Inhalt
I. Einführung 3
II. Die Entwicklung zur Hauptstadt Rumäniens
1. Gründung und Mittelalter 7
2. Die postbyzantinische Stadt (1500-1716) 10
3. Das fanariotische Bukarest (1716-1821) 17
4. Emanzipation zwischen Russland und dem Osmanischen Reich (1821-1866) 23
III. Mythen und ihre Darstellung im öffentlichen Raum 34
IV. Das bürgerliche Bukarest (1866-1918)
1. Der gesellschaftspolitische Rahmen 44
2. Die urbane Entwicklung und wichtige stadtprägende Bauten 48
V. Die Stadt der Moderne (1918-1945)
1. Der gesellschaftspolitische Rahmen 61
2. Die urbane Entwicklung und wichtige stadtprägende Bauten 66
VI. Die sozialistische Stadt (1947-1968)
1. Der gesellschaftspolitische Rahmen 75
2. Die urbane Entwicklung und wichtige stadtprägende Bauten 77
VII. Die Ära Ceauƕescu und der Umbau der Stadt (1968-1989)
1. Der gesellschaftspolitische Rahmen 84
2. Die urbane Entwicklung und wichtige stadtprägende Bauten 87
VIII. Anhang 96
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I. Einführung
Im April 2008 rückte die rumänische Hauptstadt für einige Tage in den Mittelpunkt weltweiter 1 von Nicolae Berichterstattung: Das bis dahin größte NATO-Treffen tagte im ehemaligen Palast Ceauƕescu (1918-1989). Viel wurde geschrieben in Zeitungen und Zeitschriften, wobei der Fokus auch immer wieder auf die Geschichte des Baus gerichtet wurde. Zahlen und Fakten wurden fast 2 ausschließlich in Gesprächen und Interviews mit der Chef-Architektin Anca Petrescu herausgearbeitet. Eine genaue und unabhängige Analyse fehlte hingegen völlig. Umso erstaunlicher ist die Aufarbeitung der Vergangenheit. War es dem Besucher vor sechs Jahren noch möglich, wesentlich mehr über die Geschichte des Palastes zu erfahren, nicht zuletzt, weil die geführte Tour circa eine Stunde dauerte, muss man sich im Jahr 2011 mit einer knappen halben Stunde zufriedengeben. Außer einigen Detail-Beschreibungen zum Interieur des Palastes erfährt der Besucher nichts! Der Name des Auftragsgebers Nicolae Ceauƕescu fällt lediglich einmal. Es findet keinerlei Bezugnahme und Einbettung in den historischen Kontext statt. Da die Chefarchitektin alle Pläne und Quellen bezügliche des Palastes ‚unter Verschluss‘ hält, handelt es sich bei den Touristenauskünften um die einzig ‚offiziellen‘ Informationen, die einem 3 Interessierten zugänglich sind.
4 in der Vorliegende Arbeit möchte anknüpfen an eine Studienarbeit aus dem Jahre 2008, untersucht wurde, inwieweit der Palatul Parlamentului (Abb. 1) sich einreihen kann in die Liste der ‚großen‘ Nationalpaläste, wie sie im Rahmen des Hauptseminars im Wintersemester 2007/08 5 „Geschichte spielt nicht nur in der Zeit, sondern auch im an der TU-Dresden untersucht wurden.
Raum“ lautet der erste Satz Karl Schlögels viel beachteter Untersuchung zur 6 Die urbane Entwicklung der Stadt Bukarest soll daher auch in Zivilisationsgeschichte.
1 Heute: Palatul Parlamentului (dt.: Parlamentspalast).
2 Anca Petrescu, geboren 1949, war die Chefarchitektin und besitzt bis heute die wesentlichen
Informationen über den Bau des Palatul Parlamentului. Von ihr stammen auch die Informationen, die auf
einer geführten Tour durch den Palast dem Besucher dargelegt werden. Sie sitzt als Abgeordnete für die
rechtsextremen Partei PRM im rumänischen Parlament.
3 Sowohl inhaltlich als auch anschaulich unterschieden sich die Touren durch den Palast, an denen der Autor
in den Jahren 2004, 2008, 2009 und 2011 teilnahm, erheblich. Wobei die Quantität der Informationen
immer mehr abnahm.
4 Vgl. dazu: Jeute, Paul: Der Palast des Parlamentes in Bukarest. München 2011.
5 So u. a.: das Rockefeller-Center in New York, die Knesset in Jerusalem oder der Palast der Republik in
Berlin.
6 Vgl. dazu: Schlögel, Karl: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik.
Frankfurt am Main 2006.
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vorliegender Arbeit als möglicher Spiegel der historischen Entwicklung dienen, im ‚Raume die Zeit zu lesen‘.
Die von Karl Schlögel herausgegebene Stadtgeschichte der russischen Metropole Sankt 7 dient methodologisch ebenso als Grundlage für die Untersuchung und Petersburg
Rekonstruktion der Geschichte Bukarests wie auch die kulturgeografische Habilitationsschrift 8 Auch grundlegend sind die Joachim Vossens über die Entwicklung des Bukarester Stadtraums.
‚Krupp-Vorlesungen‘ von Aleida Assmann und die Arbeiten zum kulturellen Gedächtnis, die in 9 Durchaus wichtige Arbeiten für die historische Zusammenarbeit mit Jan Assmann entstanden.
Entwicklung Rumäniens und der Stadt Bukarest sind u. a.: Giuseppe Cinàs Zusammenstellung zur urbanen Identität, Daniel Ursprungs ‚Herrschaftslegitimation zwischen Tradition und Innovation‘, Nicolae Iorgas Quellensammlung zur Geschichte des Osmanischen Reiches, Neagu Djuvaras ‚Scurtĉ Istorie‘, Dan Berindeis Arbeiten zur historischen Entwicklung Bukarests, Andrei Pippidis Zusammenstellung ‚Bucureƕti. Istorie ƕi urbanism‘, Constantin Giurescus ‚Geschichte der Stadt Bukarest‘ und Mirel Brans ‚Bucureƕti dezgheƜul‘. Für die die städtebauliche Entwicklung des modernen Bukarests müssen vor allem die Arbeit ‚Un ghid adnotat‘ der Arcub-Gruppe, Andrei Pandeles ‚Casa Poporului‘ und die ‚Simptome de tranziƜie‘ von Ana Maria Zahariade erwähnt werden. Darüber hinaus gab Axel Barners literarische Quellensammlung ‚Bukarest zu erlesen‘ richtungsweisende Anregungen, die weit über das mögliche Spektrum vorliegender Arbeit ausgreifen. Gedankt sei an dieser Stelle besonders Herrn Professor Augustin Ion aus Bukarest sowie Cosmin fapu und seinen Kolleginnen vom Muzeul NaƜŝŽŶĂůůĚĞĞƌƚĉĉŽŶƚĞŵƉŽƌĂŶĉĉ;DEEͿ͕ die mehrere Tage Informationen und Kataloge zur zeitgenössischen Entwicklung Bukarests zur Verfügung stellten und unzählige Fragen beantworteten.
Mit vorliegender Arbeit wird der Versuch unternommen, am Beispiel Bukarest die historischen Zusammenhänge anhand der Topografie und räumlichen Ausgestaltung der Stadt, dem 10 ersichtlich und lesbar zu machen, denn „wo“ - fragt Ingmar Ahl in sogenannten spatial turn,
seinem Vorwort - „spiegeln sich die europäischen Potenzen Osteuropas deutlicher als in deren
7 Vgl. dazu: Schlögel, Karl u.a. (Hg.): Sankt Petersburg. Schauplätze einer Stadtgeschichte. Frankfurt am Main: 2007.
8 Vgl. dazu: Vossen, Joachim: Bukarest. Die Entwicklung des Stadtraumes. Von den Anfängen bis zur
Gegenwart. Berlin 2004.
9 Vgl. dazu: Assmann, Aleida: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen
Inszenierung. München 2007; Assmann, Aleida/Friese, Heidrun (Hg.): Identitäten. Erinnerungen,
Geschichte, Identität 3. Frankfurt am Main 1998; Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. München 1992
10 Vgl. dazu: Döring, Jörg/Thielmann, Tristan u.a. (Hg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und
Sozialwissenschaften. Bielefeld 2008; Schlögel, Karl: Kartenlesen, Augenarbeit. Über die Fälligkeit des spatial
turn in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. In: Kittsteiner, Heinz Dieter (Hg.): Was sind
Kulturwissenschaften? 13 Antworten. München 2004, S. 261-283.
