Theologische Fakultät Institut für Kirchengeschichte Otto-Schill-Str. 2 04109 Leipzig Bachelorarbeit im SS 2011 Bearbeitungszeit: 21.02.2011-01.08.2011
Der mitteldeutsche Bauernkrieg und Thomas Müntzer
Maik Garscha
Leipzig
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Von Stolberg bis hin zum sozialrevolutionären Wirken
M üntzers in Thüringen. 3
3. Die Theologie Müntzers. 7
3.1. Gotteslehre. 9
3.2. Anthropologie. 11
3.3. Obrigkeitslehre 15
3.4. Mystik. 18
3.5. Eschatologie. 23
4. Schlussfolgerung. 29
Literatur. 34
Internetquellen.................................................................................................. 35
1. Einleitung
Bei der Thematik Thomas Müntzer und seiner Rolle im Bauernkrieg Thüringens handelt es sich um einen Stoff, der in der Geschichtswissenschaft und Kirchengeschichte äußerst kontrovers diskutiert wurde. Bei der
Müntzerbeschäftigung steht man vor diversen Problemen: Zum einen sind die Schriften, die uns aus der Feder Müntzers überliefert sind, nicht gerade als ergiebig zu bezeichnen. Des Weiteren liegen die zu bearbeitenden Geschehnisse an die 500 Jahre zurück, so dass eine authentische Nachzeichnung der Ereignisse des frühen 16. Jahrhunderts noch verkompliziert wird. Wir können die Art der müntzerschen Predigt und ihre Wirkung auf den gemeinen Mann nicht im Einzelnen eruieren oder nachskizzieren, jedoch ist davon auszugehen, dass der Habitus Müntzers von besonderer Ausdruckskraft und Eindringlichkeit gewesen sein wird. Denn anders ist die Breitenwirkung seines Auftretens schwerlich zu explizieren. Sein genaues Geburtsdatum ist bis heute unbekannt, man taxiert es auf etwa 1589 und selbst sein Aussehen ist uns nebulös, so dass Helmar Junghans zu dem Schluss kommt: „Es gibt kein echtes Müntzerbild.“ 1
Diese Faktoren bilden einen günstigen Nährboden für eine ideologische Instrumentalisierung der Person Müntzer. Und tatsächlich ist es im Laufe der wissenschaftlichen Müntzerbeschäftigung zu den verschiedensten Bildern des Stolbergers gekommen. Die Darstellungen reichen von einem diabolischen Mordpropheten 2 , dem das Schicksal der Bauern völlig egal war, bis hin zum „klassenbewussten, revolutionären, chiliastischen Kommunist“ mit Vorbildfunktion. 3 Besonders die marxistische Geschichtsschreibung fand in dem „Knecht Gottes“, wie er sich in vielen Briefen bezeichnete, eine Figur, die sie als Vorreiter sozialistischen Gedankengutes zeichnete - ein Revolutionär, der sich gegen die tyrannische und unterdrückende Klasse (Klerus und später auch die Fürsten) zur Wehr setzte und bestehende soziale Missstände zu beseitigen versuchte. Genannt werden soll an dieser Stelle das Werk des marxistischen Philosophen Ernst Bloch „Thomas Müntzer als Theologe der Revolution“. Es ist ein Paradigma für die erwähnte Ideologisierung. Hier ist Müntzer ein „Volkstribun“ 4 , der in der „bäuerlich-proletarisch-chiliastische Revolution“ 5 schließlich die „christliche Feldversammlung der revolutionären Messiasarmee“ 6 nach Frankenhausen führte. Partiell widmet sich Helmar Junghans mit seinem interessanten Aufsatz Der Wandel des Müntzerbildes in der DDR von 1951/52 bis 1989 der Problematik.
