Gliederung:
1. Einleitung
2. Kindheit und Kinderarmut
3. Verbreitung und Ursachen der Armut im Kindes- und Jugendalter
3.1. Relative Einkommensarmut
3.2. Unterversorgungsarmut (Lebenslagenarmut)
3.3. Deprivationsarmut
3.4. Armut gemessen an politisch-normativen Vorgaben
4. Armutsrisiken
5. Ursachen ungleicher Risikoverteilung
6. Gesundheitliche Auswirkungen der Armut im Kindes- und Jugendalter
7. Armut und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen: Ergebnisse der sozial-
epidemiologischen Forschung in Deutschland
7.1. Schulbildung der Eltern (Mütter) und perinatale Mortalität
7.2. Beruflicher Status und Säuglingssterblichkeit
7.3. Regionale Unterschiede in der Säuglingssterblichkeit
7.4. Soziale Schicht und Morbidität
7.5. Schulbildung der Eltern und Morbidität der Kinder bezüglich kindlichem Asthma
7.6. Schultyp und Morbidität
8. Erklärungsansätze
8.1. Wohnbedingungen
8.2. Gesundheitsverhalten
9. Handlungsmöglichkeiten
10. Kinderarmut als Handlungsauftrag für die soziale Arbeit
11. Quellenverzeichnis
12. Autoren
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1. Einleitung
Armut ist kein Relikt der Vergangenheit, es gibt sie heute und auch bei uns, in einem reichen, hochindustrialisiertem Land wie der Bundesrepublik Deutschland, wachsen immer mehr Kinder und Jugendliche in Armut auf. „Infantilisierung der Armut“ ist ein neues Schlagwort der Sozialwissenschaft und beschreibt, dass mittlerweile Kinder diejenige Altersgruppe bilden, die am häufigsten und massivsten von Armut bedroht ist. Weit über eine Million Kinder (Stand 2000; Butterwege „Kinderarmut in Deutschland) leben von Sozialhilfe. Etwa jedes fünfte Kind wächst in relativer (Einkommen-) Armut auf, was zu schweren psychosozialen Belastungen führen kann, fast zwangsläufig den Ausschluss junger Menschen aus vielen sozialen Lebenszusammenhängen nach sich zieht und damit auch die Chancengleichheit in der Gesellschaft nachhaltig beeinträchtigt.
Festgestellt werden kann jedoch zunächst einmal, dass die Lebensbedingungen der meisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland als gut bis sehr gut zu bezeichnen sind:
• Kinder und Jugendliche haben innerhalb der Familie eine gesicherte materielle Existenzgrundlage. Allein ihr Konsumpotenzial ist gewaltig, beträgt doch die direkte Kaufkraft der Kinder zwischen 7 und 14 Jahren in Deutschland etwa 11,5 Milliarden DM jährlich (2000).
• Kinder und Jugendliche haben freien Zugang zur gesamten Palette unseres gesundheitlichen Versorgungssystems, und sind in der Regel gesund. Die Säuglingssterblichkeit ist als gering zu bezeichnen.
• Es besteht freier Zugang zu den Erziehungs- und Bildungsinstitutionen; in der Bundesrepublik Deutschland verlassen mehr als 50% der Jugendlichen die Schule mit der Fachoberschul- oder Hochschulreife.
• Die überwiegende Mehrheit der Schulabsolventen finden einen Ausbildungs-, Hochschul- oder Arbeitsplatz.
• Letztlich ist die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen soziokulturell eigenständig und genießt große Freiheiten, Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten. Für einen aber inzwischen größer werdenden Teil von Kindern und Jugendlichen in Deutschland sehen die Lebensbedingungen jedoch ganz anders aus. Unsere Gesellschaft ist am Anfang des neuen Jahrtausends sozial gespalten. Der Wohlstand für einen Grossteil der Arbeitnehmer muss als relativ bezeichnet werden, weil sie latent davon bedroht sind in Armut zu geraten.
