifen würde.
Die Moralgesetze und das gute Handeln in dieser Welt, gemeint sind
nicht die übernatürliche Aspekte, sind für Kant der eigentliche und
einzige Sinn und Zweck einer Religion. Diese Gesetze waren es, ,,deren
innere praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer
selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen
Gesetzen Effekt zu geben" (KRV Kritik der reinen Vernunft). Der
vorausgesetzte Gott darf daher nicht als ein neuer Gegenstand oder als
ein reales Sein angesehen werden, von dem dann in der Umkehrung die
moralischen Gesetze abgeleitet werden können. Das ist nach Kant
,,schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft", die ,,die letzten Zwecke der
Vernunft verkehren und vereiteln" (Kant, KRV
26
). In dieser fatalen
(verhängnisvollen, folgendenschweren) Verdrehung der tatsächlichen
Verhältnisse wird das Gottesbild vom Hilfsmittel zum eigentlichen
Zweck und das gute Handeln zum bloßen Hilfsmittel der
Gottesverehrung.
26
Kant, Kritik der reinen Vernunft
27
Die Religion kann nach Kant ihren Zweck in der Welt in
Übereinstimmung mit der Vernunft nur dann erfüllen, wenn gilt (KRV
847): ,,Wir werden, soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht
hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote
Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir
dazu innerlich verbindlich sind".
Ebenso wandte er sich in einer scharfen Form gegen die verschiedenen
Arten des religiösen Kultes; angesprochen sind hier beispielsweise die
Gebete, die Beichten (die Ohrenbeichte, die Gemeindebeichte) oder auch
die Gottesdienste. Die einzige Funktion einer Religion sah Kant in der
Gewährleistung eines (durch Vernunft geprüften) moralischen
Lebenswandels: ,,Alles, was, außer dem guten Lebenswandel, der
Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden,
ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes";
27
Es ist für Kant allerdings sehr erstaunlich, dass die biblisch Überlieferung
bei ihrer Darstellung des ersten Verbrechens, das ja ursächlich dafür ist,
dass das Böse überhaupt erst in die Welt gekommen ist, nicht vom
Brudermorde (Kain ermordet Abel) berichtet, sondern sich vielmehr auf
die erste Lüge (Sündenfall im Paradies: Adam und Eva) bezieht, und
damit in der Folge die Lüge als den Urheber alles Bösen, implizit
(einschließlich) des Lügners von Anfang an sieht, und sie/ihn deshalb
auch als den Vater der Lügen bezeichnet; obwohl die Vernunft dem
Hang des Menschen zur Gleisnerei (Unehrlichkeit, Scheinheiligkeit,
falsches Versprechen, Vortäuschung, Lippenbekenntnis, Unaufrichtig
keit, Gemeinheit, Maskerade, Fälschung, Lüge, Verstellung), doch
eindeutig voraus gegangen sein muss, sie dennoch keinen Grund weiter
angeben kann, da ein Akt der Freiheit auch nicht (gleich einer physischen
Wirkung) nach dem Naturgesetz des Zusammenhanges der Wirkung und
ihrer Ursache, die insgesamte Erscheinungen sind, deduziert, ergo das
Besondere aus dem Allgemeinen abgeleitet und erklärt werden kann, so
Immanuel Kant in der Metaphysik der Sitten von 1797.
Deutlich wird aber auch, dass Kant die Lüge durchaus als etwas sehr
Verwerfliches angesehen hat. ,,Die Lüge (...) ist der eigentliche faule
Fleck in der menschlichen Natur" (Immanuel Kant: AA VIII, Seite 422
Verkündigung des nahen Abschlusses eines Tractats zum ewigen Frieden
in der Philosophie). Das Lügenverbot ist eigentlich notwendig, da
Wahrhaftigkeit eine Bedingung der Selbstverpflichtung ist und daher
Bestandteil der Rechtsquelle zugeordnet werden muss: ,,Sie (Die Lüge)
schadet jederzeit einem Anderen, wenn gleich nicht einem andern
Menschen, doch der Menschheit überhaupt, indem sie die Rechtsquelle
unbrauchbar macht" (Immanuel Kant: AA VIII, Seite 426 Über ein
vermeintes Recht, aus Menschenliebe zu lügen).
Wer lügt, verwendet folglich ganz bewusst die Sprache gegen die
Intention (Absicht, Bestreben) von Sprachlichkeit: ,,(...) die Mitteilung
seiner Gedanken an jemanden durch Worte, die doch das Gegenteil von
27
RGV., viertes Stück, Zweiter Teil, §2
28
dem (absichtlich) enthalten, was der Sprechende dabei denkt, ist ein der
natürlichen Zweckmäßigkeit seines Vermögens der Mitteilung seiner
Gedanken gerade entgegen gesetzter Zweck, mithin Verzichtung auf
seine Persönlichkeit und eine bloß täuschende Erscheinung vom
Menschen, nicht der Mensch selbst", so Kant in diesem
Zusammenhang.
28
,,Die Lüge ist Wegwerfung und gleichsam Vernichtung seiner
Menschenwürde. Ein Mensch, der selbst nicht glaubt, was er einem
Anderen sagt, hat einen noch geringeren Wert, als wenn er bloß Sache
wäre".
