Zur Realisierung dieses Vorhabens in dieser kurzen Zeit wurden über Nacht mehrere Betriebe für den Bau verpflichtet. Um den Park von den restlichen DDR-Rummelplätzen abzuheben, importierte man die Fahrgeschäfte aus nichtsozialistischen Warengebieten. Von den Berlinern wurde der Kulturpark liebevoll „Kulti“ genannt. Das Gelände hatte eine Größe von circa 60 ha, von denen lediglich rund 18 ha als Rummelplatz genutzt wurden. Er war der einzige ständige Rummelplatz der DDR. Im Unterschied zu den meisten bekannten Vergnügungsparks ist der Kulturpark Berlin in einer sozialistischen Gesellschaft aufgebaut worden und nach der Abwicklung der DDR in der (spät)kapitalistischen BRD bis zum Scheitern, als Spreepark Plänterwald fortgeführt worden. Bemüht man das Gleichnishafte dieses Ortes, dann zeigt sich dieser städtische Luna-Park als seismographischer Indikator der Stabilität des jeweiligen gesellschaftlichen Umfeldes (Szabo, 2010). Das Besondere ist aber der Ursprung in einer sozialistischen Gesellschaft. Das Verhältnis der linken Theorie zum Vergnügen ist bekanntermaßen ein ambivalentes.
So wird das außeralltägliche Erlebnis des Rausches, der auf dem Jahrmarkt in den unterschiedlichsten Formen angeboten wird (Szabo, 2007) durch eine Vergnügungsindustrie substituiert und wirkt damit zugleich kompensatorisch. Reinhard Knodt spricht daher treffend bei der Konstruktion von Vergnügungswelten am Beispiel eines artifiziellen Bergsdorfs von „Hyperatmosphäre“ (Knodt, 1994, S. 124).
Damit wird der Vergnügungspark zum Sinnbild oberflächlichen Spektakels. Wird nun genau dieser Ort als Fluchtort aufgesucht, um der individuellen Leiderfahrung, den Alltagsproblemen zu entgehen, verstrickt sich der Flüchtende umso tiefer in die Leid auslösenden Strukturen, was das Gefühl der Ohnmacht nur verstärkt.
Genau dies ist auch der Kritikpunkt, an dem linke Kulturkritik Vergnügen als Eskapismus deklariert. Zentral dafür ist Adornos Ausführungen über die Kulturindustrie:
„Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus. Es wird von dem gesucht, der dem mechanisierten Arbeitsprozess ausweichen will, um ihm von neuem gewachsen zu sein. Zugleich aber hat die Mechanisierung solche Macht über den Freizeitler und sein Glück, sie bestimmt so gründlich die Fabrikation der Amüsierwaren, dass er nichts anderes mehr erfahren kann als die Nachbilder des Arbeitsvorgangs selbst. Der vorgebliche Inhalt ist bloß verblasster Vordergrund; was sich einprägt, ist die automatisierte Abfolge genormter Verrichtungen.“ (Horkheimer/ Adorno, 1988, S. 145)
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Vor diesem philosophischen Hintergrund wundert es, dass gerade in einer sozialistischen Gesellschaft ein Vergnügungsort installiert wurde. Dies umso mehr, als dass ja das Vergnügen als Alltagsflucht verstanden werden und nicht dem Aufbau des Sozialismus dient. Wie empfanden nun Zeitzeugen, diesen Widerspruch im real existierenden Sozialismus? Dazu wurden mehrere Besucher des Kulturparks Berlin, wie der Spreepark Plänterwald zu DDR Zeiten hieß, befragt, dazu drei Stimmen, die etwa einen repräsentativen Tenor abbilden und ihre Motivation folgend darlegten.