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2. Kindheit und Kinderarmut
Kindheit ist eine spezifische und vielleicht die bedeutendste Entwicklungsphase im Leben eines Menschen. Sie ist eine subjektiv biographische Lebensetappe, in der die Fundamente der physischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung gelegt werden. Somit bildet sie die Etappe des Heranwachsens, des Erkundens und Erlernens, der Identitätsbildung, des Aufbaus zwischenmenschlicher Beziehungen, des Entstehens von Verhaltensregularien sowie Norm- und Wertvorstellungen, der Herausbildung eigener Urteils- und Handlungsfähigkeit sowie der Befähigung zur Zukunftsbewältigung. Zugleich ist die Kindheit, ebenso wie die sich anschließende Jugendphase, „eine gesellschaftlich bestimmte Lebenslage, abhängig von gesellschaftlichen Bedingungen, vor allem aber von der Zukunft und Zukunftsfähigkeit der zentralen Regelungen und Grundlagen unserer
Arbeitsgesellschaft“. (Zukunftsperspektiven, Gesellschaftliches Engagement, Politische Orientierungen, 12. Shell-Jugendstudie, Opladen 1997, Seite. 13)
Da die Entwicklungsetappe „Kindesalter“ gegenwärtig in Deutschland durch gravierende Unterschiede in den Lebensbedingungen gekennzeichnet ist, führt die Kluft zwischen steigendem Wohlstand und wachsender, insbesondere durch zunehmende Arbeitslosigkeit der Eltern hervorgerufene Armut, verbunden mit dem Heranwachsen von Kindern unter Bedingungen ökonomischer Deprivation, zu einer sozialen Polarisation zwischen den Kindern. Als direkte Folge treten immer stärkere Unterschiede in den materiellen und sozialen Lebensbedingungen auf; die individuellen Entwicklungs-und
Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern in Armutslagen werden erheblich eingeschränkt und die Chancengleichheit für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation ist erkennbar beeinträchtigt. Aus der Sicht der pädagogischen Praxis sollte sich die Forschung stärker den sozialen, psychischen, pädagogischen und medizinischen Fragen zuwenden. Ein weiteres nicht zu unterschätzendes Problemfeld bildet die Tatsache, dass Kinderarmut sich erheblich von Erwachsenen- und somit auch von Elternarmut unterscheidet, „sowohl im Ausmaß als auch in der Qualität, da Kinder, besondere Bedürfnisse und Handlungsziele haben. Sie sind daher in spezifischer Weise auf zufriedenstellende und förderliche Lebensbedingungen angewiesen.“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Zehnter Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfe in Deutschland, Bonn 1998, Seite 88) Untersuchungen zur Kinderarmut müssen aus diesem Grund genauso wie Schlussfolgerungen zum Umgang und Zurückdrängung von Armut schwerpunktmäßig auf
Entwicklungserfordernisse und Bedarfsnotwendigkeiten der Kinder ausgerichtet werden.
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Neben der Sicherung des materiellen Lebensbedarfes ist ein zufriedenes, kindgemäßes und fröhliches Aufwachsen sowie die freie Entfaltung der Persönlichkeit die Befriedigung einer Reihe weiterer, die Entwicklung fördernder sozialkultureller Bedürfnisse bedeutsam. Kinder brauchen zur gelingenden Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation ein zufriedenes und ausgeglichenes Elternhaus, das ihnen Geborgenheit und Zuwendung geben kann. Dazu gehört neben existenziell-materieller Sicherheit die Vermittlung eines Gefühls von Zuversicht und seelischer Sicherheit zur freien Entfaltung bereits der kindlichen Individualität. Kinder brauchen Beständigkeit, einen geregelten Tagesablauf, die Versorgung mit kindgerechter Nahrung und Kleidung, gesundheitliche Betreuung, aber auch Kontrolle ihrer Handlungen. Wichtig für Kinder sind Freunde und ein verständnisvolles Umfeld. Kinder brauchen Freiräume und Bewegungsmöglichkeiten in einer kindgerechten Umgebung ebenso wie Bildung, Ausbildung, eine gesicherte Zukunft und entsprechende reale Lebensziele, die alle Kinder gleichermaßen durch eine ihnen zu bietende Chancengleichheit erreichen können. Kinder gelangen durch die Abhängigkeit von ihren Eltern völlig unverschuldet in eine Armutslage. Ihre Befindlichkeiten und die Bewältigung von Folgeerscheinungen werden nicht nur, jedoch in starkem Maße durch das Fehlverhalten und die gesamte Familienkonstellation geprägt. Auch die gesellschaftliche Erziehungskompetenz, insbesondere von Schule und Sozialarbeit, steht im Zusammenhang mit Folgeerscheinungen der Kinderarmut vor erweiterten Aufgabenfeldern. Der Umgang der Öffentlichkeit mit Kinderarmut beeinflusst die Lebenssituation betroffener Kinder und sollte in die Beschreibung der Lebenslage und die Suche nach Lösungen zur Linderung und Vermeidung von Kinderarmut einbezogen werden. (Butterwegge 272ff)
3. Verbreitung und Ursachen der Armut im Kindes und Jugendalter
In der Diskussion um die Verbreitung von Armut wichtiger Punkt ist die Frage nach deren Bezugsgröße. Armut in der Bundesrepublik ist natürlich nicht mit der anderer Regionen der Welt vergleichbar, dazu notwendig ist ein bestimmtes Grundverständnis von Armut: Armut kann absolut und relativ gefasst werden. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass es in Wohlfahrtsstaaten wie der Bundesrepublik Deutschland absolute Armut nur in sehr geringer Zahl gibt. Mit absoluter Armut ist ein Niveau bezeichnet, unterhalb dessen die unumgänglich lebensnotwendigen Grundlagen (Essen, Kleidung und Wohnung) fehlen. Spricht man von Armut in Deutschland, dann ist überwiegend nicht absolute Armut gemeint. Die relative Armut bezeichnet Personen oder Familien (Haushalte), die über nur so geringe
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Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in der Bundesrepublik als unterste Grenze des Akzeptablen angesehen werden. Zur Bestimmung dieser Grenzen wären folgende Unterscheidungsbereiche möglich:
3.1. Relative Einkommensarmut
Von relativer Einkommensarmut wird gesprochen wenn das Nettoeinkommen einer Person weniger als die Hälfte des durchschnittlichen äquivalenzgewichtigen Nettoeinkommens in der Bundesrepublik Deutschland beträgt. Das monatliche Haushaltsnettoeinkommen wird in Beziehung zu der Anzahl und dem Alter der Haushaltsmitglieder gesetzt (Bedarfs- und Personengewichte). Die Verwendung von Personengewichten ermöglicht den Vergleich unterschiedlich großer Haushalte. Diese Gewichte steuern neben der Auswahl des verwandten Mittelwertes, zum Beispiel arithmetische Mittel oder Median, und der Entscheidung für einen Stellenwert, zum Beispiel 50% oder 60%, für maßgeblich die Höhe der Armutsquote.
