Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Identität 5
2.1. Das soziologische Theorem der Identität 5
2.2. Kultur und kulturelle Wahrnehmung 7
2.3. Bestandteile der Identität 9
2.3.1. Rolle 10
2.3.2. Status 11
2.3.3. Selbst- und Fremdwahrnehmung 11
2.3.4. Identitätspolitik 12
2.4. Wirkungsbereiche der Identität 13
2.5. Die soziale Kategorie Geschlecht 16
2.5.1. Interkulturelle Konzepte des sozialen Geschlechts 17
2.6. Zusammenfassung 18
3. Fluchtmigration 19
3.1. Die Flucht 20
3.2. Asyl und Exil 21
3.3. Der Flüchtlingsbegriff 22
3.4. Flucht und Frauen 24
3.4.1. Fluchtursachen von Frauen 24
3.4.2. Geschlechtsspezifische Flucht- und Verfolgungsbedingungen 25
3.5. Ehre und Schande als kulturelles Selbstkonzept 27
3.6. Zusammenfassung 28
4. Wechselwirkungen Migration und Identität 29
4.1. Emigration und Immigration 29
4.2. Akkulturationsstrategien 30
4.3. Identitätsarbeit als Neukonstruktion der sozialen Wirklichkeit 32
4.4. Flucht und Exil als biographische Brüche 33
4.5. Identitätsarbeit verändert weibliche Rollenvorstellungen 33
4.6. Identitätsarbeit bedeutet, soziale Wirklichkeit nicht vermitteln zu können 35
4.7. Identitätsarbeit bedeutet Rassismus zu verstehen 37
4.8. Zusammenfassung 37
1
5. Der Asylbewerberstatus 38
5.1. Was ist ein Asylbewerber? 38
5.2. Hypothesen 40
5.3. Auswertungen 41
5.3.1. Zur Anzahl 41
5.3.2. Fluchtgründe, Herkunftskulturen, Bildungsstand 42
5.3.3. Herkunftsländer und geschlechtsspezifische Verfolgung 43
5.3.4. Asylanerkennung für Frauen 44
5.4. Zusammenfassung 45
6. Auswirkungen des Asylbewerberstatus auf die Selbstkonzeption 46
6.1. Auswirkungen auf die Wirkungsbereiche der Identität 46
6.1.1. Arbeit und Leistung 46
6.1.2. Materielle Sicherheit 48
6.1.3. Leib 50
6.1.4. Soziales Netzwerk 52
6.1.5. Werte 53
6.2. Zusammenfassung 54
6.3. Auswirkungen auf die Identität 57
6.3.1. Statusfragen 57
6.3.2. Rollen 58
6.3.3. Selbst- und Fremdbilder 60
6.4. Zusammenfassung 62
7. Schluss 63
8. Literaturverzeichnis 67
2
1. Einleitung
Die derzeitige Integrationsdebatte lenkt den Blick kontrovers auf ausländische Frauen. Ausgelöst durch Thilo Sarrazin, fortgeführt von Alice Schwarzer, reibt sie sich zwar am medialen Widerstand einzelner Repräsentantinnen und wird dennoch über die Köpfe der Betroffenen hinweg geführt. Das Schicksal der Flüchtlingsfrauen wird öffentlich kaum diskutiert und doch repräsentieren sie diejenigen, deren Leid aus dem Fernsehen bekannt ist, in deren Länder unsere Spendengelder fließen und die besonders unter der Flucht zu leiden haben. 1 Dass die Gesetzgebung keine geregelte Einwanderung kennt 2 und somit das Asyl zum einzigen außereuropäischen Zugang macht, öffnet Tür und Tor für die Einteilung der Asylsuchenden in Wirtschaftsflüchtlinge, Wohlstandsflüchtlinge, Scheinasylanten und Familiennachziehende, deren Abreise gesellschaftlich und gesetzlich vorbereitet wird. Dass aber gerade die Asylbedingungen die defizitäre Situation für Flüchtlingsfrauen verstärkt, habe ich während meiner Studienaufenthalte in Griechen-land und Italien durch das dort alltägliche Flüchtlingselend erlebt. Nicht nur die bundesdeutsche Diskussion zur Wahrnehmung von Migrantinnen im Sommer 2010 motivierte mich zur näheren Betrachtung der Zusammenhänge zwischen Fluchtmigration, Asyl und ihrer Bedeutung für die Identität von Frauen. Diese Arbeit stellt darüber hinaus den Abschluss einer persönlichen Auseinandersetzung aufgrund meiner Erfahrungen mit der sozialen Wirklichkeit von Flüchtlingsfrauen in Deutschland dar. Dabei soll jede Wertung zwischen den Geschlechtern vermieden werden.
