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Inhaltsverzeichnis
ABBILDUNGS - UND TABELLENVERZEICHNIS 4
1. EINLEITUNG 5
1.1 ZIELSTELLUNG 6
1.2 VORGEHENSWEISE 6
2. FAMILIALE FORMEN IN DER GESELLSCHAFT 7
2.1 PLURALITÄT FAMILIALER FORMEN 7
2.2 NEUE ROLLENZUSAMMENSETZUNG 9
2.3 URSACHEN FÜR DEN ANSTIEG VON EHESCHEIDUNGEN 13
3. KONFLIKTHERD FAMILIE UND SCHEIDUNGSLÖSUNG 17
3.1 BEDEUTUNG STABILER BEZIEHUNGEN FÜR DAS KIND 19
3.2 URSACHEN FÜR TRENNUNGEN UND SCHEIDUNGEN 24
3.3 SCHEIDUNGSQUOTEN IN DER BUNDESREPUBLIK (ENTWICKLUNG 1990 - 2008)
29
3.4 SCHEIDUNGSQUOTEN IN BERLIN (ENTWICKLUNG 2000 - 2003) 30
4. VERÄNDERUNG IN DER ELTERN-KIND-BEZIEHUNG NACH
SCHEIDUNG UND IHRE AUSWIRKUNG AUF DIE KINDER 31
4.1 KINDREAKTIONEN AUF SCHEIDUNGEN 33
4.2 ENTWICKLUNG DER KINDER NACH DER SCHEIDUNG 45
4.2.1 Nachscheidungskrise in der Beziehung zum Vater 46
4.2.2 Ablehnung des Vaters als posttraumatisches Symptom 49
4.3 LANGFRISTIGE AUSWIRKUNGEN 55
4.3.1 Charakteristische Probleme bei Ein-Eltern- Familien 55
4.3.2 Sozialisationsfolgen bei Scheidungskindern 60
4.3.3 Folgen für das ausgegrenzte Elternteil 62
5. HILFS-, UNTERSTÜTZUNGS- UND THERAPIEMÖGLICHKEITEN
F ÜR DIE KINDER 65
5.1 BERATUNGSSTELLEN 65
5.2 AMBULANTE FAMILIENHILFE 65
5.3 SCHEIDUNGSKINDERGRUPPEN 66
5.4 VERFAHRENSPFLEGER 66
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5.5 INDIVIDUALTHERAPIE 66
5.6 SPIELTHERAPIE 66
5.7 VERLUST-MODELL NACH KÜBLER-ROSS 67
5.8 MEDIATION UNTER EINBEZUG DER KINDER 67
6. SELBSTHILFEGRUPPEN UND ANLAUFSTELLEN FÜR
BETROFFENE VÄTER 68
6.1 VÄTERAUFBRUCH FÜR KINDER E.V. 68
6.2 VÄTER HELFEN VÄTERN E.V. 69
6.3 KINDER- UND VÄTERTREFF (BERLIN) 69
FAZIT 69
LITERATURVERZEICHNIS 74
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Abbildungs - und Tabellenverzeichnis
Abbildung 1: Ehescheidungen in der Bundesrepublik. 30
Abbildung 2: Eheschließungen und -scheidungen in Berlin. 31
Abbildung 3:Wesentliche Nachteile des Alleinerziehens. 59
Abbildung 4: Wesentliche Vorteile des Alleinerziehens. 60
Tabelle 1: Familienformen. 9
Tabelle 2: Raster von Verhaltensänderungen bei Kleinkindern im Alter von 0-2.6
Jahren als Reaktion auf die Elterntrennung (n. Kalter 1990) 34
Tabelle 3: Kindliche Symptome während der elterlichen Trennung 36
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1. Einleitung
Die Statistik zeigt nach wie vor eine hohe Zahl an Ehescheidungen. Es ist zwar richtig, dass in der Forschung die Folgen von Scheidung auf Kinder, Eltern und Familie analysiert wurden, doch nach wie vor sind keine Forschungszahlen in Bezug auf die gesellschaftlichen Auswirkungen verfügbar. 1 Denn Kinder, die aus geschiedenen Familien kommen, haben in der Regel problematische Beziehungen zu ihren Eltern: „[...] diese schwachen Eltern-Kind-Beziehungen setzen sich im Erwachsenenalter fort“. 2
Wenn von schwachen Beziehungen gesprochen wird, so beziehen sich diese in der Regel auf die Vater-Kind-Beziehung, denn in Deutschland wurden seit den 1980er Jahren etwa zwei Millionen Kinder von ihren Vätern getrennt bzw. „die Beziehung zwischen ihnen [wurde] rechtlich in einer nicht immer kindgerechten Art und Weise geregelt.“ 3 Der Witz an dieser Sache ist jedoch, dass im gleichen Zeitraum die Bedeutung des Vaters für die Kinder zunehmend anerkannt wurde.