In der akademischen Forschung der DDR genoss Müntzer und der Bauernkrieg eine herausragende Stellung und der Theologe wurde als gesellschaftliches Vorbild probagiert. So erhielten die beiden Städte Stolberg und Mühlhausen in der Demokratischen Republik einen offiziellen Namenszusatz „Thomas-Müntzer-Stadt“ 7 , begann 1976 Werner Tübke seine Arbeiten an dem gewaltigen
1 Vgl. Thomas Müntzer - Ein streitbarer Theologe zwischen Mystik und Revolution, S. 92.
2 Vgl. http://refworks.reference-
global.com/Xaver/media.xav?SID=ubleipzig303295241904&bk=deGruyter_TRE&name=pdf%2Fmuntz erthomas.pdf, S. 427 (03.04.2011).
3 Vgl. Thomas Müntzer als Theologe der Revolution, S. 21.
4 Ebd., S. 23.
5 Ebd., S. 31.
6 Ebd., S. 65.
7 Vgl. http://www.suite101.de/content/thomas-muentzer-theologe-reformator-revolutionaer-a112339, Harald Rossa (14.06.2011).
1
Bauernkriegspanorama 8 in Bad Frankenhausen und lieferte Müntzer gar das Motiv für die 5-Mark-Banknote der DDR.
Thomas Müntzer war Sozialrevolutionär, der von der mittelalterlichen Mystik um Johannes Tauler beeinflusst wurde und essentielle apokalyptische Elemente in seiner Theologie vertrat. In der Wissenschaft wurden die Gewichtungen der beeinflussenden Strömungen unterschiedlich stark bewertet. Hans-Jürgen Goertz etwa sieht besonders in der Mystik einen prägenden Parameter, wo andere das Gewischt eher auf die Apokalyptik legen. 9
Eine besondere Frage bei Müntzer war seit Beginn der wissenschaftlichen Auseinandersetzung das Zusammendenken seiner Theologie mit seinem sozialrevolutionären Engagement. Hierbei wurde oft vergessen, dass es sich bei Müntzer in erster Linie um einen Theologen (der predigte, Traktate verfasste und wohl auch seelsorgerisch aktiv war) handelte. Somit ergibt sich die Konsequenz, will man sich ernsthaft mit den historischen Ereignissen um Thomas Müntzer auseinander setzen, intensivst seine Theologie zu analysieren. Hierzu können uns die erhaltenen Texte und Schriften von Müntzer dienen. Es handelt sich um liturgische Texte, viel Briefgut und wohl am aussagefähigsten seine (sieben) großen Schriften: „Das Prager Manifest“ (1521), „Von dem gedichteten Glaube, auf jüngst erschienene Protestation ausgegangen von Thomas Müntzer, dem Seelwärter zu Allstedt. 1524“, „Protestation oder Entbietung Thomas Müntzers von Stolberg am Harz, des Seelwärters zu Allstedt, seine Lehre betreffend und zum Anfang von dem rechten Christenglauben und der Taufe. 1524“, „Ordnung und Berechnung des Deutschen Amts zu Allstedt, durch Thomas Müntzer, den Seelwärter, im vergangenen Osterfest aufgerichtet. 1523“, „Auslegung des anderen Unterschieds Danielis, des Propheten, gepredigt auf dem Schloß zu Allstedt vor den tätigen, teuren Herzögen und Vorstehern zu Sachsen durch Thomas Müntzer, Diener des Wortes Gottes. Allstedt 1524“ („Die Fürstenpredigt“), „Ausgedrückte Entblößung des falschen Glaubens der ungetreuen Welt, durch Gezeugnis des Lukas-Evangeliums vorgetragen, der elenden, erbärmlichen Christenheit zur Innerung ihres Irrsals“ (1524) und schließlich die „Hochverursachte Schutzrede und Antwort wider das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg, welches mit verklärter Weise durch den Diebstahl der Heiligen Schrift die erbärmliche Christenheit also ganz jämmerlich besudelt hat. Thomas Müntzer. Allstedter“ (1524). 10 Die folgende Untersuchung stützt sich maßgeblich auf die genannten Traktate. Sie intendiert die so wichtige Korrelation zwischen Theologie und aktivem Handeln bei Müntzer offen zu legen. Wie kann man den gewaltsamen Widerstand gegen die Obrigkeit (Klerus und Fürsten) aus seiner Theologie erklären? Wie kann ein geistlicher Prediger das Schwert in die Hand nehmen und zum Sozialrevolutionär werden? Musste eine konsequente Umsetzung Müntzers Vorstellungen zwangsläufig in einem Aufruhr enden? Welche Ziele verfolgte der junge Stolberger? Diesen Fragen will die vorliegende Arbeit im Weiteren nachgehen. Die marxistische Historie könnte hier wohl mit einem Satz antworten: Müntzer wollte die soziale Not der Bauern beseitigen. Das die Lösung so einfach jedoch nicht ist, werden wir noch erkennen.