Wie die aktuellen Studien zur Situation von Flüchtlingsfrauen in Deutschland betonen, ist das Erleben des globalen Massenphänomens Flucht äußerst individuell. Migration und Flucht setzen dabei die Rahmenbedingungen für die gesellschaftliche Teilhabe des Individuums, die wiederum die Identität des Einzelnen bestimmt. Darauf aufbauend geht meine Arbeit von der Annahme aus, dass Identität zum einen durch die Interaktion mit der Gesellschaft entsteht und zum anderen durch
1 Vgl. Gürne, Markus (22.8.2010): Rückschau - Pakistan. Die Wut wächst. Hier wird die Situation der Witwe Wawa geschildert, die sich nicht waschen könne und dadurch ihre Würde verliere. Mit dieser Aussage im deutschen Fernsehen gezeigt zu werden, ist im Bezug auf ihre Würde kontraproduktiv. 2 Vgl. Auler, Andrea (20.09.2010): Kommen, um anzukommen. In: Wirtschaftswoche, H. 38. S. 20-25.
3
Status, Rolle, Selbst- und Fremdbild bestimmt wird, wie das Kapitel 2 zur Identität darlegt. Die Identitätstheorie nach Petzold stellt dar, dass Identität in fünf gesellschaftlichen Bereichen funktioniert: Arbeit und Leistung, Materielle Sicherheit, Leib, Werte und Soziales Netzwerk. Er nennt sie die ‚5 Säulen der Identität‘; ich erkenne in ihnen die Wirkungsbereiche der Identität. Der Bereich des sozialen Netzwerkes manifestiert durch seine gesellschaftsrepräsentierende Funktion die Schnittstelle zwischen der individuellen Identität und den gesellschaftlichen Wirkungsbereichen. Das Geschlecht hingegen zähle ich zum Leib, was in Kapitel 2 eingehend dargestellt wird. Flucht und Asyl wirken direkt auf die fünf aufgezählten Bereiche, da sie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern. Sie bewegen ebenfalls die subjektive Identität: Rolle, Status, Selbst- und Fremdbild:
Die Abbildung verdeutlicht die Wechselwirkungen zwischen Identitätsbestandteilen, Wirkungsbereichen und äußeren Einflüssen. Obwohl der Begriff der Selbstkonzeption aus dem psychologischen Bereich stammt, vereint Petzold den Identitätsbegriff mit dem der Selbstkonzeption auf eine pragmatische, sozialwissenschaftliche Weise. Dass Migrationsprozesse im Bereich Asyl ebenfalls mit dem Begriff Exil zu verbinden sind, wird neben den geschlechtsspezifischen Bedingungen für Frauen in Kapitel 3 erläutert. Das darauf folgende Kapitel geht auf die Wechselwirkungen zwischen Fluchtmigration und Identitätsprozessen ein. Die besonderen Gegebenheiten des Migrationsprozesses und des Asylbewerberstatus für die Situation von Frauen stellt das Kapitel 5 dar. Spezielle Auswirkungen auf Selbstkonzeption und damit auf die Identität von Asylbewerberinnen werden in Kapitel 6 diskutiert. Ich stütze mich hier auf aktuelle Studien des Instituts für Menschen-
4
rechte in Berlin, des Psychosozialen Zentrums für Flüchtlingsfrauen in Düsseldorf, des Duisburger Instituts für Soziologie, des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge (BAMF), des Statistischen Bundesamtes sowie der UNO und des UNHCR. Ergänzend greife ich auf persönliche Eindrücke meiner Arbeit im Asylbewerberheim Heiligenhaus zurück, die in Gesprächen mit Parlamentariern und Diakonievertretern zusätzlich reflektiert wurden. Leider können des Umfangs wegen nicht alle interessanten Aspekte vollständig thematisiert werden.
Das Kapitel zur Identität bietet einen kurzen Überblick über das soziologische Theorem der Identität, sowie über die soziale Kategorie Geschlecht.