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11 Städten, deren Gesichter von vielfältigen Aufbrüchen und Umbrüchen gezeichnet sind?“ In thematischer und chronologischer Abfolge soll die ‚Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‘ unterstrichen werden.
Das erkenntnisleitende Interesse eines jeden Kapitels wird bestimmt von der Frage, ob der ‚städtische Raum‘ Bukarests als Ergebnis verschiedener sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen resultiert und wie sich diese nachhaltig auf das Selbstverständnis der Stadtbewohner im Verhältnis zu ihrer Umgebung auswirken. Inwieweit die Veränderungen der urbanen Strukturen und die damit verbundenen städtischen Entwicklungen einhergehen mit der jeweiligen geopolitischen Einflussnahme, denen Bukarest unterlag beziehungsweise unterliegt und ob sich eine mögliche Stadtgeschichte erst in der Summe der Ereignisse, die sich in der Stadtplanung im Allgemeinen wie auch in der Architektur und Topografie der einzelnen Gebäude und Stadtgebiete visuell ablesen und erarbeiten lässt. In den Mittelpunkt der Betrachtungen werden vor allem das 19. und 20. Jahrhundert gerückt, sodass in dem einführenden Kapitel ein chronologischer Abriss von den Anfängen der Stadtgeschichte bis zur Statuierung als rumänische Hauptstadt skizziert wird. In dem folgenden Kapitel werden historische Mythen und ihre Darstellung im öffentlichen Raum thematisiert: eine Auseinandersetzung mit der der visuellen sichtbaren Vergegenwärtigung rumänischer Ereignisgeschichte, die mithilfe städtischer Monumente und Denkmäler vermittelt werden soll.
Die sich chronologisch anschließenden vier Kapitel wurden anhand für Bukarest wichtiger Ereignisse unterteilt und umfassen den Zeitraum von 1866 bis 1989. Ein Zeitraum, in dem sich die Stadt von ihrer traditionellen orientalischen Bindung löst, vorübergehend dem westeuropäischen Vorbild folgt und schließlich einen eigenen Weg als ‚neue sozialistische Stadt‘ gehen wird. So erfolgt jeweils in einem ersten Teil die Darstellung des gesamtgesellschaftlichen Rahmens, der wiederum jeweils im zweiten Teil mit der urbanen Entwicklung verwoben wird. Das letzte thematische Kapitel soll mit einem Ausblick beziehungsweise möglicher Neucodierungen nach 1989 die Untersuchungen abschließen.
Vorliegende Arbeit möchte zeigen, dass die tradierte Geschichtsauffassung eine selektive Spurensicherung darstellt, mithilfe welcher je nach ‚Empfinden‘ des herrschenden politischen Leitbildes entschieden wird, wer und in welcher Form in der Stadt gelebt und sie dadurch geprägt hat, welche Ereignisse und Persönlichkeiten und welche gesellschaftlichen Strukturen in der Geschichte der Stadt fortleben und welche ausgelöscht werden. Sie möchte als
11 Aus: Schlögel: Sankt Petersburg, S. 9.
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Bestandsaufnahme dienen und helfen eine multidimensionale Geschichtsauffassung gerade im Hinblick auf folgende Arbeiten zu vertiefen, denn eine Stadt wie Bukarest „ist gerade nicht das 12 wohlgeordnete Nacheinander, sondern das verwirrende Nebeneinander der Zeiten.“
Für einen besseren Lesefluss werden Bezeichnungen und Namen in der jeweiligen ursprünglichen Sprache belassen und auch grammatikalisch deren Kasus und Genus verwendet, jedoch bei ihrer Erstnennung kursiv hervorgehoben. Deutschsprachige Anmerkungen oder Übersetzungen finden sich in Klammern oder dem Fußnotenapparat.
Erwähnte Abbildungen können in vorliegender Ausgabe aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht beigefügt werden. Mithilfe der kursiven Vorhebungen dürfte aber eine selbstständige Recherche parallel zur Lektüre erleichtert werden. Verwiesen sei auch auf einen voraussichtlich im Jahr 2012 erscheinenden bebilderten Band des Autors. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
12 Aus: Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit, S. 307.
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II. Entwicklung zur Hauptstadt Rumäniens
Gemäß der letzten Volkszählung aus dem Jahre 2002 beträgt die gegenwärtige Bevölkerung Rumäniens 21,6 Millionen, wobei circa zwei Millionen Einwohner auf die Hauptstadt entfallen. Die Entwicklung Bukarests zur Hauptstadt und einzigen Metropole Rumäniens wurde neben sozial-und wirtschaftsgeschichtlichen Zusammenhängen auch durch die geografische Lage der Stadt begünstigt und beeinflusst. So soll in folgendem Abschnitt ein ‚Einstieg in den Raum‘ geebnet werden, der den historischen Kontext für Entwicklung Bukarests in Abhängigkeit des jeweils herrschenden politischen Leitbildes skizziert. Dabei werden, wie auch in den weiteren Abschnitten, besonders die kulturhistorischen Rahmenbedingungen verwoben und - wenn auch nur angerissen und verkürzt dargestellt - im Kontext interkultureller Schnittstellen aufgezeigt.
1. Gründung und Mittelalter
In der walachischen Tiefebene, der Câmpia Vlĉsiei circa sechzig Kilometer nördlich der Donau und einhundert Kilometer südlich des Karpatenbogens sowie etwa 260 Kilometer westlich des 13 durchkreuzten seit der griechischen Antike Handelsstraßen Schwarzen Meeres gelegen,
zwischen Orient und Okzident die Siedlung und spätere Stadt Bukarest. Geologisch bestimmend ist die Lage zwischen der Moesischen und der Schwarzmeer-Platte und damit eine der am meisten 14 von Erdbeben betroffenen Regionen Europas. Die sich periodisch wiederholenden Erdbeben bestimmten die äußerliche Stadtentwicklung Bukarests in erheblichen, teils für die betroffene Bevölkerung katastrophalen Ausmaßen mit, wie ausführlicher in den jeweiligen Abschnitten ausgeführt werden wird.
Der Name der Stadt geht, wie bei vielen weiteren Stadtentwicklungshistorien, auf Legenden und Mythen zurück, wobei zwei vorherrschend sind: Eine Sage weiß von einem Hirten mit Namen Bucur zu berichteten, der am Ufer der DâmboviƜa eine Kirche errichtete und damit den 15 Eine weitere Legende berichtet von dem getischen Grundstein für die zukünftige Stadt legte.
13 Damit liegt Bukarest auf einem vergleichbaren Breitenkreis wie Genua oder Bordeaux.
14 So besteht für Bukarest und die Region eine statistisch gesehen fünfzigprozentige Wahrscheinlichkeit
eines Bebens der Stärke sieben plus x innerhalb eines halben Jahrhunderts. Vgl. dazu: Wenzel, F.:
Reduzierung von Erdbebenschäden: [http://www.dgg-online.de/mitteilungen/2000_2/reduzierung-von- Erdbebeschaeden.html], zuletzt am 25.9.2011.
15 Vgl. dazu: Nicolaie, Ioana: Bukarest. Eine Europäische Metropole. BucureƔti 2005, S. 9.
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König Dromichaetes, der die Stadt in seinem Reich, welches sich im dritten vorchristlichen Jahrhundert auf beiden Seiten der unteren Donau erstreckte, gegründet haben soll. Auch die Verwandtschaft zu dem rumänischen Wort bucurie (dt.: ‚Freude‘) wird immer wieder hervorgehoben als auch der Wortsinn des Stadtnamens an sich: bucur esti (dt.: ‚du bist froh‘) und 16 In die Stadt nicht selten in älteren Büchern und Beschreibungen als Freudenstadt bezeichnet. dieser wie auch so vielen weiteren städtischen Entstehungslegenden offenbart sich ein deutliches, religiös geprägtes ptolomäisches Weltbild des Mittelalters: Die Stadtgründung stellt demnach den Weltenanfang dar; der Stadtgründer nimmt fast schon ‚überirdische Züge‘ in den Erzählungen an, 17 Gerade aber und der neu errichte Sakralbau durchbricht die Heterogenität des profanen Raums. in Rumänien gibt es viele Städtenamen, die jene grammatikalische Form der zweiten Person Singular des Verbes sein (also: ‚du bist‘) aufweisen und es daher durchaus wahrscheinlich ist, dass 18 zurückgehen, so beispielsweise auch bei Lupeƕti die Bezeichnungen auf einen eponymen Heros oder Diaconeƕti.