29
Daraus folgt dann aber, dass es in keinem denkbaren Anwendungsfall
eine Ausnahme geben kann: Wenn es ein das Lügenverbot gibt, dann gilt
es auch in jedem Fall. Allerdings besitzt der Mensch eine natürliche
Neigung zur Lüge: ,,Die Lüge (...) ist der eigentliche faule Fleck in der
menschlichen Natur." (Immanuel Kant: AA VIII, 422, Kant, Ausgabe der
Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900ff, AA VIII,
422 / Verkündigung des nahen Abschlusses eines Tractats zum ewigen
Frieden in der Philosophie.) Das Lügenverbot gilt, da Wahrhaftigkeit
eine Bedingung des Selbstverpflichtung ist und daher Bestandteil der
Rechtsquelle: ,,(Die Lüge) schadet jederzeit einem Anderen, wenn gleich
nicht einem andern Menschen, doch der Menschheit überhaupt, indem sie
die Rechtsquelle unbrauchbar macht." (Immanuel Kant: AA VIII, 426,
Kant, Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin
1900ff, AA VIII, 426 / Über ein vermeintes Recht, aus Menschenliebe zu
lügen.) Selbst eine Lüge, die keinem Betroffenen unmittelbar schadet
oder in der konkreten Situation einen Vorteil verschafft, ist also verboten,
da sie immer die Menschheit im Allgemeinen schädigt.
Martin Heidegger
30
Martin Heidegger ersetzt die Evidenztheorie durch die Theorie der
Wahrheit, die sich von dem griechischen Begriff aletheia (von griechisch
a nicht und lethein verbergen) ableitet; das wiederum heißt nun für
Heidegger, dass die Wahrheit als eine Unverborgenheit, Unverdecktheit,
als das Entdeckte verstanden zu verstehen ist. Heidegger geht davon aus,
mit diesen Überlegungen und Theorien den ursprünglichen
voraristotelischen Wahrheitsbegriff der Griechen wiederentdeckt zu
haben.
Er steht damit in der Tradition der Phänomenologie (vor allem seines
Lehrers Edmund Husserl, dessen Nachfolger er auch war), der
Lebensphilosophie (besonders Wilhelm Diltheys
31
), sowie der
28
Kant, Metaphysik der Sitten, VIII, Seite 563
29
Kant, Metaphysik der Sitten, VIII, Seite 562f.
30
Heidegger, * 26. September 1889 in Meßkirch; 26. Mai 1976 in Freiburg im
Breisgau, war ein deutscher Philosoph
31
Wilhelm Dilthey, * 19. November 1833 in Wiesbaden Biebrich; 1. Oktober 1911
in Seis am Schlern, Südtirol, war ein deutscher Philosoph, Psychologe und
Pädagoge. Entgegen dem zu seiner Zeit stark verbreiteten Naturalismus entwickelte
Dilthey ein lebensphilosophisches Fundament, welches das menschliche Leben und
die Formen seines Ausdrucks nicht mehr nur nach Naturgesetzlichkeiten erklärte,
29
Existenzdeutung Søren Kierkegaards. Die hauptsächlichen Bemühungen
Heideggers waren die Kritik an der abendländischen Philosophie und die
Entwicklung einer neuen Auffassung im Bezug auf den Menschen und
der Welt.
1927 entstand sein erstes Hauptwerk mit dem Titel ,,Sein und Zeit", das
die
philosophische
Richtung
der
Fundamentalontologie
(Kompromissloses Festhalten an der Lehre des Seins) begründete. Ab
Mitte 1930 begann Heidegger mit einer Gesamtinterpretation der
abendländischen Philosophiegeschichte. Dafür untersuchte er die Werke
bedeutender Philosophen unter phänomenologischen (Lehre von den
Erscheinungen), hermeneutischen (die Kunst der Auslegung und
Deutung von Texten) und ontologischen Gesichtspunkten (Lehre vom
Sein und den allgemeinen Prinzipen des Seins) und versuchte so, deren
,,unbedachte" Voraussetzungen und Vorurteile freizulegen. Alle
bisherigen philosophischen Entwürfe stellten nach Heidegger
Verständnis nur eine einseitige Auffassung der Welt eine Einseitigkeit
in sich dar, die er als ein Merkmal jeder Metaphysik (Überlegungen und
Thesen jenseits der Erfahrungswelt liegend, ein Teilgebiet der
Philosophie) ansah.
Diese metaphysische Weltauffassung gipfelte aus Heideggers Sicht dann
in der modernen Technik. Mit diesem Begriff verband er nicht allein, wie
sonst üblich, ein neutrales Mittel um bestimmte Zwecke zu erreichen,
sondern er versuchte damit klarzumachen, dass sich mit der Technik auch
eine veränderte Auffassung der Welt verbindet. So wundert es nicht,
wenn nach Heidegger die Erde durch die Technik vornehmlich unter dem
Gesichtspunkt der Nutzbarmachung in das Blickfeld gebracht wird.
Wegen ihrer globalen Verbreitung und der damit verbundenen
schonungslosen ,,Vernutzung" natürlicher Ressourcen (Reserven), sah
Heidegger in der Technik als eine unabweisbare Gefahr.
Bei ihm ist der Tod, biblisch gesehen, nicht der der Sünde Sold.
Aristoteles
32
Aristoteles hat zahlreiche Disziplinen entweder selbst begründet oder
maßgeblich beeinflusst, dazu zählen unter anderem auch die
Wissenschaftstheorie, die Logik, die Biologie, die Physik, die Ethik, die
Dichtungstheorie und auch die Staatslehre. Aus seinem eigenen
Gedankengut entwickelte sich dann im Laufe der Zeit der Aristotelismus.
Die verschiedenen Wahrheitstheorien unterscheiden sich unter anderem
danach, welchen Stellenwert sie dem Äquivalenzschema beimessen.
Dieses Schema besagt: Wenn man von einer Aussage, nennen wir sie
sondern vielmehr die Eigengesetzlichkeit des menschlichen Geisteslebens zu
verstehen suchte.
32
Aristoteles altgriechisch: (Betonung lateinisch und deutsch:
Aris'toteles), * 384 vor Christus in Stageira auf der Halbinsel Chalkidike; 322 vor
Christus in Chalkis auf der Insel Euboia, gehört zu den bekanntesten und
einflussreichsten Philosophen der Geschichte.