2. Identität
2.1. Das soziologische Theorem der Identität
Der Versuch, die Auswirkungen der Migrationsprozesse auf die Identität zu beschreiben, das Subjekt in der Beziehung zu seiner Umwelt zu sehen. Denn Identität entsteht und gestaltet sich durch die Interaktion zwischen Subjekt und Gesellschaft. Durch diese Interaktion ergibt sich eine innere, persönliche Ebene des Subjekts und eine äußere, öffentliche Ebene. 3 Die äußere Ebene ist diejenige, welche von der außenstehenden Gesellschaft und dem sozialen Netzwerk, wahrgenommen, bewertet und geformt wird. Die innere Ebene umfasst neben den psychologischen Emotionen und dem Willen, die Handlungsmotivation, die Kompetenzen und Ressourcen einer Person. Das Verhältnis beider Ebenen zueinander wird u.a. von Mead beschrieben, der die äußere Ebene als ‚Me‘ und die innere Ebene als ‚I‘ bezeichnet. Das ‚Me‘ nimmt erlernte und verfestigte Rollen ein und spiegelt darüber die Reaktionen der Umgebung wieder. Das ‚I‘ lernt im Laufe seines Lebens verschiedene Haltungen einzunehmen und stellt die internalisierten, sozialen Rollenerwartungen dar, und weist dennoch in sich die unberechenbare Kraft des Individuums gegen die äußeren Zwänge auf. Die subjektive Identität stellt demnach das handlungssichere Wissen um die sozialen Kategorien dar.
3 Vgl. Hall, Stuart (2008): Rassismus und kulturelle Identität. Argument-Verlag: Hamburg. S. 182.
5
Das dritte und zuletzt ausgebildete Element der Identität nennt Mead den ‚mind‘. Dort findet das konstruktive, reflexive und problemlösende Denken statt. 4 Über die Ausbildung des ‚mind‘ steht das Subjekt mit einer stabilen Identität in Beziehung zu seiner Umwelt, 5 wodurch zu den entsprechenden Interaktionspartnern unterschiedliche ‚Me’s‘ ausgebildet werden. Das ist wesentlich für die Migrationsprozesse von Erwachsenen. Die Begegnung neuer, anderer Gesellschaften erfordert Reflektionen bereits stabilisierter Identitäten, was beim Wechsel von Gesellschaften die Neu-Verhandlung bereits vorhandener ‚Me’s bedeutet.
Goffman, in Anlehnung an Mead, spricht von der sozialen, der personalen und der Ich-Identität. 6 Die soziale Identität umfasst das Wissen der sozialen Handlungen, die personale Identität das Wissen um die eigene Person und Lebensgeschichtet. Die Ich-Identität ist die Konklusion dieser Erfahrungen sowie des diesbezüglichen subjektiven Empfindens. Goffmans Ergänzung zu Meads Entwicklungsmodell macht deutlich, dass migrierende Erwachsene ihren persönlichen Migrationshin-tergrund in der Aufnahmegesellschaft, für andere Migranten und die Herkunftsgesellschaft gestalten können. Das subjektive Empfinden nimmt dabei die eine wichtige Funktion für die Ich-Identität migrierender Subjekte ein. So können eigene Erfahrungen für die Reflektion des ‚Me‘ verwertet werden.
Nach Krappmann werden Identitäten durch die Dimension des gesellschaftlichen Wandels permanent ausgehandelt. 7 Gesellschaftlicher Wandel liegt Migrationsprozessen zu Grunde, wodurch die Identitätenaushandlung grundlegend für Frauen in Migrationsprozessen ist. Denn in der Aushandlung findet die Gestaltung des eigenen Migrationshintergrundes im Bezug auf das Subjekt und seine Umgebung statt.
Zusammenfassend kann das soziologische Theorem mit den Worten Keupps bestimmt werden:
4 Vgl. Hill, Paul B. (1990): Was ist Identität. In: Esser, H. (Hg.): Generation und Identität. Theoretische und empirische Beiträge zur Migrationssoziologie. Westdt. Verlag: Opladen. S. 26.
5 Hettlage-Varjas nennt die Identität dann gefestigt und reif, sobald sie nicht mehr nur auf den Druck der Umwelt reagiert, „sondern diese mit seinen subjektiven Augen sieht und interpretiert“ (vgl. Hettlage-Varjas, Andrea (2002): Frauen unterwegs. Identitätsverlust und Identitätssuche zwischen den Kulturen. In: Rohr, E./ Jansen, M. (Hg.): Grenzgängerinnen. Frauen auf der Flucht, im Exil und in der Migration. Psychosozial-Verlag: Gießen. S. 170). 6 Vgl. Hill (1990): S. 27f. 7 Vgl. Hill (1990): S. 27f.
6
„Identität kann als Antwort auf die Frage verstanden werden, wer man selbst oder wer jemand anderer sei. Unterschieden werden kann zwischen einer individuellen und einer kollektiven Identität. I. ist immer ein Akt sozialer Konstruktion: Die eigene Person oder Gruppe oder eine andere Person oder Gruppe werden in einem Bedeutungsnetz erfasst, das die eigene Besonderheit in der Differenz zu anderen Personen oder Gruppen herausstellt.“ 8
Im Bezug auf die Erfassung von Identitäten in Migrationsprozessen entspricht das von Keupp erwähnte gesellschaftliche Bedeutungsnetz der kulturellen Dimension, da kulturelle Bedeutungsnetze in der gesellschaftlichen Interaktion interpretiert werden. Der kulturspezifische Kontext betont zusätzlich die Individualität der Migrationsprozesse, wie sie bei Asylbewerberinnen zu finden ist.