3.2. Unterversorgungsarmut (Lebenslagenarmut)
Armut wird in diesem übergreifenden Konzept über eine kumulative Unterversorgung in einzelne Lebensbereichen ermittelt. Das Konzept geht von mehreren Lebensbereichen aus, die für ein sozialkulturell angemessenes Leben als zentral angesehen werden. Zu diesen Lebensbereichen gehören: Einkommen, Arbeit, Ausbildung und Wohnen. Darüber hinaus lassen sich noch weitere Bereiche anführen, wie Gesundheit, Freizeit oder kulturelle Teilhabe. Keineswegs geklärt ist allerdings die Frage welche dieser Lebensbereiche in die Analyse einbezogen werden sollen und wie die Schwellenwerte zu bestimmen sind. Obwohl in der Armutsdiskussion einhellig der multidimensionale und ganzheitliche (sozialökonomische) Charakter der Armut hervorgehoben wird, gibt es nur wenige Studien, die dieses Konzept in der Analyse nutzen.
3.3. Deprivationsarmut
Ein anderer Weg der Armutsmessung geht so vor, dass zunächst auf empirischer Basis der allgemein notwendige Lebensstandard aus Sicht der Bevölkerung ermittelt wird. Als Arm werden dann die Personen klassifiziert, die über eine bestimmte Anzahl dieser als notwendig angesehenen Ausstattungsmerkmale des Lebensstandards nicht verfügen, weil sie sich diese
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aus finanziellen Gründen nicht leisten können. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass Dinge, auf die bewusst verzichtet wird, nicht als Deprivation gewertet werden.
3.4. Armut, gemessen an politisch-normativen Vorgaben
Ein häufig in der öffentlichen Diskussion herangezogener Indikator der Armutsentwicklung ist der Bezug von Sozialhilfe. Im Rückgriff auf das Verständnis von Armut als Bedürftigkeit findet dieses Maß aber auch in wissenschaftlichen Analysen Anwendung. In der Regel wird die laufende Hilfe zum Lebensunterhalt als Sozialhilfebezug ausgewiesen. Die Vermittlung eines unmittelbaren Zusammenhanges zwischen Sozialhilfe und Armut ist jedoch problematisch. So kann sich beispielsweise durch die Anhebung der Leistungen der Sozialhilfe der Kreis der Anspruchsberechtigten ausweiten. Eine derartige Entwicklung ist dann nicht als Anzeichen steigender Armut, sondern als Verbesserung der Lebenslage auf Sozialhilfe ausgewiesener Menschen anzusehen. Ein weiteres Problem der Sozialhilfe als Gradmesser der Armut ist die Dunkelziffer. Schätzungen gehen, je nach sozialer Gruppen, von mindestens 50% der Berechtigten aus, die von ihrem Rechtsanspruch, aus welchem Grund auch immer, keinen Gebrauch machen. Auch wenn die Sozialhilfe ein staatliches Instrument zur Bekämpfung der Armut ist, kann eine länger dauernde Angewiesenheit auf Sozialhilfe zu einem Leben auf unterem Lebensstandard führen.
Trotz aller Unterschiede in der Berechnung hat sich die Position durchgesetzt, dass Armut erstens eine relative Größe ist und dass sie zweitens mehrere Facetten und Aspekte der Lebenswelt umfasst, ohne jedoch deren jeweilige Dimensionen einvernehmlich zu benennen. Hinzu kommt, dass Armut in einer Gesellschaft oder für eine Altersgruppe nicht mit einer Ziffer beziehungsweise Quote „richtig“ angegeben werden kann, denn es gibt gegenwärtig keine wissenschaftlich allgemein akzeptierte Definition von Armut
Es kann festgestellt werden, dass Alleinerziehende, Haushalte mit mehreren Kindern sowie ausländische Haushalte ein erhöhtes Armutsrisiko tragen. Das häufigere Betroffensein der Kinder und Jugendlichen von Armut hängt mit strukturellen Veränderungen in der Gruppe der Armutsbevölkerung zusammen:
• Bis etwa Mitte der achtziger Jahre galt, dass überwiegend ältere Menschen und insbesondere Frauen mit unzureichender Rente in Armut lebten. Heute ist die Hauptursache für das Betroffensein von Armut die Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit
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Arbeit zitieren:
René Brandt, 2002, Armut von Kindern und Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland unter besonderer Berücksichtigung gesundheitlicher Aspekte, München, GRIN Verlag GmbH
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