Archäologische Funde im Zentrum der Stadt verweisen auf eine Besiedlung bereits während des Neolithikums. Zur Bronzezeit sind Niederlassungen entlang der Flüsse DâmboviƜa und Colentina 19 Die Vorherrschaft des Römischen Reiches über die Daker seit dem beginnenden nachgewiesen.
zweiten Jahrhundert lässt auch eine Besiedlung der Câmpia Vlĉsiei vermuten. So wurde auch immer wieder nach römischen Siedlungsspuren beziehungsweise eines militärischen Lagers im Raum Bukarest gesucht und gegraben. Jene konnten aber bis heute, auch für die 20 frühbyzantinische Zeit, nicht nachgewiesen werden.
Im sogenannten frühbyzantinischen Zeitalter ließen sich v. a. Slawen an beiden Seiten der unteren Donau nieder und prägten den Namen, den sie von den benachbarten Stämmen bekamen: Vlaƕci
- ein Terminus, der in Südosteuropa zunächst auf slawisierte Romanen und später auf die 21 Die Annäherung an die Slawen, die teilweise jeweiligen Nachbarvölker angewandt wurde.
erfolgte Verschmelzung sowie die kulturelle Unterordnung und Annahme des Altslawischen als
16 Vgl. dazu: Derblich, W.: Land und Leute der Moldau und Walachei. Prag 1859, S. 96; Killmeyer, H. O.:
Militär-Geographie von Europa mit den asiatisch-russischen und asiatisch-afrikanisch-türkischen Ländern.
Stuttgart 1857, S. 298; Weber, Carl Julius: Deutschland, oder die Briefe eines in Deutschland reisenden
Deutschen. Stuttgart 1855, S. 133.
17 Vgl. dazu: Eliade, Mircea: Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Köln 2008, S. 59.
18 Vgl. dazu: Vossen: Bukarest, S. 47.
19 Vgl. dazu.: Berindei, Dan: Bukarest. Hauptstadt der Rumänischen Nation. In: Heppner, Harald (Hg.):
Hauptstädte in Südosteuropa. Geschichte. Funktion. Nationale Symbolkraft. Wien/Köln/Weimar 1994, S. 37.
20 Vgl. dazu: Vossen: Bukarest, S. 34.
21 So wurde der Begriff in neuerer Zeit als Pejorativum für die jeweilige Alterität verwendet: Im Deutschen
und Ungarischen für ‚Rumänen‘, im Kroatischen für ‚Orthodoxe‘ oder im Griechischen für ‚Provinzler‘. Vgl.
dazu: Hösch, Edgar u. a. (Hg.): Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Wien/Köln/Weimar 2004, S. 731.
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Amts- und Kirchensprache band die Bevölkerung an den byzantinisch-orthodoxen Kulturraum und ließ darüber hinaus ein Zusammenleben von Slawen und autochthoner Bevölkerung zu. Eine städtische Entwicklung im Raum Bukarest begünstigte dies jedoch zunächst nicht, da die überwiegende Bevölkerung sich noch an der Transformationsschwelle vom Hirten- und Nomadenleben zur sedentären Lebensform befand.
Der völkische Historiker Albrecht Wirth (1866-1936) wusste kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges (in damals verbreitetem Jargon) über die rumänische Nation zu berichten, dass „[…] die Rumänen die zäheste Rasse der Erde [seien …] Sie waren acht bis neun Jahrhunderte verschwunden. So völlig verschwunden wie gewisse Bäche im Schwäbischen Jura und Karst, die meilenlang unterirdisch fließen. Plötzlich aber, im 13. Jahrhundert, tauchten die Rumänen auf, und diesmal blieben sie. Seitdem haben sie um sich gegriffen wie eine große Wasserflut, eine schier uferlose Überschwemmung bildend. Sie leben außer unter eigener unter nicht weniger als fünf fremden Flaggen, aber kein Herrenvolk ist imstande gewesen, sie zu Boden zu drücken. Im 22 Gegenteil, sie drückten auf ihre Herren.“
Erst mit der politischen Einigung der fara Româneascĉ - des ‚Rumänischen Landes‘ unter Basarb I. (1310er-1352) wurden im vierzehnten Jahrhundert die Voraussetzungen für einen beginnenden Siedlungsbau geschaffen. In mehreren Quellen ist von einer Festung DâmboviƜĉ die 23 Rede.
Ein in jeglicher Hinsicht wichtiges Moment für die Geschichte Südosteuropas ist der Aufstieg der Osmanen in Kleinasien und ihr Streben zur Großmacht. Sie drangen dabei in mehreren Schüben bis in die pannonische Tiefebene vor. So ereignete sich 1389 die verlustreiche Schlacht auf dem Amselfeld im Kosovo, ein bis heute unter verschiedenen Vorzeichen wichtiger historischer 24 Die sich bis dahin in ihren Grundzügen gefestigte Erinnerungsort in Südosteuropa.
Raumordnung wurde erheblich aufgebrochen, indem die neue aufstrebende Großmacht nacheinander Makedonien, Bulgarien, Serbien, Bosnien, Griechenland, Albanien und Montenegro sowie als Vasallen die beiden Donaufürstentümer Moldau und Walachei, einen Großteil Ungarns und die Republik Ragusa (Dubrovnik) in ihr Staatsgefüge mit einband. Im Jahre 1394 überquerten osmanische Streitkräfte zum ersten Mal die Donau, infolgedessen die walachischen Fürsten
22 Vgl. dazu: Wirth, Albrecht: Volk und Rasse. Halle a. d. Saale 1914, S. 226.
23 Vgl. dazu: Hösch, Edgar u. a. (Hg.): Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Wien/Köln/Weimar 2004, S.
135.
24 Vgl. dazu: Kreiser, Klaus: Der Aufstieg der Osmanen zur Großmacht. In: Kreiser, Klaus/Neumann,
Christoph: Die Kleine Geschichte der Türkei. Stuttgart 2003, S. 87.
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25 In jene Zeit fällt auch erste urkundliche Erwähnung tributpflichtig gegenüber diesen wurden.
Bukarests aus dem Jahre 1459, welche durch die Erläuterungen des Fürsten Vlad fepeƕ (Vlad der Pfähler, 1431-1477) bezüglich der steuerbefreiten Einwohner und die Eigentümerstruktur „în 26 Mit dem Einfluss der osmanischen Truppen auf weite Teile cetatea Bucureƕti“ bezeugt wurde.
Südosteuropas verloren die bis dahin entstandenen städtischen Zentren entweder an Bedeutung (bis hin zur Verödung) oder sie wurden in das neu heranwachsende Netz urbaner Siedlungen mit aufgenommen und stiegen - wie auch Bukarest - in der Hierarchie einflussreicher Städte weiter auf.
2. Die postbyzantinische Stadt
Mit dem Fall Konstantinopels und der Einsetzung Vlad fepeƕ‘ jüngeren Bruders Radu cel Frumos (Radu der Schöne, 1437/39-1475) durch den türkischen Sultan Mehmed II. (1432-1481) beginnt formal betrachtet der Status der Walachei als ein Vasallenstaat unter Osmanischer Oberhoheit. Die walachischen Fürsten und Bojaren genossen jedoch weiterhin das Privileg, ihre inneren Angelegenheiten eigenständig zu verwalten. Aus jener Zeit stammen auch zahlreiche weitere Urkunden, die bezeugen, dass auch Radu cel Frumos, wie schon sein älterer Bruder, in Bukarest 27 In den folgenden zweihundert Jahren wechselte sich Bukarest mit den alten residierte.
