(1)
Peter Singer ist wie schon andere Philosophen vor ihm der Ansicht, dass ein Ethikkonzept, welches eine Handlungsanweisung für jede konkrete Situation bereit halten soll, einen universalen Standpunkt einnehmen muss und dabei ein Bewertungskriterium bereitstellen, dass allgemeingültig ist und als Maßstab für jede Entscheidung fungieren kann. Dieses Kriterium bildet die objektive Instanz zwischen der eignen Person und derer, die von einer Entscheidung betroffen sind. Der neutrale, unparteiische Charakter dieses Kriteriums erfordert weiterhin ein auf die Lebewesen anwendbares Gleichheitsprinzip. Diese Anforderungen werden durch das Prinzip der gleichen Interessenabwägung erfüllt. Dieses besagt, dass bei der Wahl die Interessen von allen von einer Handlung betroffenen Lebewesen in gleichem Maße zu berücksichtigen sind. (2)
Für Peter Singer ist klar, dass „Wenn ein Wesen nicht fähig ist zu Leiden oder Freude […] zu empfinden, dann gibt es auch nichts zu berücksichtigen“ (Singer, 1993, S.83). Singer schreibt somit all jenen Geschöpfen einen moralischen Status zu, die empfindungsfähig sind. Die Fähigkeit Leid und Freude empfinden zu können ist die alleinige Grundlage einer Grenzziehung für die moralische Gemeinschaft. Genetisch bedingte Eigenschaften wie Intelligenz, Sprachfähigkeit bzw. allgemeiner die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies können hierfür kein Maßstab sein. Rassismus beispielsweise nimmt die Grenzziehung vollkommen willkürlich vor und lässt die Interessen von Menschen nur auf Grund ihrer Hautfarbe oder anderen unbedeutenden Merkmalen außen vor. Für Speziesisten besteht die moralische Gemeinschaft lediglich aus Mitgliedern der eigenen biologischen Spezies Mensch, was zur Folge hat, dass die eigenen Interessen systematisch über die von nichtmenschlichen Lebewesen gestellt werden. Singer weist auf die Analogie zwischen dem Speziesismus und dem Rassismus hin (vgl. ebd. S.83 ), da es keinen Unterschied macht die Interessen eines Menschen lediglich auf Grundlage seiner Hautfarbe zu missachten oder das Interesse eines Lebewesens auf Grund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gattung. Singer verurteilt Speziesismus weiterhin unter Miteinbeziehung der 3. Prämisse. (3)
Sie besagt, dass Tiere für leidvolle oder glückliche Bewusstseinszustände empfindsam seien, was Singer empirisch belegt. Zunächst einmal ähnelt das Verhalten von Tieren, welchen Leid widerfährt, dem vom Menschen: Sie scheinen hektisch auf die erhöhte
Stresshormonausschüttung zu reagieren, sie geben ungewöhnlich laute und durchdringende Töne von sich und Affenarten haben sogar spezifische dem Menschen ähnliche Gesichtsausdrücke. Weiterhin gibt es kaum Unterschiede zwischen dem menschlichen Nervensystem und dem der Wirbeltiere, Vögel und Säugetiere. (Vgl. Ebd. S. 100) Die Fähigkeit Schmerzen zu spüren bietet schon seit Jahrtausenden einen erheblichen evolutionären Vorteil, da hierdurch gefährliche Situationen vermieden werden. (4)
Auf Grund dieser Empfindsamkeit widerspricht die industrielle Haltung der Tiere zu Konsumzwecken in großem Maß deren Interessen. Da Fleisch wie jedes andere Produkt im kapitalistischen Marktgeschehen Produktivitätssteigerungszwängen unterliegt und die Nachfrage nach wie vor sehr hoch ist, müssen Tiere zum bloßen Zweck der effizienten Nahrungsproduktion von ihrer Geburt bis zur Schlachtung grausame Bedingungen ertragen. Dies sind wiederum empirische , nicht von der Hand zu weisende Fakten. Singer zählt hierfür einige Beispiele auf wie die Unterbringung in viel zu engen Käfigen in Hallen ohne Tageslicht, Kastration und andere medikamentöse Behandlungen oder der Stress bei Transport oder meist viel zu früh erfolgenden Trennung vom Muttertier (Vgl. ebd. S.93) (5)
Den Wahrheitsgehalt der fünften Prämisse untermauert Peter Singer wiederum mit einem wissenschaftlichen Faktum, demnach Fleisch für eine gesunde und ausgewogene Ernährung für den Menschen nicht erforderlich ist. Ebenso erhöht Fleisch nicht die Menge der zur Verfügung stehenden Nahrung, im Gegenteil gehen durch die Veredelung von Getreide als Tierfutter etwa 90% des Nährwerts verloren. Der Mensch, zumindest der zivilisierte, hat somit objektiv nur ein schwach begründetes Interesse am Fleischverzehr. Also:
Zusammengefasst setzt sich Peter Singers Argument wie folgt zusammen. Die Prämissen 2 und 3 lassen darauf schließen, dass Tiere als empfindungsfähige Lebewesen mit damit einhergehenden Interessen einen moralischen Status besitzen. Auf Grundlage des in Prämisse 1 dargelegten moralischen Grundprinzips der gleichen Interessenberücksichtigung müssen Menschen bei der Frage, ob Fleischkonsum moralisch vertretbar ist, die Größe ihres Interesses mit dem der Tiere vergleichen. Aus Prämisse 4 und 5 ergibt sich hierbei eindeutig, dass Fleischkonsum bei gleicher Interessenberücksichtigung moralisch nicht vertretbar ist.
Prämissen 3, 4 und 5 sind auf Grund ihrer empirischen Fundierung kaum zu kritisieren.
Arbeit zitieren:
Jerome Wittemann, 2010, Peter Singers Argumentation gegen Fleischverzehr, München, GRIN Verlag GmbH
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