Der Statistik ist weiter zu entnehmen, dass etwa 66 Prozent der geschiedenen Männer eine neue Ehe eingehen. Welche Folgen eine neue Ehe für Kinder und Gesellschaft hat, ist durch Furstenberg untersucht worden. 4 „So steigert der Eintritt eines Stiefvaters zwar das familiäre Einkommen, was den Lebensstandard der Kinder verbessert. Seine Anwesenheit ist jedoch nicht immer von Vorteil für die psychische Entwicklung des Kindes.“ 5 Noch weiter ist Hetherington gegangen, der heraus fand, dass „die Anzahl der Kinder, die bei Wiederheirat eines Elternteils auf professionelle Hilfe angewiesen sind, doppelt so groß ist (47%) wie bei einer Scheidung.“ 6 Es kam sogar vor, dass es diesen Kindern emotional schlechter ging als Kindern aus Ein-Eltern-Familien. Grund dafür ist die Tatsache, dass Stiefeltern nicht immer ein herzliches Verhältnis zu ihren Stiefkindern haben.
1 Vgl. Fthenakis 2001, S. 3.
2 Ebd.
3 Ebd., S. 4.
4 Vgl. Furstenberg 1993.
5 Ebd., S. 43.
6 Vgl. Hetherington 1998, S. 98.
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1.1 Zielstellung
Ziel dieser Arbeit ist es einerseits, das Problemfeld Trennungsfolgen in all ihren Konsequenzen aufzuzeigen, andererseits soll auf Möglichkeiten hingewiesen werden, wie die Folgen von Scheidung für das Kind zu kompensieren sind.
1.2 Vorgehensweise
Um das Problemfeld Trennungssituation und -folgen für Kinder umfassend analysieren zu können, ist es zunächst notwendig, den Begriff Familie sowie die neuen Formen im Abschnitt 2 zu definieren und darzustellen. Weiter ist das Rollenverständnis in den Beziehungen von Interesse. Da der Trend zur Ehescheidung scheinbar ungebrochen ist, wären die Ursachen für dieses Phänomen gerade im Hinblick auf das Kindeswohl nicht uninteressant.
Abschnitt 3 bietet einen Einblick in das psycho-soziale Umfeld des Phänomens Familie. Thematisiert werden hier vor allem die Bedeutung stabiler Beziehungen sowie die verschiedenen Ansätze hinsichtlich der Ursachen von Scheidungen. Hinzu kommen statistische Darlegungen, die den Anstieg von Scheidungen sowohl in der Bundesrepublik als auch in Berlin dokumentieren.
Abschnitt 4 widmet sich ganz den physischen und psychischen Auswirkungen von Scheidung auf das Kind. Dabei geht es zwar auch um die Reaktionsweise der Kinder auf den Tatbestand der Scheidung, vordergründig steht aber die Nachscheidungsphase im Mittelpunkt der Betrachtung. In der Literatur ist nur wenig über das Wechselverhältnis von Vaterfigur und Kind zu finden. An dieser Stelle sollen deshalb verstärkt die Symptome in der Nachscheidungsphase in Bezug auf das Verhältnis zum Vater untersucht und dargestellt werden, einfach deshalb, weil der Vater die ausgegrenzte Person ist, da die Kinder in der Regel bei der Mutter verbleiben.
Im 5. Abschnitt geht es um Hilfsangebote für Kinder. Diese sind allerdings so zahlreich und vielfältig, dass nur auf eine geringe Anzahl von Ihnen zurückgegriffen wird, um zumindest die Möglichkeiten aufzuzeigen, und Abschnitt 6 zeigt kurz Hilfen für geschiedene Väter auf.
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2. Familiale Formen in der Gesellschaft
2.1 Pluralität familialer Formen
Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren auf die sinkende Verbindlichkeit von Ehe und Familie hingewiesen. Trotzdem wird nach wie vor geheiratet, und es werden Familien mit Kindern gegründet. Auch wenn dieser Trend scheinbar rückläufig ist, hat er auch sein Gutes: es kommt zu einer Zunahme individueller Freiheit. Der Mensch hat nun die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Formen des Zusammenlebens zu wählen. Die Wissenschaft nennt dies „Individualisierungsprozess“, 7 der aus ökonomischer Wohlstandssteigerung, dem sozialstaatlichen Absicherungssystem und dem gestiegenen Bildungsniveau resultieren soll. Nach Beck gäbe es die Familie nicht mehr, nur noch Familien. „Da gibt es schockierende Entwicklungen: Wilde Ehen, Ehen ohne Trauschein, Zunahme der Ein-Personen-Haushalte im Quadrat, Alleinerziehende, Alleinnacherziehende, allein herumirrende Elternteile“ 8 .