Hauptstädten Curtea de Argeƕ und Târgoviƕte als Residenzstadt der walachischen Fürsten ab. Im sechzehnten Jahrhundert wurden zahlreiche sakrale Bauten und ein hölzerner Palisadenwall für eine bessere Zollkontrolle und eine bessere administrative Begrenzung der Stadt errichtet. So entstanden die sogenannten Moƕii bzw. das Moƕia orĉƕenilor - das zur Stadt gehörende unbebaute Land, während die meisten Bewohner Bukarests, die Bucureƕtenii, landwirtschaftlich 28 tätige Stadtbürger blieben.
Besonders die Zugehörigkeit zur religiösen Orthodoxie prägte den Alltag der tiefgläubigen Bevölkerung und damit verbunden auch die städtische Entwicklung. Der „mangelnde Drang nach Erneuerung der Lebensweise […] sowie die Auffassung der Religion als gemeinschaftlicher und
25 Vgl. dazu: Kreiser, Klaus: Der osmanische Staat 1300-1922. München 2001, S. 21.
26 Vgl. dazu: Golfescu, Silvia: Bucureƕti. Ghid turistic, istoric, artistic. ƵĐƵƌĞƕƚŝŝϮϬϬϵ͕͕^͘ϲ͖͖ǀŐů͘͘ĂƵĐŚ͗͗KƜĞƚĞĂ͕͕
Andrei (Ed.): Documenta Romaniae Historica. Seria B. fĂƌĂZŽŵąŶĞĂƐĐĉǀŽů͘͘I. Bucureƕti 1966, S. 203-204.
27 Vgl. dazu: In dieser Urkunde vom 14. Oktober 1465 bezeichnete Radu cel Frumos Bukarest erstmals als
Fürstensitz. Das Pergament befindet sich in der Sammlung des Nationalen Historischen Museums in
Bukarest.
28 Vgl. dazu: Vossen: Bukarest, S. 58f.
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29 ließ kaum urbane Innovationen zu und den dörflichen Charakter nicht als individueller Übung“
aneinandergereihter ‚Dörfer‘ als beständig erscheinen. Mühlen und erste Handwerksstätten werden am Ufer der DâmboviƜa errichtet. Die sich langsam entwickelnde postbyzantinische Stadt Bukarest war gerade im sechzehnten Jahrhundert, wie weitere Städte des Fürstentums als auch die Städte und Dörfer im nördlich des Karpatenbogens gelegenen (unter ungarischer Krone stehenden) Siebenbürgen, immer wieder Brandschatzungen, Plünderungen und Raubzügen verschiedener Armeen sowie Naturkatastrophen (v. a. Erdbeben) ausgesetzt. Auch veränderten sich mit dem ‚Verschwinden Ungarns‘ (1526) die Verpflichtungen gegenüber der Hohen Pforte. Die Autonomie beider Fürstentümer wurde zwar weiterhin geachtet, doch wurde die Außenpolitik stärker in das System eingebunden. Die Tributzahlungen stiegen um ein Vielfaches und die Regierungszeit eines Fürsten wurde auf 2-6 Jahre beschränkt. Dennoch wuchsen Einwohnerzahl 30 - die Stadt Bukarest wurde zu einem wichtigen Umschlagsplatz für den Getreide-und Wirtschaft
31 Dazu trug sicherlich auch der Sonderstatus bei, den die beiden und Fernhandel.
Donaufürstentümer gegenüber den anderen südosteuropäischen ‚Staaten‘ besaßen - waren sie als halbsouveräne Fürstentümer lediglich tributpflichtig und nicht als Paschaliks in das 32 Mitte des 16. Jahrhunderts verfügt die Stadt über eine Osmanische Reich integriert worden.
eigene von den Bürgern gewählte Verwaltung, so werden 1563 urkundlich eine Präfektur und 33 Die Biserica Curtea Veche (Kirche des Alten Fürstenhofes) ist zwölf Gemeinderäte aufgeführt.
das älteste erhaltene Bauwerk Bukarests und wurde 1545 von dem Fürsten Mircea Ciobanu († 1559) gestiftet. Durch wiederholte sogenannte Türkeneinfälle, Brände und Erdbeben ist der Bau jedoch immer wieder beschädigt worden und musste mehrmals wieder aufgebaut werden. Bis 1842 wurden hier alle Fürsten der Walachei gesalbt. Das Besondere an dem Bau (Abb. 2) sind die für die Walachei untypischen Strebepfeiler.
Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Grundstein für einen weiteren wichtigen Sakralbau, die Klosteranlage Mihai Vodĉ (Abb. 3) gelegt, eins für das Selbstverständnis der Bucureƕtenii wichtigsten Gebäude der Stadt. Mihail Viteazul (Michael der Tapfere, 1558-1601), der Stifter des Klosters, erhoffte sich mit der Schenkung einen gesteigerten göttlichen Beistand für das Gefecht gegen das Heer des türkischen Großwesirs Koca Sinan Pascha (1512-1596) circa dreißig Kilometer vor der Stadt Bukarest. Mit dem Zurückdrängen der Osmanen über die Donau, wurde der Sieg vielfach in der Literatur thematisch bearbeitet und schließlich ein wesentlichen Motiv zur
29 Vgl. dazu: Panaitescu, Petre: Einführung in die Geschichte der rumänischen Kultur. Bukarest 1977, S. 277.
30 Vgl. dazu: Giurescu, Constantin: Geschichte der Stadt Bukarest. Bukarest 1977, S. 27.
31 Vgl. dazu: ebd., S. 29.
32 Vgl. dazu: Berindei: Bukarest, S. 37.
33 Vgl. dazu: Bonifaciu, Sebastian/Valeriu, Emanuel: Bukarest von A bis Z. Bukarest 1974, S. 13.
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Schaffung eines nationalen rumänischen Mythos. Daher existieren auch mehrere Legenden um den Bau der Klosteranlage und speisen bis heute rumänische Identitätskonstruktionen. Der türkische Reisende Evliya Çelebi (1611-1682) befand das Kloster als das wichtigste Bauwerk der 34 In den 1980er Jahren konnten nur Stadt, welches ausschließlich aus Stein errichtet worden sei.
weltweite Proteste und das Einwirken der Mutter Nicolae Ceauƕescus auf ihren Sohn verhindern, 35 wurde diese auf Schienen dass die Klosteranlage zerstört wurde. In einer spektakulären Aktion ‚verschoben‘ und steht daher bis heute im Innenhof einer Wohnblockanlage und ist im gegenwärtigen Bukarest ein gesteigertes Symbol für das religiöse und hauptstädtische Selbstverständnis vieler Bucureƕtenii.
Nach der Schlacht von Bukarest (Herbst 1595), bei der große Teile der Stadt zerstört wurden, begann der allmähliche Wiederaufbau, u. a. wurde die Brücke cerban Vodĉ errichtet und während der Regentschaft des Fürsten Matei Basarab (1579/88-1654) entstehen zahlreiche neue Bauten. Die Stadt erstreckte sich rings herum um die Curtea Veche (der Alte Hof, der heute noch in Teilen erhalten ist und durch die Straßen Francezĉ, celari, Covaci und ĉůĚĉƌĂƌŝ begrenzt wird). Dabei dehnte sie sich von dem Kloster Sĉrindar im Norden bis zum Hügel der Metropolie im Süden aus. Innerhalb der Stadt kristallisierten sich auch die verschiedenen Straßentypen heraus, die für die 36 einen großen Anteil hatten. Im Groben muss weitere Ausdehnung und Struktur der Mahalale hier zwischen vier Grundtypen zu unterschieden werden:
x die Poduri (die Hauptstraßen) waren ihrem Namen nach ‚überbrückte Wege‘ und mit
Eichenbohlen gepflastert,
x die UliƜe mari (die großen Gassen) waren meist unbefestigte, aber dennoch für den
Transport bestimmte Straßen, x die UliƜe (Gassen) waren einfache Gassen,
x die Ulicioare und Cĉrĉri (Trampelpfade) führten zu den Grundstücken und Höfen.
Die wichtigste unter den vier Hauptstraßen war bis ins 18. Jahrhundert zweifelsohne der Podul Beilicului (heute: Calea cerban Vodĉ), der nach Süden und damit auch nach Konstantinopel führte. Entlang dieser Hauptstraße entstanden die Prunk- und Präsentationsbauten des Adels wie auch wichtiger Institutionen, mussten doch die Abgesandten der Hohen Pforte dreihundert Jahre diese Straße passieren, um zum fürstlichen Hof zu gelangen. So ließ 1776 der Fürst Alexander Ipsilanti (1725-1807) eigens für die hohen türkischen Beamten die Casele Beilicului errichten. Weiter
34 Vgl. dazu: ebd., S. 129; vgl. dazu ausführlicher: Kreiser, Klaus (Hg.): Evliya Celebi’s book of travels. Land
and people of the Ottoman empire in the seventeenth century. Leiden/New York 1988.