30
,,p", behauptet, sie sei wahr, dann ist die auf diese Weise gebildete
Aussage genau dann wahr, wenn die Ausgangsaussage wahr ist.
Ein Beispiel:
,,Mein Wunsch ist wahr geworden"! Was behauptet man, wenn man
behauptet ,,Mein Wunsch ist wahr geworden". Ein Wunsch hat eine
Struktur ,,W" genannt, und symbolisiert den Wunsch ,,p" genannt. Es
besteht der propositionale Gehalt (im gleichen Verhältnis) p = Satz, was
dann in der Folge heißt, dass der Inhalt des Wunsches, in der Proposition/
Aussage
... dem Denken in der Welt entspricht und der proportionale
Gehalt des Satzes wahr ist; das heißt weiter, dass sich sozusagen das
Verhältnis zu ,,p" ändert und sich im Bezug auf ,,p" nicht mehr im
intentionalen Zustand des Wünschens befindet, sondern des Für wahr
haltens, beziehungsweise des Überzeugung Habens, kurz Ü = p. Das
bedeutet wiederum, dass der Mensch sich nun nicht mehr ,,p" wünscht,
sondern davon überzeugt ist, dass ,,p" eine wahre Proposition ist. Mein
Wunsch hat sich dann in diesem Sinne erfüllt, was in der Folgung aber
nichts über die ,,wahre Erfüllung" des Wunsches aussagt.
Dieses Schema findet sich bereits bei Platon und wird bei Aristoteles
wie folgt formuliert: Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das
Nicht Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das
Nicht Seiende sei nicht, ist wahr. (Aristoteles, Metaphysik 1011 b
26ff.).
Das heißt konkret, dass falsch eine Aussage ist, welche von dem
Seiendem aussagt, es sei nicht, oder von Nicht Seiendem, es sei. Wahr
dagegen ist die Aussage, die von dem Seiendem aussagt, dass es ist, und
von Nicht Seiendem, dass es nicht ist. Wahres oder Falsches aussagen
heißt damit immer Sein oder Nichtsein aussagen, wobei sich das immer
auf Seiendes oder Nicht Seiendes bezieht.
Aristoteles formuliert seine Gedanken so: Zu sagen, dass das Seiende
nicht sei oder das Nicht Seiende sei, das ist falsch; dagegen zu sagen,
das Seiende sei und das Nicht Seiende sei nicht, das ist wahr.
Im Blick auf die Lüge sagt er: ,,Einen Fehler durch eine Lüge zu
verdecken heißt, einen Flecken durch ein Loch zu ersetzen".
Auch aus seiner Sicht ist die Lüge an sich schon schlecht und absolut
tadelnswert, wobei dazu im Gegensatz die Wahrheit gut und lobenswert
ist. Daraus ergibt sich dann in der Folgerung, dass auch der Wahrhaftige,
der die Mitte hält, lobenswert ist; die Menschen, die mit Lügen umgehen,
verdienen den Tadel; allerdings differenziert er dabei, indem er sagt,
dass der Prahler in einem höherem Maße davon betroffen ist.
Eine Einzelbetrachtung der beiden Typen (dem Wahrhaftigen und dem
Prahler) konstatiert er wie folgt: Es hat zunächst aber wohlgemerkt jetzt
nichts mit dem zu tun, was Verträge betrifft oder überhaupt mit Dingen,
die Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit betreffen; der Wahrheitsliebende,
der Mensch, der auch dann schon, wenn es auf nichts ankommt, die
31
Wahrheit sagt, wird dieses dann um so eher tun, wenn es auf etwas
ankommt. Dieser Mensch wird sich vor der Lüge als einer Unsittlichkeit
hüten, weil er die Lüge als solche schon verabscheut.
Nach Aristoteles ist ein solcher Mann des Lobes würdig. Er weicht von
der Wahrheit (wenn sie nicht ganz feststeht) lieber nach Seiten des
Zuwenig ab, denn dieses Tun scheint ihm passender zu sein, da ihm
Übertreibungen grundsätzlich widerwärtig sind.
Wer sich ohne besondere Absicht größer macht als er ist, gleicht zwar
etwas einem schlechten Manne, weil er sonst nicht gern lügt, ist aber aus
der Sicht von Aristoteles wohl eher mehr ein leerer und eitler, als ein
böser Mensch. Geschieht dieses Tun aber mit Absicht, dann ist er, wenn
diese Absicht auf Ehre und Ansehen ausgerichtet ist, wie der Prahler
nicht allzu sehr zu tadeln; ist diese Absicht aber auf Geld und Geldeswert
gerichtet, so zeigt er sich in einem hässlicheren Licht.
Die Prahlerei liegt aber nicht in dem Vermögen zu prahlen, sondern in
einem freien Willen begründet. Ein Prahler ist auf Grund eines Habitus
(äußere Erscheinung, Gestalt und Erscheinung eines Menschen) ein
Prahler, weil er dementsprechend beschaffen ist, ebenso, wie es auch ein
richtiger Lügner ist, da er selbst am Lügen Freude hat; im Gegensatz
dazu lügt ein Anderer um des Ansehens oder des Gewinns willen. Die
Menschen die also prahlen, um sich ein entsprechendes Ansehen zu
geben, schreiben sich durch dieses Tun Eigenschaften zu, auf Grund
derer sie dann gelobt oder glücklich gepriesen werden, gepriesen werden
wollen. Menschen, die das wegen eines Gewinnes tun, schreiben sich
Eigenschaften zu, von denen zum Einen ihre Mitmenschen einen Vorteil
haben, und zum Anderen deren Nichtvorhandensein sich auf diese Weise
damit verbergen lassen; so geben sie sich beispielsweise als kluge
Wahrsager oder Ärzte aus, tun sich damit groß, weil meistens gerade bei
diesen Menschen diese Eigenschaften vermutet werden, und die
genannten Bedingungen zutreffen.