2.2. Kultur und kulturelle Wahrnehmung
Der Begriff der Kultur steht für den abstrakten Sinnzusammenhang einer Gesellschaft, die sich über Werte, Handlungen, Symbole und Kommunikationsformen definiert. Für Hofstede entsteht Kultur aus den im Verhalten sichtbar werdenden Werten (‚values‘), Symbolen, Helden und Ritualen einer Gesellschaft. In der Mentalität (‚mind‘), bestehend aus ‚thinking‘, ‚feeling‘, ‚acting‘, äußert sich Kultur, ähnlich der Identitätsebene ‚mind‘ von Mead. Kultur hat neben der identitätsstiftenden Funktion auch die der Koordination und Orientierung der Interagierenden. 9 Dementsprechend setzt das soziale Netzwerk die Rahmenbedingungen für die Sozialisation und die Vorgaben für die Ausbildung von subjektiver Identität. Insofern grenzt sich diese Arbeit von der Kulturdifferenzhypothese 10 ab, nach der Unterschiede zwischen Subjekten ethnisch begründet werden, als das davon ausgegangen wird, dass Migrationsprozesse nach soziologischen Kriterien verlaufen.
Der Begriff der kulturellen Identität weist auf eine subjektive Zugehörigkeit zu einer Sprache, einer Region, einer Weltanschauung hin, welche sozialpolitisch in An- 8 Keupp, Heiner (2008b): Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Rowohlt-Taschenbuch-Verl.: Reinbek bei Hamburg. S. 107.
9 Vgl. Hofstede, Geert (2001): Culture's Consequences. Comparing Values, Behaviors, Institutions, and Organizations Across Nations. Sage Publications: Thousand Oaks - London - New Delhi. S. 9ff. 10 Vgl. Schad, Ute (2000): Frauenrechte und kulturelle Differenz. Das Geschlechtsverhältnis in Theorie und Praxis der interkulturellen Sozialen Arbeit. Luchterhand: Neuwied. S. 6.
7
lehnung an Huntingtons ‚Clash of Cultures‘ missbraucht werden kann. 11 Die zunehmende öffentliche Ethnisierung von alltagswahrgenommenen Differenzen führt zu der Dichotomie traditioneller und moderner Gesellschaften nach entwick-lungstheoretischen Modellen: „Der am Standard der westlichen Industrienationen gemessene sozioökonomische Entwicklungsstand der Herkunftsländer gilt als Kriterium für die kulturelle Rückständigkeit der Einwanderer,“ 12 wodurch nicht nur die Zuweisung eines geringeren sozialen Status legitimiert wird, sondern auch geschlechtsspezifisches Verhalten erklärt. Zur Vermeidung dessen, greife ich auf die Kulturdimensionen Hofstedes zurück. Trotz ihrer kulturdifferenzierenden Tendenz, beschreiben sie diejenige soziologische Organisation von kollektiver und subjektiver Identität, welche in der Dichotomie traditionell/modern vereinfacht wird: Machtdistanz (Frage nach dem allgemeinen Vertrauen in den Staat), Unsicherheitsvermeidung (Frage nach dem Sicherheitserleben) und Langzeitorientierung (Frage nach der zeitlichen Organisation). 13 Modernität bezeichnet in der ethnisierten Wahrnehmung ein hohes Sicherheitserleben sowie eine detaillierte Langzeitplanung, während Traditionalität neben einem geringen Sicherheitserleben und Zeitplanung auch eine Geschlechtertrennung fokussiert. Demzufolge stellt der Begriff Geschlechtersegregation lediglich eine Gesellschaftsform dar, wird dennoch ethnisiert und unreflektiert mit der Vorstellung über traditionelle Gesellschaften gleichgesetzt. Hofstedes Dimensionen Individualismus und Maskulinität beschreiben das mögliche soziale Gefüge sowie das mögliche Geschlechterverhältnis in einer Gesellschaft. Maskuline Gesellschaften gelten als segregativ, bemessen nach ökonomischen und sozialen Faktoren, nach denen Deutschland ein maskulines Land darstellt. 14 Subjekte in individualistischen Gesellschaften orientieren sich am Einzelnen, während das Handeln in kollektivistische Gesellschaften an sozialen Strukturen, wie der Groß-Familie, orientiert ist. 15 Auf weitere Aspekte zur sozialen Kategorie Geschlecht gehe ich in Kapitel 2.5 ein.