35 Vgl. dazu: [O. A.]: Urväterlicher Boden. In: Der Spiegel, Nr. 41 (1986), S. 192.
36 Zu dt.: Stadtviertel.
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bestimmend waren der Podul Mogoƕoaiei (heute: Calea Victoriei), der Richtung Nordosten führte und eine wichtige Verbindung im Handel mit den siebenbürgischen Städten darstellte, der Podul Calicilor (heute: Calea Rahovei), der sich westwärts nach Oltenien erstreckte und der Podul Târgului de Afarĉĉ (heute: Calea Moƕilor), der schon dem Namen nach zum außerhalb der Stadt gelegenen Markt führte. Die Straßen, beschrieb 1702 der britische Archäologe Chisull, „erscheinen wie eine unendlich lange Brücke und sind restlos mit langen Eichenholzbrettern 37 Zwischen den Hauptstraßen entstand so ein fest abgesteckter ‚Raum‘, indem der gepflastert.“
bis dahin nahezu ungehinderte Zugriff der Bevölkerung auf freie Flächen zumindest innerhalb 38 Dennoch blieb das gesamte Stadtbild, mit sich dieses Radialgefüges gebremst wurde.
abwechselnden massiven Bauten, Grün-, Brach- und Weidenflächen und eng aneinandergereihter dörflich geprägter Häuser, äußerst heterogen gegliedert. Die reichen Bojaren-Familien wohnten in Steinhäusern bzw. kleinen Palästen, während die meisten Stadtbewohner in einfachen Hütten, den TârgoveƜi oder in Erdbehausungen bzw. Erdlöchern, den Bordei wohnten - wie sie auch auf 39 Weiterhin war die Mikrodem Land noch bis weit ins 19. Jahrhundert verbreitet gewesen sind.
Struktur der Stadtviertel durch Einzelhäuser (Solitaire) geprägt, die dadurch zu einer großflächigen Makrostruktur beitrugen.
Eine Urkunde aus der Mitte des 17. Jahrhunderts belegt, dass die Versuche scheiterten, die 40 Die Unterschiede zwischen weitere Ausdehnung der Stadt mit Grenzmarkungen einzudämmen. Bukarest und den siebenbürgischen Dörfern bzw. Städten sowie den jeweiligen Bewohnern beschreibt der rumänische Philosoph Lucian Blaga (1895-1961) wie folgt:
„[…] die Häuser bilden asymmetrische Gruppen wie die Bauern, wenn sie ohne Ordnung zu einem Begräbnis oder einer Hochzeit gehen; die rumänische Gemeinde ist eine triebgebaute Gemeinschaft offener Menschen, die das Malerische des Lebens lieben. In den sächsischen Dörfern sieht man häufig die späten Überbleibsel bewegter und gefahrvoller Zeiten, düstere gotische Kirchen umgeben von enormen Mauern. Es sind die sogenannten Kirchenburgen. In Zeiten der Gefahr zogen sich die Sachsen hierher zurück. Die Kirche wurde zur Burg, zur Verteidigerin des Lebens. Die Rumänen flohen, wenn Zeiten der Gefahr kamen in den Hochwald. Die Kirche blieb zurück, um verbrannt zu werden und mit ihrer Asche die Gräber des Dorfes zu bedecken. Die sächsische Bauweise war bestimmt, den Wechselfällen des Schicksals zu trotzen, sie war geboren, aus einem starken Sinn für die geradlinig in die Zukunft hinein projizierte Zeit.
37 Vgl. dazu: Berindei: Bukarest, S. 38
38 Vgl. dazu: Vossen: Bukarest, S. 93.
39 Vgl. dazu: Roman, Viorel: Rumänien im Spannungsfeld der Großmächte. 1774 - 1878. Offenbach 1987, S.
136.
40 Vgl. dazu: Berindei: Bukarest, S. 38.
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Die rumänische Bauweise ist ohne besondere Berücksichtigung der zeitlichen Widerstände, aus dem Geist saisonmäßiger lntermittenz entstanden. Die Häuser und Kirchen wachsen und verschwinden, verschwinden und wachsen wie Ähren in der Ernte, wie Weizen in der Saat, wie das Blatt, das wenn es fällt, einem anderen Platz macht. […] Nach der sächsischen Ordnung machen die architektonischen Launen der Rumänen auf den Beschauer den Eindruck der Unordnung; aber diese Unordnung ist nur eine andere Ordnung: der konkrete Ausdruck einer Seinsart, eines mit unverrückbaren Horizonten ausgestatteten inneren Lebens, das sich aus einem 41 besonderen Schicksalsgefühl nährt.“
Bereits 1622 nannte der polnische Reisende namens Twardowski Bukarest eine ‚berühmte 42 und zwei Jahrzehnte später beschrieb Paul von Aleppo (1627-1669), ein Begleiter des Stadt‘ 43 Aus Patriarchen Macarius von Antiochia (1636-1666), Bukarest gar als ‚sehr große Stadt‘. weiteren Reiseberichten kann man schlussfolgern, dass die Stadt ungefähr 60.000 Einwohner in 44 Neben der makedonischen circa 12.000 Häusern und mehr als einhundert Sakralbauten fasste. 45 Stadt Skopje war Bukarest somit die größte Stadt Südosteuropas.
Als ein weiteres sichtbares Zeichen einer zunehmenden Bedeutung Bukarests ist die Entstehung des Târgul de Jos (dt.: Unterer Markt) im Jahre 1635 - als notwendige Entlastung des 46 ursprünglichen städtischen Marktes, nun Târgul de Sus (dt.: Oberer Markt) genannt, zu deuten. Aus dem Târgul de Jos sollte schließlich der Târgul ĚŝŶŶ >ĉƵŶƚƌƵ erwachsen. Auch nahmen die Straßenbezeichnungen zu und ließen allein dadurch die Strukturen der Stadt deutlicher werden.
Unter dem Druck der Hohen Pforte wurde Bukarest, da es geografisch näher an Konstantinopel lag und aufgrund der Situierung in der Tiefebene auch einfacher zu kontrollieren war, seit 1659 47 Dies und die für Bukarest sich positiv entwickelnden ständige Residenz des Fürstentums.
politischen Umstände trugen zu einer erheblichen Stadtentfaltung bei. So steigerte sich Ende des 17. Jahrhunderts das Selbstbewusstsein der walachischen Fürsten; wurden doch 1686 Ungarn und zwei Jahre später auch Siebenbürgen von österreichischen Truppen erobert und ließen dadurch
41 Aus: Blaga, Lucian: Zum Wesen der rumänischen Volksseele. BucureƔti 1982, S. 163ff.
42 Vgl. dazu: Panaitescu, Petre: Cĉlĉtori poloni în ƜĉƌŝůĞĞƌŽŵąŶĞ͘͘ƵĐƵƌĞƔƚŝŝϭϵϯϬ͕͕^͘͘Ϯ͘
43 Vgl. dazu: Giurescu: Bukarest, S. 71.
44 Vgl. dazu: Berindei: Bukarest, S. 38.
45 Vgl. dazu: AdanŦr, Fikret: Skopje: eine Balkan-Hauptstadt. In Heppner, Harald (Hg.): Hauptstädte in
Südosteuropa. Wien/Köln/Weimar 1994, S. 155.
46 Vgl. dazu: Vossen: Bukarest, S. 94.
47 Vgl. dazu: Cinà, Guiseppe: Bucureƕti, de la sat le metropolĉ. Identitate urbanĉ ƕi noi tendinƜe. Bucureƕti
2010, S. 55; Im Fürstentum Moldau erfolgte die Verlegung der Hauptstadt von Suceava nach Jassy/IaƔi
bereits 1606.
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einem nach außen schwächer auftretenden osmanischen Reich weniger politischen Handlungsspielraum zu.