33
Sokrates
34
Die herausragende Bedeutung von Sokrates zeigt sich unter anderem
darin, dass alle griechischen Denker vor ihm als ,,Vorsokratiker"
bezeichnet werden. Sokrates entwickelte die philosophische Methode
eines strukturierten Dialogs, die er Mäeutik (Maieutik, von altgriechisch
maieutik abgeleitet ,,Hebammenkunst", bezeichnete
Sokrates in Anspielung auf den Beruf seiner Mutter seine Kunst der
Gesprächsführung. Platon legte seine Philosophie ganz überwiegend in
der literarischen Form Sokratischer Gespräche nieder.) nannte. Diese
Kunst der Gesprächsführung und ihre philosophischen Inhalte wurden
nur indirekt überliefert, da Sokrates selbst nichts Schriftliches
hinterlassen hat. Mehrere seiner Schüler (siehe ,,fiktives
angenommenes Gespräch" bei Platon), der berühmteste unter ihnen war
33
Aristoteles Nikomachische Ethik, Übersetzung Eugen Rolfes, 1921
34
Sokrates
, *
469 vor Christus in Alopeke, Athen; 399 vor Christus, war ein
für das abendländische Denken grundlegender griechischer Philosoph, der in Athen
zur Zeit der Attischen Demokratie lebte und wirkte.
32
Platon, haben sokratische Dialoge verfasst und dabei die
unterschiedlichen Züge seiner Lehre betont. Die unbeugsame Haltung
von Sokrates wegen seines angeblich verderblichen Einflusses auf die
Jugend und Missachtung der griechischen Götter in dem gegen ihn
geführten Prozess, hat wesentlich zu seinem Nachruhm beigetragen. Das
Todesurteil nahm er als gültiges Fehlurteil gelassen hin; bis zur
Hinrichtung durch den Schierlingsbecher beschäftigten ihn und die
Freunde und Schüler, die ihn im Gefängnis besuchten, philosophische
Fragen.
Nahezu alle bedeutenden philosophischen Schulen der Antike haben sich
auf Sokrates berufen. Michel de Montaigne
35
nannte ihn im 16.
Jahrhundert den ,,Meister aller Meister" (Zitat nach Kaufmann) und Karl
Jaspers schrieb: ,,Sokrates vor Augen zu haben, ist eine der
unerlässlichen Voraussetzungen unseres Philosophierens" (Zitat nach
Kaufmann).
Sokrates war einer der ersten Denker, die ein ,,Kommunikationsmodell"
entwickelt haben: Die drei Siebe (Fragen). Durch diese Siebe (Fragen,
die man sich selbst stellt) sollte ein Gedanke erst hindurch fallen, bevor
man ihn ausspricht.
Folgt man Sokrates, dann darf man folglich nie lügen! So sagte er
beispielsweise im Blick auf die Lüge: ,,Dem, der ständig lügt, wird man
(auch) die Wahrheit nicht glauben".
Platon
36
Er war ein Schüler des Sokrates, dessen Denken und Methode er in
vielen seiner Werke schilderte. Die Vielseitigkeit seiner Begabungen und
die Originalität seiner wegweisenden Leistungen als Denker und
Schriftsteller machten Platon zu einer der bekanntesten und
einflussreichsten Persönlichkeiten der Geistesgeschichte. In der
Metaphysik und Erkenntnistheorie, in der Ethik, der Anthropologie
(griechisch: anthropología, ,,die Menschenkunde", von
ánthropos ,,der Mensch", ist die Disziplin der Philosophie,
die sich mit dem Wesen des Menschen befasst), der Staatstheorie, der
Kosmologie, der Kunsttheorie und der Sprachphilosophie setzte er
Maßstäbe auch für diejenigen, die ihm wie sein Schüler Aristoteles in
zentralen Fragen widersprachen.
Platon resümiert, dass die Lüge in gewissem Sinn höher einzustufen sei
als die wahrheitstreue Rede: Der Lügner bedarf eines besseren
Gedächtnisses, einer stärkeren Vorstellungskraft und gewiss einer
höheren Intelligenz und Phantasie als derjenige, der nur das von sich gibt,
was er wahrheitsgemäß erlebt hat. Der Lügner muss seine Lügen
zusammenhängend und widerspruchsfrei halten, er nicht entdeckt werden
will.
35
Michel Eyquem de Montaigne, * 28. Februar 1533 auf Schloss Montaigne im
Périgord; 13. September 1592 ebenda, war Politiker, Philosoph
36
Platon, * 428/427 vor Christus in Athen oder Aigina; 348/347 vor Christus in
Athen, war ein antiker griechischer Philosoph.
33
Ein fiktives Gespräch
37
zwischen Sokrates und Platon über die Lüge:
Sokrates: ,,Nun, mein Lehrling, erzähle mir über die Lüge. Die Lüge
deines Lebens. Die Lüge, dass ich klug bin. Die Lüge, dass du klug bist."
Platon: ,,Mein Meister Sokrates. Ich hege keinesfalls Zweifel daran, dass
ihr selbst eine Lüge seid. Seid ihr der, wofür ihr euch ausgebt? Oder ist
euer Bart, eure äußere Hülle bloß eine Lüge?"
Sokrates: ,,Nun, mein Schüler, ihr sprecht wahre Worte. Doch was sind
Lügen? Lügen die Schauspieler nicht auch auf der Bühne? Lügen sie sich
nicht einen Charakter, den sie gar nicht haben?"
Platon: ,,Meister Sokrates, ihr definiert die Lüge als etwas positives, dass
uns umgibt".