11 Vgl. Schad (2002): S. 6.
12 Schad (2002): S. 6.
13 Hofstede, Geert: Cultural Dimensions. URL: www.geerthofstede.com/geert_hofstede_resources.shtml. Zugriff: 30.9.2010. 14 Ebd. 15 Ebd.
8
Zwischenfazit: Identität und Gesellschaft
Identität findet in der Interaktion zwischen dem Subjekt und seiner Umgebung statt. Die Umgebung besteht einerseits aus dem sozialen Netzwerk, andererseits aus der Mehrheitsgesellschaft. Durch die Interaktion werden nach Mead das ‚Me‘, nach Goffman die personale Ebene, und das ‚I‘, die soziale Ebene der Identität aus- gebildet.Die Identitätsebenen sind bestimmt durch eine höhere kulturelle Ebene, welche Hofstede den gesellschaftlichen ‚mind‘ nennt. Dort werden Muster zur Interaktion ausgebildet. Diese Muster finden sich wiederum in der dritten subjekti- venIdentitätsebene von Mead, dem ‚mind‘, auf welchem das subjektive problemlö- sendeDenken stattfindet. Goffman nennt dies die Ich-Identität, welche durch die Erfahrungen und das subjektive Empfinden geprägt ist. Kultur dient den subjektiven Identitätshandlungen, auf der inneren und äußeren Ebene, in Migrationsprozessen als Orientierung. Deutschland, als Aufnahmegesellschaft orientiert sich bei der Diskussion über Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen an kulturell geprägten Folien. Um bestimmte Phänomene benennen zu können, werden Frauen Rollen und Statuspositionen zugeschrieben. Differenzorientierte öffentliche Diskussionen benutzen dafür sozialwissenschaftliche Dichotomien über Gesellschaften und Geschlechterverhältnisse, womit aber wirkende Machtmechanismen verschleiert werden. Kollektive Identitäten werden über subjektive Identitäten hergestellt, die sich in der Aushandlung von Rollen und Status äußern.
2.3. Bestandteile der Identität
Das Erleben von Migrationsprozessen unterscheidet sich nur subjektiv zwischen Männern und Frauen, wobei beide Geschlechter von spezifischen Risiken und Chancen der Migration betroffen sind. Die Auswirkungen dessen werden durch die Reflektion mikrosoziologischer Migrationssituationen erfahrbar. 16
16 Reiseratgeber erläutern mikrosoziologische Rollenverteilungen zwischen Geschlechtern, wie im Sprachführer zu Ägypten: „Frauen sollten auf die Frage, ob sie verheiratet sind, tunlichst mit Nein ant-worten. Es wirft ein schlechtes Licht auf den Familienstand, wenn der Ehemann nicht anwesend ist. Wenn man als Mann alleine unterwegs ist, antwortet man trotzdem mit Ja.“ In: Semsek, Hans-Günter (2004): Ägyptisch-Arabisch, Wort für Wort. Reise Know-How Verlag: Bielefeld. S.123.
9
2.3.1. Rolle
Rollen bezeichnen die sozialen Handlungspositionen des Individuums in der Gesellschaft. 17 Sie werden in der Interaktion gebildet 18 und sind ein wesentlicher Be-standteil bei der personalen und kollektiven Identitätskonstruktion 19 . Rollen werden zugewiesen, ausgebildet, übernommen und spiegeln damit die gesellschaftlichen Erwartungen an die individuelle als auch kollektive Identität wider. Anpassung an zugeschriebene Rollen ist essentiell für den Erhalt der Gesellschaften, weshalb es Sanktionen bei Rollenverstößen gibt. Die Funktionen von Frauen- und Männerrollen werden, wie beispielsweise von der feministischen Bewegung, im Gesellschaftsdiskurs ausgehandelt. 20 Die gesellschaftlichen Rollen, wie institutioneller und sozialer Art, sind wichtig für den Gesellschaftsdiskurs. Im Fall der aktuellen Integrations- und Migrationsdiskurse führt die Problematisierung von Islam, Türken und Arabern, unabhängig ob ihrer religiösen Ausrichtung, zur Rolle des gesellschaftlichen Problemträgers. Neben der Rollenzuweisung, gibt es die Rollenübernahme durch die subjektive Identität, wie eben bei Muslimen die verstärkte Hinwendung zum problematisierten Islam zu beobachten ist. 21 Identitätshandlungen definieren sich demnach durch die Rollenübernahme und der Erwartungsentsprechung, 22 was unmittelbar mit dem gesellschaftlichen Status zusammenhängt. Denn Asylbewerberinnen sind in ihren Identitätshandlungen auf den gesamtgesellschaftlichen und individuellen Status angewiesen.