Die Widersprüchlichkeiten in der Bukarester Gesellschaft nehmen indes weiter zu. Zum einen ist der byzantinische Einfluss offensichtlich, zum anderen tritt auch jener von den Höfen Budas und Krakaus zutage. Auch in der Kleidung wurden orientalische, wie auch deutsche Moden gleichermaßen ausgewählt. Die wohlhabenderen Kinder werden sowohl auf die Universitäten zu Wien, Padua und Krakau geschickt, als auch an einheimische Institutionen in Cotnari, Jassy, 48 im Târgoviƕte oder eben Bukarest. Die Liturgie in rumänischer Sprache löste das Altslawische 49 Jahre 1688 ab.
Das erste abendländische beziehungsweise christliche Land diesseits des islamischen Groß-Reiches (wenn auch deutlich unter dessen Einfluss stehend) zu sein, ließ das Bewusstsein von 50 erstarken, auch wenn dieses Erbe bereits das ebenfalls orthodox einem ‚Byzanz nach Byzanz‘
geprägte Russland für sich beanspruchte. So lehnte sich der Fürst cerban I. Cantacuzino (1640-1688) indirekt gegen die Schutzmacht des Osmanischen Reiches auf, indem er bei der Belagerung Wiens 1683, die Bewohner unzweideutig zum Ausharren aufforderte und mehrmals Informationen über die Truppenstärke der Belagerer weitergegeben haben soll. Während seiner Regierungszeit ließ er sich im Kloster Cotroceni nieder und gründete u. a. die erste rumänische 51 die den Auftrag erhielten, die Bibel in die rumänische Schule der Stadt sowie Druckereien,
Sprache zu übersetzen. Die so entstandene Bukarester Bibel wurde von den Brüdern Radu und cerban Greceanu in kyrillischer Schrift verfasst und trug erheblich zur Herausbildung der rumänischen Schriftsprache bei. Seine Ansinnen und Vorhaben wurden auch unter seinem Nachfolger Constantin Brâncoveanu (1688-1714) weiter verfolgt.
Die Stadt hatte sich als Wirtschafts- und Handelszentrum wie auch endgültig als Hauptstadt und Residenz etabliert. In der Regierungszeit des Fürsten Brâncoveanu entwickelte sich in Bukarest ein eigener Stil, der zum rumänischen Nationalstil erwachsen sollte; daher wird dieser auch Rumänische Renaissance oder Brâncoveanu-Stil genannt. Besonders die skulpturierten oder gemalten Arabesken und Ornamente vermischen sich mit Stilzitaten aus der westeuropäischen
48 Auch als Verkehrssprache wurde das Altslawische erst zwischen dem 15. Und 16. Jahrhundert durch das
Rumänische verdrängt.
49 Vgl. dazu: Bulei, Ion: Kurze Geschichte Rumäniens. Bukarest 2006, S. 74.
50 Für die rumänische Geschichtsschreibung durch den Historiker Nicolae Iorga geprägt. Vgl. dazu: Iorga,
Nicolae: Byzantium after Byzantium. IaƔi 2000; vgl. weiter dazu: Harhoiu, Dana: Bucureƕti, Un oraƕ intre
orient ƕi occident. Bucureƕti, S. 21.
51 Die erste Bukarester Druckschrift erschien im Jahr 1678: ‚Cheia înƜelesului/Der Schlüssel des
Verständnisses‘.
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Renaissance und stehen damit als Pendant zur orientalischen Mode der damaligen Zeit, die sich unter einem starken Einfluss der maurischen Kunst Spaniens herauskristallisierte. Daraus resultierte ein einzigartiger Stil, der besonders venezianische als auch walachische und byzantinische Dekorelemente miteinander verband. In der Architektur sind v. a. Loggien charakteristisch, die von spiral-förmig und in sich gedrehten Säulen getragen werden; auch Rund-und Spitzbogenfenster wechseln sich ab und werden gerahmt von einer üppigen Fassadengestaltung mit verschiedenen Pflanzenmotiven- und Ornamenten.
Brâncoveanu ließ die Curtea Veche umstrukturieren und erweitern: „Ganz aus Stein gefügt, mit einer Haupttreppe aus Marmor“, beschrieb ihn der Sekretär Brâncoveanus und weiter habe sich im Garten ein Lusthaus „für die Erholung des Fürsten befunden, wo er manchmal auch zu Mittag 52 Zahlreiche Bojarenhäuser kopierten den neuen Stil oder entstanden unter dessen aß“.
Vorzeichen völlig neu - meist am Podul Mogoƕoaiei. Mit dem Cucului-Markt wurde ein neues städtisches Handelszentrum errichtet, wie auch zahlreiche neue Sakralbauten, unter denen besonders die Biserica ColƜea (1702) versehen mit italienischen Barockelementen, die Biserica Doamnei (1683) im Stile des byzantinischen Rokoko und die Klosteranlage Sf. Gheorghe-Nou (1707) an architektonischer Bedeutung herausragen.
Außerhalb der Stadt entstand zwischen 1698 und 1702 der Palatul Mogoƕoaia, eine der wenigen Residenzen autochthoner Fürsten, die sich bis in die Gegenwart erhalten hat. Für seinen Sohn ctefan (1685-1714) ließ Brâncoveanu den Palast errichten, der diesen jedoch nicht mehr in seiner Funktion als Fürst bewohnen konnte, da die gesamte Familie Brâncoveanus, wie auch er selbst, im Jahre 1714 nach Konstantinopel verschleppt und dort enthauptet wurde. Das wichtigste Gebäude, welches den Brâncoveanu-Stil bis in die Gegenwart hinein sichtbar repräsentiert, ist wohl die Stavropoleos-Kirche am Rande des Leipziger Viertels (Lipscani).
Das Viertel selbst entstand ebenfalls zu jener Zeit als Handelsviertel unweit des Hofes. Den Basar-Charakter sollte es sich bis ins 20. Jahrhundert hinein bewahren. Daher tragen die Straßen die Namen der alten hier ansässigen Händler und Handwerker: Blĉnari (Kürschner); Covaci (Schmiede), celari (Sattler) oder cepcari (Hutmacher). Den Namen, den das Viertel auch heute noch trägt - Lipscani - verdankt es den Händlern aus Westeuropa, die mit Waren aus Leipzig handelten. So verweisen auch die Straßen Gabroveni und Francezĉ auf einen Handel mit Gabrovo in Bulgarien bzw. Frankreich. Außerdem ließen sich unter der Regierung Brâncoveanus u. a.
52 Vgl. dazu: Bonifaciu /Valeriu: Bukarest, S. 105,
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Serben, Armenier, Griechen, Russen, Venezianer und Albaner als Händler und Kaufleute in Bukarest nieder.
Der Bau der Stavropoleos-Kirche (Abb. 4) begann am 30. Oktober 1724 unter dem Ordenspriester und Archimandriten Ioanichie Stratonikeas († 1742), wie die Inschrift über dem Portal bezeugt. Im Narthex der Anlage, einer Art vorgelagerter Halle, wie sie für byzantinische Kirchenbauten typisch ist, befindet sich ein Weihebild, welches den vorangegangen Sakralbau darstellt. Unter der Leitung Ioanichie Stratonikeas, der zudem 1726 zum Metropoliten von Stavropolis gewählt wurde, entwickelte sich die Klosteranlage zu einer der wohlhabendsten im walachischen Fürstentum. Die feine Fassadengliederung findet in der mit reichlich Steinmetzarbeiten versehenen Vorhalle ihre Ergänzung. Rundsäulen und Halbsäulen tragen die fünf Rundbögen im Eingangsbereich und werden als Motiv auch im Inneren als Scheide zwischen Naos und Narthex mit drei Bögen wieder aufgegriffen. Das Innere wird bestimmt durch eine klassisch-byzantinische Ikonenmalerei und Steinmetzarbeiten, die mit floralen Elementen und einer fantastischen Tierwelt den Brâncoveanu-Stil vertreten. Die Kirche selbst wurde nicht nur ein wichtiges geistliches, sondern mit ihrer Bibliothek, die heute mehr als achttausend Bände fasst, auch ein wichtiges geistiges Zentrum der 53 Stadt.