Sokrates: Ich habe sie keinesfalls als etwas Positives definiert.
Platon: ,,Dann war das meine Interpretation. Doch wenn ihr mir die
simple, oberflächliche Frage stellt, ich solle euch über die Lüge erzählen,
dann erzähle ich euch folgendes:
Die Lüge stellt die Wahrheit in Frage, wetteifert mit ihr, verliert aber
immer wieder. Wer hat denn noch nie gelogen? Eine Lüge ist eine
Verdrehung der Tatsachen, so wie es die entsprechende Person gerne
haben würde. Wer sagt, er log aus Not, der mag wohl recht gehandelt
haben und auf sein Herz gehört haben, aber die Folgen sind dennoch
fatal. Es ist meiner Meinung nach immer richtig die Wahrheit zu sagen,
anstatt sich hinter etwas falschem zu verstecken und jemanden damit tief
zu verletzen. Dies ist meine Auffassung über die Lüge, Meister".
Sokrates: ,,Das war gut, mein Schüler, wenngleich ich Eure Auffassung
nicht teilen kann. Ich finde die Lüge gut. Sie umgibt uns und ohne zu
lügen, wäre ich nie das, was ich jetzt bin".
Ernst Bloch
38
(eigentlich Ernst Simon Bloch),
,,Wer leben will, muss sich irgendwie stets belügen.
Es gibt keinen Menschen, der ohne die wohltätigen Folgen des
Träumens
auch nur einen Schritt gehen könnte oder gar imstande wäre,
sich zu seiner Tagesarbeit zu erheben" (Bloch: GU: 55).
,,Die Fälschung unterscheidet sich vom Original dadurch, dass sie echter
aussieht", sagt Ernst Bloch im Rahmen einer Ausstellung unter dem
Titel ,,Wahre Lügen Original und Fälschung im Dialog" (17. 22. Juni
2008).
37
http://www.cassiodor.com/Artikel/5077.aspx
38
Ernst Simon Bloch, * 8. Juli 1885 in Ludwigshafen am Rhein; 4. August 1977,
Tübingen, war ein deutscher marxistischer Philosoph.
34
Albert Camus
39
,
Die Camus'sche Philosophie wird in Abgrenzung zum Existentialismus
oft mit dem Titel ,,Philosophie des Absurden" gekennzeichnet,
beziehungsweise beschrieben.
,,Die Wahrheit, die das Licht, blendet. Die Lüge dagegen ist ein schöner
Sonnenuntergang, der alle Dinge verschönert", sagt Albert Camus.
,,Ich habe nie an die Macht der Wahrheit an sich geglaubt.
Aber es ist schon viel, wenn man weiß, dass bei gleichen
Kräfteverhältnissen die Wahrheit stärker ist als die Lüge", so Camus an
anderer Stelle.
,,Aber es ist schon viel, wenn man weiß, dass bei gleichen
Kräfteverhältnissen die Wahrheit stärker ist als die Lüge".
Peter Möller
40
,
Er war nach seiner eigenen Darstellung in seiner Kindheit ein Christ; in
seiner Jugendzeit Kommunist hat er sich am Kommunismus orientiert
und ist nun seit Anfang seiner 30er Jahre ein Sozialdemokrat. Heute
schätzt er sich als einen so individualistisch und selbst denkenden
Menschen ein, der mit seinen teilweise so ungewöhnlichen
Auffassungen, nicht mehr in die ,,klassischen" Schubladen passt.
In ,,Meiner Philosophie" stellt er die These auf, dass das Sein aus
verschiedenen, sich einander ausschließenden Wirklichkeiten bestehen
könnte. Aber im Unterschied zur Kohärenztheorie versucht er den Bezug
zu der von ihm unabhängigen Realität zu behalten. Diese Realität
erscheint widersprüchlich und dialektisch.
Der Neuthomismus
In der neueren Philosophie wird die Korrespondenztheorie vor allem vom
Neuthomismus (Emerich Coreth, Karl Rahner, Johannes Baptist Lotz)
vertreten. Wahrheit wird dort generell als eine Übereinstimmungs
beziehungsweise Angleichungsbeziehung zwischen dem Wissen eines
erkennenden Subjekts und einem Seienden verstanden, auf das sich
dieses Wissen bezieht. Coreth definiert Wahrheit in typischer
Formulierung als ,,Übereinstimmung zwischen dem Wissen und dem
Seienden"
41
. Den Hintergrund bildet die Auffassung von einer
39
Albert Camus, * 7. November 1913 in Mondovi, Algerien; 4. Januar 1960 nahe
Villeblevin, Yonne, Frankreich, war ein französischer Schriftsteller und Philosoph
und gilt als einer der bekanntesten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts. 1957
erhielt er für sein erzählerisches, dramaturgisches, philosophisches und
publizistisches Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur.
40
Peter Möller, Jahrgang 1952; geboren und aufgewachsen in Hamburg. Seit 1990
lebt er in Berlin. Vor langer Zeit Volksschüler und Arbeiter. Später Studium über
den 2. Bildungsweg an der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) in
Hamburg und an den Universitäten Hamburg und Freiburg im Breisgau. Diplom
Sozialwirt. Nach dem Studium Tätigkeiten in der Jugend und Sozialarbeit, der
Erwachsenenbildung, als Kabarettist, Internetprogram mierer und Schriftsteller.
41
Emerich Coreth: Metaphysik: Eine methodisch systematische Grundlegung. Seite
350, Tyrolia, Innsbruck/Wien/München, 1961
35
grundsätzlichen Identität von Sein und Wissen: ,,Sein ist ursprünglich
und eigentlich Sich Wissen, wissendes Bei sich Sein im geistigen
Vollzug"
42
.