Einen Gesamtkonnex von Theologie und Revolution bei Thomas Müntzer hat zuerst Thomas Nipperdey überzeugend darstellen können. 11 Nipperdey interpretiert
8 Vgl. http://www.panorama-museum.de/html/der_auftrag.html, Gerd Lindner (01.06.2011).
9 Vgl. Innere und äußere Ordnung in der Theologie Thomas Müntzers, S. 148.
10 Vgl. Thomas Müntzer - Schriften, Liturgische Texte, Briefe, S. 5-7.
11 Vgl. Der Theologe Thomas Müntzer, S. 196.
2
Müntzer vom Wittenberger Martin Luther aus und kombiniert seine politische Wirksamkeit mit seiner Theologie als Ganzer. Eike Wolgast versteht Nipperdeys Arbeiten gar als „bahnbrechend“.
Ich gehe in meiner Ausführung zuerst kurz auf das zu begründende Wirken Müntzers (in Thüringen) 12 ein und werde dann zentrale Themen müntzerscher Theologie, die zur Beantwortung der aufgeworfenen Fragen von Bedeutung sind, vorstellen. Diese sind da unter 3.1. die Gotteslehre, unter 3.2. die Anthropologie, unter 3.3. die Obrigkeitslehre, unter 3.4. die Mystik und unter 3.5. die Eschatologie. Schließlich versuche ich eine Verknüpfung von Müntzers Theologie hin zur Führungsrolle in einem deutschen Revolutionsversuchs mit insgesamt mehr als 70.000 Todesopfern zu erstellen 13 und somit unsere Problemstellungen zu beantworten. Helmar Junghans hält genau diese Relation für eine der „schwierigsten Fragen jeder Müntzerdarstellung“. 14
2. Von Stolberg bis hin zum sozialrevolutionären Wirken Müntzers in Thüringen
Über die frühen Jahre Thomas Müntzers ist uns bisher recht wenig bekannt. Geboren wurde er um 1489 in Stolberg im Harz und besuchte dann die Lateinschule in Quedlinburg ehe er eine akademische Ausbildung einschlug. 15 Seine Priesterweihe erfuhr er in der Diözese Halberstadt und kam dann zu einer Pfründe an der Michaeliskirche von Braunschweig. Im Jahre 1517 begab sich Müntzer dann in die Stadt Luthers, Wittenberg, wo er eine wissenschaftlich-theologische Beschäftigung wieder aufnahm. Eventuell war Müntzer bei der Leipziger Disputation von 1519 zwischen Andreas Karlstadt und Luther einerseits und dem talentierten katholischen Theologen Johannes Eck andererseits anwesend. Dezidierte Belege hierfür existieren allerdings nicht.