Der kulturellen Politik seines Vorgängers folgend, gelang es Brâncoveanu den Geistlichen Anthim den Iberer (1650-1716) für den weiteren Ausbau der fürstlichen Druckerei in Bukarest zu gewinnen. Er wurde zu einem der wichtigsten Kirchenführer im Fürstentum. Seit 1708 auch Metropolit der Walachei, trug er wesentlich zur Entfaltung des Rumänischen als Liturgiesprache bei. Schließlich ereilte ihn als offener Gegner des Osmanischen Reiches zwei Jahre nach der Enthauptung seines Dienstherrn ein ebenso gewaltsamer Tod in politischer Gefangenschaft.
3. Das orientalische Bukarest
Nach der vergeblichen zweiten Belagerung Wiens im Sommer 1683 hatte die Expansionspolitik der Hohen Pforte ihren Höhepunkt erreicht, infolgedessen der sogenannte ‚Große Türkenkrieg‘ im Frieden von Karlowitz 1699 beendet wurde und die Osmanen sich aus dem Gebiet des Königreiches Ungarn zu Gunsten Österreichs zurückziehen mussten. Mit dem Beginn des 54 war eine Stabilisierung und engere Anbindung der schwindenden Einflusses in Südosteuropa
53 Vgl. ausführlicher zur ^ƚĂǀƌŽƉŽůĞŽƐŬŝƌĐŚĞ͗͗dŚĞŽĚŽƌĞƐĐƵ͕͕ZąnjǀĂŶ͗͗ŝƐĞƌŝĐĂĂ^ƚĂǀƌŽƉŽůĞŽƐ͘͘ƵĐƵƌĞƔƚŝŝϭϵϲϳ͘
54 Vgl. dazu: Bernath/Schröder: Biographisches Lexikon, S. 349.
17
beiden Donaufürstentümer an Konstantinopel unabdingbar. Mit der Enthauptung Brâncoveanuseinschließlich seiner gesamten Familie - unterband die Hohe Pforte nicht nur die sich 55 sondern setzte das Fürstentum auch anbahnenden walachischen Unabhängigkeitsbestrebungen,
einer verstärkten Orientalisierung aus, indem es u. a. für die folgenden einhundert Jahre die 56 Regenten selbst einsetzte und dadurch die sogenannte Fanariotenherrschaft (1716-1821) begründete. Bis 1821 erfolgte nicht nur eine wesentliche Verminderung der Autonomie in beiden rumänischen Fürstentümern bei gleichzeitig starkem Anwachsen der Verpflichtungen gegenüber der Pforte, die Fanarioten führten auch umfassende Reformen durch, die von Steuereinnahmen bis in den Sozialbereich hineinreichten (in die Verwaltung, die Justiz, die Erziehung und den Unterricht an Schulen) und die Kultur im Allgemeinen mit einbezogen. Der Aufbau eines bürokratischen Apparates und die Modernisierungsprozesse innerhalb bestehender Strukturen 57 So wird hatten vor allem eine regelmäßige und steigende Steuereinnahme zum erklärten Ziel: 58 und 1746 in der Walachei und drei Jahre später in der Moldau die Leibeigenschaft abgeschafft 59 es erscheint eine Reihe an neuen Gesetzbüchern.
Die Bojaren hatten ihr eigenes Recht eingebüßt, einen Fürsten aus ihren eigenen Reihen zu bestimmen, sodass die politische Führung nicht mehr in Bukarest gewählt und anschließend in Konstantinopel bestätigt, sondern direkt von den osmanischen Herrschern ernannt wurde. Dies verhinderte einerseits mögliche neue Kämpfe innerhalb der einflussreichen Bojaren-Familien und 60 der band das Fürstentum andererseits näher an die Hohe Pforte. Nicht nur die Gospodaren Walachei und der Moldau, auch wichtige Posten in der Armee und den Ministerien wurden mit zumeist griechischen Oligarchen, die aus dem Konstantinopeler Stadtteil Fanar kamen, besetzt. Der Begriff wurde schließlich auf die einflussreichen byzantinischen als auch osmanischen Adelsfamilien angewandt, die in besagtem Stadtteil die kulturelle und politische Oberschicht 61 Daher intensivierte sich auch in der walachischen Hauptstadt der Einfluss stellten.
byzantinischer Traditionen. Mag auch jene Periode in der Geschichte der Walachei und insbesondere Bukarests innerhalb der rumänischen Geschichtsschreibung als historische Phase der Fremdherrschaft, Unterdrückung, Ausbeutung und vor allem Korruption aufgefasst werden,
55 Brâncoveanu hatte u. a. geheime Verhandlungen mit dem österreichischen Kaiserhaus und dem
russischen Zaren geführt.
56 Im Fürstentum Moldau wurden bereits seit 1711 die Regenten von Konstantinopel eingesetzt.
57 Vgl. dazu: Bulei: Kurze Geschichte, S. 78f.
58 Somit waren die ‚Steuerzahler‘ dem Fürsten mittelbar und nicht mehr unmittelbar unterstellt.
59 So u. a.: 1780: das Gesetzbuch von Alexander Ipsilanti; 1818: das Gesetzbuch des Ioan Gheorghe Caragea;
1816/17: Der Kodex des Scarlat Callimachi.
60 Der Titel ‚Gospodar‘ ist die slawische Bezeichnung für ‚Fürst‘ oder ‚Herr‘, die in den Donaufürstentümern
erst im 19. Jh. durch das lateinische Äquivalent ersetzt wurde.
61 Vgl. dazu: Djuvara, Neagu: O scurtĉ Istorie a Românilor povestitĉ celor tineri. BucureƔti 2007, S. 156.
18
ist jedoch gerade dieser Zeitraum gekennzeichnet durch einen kulturellen und urbanen 62 So wurde beispielsweise an der 1694 gegründeten ĐĂĚĞŵŝĂĂŽŵŶĞĂƐĐĉ Aufschwung der Stadt.
63 Philosophie in griechischer Sprache unterrichtet und die Akademie selbst de la Sfântul Sava
entwickelte sich zu einem der einflussreichsten geistigen Zentren Südosteuropas. Von besonderer Bedeutung - vor allem für die kulturelle Zukunft Bukarests - war die partielle Einführung der französischen Sprache, die in Westeuropa zur ‚lingua franca‘ avancierte. Gerade in den oberen Gesellschaftsschichten gewannen griechische Händler und Gelehrte zunehmend an Einfluss. Auf der anderen Seite nahmen die Belastungen für den Großteil der Bevölkerung in der Stadt durch immer drückendere Abgaben drastisch zu - und dennoch, die wirtschaftliche, politische wie auch kulturelle Bedeutung Bukarest wuchs weiter an. Dies lässt sich auch im damaligen Stadtbild ablesen (Abb. 5).
Waren die Wohngebäude in ihrer Mehrzahl einstöckig und nicht selten nur aus Lehm und Stroh errichtet, entstanden doch zunehmend überall in der Stadt verteilt die Steinhäuser der wirtschaftlich besser gestellten Familien. Die Fassaden wurden nun oft in orientalischer Mode mit 64 lösten die offene Veranda bzw. floralen Mustern versehen. Geschlossene vorgelagerte Holzerker die kleinen Laubengänge ab. Diese Backsteinhäuser verfügten über Keller-, Lager- und Angestelltenräume und bildeten je nach Vermögen eine ‚Stadt in der Stadt‘: Bedienstete und leibeigene Zigeuner arbeiteten in den Wirtschaftsräumen des Anwesens, von denen nicht wenige gar über eigene Kapellen bzw. kleine Privatkirchen verfügten. Die Unterschiede innerhalb der städtischen Bevölkerung nahmen ähnliche Ausmaße an, wie jene in der Hauptstadt am Bosporus. Abgesehen von diesen Bojarenhäusern, die, wie auch die viel bescheideneren Häuser der Nachbarschaft, hinter Holzzäunen (die Zäune trennten sowohl die Mahalale untereinander als auch den privaten vom öffentlichen Raum der Stein- wie Holzhäuser ab; Abb. 6) versteckt waren, gab es kaum mehrstöckige Gebäude in der Stadt, sodass die vertikale Ausrichtung lediglich durch die Sakralbauten bestimmt wurde. Jene wurden nicht nur von wohlhabenden Familien gestiftet, vielmehr von den sich etablierenden Handwerkervereinigungen in den Stadtvierteln. Ein regelrechter ‚Kirchenbauboom‘ setzte ein, der bis weit ins 18. Jahrhundert anhielt, schließlich im 19. und 20. Jahrhundert deutlich abnahm, aber nach der politischen Wende Ende des 20. Jahrhunderts eine erstaunliche Renaissance erfuhr, welche gegenwärtig langsam wieder abflaut.