„Abschalten, mal was anderes erleben. Ich sage mal, auch gerade, um sich den Adrenalinkick zu besorgen oder eben, sich auch eine intakte Welt zu suggerieren, weil die andere Welt eigentlich recht beschissen ist. Da steht ein Fluchtgedanke dahinter.“ (Uwe, geb. 1974)
Ich könnte sagen, dass vielleicht durch den Kulturpark, durch die relativ humanen Preise auch die Leute von Unzulänglichkeiten abgelenkt werden sollten. Ich meine, der Begriff Kultur war ja in der DDR eigentlich weit verbreitet. Es gab Kulturhäuser, es gab den Kultur-Obmann, der sich drum kümmerte, dass die Leute was in der Freizeit machen sollten, aber auch das Richtige machen sollten. […] Es gab ja zu DDR Zeiten in den Betrieben die Brigaden. Was man jetzt so Abteilung nennt oder Gruppe, die hießen Brigaden. Und die haben natürlich auch, sage ich jetzt mal, regelmäßig irgendwas gemacht. Ob sie nun in die Patenklasse, in die benachbarte Schule gegangen sind und da mit Kindern was gemacht haben oder man hat andere Betriebe besucht oder sich auch mal zu einem Tanzvergnügen getroffen. Ich sage jetzt mal, dieser Kultur-Obmann, der war dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass es irgendwelche Aktivitäten gab. Dass auch mal Brigade geschlossen, ins Theater gegangen ist. War vielleicht auch nötig. Während man arbeiten gegangen ist, wurde man mit dem sozialistischen Wettbewerb konfrontiert. Dann sollte man sich Gedanken machen um irgendwelche Neuerungen, die dann auf dieser so genannten Messe „Der Meister von morgen" gezeigt wurden. Man hatte zum Teil auch gesellschaftliche Verpflichtung, sprich
Konfliktkommission zum Beispiel, das waren ja alles so Sachen, wo man als Arbeitnehmer auch involviert war zum Teil. Man brauchte auch mal einen Ausgleich. In diesem Kulturpark war ja auch wenig Politik mit drin. Da hat man sich auch mal mit der kompletten Familie getroffen, um seinen Spaß zu haben, und die Politik wurde ziemlich viel außen vorgelassen. (Lars, geb.1967)
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Wenn ich in so einen Freizeitpark gehe, wo ich also wirklich Freizeit habe, wo ich jetzt nicht alle Fahrgeschäfte abklappern muss und mein Geld ganz schnell unter die Leute bringen und wieder nach Hause fahre. Sondern man wirklich einen Tag verbringen und sich beschäftigen, kann, wenn man möchte. Wenn man nicht möchte, dann kann man sich in irgendeine Ecke setzen und die Leute beobachten. Man denkt weder an den Job, noch an den Ehekrach, den man vielleicht vor drei Stunden noch hatte. Es ist einfach so: Ich bin jetzt hier, für mich ist es schön, dass ich auf der Welt bin und nicht runterfalle. (Barbara, geb. 1960)
Wir sehen also, dass obwohl die Intention bei der Konzeption des Kulturparks eine andere war, es dort einen Ort gab, der Alltagsfluchten ermöglichte. Und dabei gründet doch die Stabilität sozialer Systeme sich in einem allumfassenden Zugriff auf das einzelne Individuum, das innerhalb dieses Systems seine Rolle zugewiesen bekommt. Um diese Krise zu beschreiben müssen wir uns kurz in das komplexe Feld der Philosophie begeben. Was, wenn sich die Basis nicht mit dem Überbau deckt, oder verlassen wir diese Ebene und fragen abstrakt, was ist, wenn der Signifikant (Das Bezeichnende) nicht mehr auf einen verlässlichen Signifikat (Bezeichnete) verweist. (Baudrillard, 1978). Diese Struktur findet sich sogar metaphorisch im Stadtbild Berlins, das nämlich auf Straßenschildern auf den nicht mehr existierenden Park verweist.
(Verkehrschild aus 2011, das auf den nicht mehr existierenden Spreepark verweist (Foto: Christopher Flade))
Guy Debord beschreibt dies als „Gesellschaft des Spektakels“. Genau dieses Spektakel ist das Merkmal, das diesen Park über zwei Gesellschaftssysteme hin auszeichnete. Das Bemerkenswerte dieses entsicherten Signifikanten ist nun, dass er gewissermaßen optisch (und biographisch) für die Sicherheit der Wirklichkeit bürgte, wie es eine Zeugin beschrieb.