In dieser Zeit könnte man den bis dato nicht sonderlich in Erscheinung getretenen Müntzer getrost einen lutherischen Prediger bezeichnen. Doch haben wir es bei Müntzer mit einer theologischen Genese seiner Vorstellungen hin zum Radikalismus zu tun. Müntzers Weg führt ihn dann in das nahe Böhmens gelegene und aus Tradition als Ketzernest verschrienes Zwickau. Ab Mai 1520 vertritt er Johannes Egranus als Prediger an der hiesigen Marienkirche. Die kursächsische Metropole galt in jener Zeit als soziales Spannungsfeld, welches durchaus aufrührerisches Potential beherbergte.
Es dauerte nicht lange, da geriet der neue Prediger in Auseinandersetzungen mit den ortsansässigen Franziskanern. 16 Überhaupt polemisierte Müntzer hier recht stark gegen die Altgläubigen. Schließlich stellten die Mönche Beschwerde beim Bischof der Diözese Zeitz-Naumburg, diese blieb jedoch durch den Schutz, den der Rat Müntzer erbrachte, folgenlos. Als dann Egranus aus seinem Urlaub an die Marienkirche zurückkehrte, behielt man den neuen Mann in Zwickau - Müntzer sollte fortan an der zweiten großen Kirche predigen, der Katharinenkirche. Die Lage in der Tuchmacherstadt sollte sich vorerst jedoch nicht beruhigen. Denn bald schon sorgten
12 Müntzers revolutionäre Wirksamkeit fand hauptsächlich in Thüringen statt und mündete in der Schlacht bei Frankenhausen. Dennoch wird sein Weg von der Geburt bis hin zu dieser Schlacht skizziert, da dies für das gesamte Müntzerverständnis von Bedeutung ist.
13 Vgl. Der deutsche Bauernkrieg, S. 328f.
14 Vgl. Thomas Müntzer - Ein streitbarer Theologe zwischen Mystik und Revolution, S.68.
15 Vgl. http://refworks.reference-
global.com/Xaver/media.xav?SID=ubleipzig303295241904&bk=deGruyter_TRE&name=pdf%2Fmuntz erthomas.pdf, S. 415 (03.04.2011).
16
Vgl. Thomas Müntzer - Schriften, Liturgische Texte, Briefe, S. 282.
3
Müntzers klar spiritualistisch und apokalyptisch geprägten Anschauungen für neue Divergenzen. 17 Johannes Egranus predigte an der Marienkirche im Kontrast dazu reformfreundlich-humanistisch mit einer gewichtigen Orientierung an der Schrift. 18 Die neuen Gegenspieler hießen nun Thomas Müntzer (Katharinenkirche) und Johannes Egranus (Marienkirche), die das Mittel der Predigt nutzten, um einander als falschgläubig und irrend zu entlarven. Zwei gegensätzliche Pole spalteten jetzt gewissermaßen die protestantische Christenheit der Stadt in zwei Lager. Im Frühjahr 1521 kulminierten die Streitigkeiten. Eine Bemühung, Müntzer zu mehr Zurückhaltung und Passivität zu bewegen, scheiterte und so wurde der Katharinenprediger vom Rat der Stadt im April 1521 entlassen. Hier bereits hatte sich Volk bewaffnet und versammelt um für die „Sache Müntzers“ einzutreten. Der nun schon 30-jährige hatte homiletisch überregional auf sich aufmerksam machen können.