17 Vgl. Petzold, Hilarion/ Mathias, Ulrike (1982): Rollenentwicklung und Identität. Von d. Anfängen d. Rollentheorie zum sozialpsychiatrischen Rollenkonzept Morenos. Junfermann: Paderborn. S. 9. Laut Moreno ist die Rollentheorie eine Handlungstheorie.
18 Vgl. Jordan, Stefan (2008): Rolle. In: Farzin, S./ Jordan, S. (Hg.): Lexikon Soziologie und Sozialtheorie. Hundert Grundbegriffe. Reclam: Stuttgart. S. 247.
19 Vgl. Keupp, Heiner (2008a): Identität. In: Farzin, S./ Jordan, S. (Hg.): Lexikon Soziologie und Sozialtheorie. Hundert Grundbegriffe. Reclam: Stuttgart. S. 108.
20 So werden im Rahmen von Deeskalationsstrategien im polizeilichen Außendienst verstärkt Frauen eingesetzt. Vgl. Meier-Andrae, Valerie (10.4.2010): "Frauen wirken deeskalierend". Wiesbadener Kurier. URL: www.wiesbadener-kurier.de/region/wiesbaden/meldungen/8730592.htm. Zugriff: 30.09.10 21 Vgl. Wohlrab-Sahr (2008): Was hat ein Tschador im heute-journal zu suchen? In: Schimank, U./ Schöneck, N. (Hg.): Gesellschaft begreifen. Einladung zur Soziologie. Campus-Verl.: Frankfurt/Main, S. 23-36. 22 Vgl. Abels, Heinz (2006): Identität. Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden. S. 250.
10
2.3.2. Status
Die Rollenhandlungen sind definiert über den gesellschaftlichen Status: 23 „Status […] meint den relativen Ort einer Person in einem eingrenzbaren sozialen Kontext, aus dem sich bestimmte Rollenerwartungen ergeben. […] Der Status einer Person wirkt für deren Interaktionspartner handlungsorientierend.“ 24 Zu unterscheiden ist der erworbene und der zugeschriebene Status, als Teil der sozialen Identität: „Denn Zuschreibungen verorten und bewerten das Individuum und definieren durch entsprechende Erwartungen an sein Verhalten auch das Bild, das es von sich selbst hat oder haben sollte“. 25
Der erworbene Status ist in westlichen Gesellschaften bestimmt durch die Leistung und dessen gesellschaftliche Anerkennung 26 . In der Ausländerpolitik wird der soziale Status auf den Aufenthaltsstatus übertragen, welcher durch den Aufenthaltszweck legitimiert wird: Der Aufenthaltszweck erlaubt Rückschlüsse auf die soziale Verortung der Person mit Konsequenzen für den rechtlichen Aufenthaltsstatus. 27
Dass Personen als fremd wahrgenommen werden und sie ihre diversen Daseinsberechtigungen in der Gesellschaft oftmals begründen müssen (Polizisten, die schwarze Männer öfter kontrollieren als Weiße 28 ), liegt an der Selbst- und Fremdwahrnehmung, die mit der äußeren Identität einhergeht, und eine Folge dessen ist, was Hofstede der Kultur und seiner identitätsstiftenden, sowie aus- und eingrenzenden Funktion zuschreibt.
2.3.3. Selbst- und Fremdwahrnehmung
Die Selbst- und Fremdwahrnehmung wird auch als Innenperspektive und Außenperspektive 29 sowie Fremdbild und Selbstbild 30 bezeichnet. Nach Mead 31 nimmt
23 Vgl. Abels (2006):252.
24 Lamnek, Siegfried (2002): Status. In: Endruweit, G./ Trommsdorff, G. (Hg.): Wörterbuch der Soziologie. Lucius & Lucius: Stuttgart. S. 575. 25 Abels (2006): S. 349.
26 Der Begriff der Leistungsgesellschaft benennt diesen Wert.
27 Jede Statusveränderung, bestimmt durch den Aufenthaltszweck, ist geregelt, kontrolliert und eingeschränkt: Die Aufnahme eines Studiums für Asylbewerber ist strukturell nahezu unmöglich. Vgl. Flüchtlingsrat Berlin (2010): Gesetzgebung. URL: www.fluechtlingsrat-berlin.de/gesetzgebung.php#Kita. Zugriff: 01.10.2010.