In der Neuscholastik wird der Neuthomismus als der eigentliche Kern
bezeichnet. Unter dem Neuthomismus versteht man eine ,,Philosophie
nach Kant", die eine Metaphysik im Sinne Thomas von Aquins neu
begründet. Der Weg zur Seinsmetaphysik führt insbesondere über das
Argument der Retorsion und die Urbejahung (affirmation absolue) des
Seins, die in jeder urteilenden Aussage hintergründig gesetzt wird. Auf
diese Weise werden die Problemebene Thomas von Aquins und die
damit verbundenen Fragen, so wie die nach Identität und Differenz der
Seienden im Sein, sowie die Frage nach dem absoluten Sein
wiedergewonnen und in ihren Antworten weiter entfaltet; siehe auch
Thomas von Aquin: ,,De ente et essentia", ins Deutsche übersetzt: ,,Über
das Seiende und das Wesen".
Eine des Neuthomismus stellt die Quellenforschung der großen
Theologen Meister Eckhart
43
, Albertus Magnus
44
und Thomas von Aquin
dar.
Die Bewegung des Neuthomismus war in Frankreich und Belgien am
stärksten entwickelt. Die Enzyklika Aeterni Patris von Papst Leo XIII.
vom 4. August 1879 gab dem Neuthomismus starke Impulse.
Mitbegründet wurde diese ,,Denkschule" von Joseph Maréchal
45
(1878
1944); zu den bekanntesten Vertretern des Neuthomismus der Gegenwart
gehören Jacques Maritain
46
, Étienne Gilson
47
, Erich Przywara
48
,
42
Emerich Coreth: Metaphysik: Eine methodisch systematische Grundlegung, Seite
354, Tyrolia, Innsbruck/Wien/München, 1961
43
Eckhart von Hochheim, bekannt als Meister Eckhart, * um 1260 in Hochheim bei
Gotha; vor 30. April 1328 in Avignon oder Köln, war ein bedeutender Theologe
und Philosoph des christlichen Mittelalters. Seine Schriften hatten großen Einfluss
auf die rheinländische Mystik; Eckhart selbst als Mystiker zu bezeichnen ist
umstritten.
44
Albertus Magnus (auch Albertus Teutonicus; Albertus Coloniensis; Albert der
Große, Albert der Deutsche, Albert von Lauingen, oft auch fälschlich Albert Graf
von Bollstädt genannt), * um 1200 in Lauingen an der Donau; 15. November 1280
in Köln) war ein deutscher Gelehrter und Bischof, der wegbereitend für den
christlichen Aristotelismus des hohen Mittelalters war. Im Jahr 1622 wurde er selig
und am 16. Dezember 1931 von Papst Pius XI. heilig gesprochen und zum
Kirchenlehrer erklärt.
45
Joseph Maréchal, * 1. Juli 1878 in Charleroi; 11. Dezember 1944 in Löwen, war
ein belgischer Jesuit und Philosoph des Neuthomismus. Nach dem Studium der
Zoologie, Psychologie, Philosophie und Theologie wurde er 1908 zum Priester
geweiht. Von 1919 bis 1935 war er Professor am Jesuitenkolleg Löwen. Maréchal
konfrontierte den Neuthomismus mit Immanuel Kant und dem deutschen
Idealismus. Darüber hinaus sind seine Studien zur Psychologie der Mystiker bekannt
geworden. Im deutschen Sprachraum hatte er besonderen Einfluss auf Karl Rahner
und Johannes Baptist Lotz.
46
Jacques Maritain, * 18. November 1882 in Paris; 28. April 1973 in Toulouse, war
ein französischer Philosoph.
47
Étienne Gilson, * 13. Juni 1884 in Paris; 19. September 1978 in Auxerre, Dé
partement Yonne, war ein französischer Philosoph und Historiker.
36
Johannes Baptist Lotz
49
, Walter Brugger
50
, Karl Rahner
51
, Bernard
Lonergan
52
und Emerich Coreth
53
.
Der Neuthomismus unterscheidet sich vom Thomismus im engeren
Sinne, wie er etwa von den großen Dominikanerthomisten, Réginald
Garrigou Lagrange
54
, Santiago Ramirez
55
unter anderem vertreten wird.
Zitate zur Wahrheit
Aus der riesigen Menge von Zitaten zur Wahrheit habe ich die
herausgesucht, die mir am Besten gefallen haben:
,,In vinum veritas. Im Wein liegt die Wahrheit. Und mit beidem stößt
man an".
56
Max Frisch
: ,,Man sollte dem Anderen die Wahrheit wie einen Mantel
hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen
nassen Lappen um die Ohren schlagen".
André Gilde
: ,,Glaube denen, die die Wahrheit suchen. Und zweifle an
denen, die sie gefunden haben".
Lessing
: ,,Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder
zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat,
hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen".
Popper
: ,,Ich mag unrecht haben und Du magst recht haben; und wenn
wir uns bemühen, dann können wir zusammen vielleicht der Wahrheit
etwas näher kommen".
48
Erich Przywara, * 12. Oktober 1889 in Kattowitz; 28. September 1972 in Hagen
bei Murnau, war Jesuit, katholischer Philosoph und Theologe.
49
Johannes Baptist Lotz, * 2. August 1903 in Darmstadt; 3. Juni 1992 in München;
auch: Johannes B. Lotz, war ein deutscher Jesuit und Philosoph des Neuthomismus
und der katholischen Existenzphilosophie.
50
Walter Brugger, * 17. Dezember 1904 in Radolfzell; 13. Mai 1990 in München,
war ein deutscher Jesuit und Philosoph.
51
Karl Rahner, * 5. März 1904 30. März 1984, war ein deutscher Jesuit und
Theologe, der neben Bernard Lonergan und Hans Urs von Balthasar, einflussreiche
meisten gilt als einer der römisch katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er
war der Bruder von Hugo Rahner. Er war geboren in Freiburg und starb in
Innsbruck, Österreich.