Wie aber nun sollte es für den „Kämpfer mit dem Schwerte Gideons“ weitergehen? 19 Sein Interessenblick richtete sich jetzt auf das östliche Nachbarland Böhmen. Der erste Anlaufpunkt für ihn wird dort wohl das nordböhmische Städtchen Saaz (Žatec) gewesen sein. 20 Er erhielt von Lutheranern eine Einladung nach Prag, wo er auch als treuer Anhänger des Wittenbergers begrüßt wurde. Für Müntzer hatte wohl das böhmische Kernland, wegen dem bis in den Tod hinein gegen die Papstkirche agierenden Jan Hus, besondere Bedeutung und sollte es auch zukünftig haben („...denn in eurem Lande [Böhmen] wird die neue apostolische Kirche angehen, danach überall.“) 21 . Müntzer predigte zu den Pragern in deutscher und lateinischer Sprache und versuchte sie für seine Ideen zu gewinnen. Konservative Utraquisten nahmen bald jedoch an seiner Predigt Anstoß und erwirkten ein Predigtverbot. Seine Wirksamkeit neigte sich auch hier dem Ende entgegen. Von den so hoffnungsvollen Böhmen enttäuscht, schlug Müntzer die Richtung nach Thüringen ein. Seine weiteren Stationen waren Erfurt, Nordhausen und Glaucha bei Halle, wo er kurze Zeit als Kaplan wirkte. 22 Noch vor Ostern des Jahres 1523 wurde er zum Pfarrer an die Johanneskirche von Allstedt berufen. In der 800-Einwohner-Stadt heiratete er die entlaufene Nonne Ottilie von Gersen, von der er später einen Sohn geboren bekam 23 (über dieses Kind ist uns nichts weiter bekannt). Das 1500 zur Stadt erhobene Allstedt sollte für Müntzer zu einer längeren Wirkungsstätte werden.
Die Exklave wurde zu jener Zeit von dem Schösser Hans Zeiß im Auftrag von Herzog Johann verwaltet. Der liturgische Bereich war hier Müntzers erstes Reformfeld: Er machte sich an fundamentale Neuerungen im Gottesdienst, wobei die
17 Vgl. http://refworks.reference-
global.com/Xaver/media.xav?SID=ubleipzig303295241904&bk=deGruyter_TRE&name=pdf%2Fmuntz erthomas.pdf, S. 416 (03.04.2011).
18 Vgl. Thomas Müntzer - Schriften, Liturgische Texte, Briefe, S. 283; Im Rahmen der Reformatorischen Theologie nennt man das Prinzip der Schrift entscheidende Autorität einzuräumen sola scriptura. Allein die Bibel ist Fundament des christlichen Glaubens, nicht die (nur mit dem Prärogativ der Bischöfe oder des Nachfolgers auf dem Stuhle Petri entstandene) Tradition. Vgl. http://refworks.reference-
global.com/Xaver/media.xav?SID=ubleipzig306921101720&bk=deGruyter_TRE&name=pdf%2Fluther martin.pdf, S. 533f (01.06.2011).