62 Vgl. dazu: Giurescu: Bukarest, S. 39.
63 Die Fürstliche Akademie Sf. Sava; im Jahre 1864 aufgeteilt in ein gleichnamiges Gymnasium und die
Universität zu Bukarest.
64 Die nordtürkische Stadt Safranbolu besitzt noch als einer der wenigen Orte eine große Anzahl jener
typischen frühneuzeitlichen Häuser und steht mit diesem Ensemble auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste.
19
Die Bauten waren, ihrer Umgebung entsprechend, meist kleine und in ihrer Funktion angepasste Beträume. Oft aus Holz, im griechischen Stil auf trikonchalem Grundriss errichtet, waren sie keineswegs Monumentalbauten, wie zeitgemäße Kirchbauten im Westen des Kontinents, sondern boten einer beschränkter Anzahl Gläubiger aus der direkten Nachbarschaft der jeweiligen Mahala Platz für die alltägliche Ausübung der Religion. Das Gedrungene der Kirchbauten verstärkt außerdem das Mystische, welches im orthodoxen Glauben sehr viel stärker ausgeprägt ist, als in den ‚westlichen‘ Konfessionen des Christentums. Die kleinen Plätze, die vor den Kirchenbauten entstanden, waren gleichzeitig die öffentlichen Räume der ‚Zivilgesellschaft‘ des 18. und 19. Jahrhunderts: Hier wurden die Gespräche und Verhandlungen der Märkte und des Alltages nach dem Kirchgang fortgesetzt oder man wusste die Plätze als ‚offene Räume der Begegnung‘ zu 65 nutzen.
Neben den Gotteshäusern, die wie in vergleichbaren mittel- und westeuropäischen Städten den Fixpunkt der Mahalale bildeten, wurden die Zentren der Bukarester Stadtviertel v. a. durch die Hanuri, die Karawansereien, geprägt. Sie waren zugleich Märkte und Herbergen mit Handelsinnenhöfen, boten Reisenden und Kaufleuten Platz, um mit ihren Tieren und Waren zu nächtigen beziehungsweise zu handeln. Sie waren der wichtigste Umschlagsort für die Im- und Exportwaren zwischen Orient und Okzident. Im gesamten Osmanischen Reich waren die Karawansereien entlang der Handelstrassen etwa alle 50 Kilometer sowie in den wichtigen Städten eingerichtet worden. Mit ihren großen Innenhöfen, um die sich meist arkadengesäumte Gebäude anschlossen, ähnelten sie in der gesamten orientalischen Einflusssphäre einander: So waren in den ebenen Häusern sowohl die Ställe für die Tiere als auch die Läden für den Verkauf untergebracht und in den Obergeschossen die Quartiere für die Reisenden und Händler. Der Schutz, den die Karawansereien beziehungsweise Hanuri boten, war in einer unbefestigten Stadt wie Bukarest durchaus notwendig, daher verbreiteten sie sich mit zunehmender ökonomischer Potenz in verschiedenen Größen seit Mitte des 17. Jahrhunderts über das gesamte Stadtgebiet. Den ersten bedeutenden Han ließ bereits der Fürst cerban Cantacuzino im Jahre 1683/85 errichten: dieser konnte so eine direkte Einflussnahme auf die Handelswaren nehmen und die damit verbundenen Einnahmen für seine ‚eigene Schatzkammer‘ deutlich erhöhen. Architektonisches Vorbild sollen die Fondachi (Handelshäuser) in Venedig gewesen sein und der Hanul cerban Vodĉ selbst sich mit einer Länge von über hundert Metern entlang der UliƜa Mare 66 (dt.: Große Straße, heute: Strada Lipscani) erstreckt haben.
65 Vgl. dazu: Vossen, Bukarest, S. 143.
66 Vgl. dazu: Potra, George: Istoricul hanurilor bucureƕtene. Bucureƕti 1985.
20
67 das erste Bukarester Krankenhaus eröffnet, alsbald Im Jahre 1704 wurde mit dem ColƜea Spital
wurden an den Komplex ein Armenfürsorgeheim und eine Schule angeschlossen. Der zwischen 1709 und 1714 hinzugekommene Turnul ColƜea (dt.: ColƜea-Turm) maß circa 50 Meter und diente der Stadt als Wachturm. Bei dem Erdbeben des Jahres 1802 wurden die Spitze und die Glocke des Turmes schwer beschädigt. 1888 schließlich ganz abgetragen, wurde zwei Jahre später an gleicher 68 Stelle der 42 Meter hohe Foiƕorul de Foc (dt.: Feuerturm, Abb. 7) der Stadt errichtet.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde eine beschleunigte urbane Entwicklung immer wieder durch ‚äußere Faktoren‘ gebremst: 1718 wurde die Stadt von einem flächendeckenden Feuer so stark zerstört, dass aufgrund fehlender hygienischer Standards die Pest sich stark verbreiten konnte. Zwanzig Jahre später folgte auf ein schweres Erdbeben eine erneute Pestwelle. Es ist das Jahrhundert, indem die rumänischen Fürstentümer und daher auch Bukarest 69 in das Spannungsfeld der zunehmend von der sich zuspitzenden ‚Orientalischen Frage‘
70 rücken. Allein die kriegerischen Auseinandersetzungen, die fast ausschließlich auf Großmächte
dem Territorium der Fürstentümer ausgetragen wurden - der Österreichisch-Türkische Krieg (1716-1718), der Russisch-Österreichisch-Türkische Krieg (1736-1739), die Russisch-Türkischen Kriege (1768-1774), der zweite Russisch-Österreichisch-Türkische Krieg (1787-1792) und der Russisch-Türkische Krieg (1806-1812) - ließen kaum Raum für ein kontinuierliches Wachstum und waren sowohl für die Bukarester Bevölkerung als auch für die Entwicklung der Stadt katastrophal. In dieser Situation war im 18. Jahrhundert ein ‚geordnetes Zusammenwachsen‘ der Stadt nicht möglich und Bukarest blieb bestimmt durch diffuse Räume und fehlende eindeutige Raumgrenzen; die Ausweitung fand weiterhin zu Ungunsten einer inneren Verdichtung statt.
Die verschiedenen Stadtviertel kristallisierten sich zwar besonders nach Berufen und Herkunft der Bevölkerung weiter heraus, blieben aber in ihren administrativen und ‚natürlichen Grenzen‘ noch schemenhaft und im Flächenwachstum unregelmäßig und unkontrolliert. Als der Fürst Ipsilanti die
67 Der Originalbau wurde 1802 bei einem Erdbeben zerstört. Das heutige städtische ColƜea-Krankenhaus
geht auf einen neoklassizistischen Bau aus dem Jahre 1888 zurück.
68 Dass der ColƜea-Turm im urbanen Gedächtnis der Bucureƕtenii noch immer eine Rolle spielt, zeigen das
zahlreiche Bildmaterial und die vielen Beschreibungen im Internet. So wurde auch eigens für den Turm eine
rumänisch-sprachige Diskussionsgruppe bei der Internetplattform ‚Facebook‘ eingerichtet:
[http://www.facebook.com/group.php?gid=165953670859], zuletzt abgerufen am 25.9.2011.
69 Als ‚Orientalische Frage‘ wurde spätestens im 19. Jahrhundert die Diskussion über den Fortbestand des
Osmanischen Reiches bezeichnet. Vgl. dazu: Milojkovic-Djuric, Jelena: The Eastern question and the voices
of reason. Austria-Hungary, Russia and the Balkan states, 1875-1908, New York 2002; vgl. auch: die zu
Beginn des 20. Jahrhunderts aus ‚rumänischer‘ und nationalistischer Sicht geschriebene und in fünf
Bänden neu aufgelegte Zusammenstellung: Iorga, Nicolae: Geschichte des Osmanischen Reiches nach den
Quellen dargestellt. Darmstadt 1997.
70 So bezeichnet auch der rumänische Historiker Viorel Roman seine dreibändige Überblicksdarstellung:
‚Rumänien im Spannungsfeld der Großmächte‘.
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