52
Bernard Joseph Francis Lonergan, S.J., CC, * 17. Dezember 1904; 26. November
1984, war ein kanadischer jesuitischer Theologe und Religionsphilosoph.
53
Emerich Coreth, * 10. August 1919 in Raabs an der Thaya; 1. September 2006 in
Innsbruck, war ein österreichischer katholischer Theologe und Philosoph.
54
Réginald Garrigou Lagrange, * als Gontran Garrigou Lagrange, latinisiert
Reginaldus Garrigou Lagrange; * 21. Februar 1877 in Auch (Vendée /
Frankreich); 15. Februar 1964 in Rom) war ein französischer Dominikaner.
55
Ramires, Santiago * 29. Dez. 2002. Spanischer Thomist und Dominikaner. * 1891 in
Burgos, 1967 zu Salamanca.
56
Wird verschiedenen Leuten zugeschrieben. Unabhängig davon, wem dieser Aphor
ismus zum ersten Mal einfiel, er gibt kurz, knapp, treffend und humorvoll wieder,
wie wenig die Wahrheit häufig erwünscht ist.
37
George Bernard Shaw
: ,,Wenn etwas witzig ist, untersuche es sorgfältig
auf die verborgene Wahrheit".
Zhuang Zhou
: ,,Es ist derjenige am weitesten von der Wahrheit entfernt,
der auf alles eine Antwort hat".
Mark Twain
(1835 1910): Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde
gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.
Russland
:
,,
Aus dem Munde eines Kindes spricht die Wahrheit".
Deutschland
: ,,Das Gerücht ist immer größer als die Wahrheit".
Japan
: ,,Der Scherz ist das Loch, aus dem die Wahrheit pfeift".
Deutschland
: ,,Die Wahrheit von heute ist die Lüge von morgen".
Georgien
: ,,Die Wahrheit wird im Streit geboren".
Lateinisches Sprichwort nach Plinius dem Älteren
: ,,Im Wein steckt
die Wahrheit!" Naturgeschichte XIV, 50, 141 und Alkäus von Mytilene,
Fragment 57
Niederlanden
: ,,In Spott und Spiel sagt man oft die Wahrheit".
Deutschland
: ,,Kinder und Narren sagen immer die Wahrheit".
Deutschland
: ,,Zum Begräbnis der Wahrheit gehören viele Schaufeln".
Frankreich
: ,,Nur die Wahrheit kann verletzen".
Dänemark
: ,,Wahrheit ist immer obdachlos".
Georgien
: ,,Wer die Wahrheit sagt, sollte sein Pferd gesattelt lassen".
Polen
: ,,Wer fragt, sucht die Wahrheit".
Otto von Bismarck
: ,,Die Wahrheit hat es gegen die Lüge immer
schwer, wenn die Öffentlichkeit die Lüge glauben will".
57
Andreas von Rétyi
: Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles
Pferd".
58
57
Otto von Bismarck, deutscher Reichskanzler 1815 1898
58
Andreas von Rétyi, * 1963 in München, ist Publizist und Autor populär und
parawissenschaftlicher Bücher mit dem Schwerpunkt Ufologie.
38
Kapitel 2
Wahrheit und Wahrheitstheorien
Die Wahrheit
(westgermanisch wâra, das wie lateinisch verus zu
indogermanisch uêro gehört; griechisch Aletheia; lateinisch veritas,
wirklicher Sachverhalt) ist einer der wichtigsten philosophischen
Grundbegriffe. Die Frage nach der Wahrheit gehört zu den zentralen
Problemen der Philosophie und wurde von den verschiedensten
philosophischen Schulen und Denkern auch sehr unterschiedlich
beantwortet und gesehen.
Dabei sind aber ganz grundsätzlich zwei Fragenkreise, zum einen die
Fragen nach dem Begriff von Wahrheit (Wahrheitsdefinition/en), sowie
auch die Fragestellung nach deren Kriterium zu unterscheiden, denn die
Wahrheitsdiskussion stellt die unterschiedlichsten Fragen aus den ebenso
unterschiedlichen Blickwinkeln:
1. Was verstehen wir unter ,,Wahrheit"?
2. Was ist ,,wahr"?
Hier geht es um begriffliche und definitorische Antworten.
Was ist wahr?
Folgeüberlegungen dazu lauten dann beispielsweise so:
Wie und nach welchen möglichen Kriterien kann Wahrheit denn
überhaupt festgestellt werden?
Wovon, von welchen ,,Tatsachen" kann denn gesagt werden, dass
sie wahr sind? Bei diesem Gedankengang geht es im Kern um
metaphysische,
semantische
und
erkenntnistheoretische
Überlegungen einerseits, Belange und um Rechtfertigung als
Wahrheitsträger andererseits.
Gerade auf den letzten Gedanken bezogen, dem Wahrheitsträger,
gibt es viele unterschiedliche Meinungen, Standpunkte und
Antworten. Als mögliche Wahrheitsträger kommen dann
beispielsweise fundierte Urteile in jeglicher Form, also sozial,
zwischenmenschlich, ebenso wie auch juristisch Urteile, die
Behauptungen aller möglichen Denker, alle möglichen Theorien
und ihre Ansätze, die noch so unterschiedlichen Denkakte,
Äußerungen in jeglicher Form, Sätze, Satztypen, Satzinhalte und
Sprechakte in Frage.
An dieser Stelle klammere ich die Verwendung von Ausdrücken
wie ,,ein wahrer Freund" und die damit verbundenen,
unterschiedlichsten Freundschaftssprüche oder auch Sätze aus der
Dichtung
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wie ,,Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen
59
Franz Kafka, Erzählungen, ,,Die Verwandlung", von 1914
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Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem
ungeheueren Ungeziefer verwandelt" aus.