19 Vgl. Ri 6,11-8,35.
20 Vgl. Thomas Müntzer - Schriften, Liturgische Texte, Briefe, S. 283.
21 Ebd., S. 22.
22 Vgl. Thomas Müntzer Ein Verstörer der Ungläubigen, S. 30-34.
23 Vgl. Thomas Müntzer - Schriften, Liturgische Texte, Briefe, S. 285.
4
Einführung der deutschen Sprache im selbigen an erster Stelle zu nennen ist. 24 -Auch der gemeine Mann soll der Messe nun verständlich folgen können. Der Schösser Zeiß war anfänglich von dem Reformer angetan, was ihn später jedoch in Verlegenheit brachte. 25 In der Allstedter Zeit entstanden bedeutende Schriften: „Der Sendebrief an die Brüder zu Stolberg“ (1523), „Von dem gedichteten Glauben, auf jüngst erschienene Protestation ausgegangen von Thomas Müntzer, dem Seelwärter zu Allstedt. 1524“, „Protestation oder Entbietung Thomas Müntzers von Stolberg am Harz, des Seelwärters zu Allstedt, seine Lehre betreffend und zum Anfang von dem rechten Christenglauben und der Taufe. 1524“ und „Ordnung und Berechnung des Deutschen Amts zu Allstedt, durch Thomas Müntzer, den Seelwärter, im vergangenen Osterfest aufgerichtet. 1523“. Müntzers Allstedter Bemühungen richteten sich vor allem gegen den katholischen Grafen Ernst von Mansfeld (etwa „Von dem gedichteten Glauben“) und allgemein gegen die Feudalobrigkeit. Auch in dem kursächsischen Ackerbürgerstädtchen begann sich dann die Situation allmählich zuzuspitzen, so dass der herzogliche und kursächsische Hof mit eingeschaltet wurden. Luther warnte Hans Zeiß mehrfach vor der Theologie des „Satans von Allstedt“, wie ihn der deutsche Reformationsführer bezeichnete. 26 Es war der 24. März 1524, als die sozial angespannte Atmosphäre in aktive Zerstörungswut umschlug: Allstedter plünderten die Mallerbacher Kapelle, die zum Kloster Naundorf gehörte und brannten sie schließlich nieder. Einer Bestrafung der Schuldigen kam man nur zögerlich nach. Diese Geschehnisse veranlassten Luther einen „Brief an die Fürsten von Sachsen von dem aufrührerischen Geist“ zu verfassen, indem er die Regenten eindringlich vor Müntzer zu warnen versuchte. 27 Als der Druck auf Zeiß stieg, bemühte er sich um ein offizielles Verhör seines umstrittenen Predigers, welches später in Weimar stattfinden sollte. Folgend legte Müntzer jedoch erst seine Überzeugung vor Herzog Johann und dessen Sohn Johann Friedrich in der als „Fürstenpredigt“ in die Geschichte eingegangenen oratio sacra aus. In Druck ist die „Fürstenpredigt“ unter dem Titel „Auslegung des anderen Unterschieds Danielis, des Propheten, gepredigt auf dem Schloß zu Allstedt vor den tätigen, teuren Herzögen und Vorstehern zu Sachsen durch Thomas Müntzer, Diener des Wortes Gottes. Allstedt 1524“ gegangen. Den beiden Souveränen und deren Gefolge dürfte hier bewusst geworden sein, dass der Fall „Müntzer“ äußerst ernst zu nehmen ist („...das ich mit Christo sage...und mit Paulo...und mit der unterrichtung des gantzen gottlichen gesetzes, das man die gotlosen regenten, sunderlich pfaffen und monche todten sol, die uns das heylge evangelion ketzerey schelten und wollen gleichwol die besten christen sein.“). 28 Auf das Wesen der „Fürstenpredigt“ wird später noch im Rahmen des systematischen Teils unter dem Punkt 3.2. Obrigkeitslehre näher einzugehen sein. Als sich die Schlinge um Müntzers Hals zu schließen begann (Verhör in Weimar, Forderung nach der Auflösung seines Allstedter Bundes, Verbot aufrührerischen Treibens), kam er repressiveren Sanktionen zuvor indem er in der Nacht zum 8. August 1524 der Stadt entfloh. Nach Zwickau und Prag wurde er jetzt also, in Folge progressiven Wirkens, aus einer dritten Stadt gedrängt, was auf ein lineares Denken und eine starke
24 Der erste deutschsprachige Gottesdienst in der Johanneskirche fand am 5. April 1523 statt. Müntzer nimmt daher bei der Entwicklung des evangelischen Gottesdienstes eine bedeutende Rolle ein.
25 Vgl. Thomas Müntzer - Schriften, Liturgische Texte, Briefe, S. 285.
26 Vgl. http://refworks.reference-
global.com/Xaver/media.xav?SID=ubleipzig303295241904&bk=deGruyter_TRE&name=pdf%2Fmuntz erthomas.pdf, S. 417 (03.04.2011).
27
Vgl. Thomas Müntzer - Schriften, Liturgische Texte, Briefe, S. 286f.
28 Vgl. Thomas Müntzer - Politische Schriften, Manifeste, Briefe 1524/25, S. 71.
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Maik Garscha, 2011, Der mitteldeutsche Bauernkrieg und Thomas Müntzer, München, GRIN Verlag GmbH
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