28 Vgl. Lillig , Marion (2004a): Polizisten und Asylbewerber in Duisburg: Duisburg. S. 16. 29 Vgl. Haußer, Karl (2002): Identität. In: Endruweit, G./ Trommsdorff, G. (Hg.): Wörterbuch der Soziologie. Lucius & Lucius: Stuttgart. S. 219.
11
das Subjekt sein Selbstbild erst durch Wahrnehmung des eigenen Fremdbildes wahr: Die Spiegelfunktion 32 der Umgebung beeinflusst die innere Identität. Die Einstellungen und Handlungen einer Person basieren auf dem Streben nach Anerkennung und sozialer Zugehörigkeit, welche Keupp basal für die Herstellung von Identität nennt. 33 Dennoch festigen sich Selbstbilder im Laufe des Lebens und verändern sich zugleich prozesshaft. Das hat Einflüsse auf die Fremdwahrnehmung, für welche die Konstruktion von Fremdheit symptomatisch ist: „Fremde sind nur fremd in Beziehung zum Gegenüber […] Fremdheit ist demnach ein Konstrukt aus der von der eigenen Gruppe aus anders definierten Merkmalen. Dazu zählen Sprache, Hautfarbe, Alltagsroutinen usw. als sichtbare äußere Zeichen […].“ Diesen Abgrenzungsprozess zeigt Lillig: „Indem wir als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft beispielsweise allen Flüchtlingen unterstellen, sie hätten ihr Land verlassen in dem einzigen Streben es sich in unserem Sozialstaat endlich gut gehen zu lassen […] blenden wir völlig aus, welche Tragik für jeden Menschen mit dem unfreiwilligen Verlassen seines Lebensraumes verbunden sein kann.“ 34 Doch auch die Kritik an Darstellungen wie diesen, welche die Flüchtlingsfrauen allzu oft in eine diffuse, passive Opferrolle drängen, 35 ist dahingehend berechtigt, als dass eine Fremdwahrnehmung auf eurozentrische Kulturmuster hin unreflektiert, diskutiert wird. Die Steuerung der eigenen Fremdwahrnehmung fällt unter die Identitätspolitik.
2.3.4. Identitätspolitik
Sowohl die Frau, die, um ihre Abschiebung zu verhindern, ihre Ausweise wegwirft und ihre Kinder bittet über ihre wirkliche Herkunft zu schweigen, als auch die, die versucht, vor deutschen Beamten ihre Vergewaltigung durch Polizisten ihres Hei-matlandes während der Inhaftierung des Ehemannes als politische Verfolgung gel-
30 Vgl. Lenz,Karl (2009): Soziologie der Zweierbeziehung. Eine Einführung. Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden. URL: dx.doi.org/10.1007/978-3-531-91439-8. S.202. 31 Vgl. Hill (1990): S. 26. 32 Vgl. Hettlage-Varjas (2002): S. 169.
33 Vgl. Keupp, Heiner (2009): Diskursarena Identität: Lernprozesse in der Identitätsforschung. In: Keupp, H./ Höfer, R. (Hg.): Identitätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung. Suhrkamp: Frankfurt am Main. S. 34.
34 Lillig , Marion (2008): Identitätskonstruktionen von Exilantinnen. Aufgeben nur Pakete und Briefe, nicht und nie mich. Lang: Frankfurt am Main. S. 1.
35 Vgl. Cyprian, Gudrun/ Pablo-Dürr, Marissa (2002): Zur Lebenslage von Migrantinnen: Restriktionen und Spielräume. In: Hammer, V./ Lutz, R. (Hg.): Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele. Campus-Verlag: Frankfurt/Main. S. 249f.
12
tend zu machen, betreiben Identitätspolitik. 36 Goffman betont die Identitätspolitik bei den sozialen Anpassungsprozessen 37 : Identität sei eine Frage der Präsentation. Die soziale Identität sei nach Anselm Strauss 38 eine Maske, welche die personale Identität zu schützen suche. Durch die äußere Anpassung wird die soziale Verortung gesteuert, was Folgen für die Rollenübernahme und den sozialen Status hat. 39 Soziale Wirklichkeit wird dementsprechend im machtbestimmten Raum definiert, welcher ausschlaggebend ist für die Identitätspolitik. 40 Das betrifft umso stärker jene Frauen, die bei der Anhörung die Erfahrung der sexuellen Gewalt aus weiblicher Scham verschweigen und bei späterem Nachtrag mit dem Vorwurf der Manipulation abgeschoben werden. 41 Identitätspolitik findet vor allem in der Selbstdarstellung in den Wirkungsbereichen der Identität statt, die Petzold als Fünf Säulen bezeichnet.