Es ist bei diesen Überlegungen auch nicht von Bedeutung, in
welcher Sprache der Satz abgefasst und ob er tatsächlich so
gesprochen wurde. Es ist auch nicht wichtig, ob die Wahrheit an
dieser Stelle vielleicht genauer mit der in diesem Satz geäußerten
Idee oder einem ihm zugrunde liegenden Gedanken (in der
philosophischen Diskussion auch Proposition genannt) kooperiert.
Es soll an und ab dieser Stelle aber ausdrücklich nicht
ausgedrückt werden, dass diese Überlegungen, auf welche
Kerngedanken nun wirklich die Attribute ,,wahr" oder ,,falsch"
zugesprochen können oder sollen unwichtig sind, sondern es soll
lediglich deutlicht werden, dass ein weiteres Eingehen auf diese
Frage deutlich zu weit führen und den eigentlichen Rahmen
sprengen würde.
Bereits bei der Frage nach dem Begriff der Wahrheit ist es
schon möglich, in einem ersten alltagssprachlichen Zugang den
Begriff ,,Wahrheit" in seiner Bedeutung grundsätzlich von dem
Terminus Falschheit in seiner spezifischen Bedeutung, also der
Lüge oder auch einem Irrtum ganz klar abzugrenzen. Rein von
der Grammatik her gesehen lassen sich dabei sowohl ein
substantivischer (,,Ich sage die Wahrheit".), wie auch ein
attributiver (,,Das ist wahre Kunst".) und ein prädikativer Sinn
(,,Es ist wahr, dass es heute regnet".) bei den Wörtern ,,wahr" und
,,Wahrheit" in ihrer Unterscheidung zuordnen.
In der Aussagenlogik ist jeder dieser Aussagen ganz eindeutig
einem Wahrheitswert zugeordnet. Bei den zusammengesetzten
Aussagen kann diese Aussagelogik nach den formalen Regeln aus
den Wahrheitswerten der Teilaussagen unzweifelhaft eruiert
werden. In der zweiwertigen Aussagenlogik gibt es deshalb auch
die beiden Wahrheitswerte ,,wahr" und ,,falsch".
Der Begriff ,,Wahrheit
"
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Definition
Unter Wahrheit (englisch truth, französisch vérité, griechisch aletheia,
lateinisch veritas), versteht man nach einer Definition die
Übereinstimmung einer Aussage oder eines Gedankens mit der
Wirklichkeit oder auch einem durch Konventionen und Normierung
festgelegten Regelwerk, etwa dem, wie in der Mathematik (,,zwei und
zwei ist vier"). Grundsätzlich aber wird als wahr alles das angesehen, das
dem Satz ,,Diese Aussage ist falsch" widerspricht; danach ist ein Satz
oder auch ein Gedanke immer dann wahr, wenn er einen Sachverhalt
formuliert, der auch tatsächlich besteht. Diese Auffassung von Wahrheit
wird auch als Korrespondenztheorie der Wahrheit bezeichnet. Der
Wahrheitsbegriff der Korrespondenztheorie entspricht damit auch dem
alltagssprachlichen Verständnis von Wahrheit.
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Definition des Begriffs Wahrheit: Encarta® Enzyklopädie Professional 2003 ©
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Eine klassische Definition der Wahrheit: Lexikon der Philosophie
Eine große Rolle spielen die Korrespondenztheorien (von den
lateinischen Termini co = mit und respondere, antworten) oder
Übereinstimmungstheorien der Wahrheit, nach welchen etwas wahr ist,
wenn es dem entspricht oder mit dem übereinstimmt, von dem es
ausgesagt wird. Das bezeichnet man bisweilen auch die klassische
Definition der Wahrheit.
Aspekte der Wahrheit:
Wahrheit lässt sich auffassen als
·
die Übereinstimmung von Aussagen mit Realitäten,
·
die auf ein Handlungsziel bezogene verantwortete Interpretation
von Realitäten,
·
die Wahrhaftigkeit im zwischenmenschlichen Umgang.
Alle drei Aspekte entwickeln allerdings eine Vielzahl an Fragestellungen,
mit denen sich auch die verschiedensten wissenschaftlichen
Fachbereiche, wie beispielsweise die Philosophie, die Logik oder auch
die Mathematik im Einzelnen beschäftigen.
Wahrheitskriterien:
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Im Fokus der philosophischen Wahrheitstheorien steht zunächst die
Suche nach hinreichenden Wahrheitskriterien. Dabei geht es primär um
die Frage, aufgrund welcher Dispositionen wahre und falsche Aussagen
tatsächlich unterschieden werden können. Dabei kommen folgende
Kriterien in Betracht:
·
Die Übereinstimmung (Konsens) einer Gemeinschaft (von
Experten oder auch von Laien), die darüber entscheidet, was in
dieser Gemeinschaft jeweils für wahr und falsch gehalten wird.
·
Die praktische Nützlichkeit einer als wahr behaupteten Ansicht.
Danach ist eine Aussage über einen Sachverhalt wahr, wenn die
Annahme sich im Umgang mit diesem Sachverhalt als
erfolgreich erweist. Nützlich, gut und wahr werden somit zu
synonymen Begriffen, eine Position, die etwa die Tugendlehre
des Sokrates bestimmte. Heute wird diese Position vor allem
von der Philosophie des Utilitarismus vertreten.
·
Der innere Zusammenhang (Kohärenz) eines Gesamtsystems
von Aussagen. Eine einzelne Aussage, die ein Element im
Zusammenhang mehrerer Aussagen darstellt, ist demnach wahr,
sofern sie mit anderen Elementen zusammenstimmt und sich
widerspruchslos in das Gesamtsystem der Aussagen einfügt.
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