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„Wenn man mit der S-Bahn in Berlin zwischen den zwei Bahnhöfen Treptow-Park und Ostkreuz fährt, kommt man über die Spree. Dann hat man einen Blick auf das Riesenrad, auf diese Silhouette. […] Also seit Jahrzehnten, ich bin ja jetzt auch schon fast dreißig, kenne ich diese Silhouette von diesem Riesenrad. Das ist für mich so ein ganz fester visueller Anker auf dieser Spreeüberquerung in der S-Bahn. Und ich gucke dann öfter mal da rüber, und frage mich, ob das Riesenrad noch steht. Ist die Welt noch in Ordnung, steht das Riesenrad noch? Und das ist für mich tatsächlich auch mit Emotionen behaftet, da rüber zu gucken und mich zu vergewissern, ob das Riesenrad noch steht und ob irgendwie dieser wichtige Teil von meiner Kindheit noch existiert. Ich bin dann irgendwie manchmal auch richtig verwirrt, wenn ich das aus irgendeinem Grund nicht gesehen habe. „Oh Gott, jetzt ist es weg!“ Beim nächsten Mal noch mal gucken, ob es tatsächlich weg ist. Jetzt bin ich eigentlich mal gespannt, das noch mal bei Dunkelheit beleuchtet zu sehen aus der Ferne. Das ist bestimmt ganz nett, wenn die 10.000 Glühbirnen jetzt wieder im Dunkeln alles erleuchten können.“ (Désirée, geb. 1981)
Dieser entsicherte Signifikant ist damit letztlich selbst zu seinem Signifikaten geworden. Wir erleben bei der Betrachtung des Spreeparks eine autopoetische Begründung des Vergnügens und dies vor dem historischen Hintergrund, dass der Park, der in der Blüte des real existierenden „Analmarxismus“ (Strehle) gegründet wird, mit dem Verschwinden der DDR seine kompensatorische Notwendigkeit verlor und mit der Krise des „digitalen Börsenkapitalismus“ seine strukturelle Stabilität. Was also nach dem Ende der „Metaerzählungen“ bleibt, ist eine Ruine, die die Vergänglichkeit von Systemen versinnbildlicht (Szabo, 2009) und nun eine einzigartige „Vergnügungsbrache“ darstellt.
Literaturverzeichnis:
Dieser Essay bedient sich Auszügen und Interviewquellen des Buches:
Flade, Christopher/ Szabo, Sacha (2011): „Vom ‚Kulturpark Berlin’ zum ‚Spreepark Plänterwald’. Eine VergnügungskulTOUR durch den berühmten Berliner Freizeitpark“, Tectum, Marburg.
(Cover „Vom Kulturpark Berlin zum Spreepark Plänterwald“ darauf das Riesenrad zu DDR-Zeiten)
Weitere verwendete Literatur:
Baudrillard, Jean (1978): „Agonie des Realen“, Merve, Berlin.
Debord, Guy (1999):: „Die Gesellschaft des Spektakels“, Edition Revolutionsbräuhof, Wien. Horkheimer, Max/ Adorno, Theodor W. (1988): „Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente“, Fischer, Frankfurt am Main.
Knodt, Reinhard (1994): „Liebes Montafon“, in: Knodt, Reinhard: „Ästhetische Korrespondenzen. Denken im technischen Raum“, Reclam, Ditzingen, S. 124. NBI (Neue Berliner Nachrichten) (Nr. 43/69) [Spaß an der Spree], Berlin. Szabo, Sacha (2009): „’Ich renn’ durch einen leeren Freizeitpark - Kunst, das ist Kunst’. Das Vergnügen der Kunst und die Kunst des Vergnügens“, in: Gesellschaft z. Förderung d. Münchner Opernfestspiele (Hg.) (2009): „Under Construction - Das Buch zu den Münchner Opernfestspielen 2009“, Stiebner, München. Szabo, Sacha (2006): „Rausch und Rummel. Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Eine soziologische Kulturgeschichte“, Transcript, Bielefeld. Tagesspiegel (05.04.2004) [Verena Mayer: „Ein Karussell für Millionen Vor Gericht: Wie 167 Kilo Kokain in den „Fliegenden Teppich“ kamen“] Verfügbar unter: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/ein-karussell-fuer-millionen/512108.html (Stand: 21.08.2011)
Tagesspiegel (08.11.2003) [Buntrock, Tanja: „Ein riesiges Rad gedreht. Ex-Spreepark-Betreiber Norbert Witte in Berlin verhaftet: Im Karussell soll er 181 Kilo Kokain geschmuggelt haben] Verfügbar unter: http://www.tagesspiegel.de/berlin/ein-riesiges-rad-gedreht/463344.html (Stand: 21.08.2011)
Theater Hebbel am Ufer: „Lunapark Berlin“, Verfügbar unter http://www.hebbel-am-ufer.de/archiv_de/kuenstler/kuenstler_20947.html [Stand: 21.08.2011]
Arbeit zitieren:
Dr. Sacha Szabo, 2012, Der „Kulturpark Berlin“ , München, GRIN Verlag GmbH
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