2.4. Wirkungsbereiche der Identität
„Die persönliche Identität setzt sich aus verschiedenen Teilbereichen zusammen: Geschlechtsidentität, Berufsidentität, Elternidentität, ethnische Identität, subkulturelle Identität, Patientenidentität - um nur einige zu nennen“. 42 Die Teilbereiche sieht Petzold als „situative Facetten einer Identität“. 43 Petzold, dessen anthropologisches Konzept über Identität, Selbst und Ich auf Morenos Rollentheorie basiert, vereint psychologische und soziologische Ansätze. 44 So bezeichnet er das ‚I‘ als Identifikation und das ‚Me‘ als Identifizierung. Ähnlich wie bei Goffman vereint Identität das biographische Wissen und die soziale Konstitution im personal-biographischen Sinnzusammenhang als Prozess: „Identität erweist sich als […] Stabilisierung einer
36 Vgl. Akram, Susan M. (2000): Orientalism Revisited on Asylum and Refugee Claims. In: International Journal of Refugee Law. Vol. 12, Issue 1. S. 7-40. 37 Vgl. Abels (2006): S. 347. 38 Vgl. Abels (2006): S. 347.
39 Auf die Macht der Anderen, einem Individuum eine soziale Identität zuzuschreiben, und die Strategien, mit denen es sich vor Zugriffen auf seine Identität schützt, hebt Erving Goffmans Studie „Stigma" (1963) ab. Vgl. Abels (2006): S. 251f. 40 Vgl. Abels (2006): S. 348.
41 Vgl. Lipka, Susanne (2002): Flüchtlingsfrauen im Asylverfahren in Deutschland. In: Rohr, E./ Jansen, M. (Hg.): Grenzgängerinnen. Frauen auf der Flucht, im Exil und in der Migration. Psychosozial-Verlag: Gießen. S. 46. 42 Hettlage-Varjas (2002): S. 170. 43 Petzold/ Mathias (1982): S. 177. 44 Vgl. Petzold/ Mathias (1982): S. 166.
13
Innen-Außen-Differenz und Verbindung von Innen und Außen.“ 45 Da Identitätserleben nicht situationsenthoben sei, hat Petzold fünf Bereiche herausgestellt, die, „wie das Identitätskonzept selbst“ 46 , jeweils von Identifikation und Identifizierung bestimmt sind:
- Der Leib, „der ‚my body‘ und ‚social body‘ zugleich ist“.
In Migrationsprozessen spielt der äußere Leib insofern eine Rolle, als dass äußere Merkmale in sozialen Zusammenhängen bewertend wahrgenommen werden. Die Kategorie Geschlecht, als leibliche Komponente, dient inneren und äußeren Identifikationsprozessen.
- Das soziale Netzwerk, das „zu meiner Identität beiträgt, und in dem ich zur Identität anderer beitrage“.
Das soziale Netzwerk dient Sozialisations- und Identitätsprozessen als Repräsentant der Gesellschaft. Das soziale Netzwerk erhält in der Fluchtmigration eine unterstützende und segregative Funktion.
- Arbeit und Leistung, „die für eine prägnante Identität konstitutiv werden. In der Arbeit, im konkreten Tun, erkenne und verwirkliche ich mich selbst, wird mir Möglichkeit der Identifikation gegeben. In gleicher Weise aber werde ich durch meine Arbeit auch erkannt“.
Produktive Leistungen zu erbringen, ist eine häufige Migrationsmotivation und erhält eine stabilisierende Funktion.
- Materielle Sicherheiten, wie „ökonomische Absicherung, Besitz, ökologisches Eingebundensein geben mir Möglichkeiten der Identifikationen“.
In der Fluchtmigration spielt der materielle Besitz eine Rolle, da Flüchtende zumeist zu Besitzlosen werden.
- Werte, als „dem letzten Bereich, der Identität trägt und der noch wirksam bleibt, wenn alle anderen ‚Säulen der Identität‘ schon geborsten sind. Die Werte werden sozial vermittelt, aber ich bekenne mich zu ihnen […] aber teile sie mit anderen“ 47 .
45 Petzold/ Mathias (1982): S. 174.
46 Petzold/ Mathias (1982): S. 175. 47 Petzold/ Mathias (1982): S. 175.
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Arbeit zitieren:
Johanna Damerau, 2010, Asylbewerberinnen und Identität - Auswirkungen des Asylbewerberstatus auf die Selbstkonzeption von weiblichen Flüchtlingen, München, GRIN Verlag GmbH
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Ausarbeitung, 39 Seiten
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft: neuer Titel erschienen: Asylbewerberinnen und Identität - Auswirkungen des Asylbewerberstatus auf die Selbstkonzeption von weiblichen Flüchtlingen
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