Die De-Institutionalisierungsthese besagt, dass die Bedeutung und Qualität von Ehe und Normal-Familie rückläufig ist. Becks Individualisierungsthese wiederum geht von der Auflösung des begrifflichen Familien-Konstruktes und der Pluralität von Familienformen aus. 9
Beiden Thesen gehen von einem zeitgeschichtlichem Wandel aus. Nach Parsons hatte Familie eine bestimmte Rollenstruktur (Vater, Mutter, Kind) und eine klare Aufgabentrennung: der Ehemann war für die ökonomische Sicherheit zuständig, die Ehefrau für den Haushalt und die Kinder. Auch gelten spezifische Interaktionsbeziehungen: Die Mutter-Rolle impliziert ein expressiven Verhalten, die Vater-Rolle eher instrumentellen Verhalten. 10
Zwischen 1945 und 1975 war dies das vorherrschende Familienmodell in den Industriegesellschaften. 11 Allerdings wird dieses Modell nur noch von einer Minderheit favorisiert. Nave-Herz fragt hier zu Recht, inwieweit es gerechtfertigt
7 Vgl. Nave-Herz 2009, S. 13.
8 Beck 1990, S. 43.
9 Vgl. Nave-Herz 2009, S. 13.
10 Vgl. Parsons 1964.
11 Vgl. Bertram 2006, S. 51 ff.
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ist, „den Familienbegriff auf ein bestimmtes - zeitlich begrenztes - Familienmodell zu beschränken?“ 12 Will man den familialen Wandel also beschreiben, sollte auf einen einengenden Familienbegriff verzichtet werden, denn die Beschreibung der Vielfalt familialer Lebensformen ist vom Familienbegriff abhängig. Spricht man von der Pluralität familialer Lebensformen, liegt das Hauptaugenmerk insbesondere auf den Familienbildungsprozessen und der Rollenzusammensetzung. 13
Ob nun Becks Begriff Familien Verwendung findet, bleibt abzuwarten. Nave-Herz stellt dazu fest: „Selbstverständlich sind Begriffe nur dann sinnvoll, wenn mit ihnen eine spezifische Ausgrenzung aus der sozialen Realität möglich ist. Und das trifft auf den Familienbegriff zu, auch wenn - um familialen Wandel und die Pluralität von Familienformen erfassen zu können, und um nicht Veränderungen (wie bereits betont) durch die gewählte Begrifflichkeit von vornherein auszuschließen - es notwendig ist, eine Definition von Familie auf einem möglichst hohen Abstraktionsniveau zu wählen.“ 14
Durch welche Kriterien unterscheidet sich nun Familie von anderen Lebensformen in einer Gesellschaft? 15 Zum einen ist hier die biologisch-soziale Doppelnatur zu nennen; es werden die Reproduktions- und Sozialisationsfunktion übernommen, weiterhin ein Kooperations- und Solidaritätsverhältnis; d.h., hier fallen gemeinsame Ziele, begrenzte Anzahl an Mitgliedern und das Wir-Gefühl hinein. Hinzu kommt ein nur hier geltendes Rollenverständnis als Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Schwester, und schließlich die Generationsdifferenzierung, d.h., das Mutter- oder Vater-Kind-Verhältnis.
Letzteres kann sich auf die Kernfamilie (Eltern-Mutter- bzw. Vater-Kind-Einheit), aber auch auf die Großeltern beziehen. Nimmt man diese Definition als Grundlage, kann geprüft werden, welche Familienformen denkbar wären. Natürlich müssen verschiedene Konstellationen außen vor bleiben, da gesetzliche Bestimmungen diese verbieten. Beispielsweise können nichteheliche
12 Nave-Herz 2009, S. 14.
13 Vgl. Nave-Herz 2006, S. 43 ff.
14 Nave-Herz 2009, S. 15.
15 Nave-Herz 2006, S. 29 ff.
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Lebensgemeinschaften keine Kinder adoptieren und männliche Homosexuelle können keine Kinder reproduzieren. Dadurch ergeben sich 16 verschiedene, rechtlich mögliche Familientypen (vgl. Tab.1).
Tabelle 1: Familienformen. 16
Diese Formen können natürlich wechseln, bedingt durch Tod, Scheidung, Trennung und Wiederverheiratung.
2.2 Neue Rollenzusammensetzung
In Westeuropa sind die nichtehelichen Lebensgemeinschaften auf dem Vormarsch, d.h., ihre Anzahl ist seit der Jahrtausendwende dreimal so hoch. Aber - in ihr wachsen in der Regel kaum Kinder auf. „In Westdeutschland leben in 4 von 5 Haushalten unverheirateter Paare keine Kinder. Anders stellt sich die Situation in den neuen Bundesländern dar. Hier leben häufiger als im westlichen Bundesgebiet Kinder in den Haushalten von unverheiratet zusammenlebenden Partnern.“ 17 Der westdeutsche Trend scheint sich aber langfristig auch hier durchzusetzen. 18 Nichtehelichen Lebensgemeinschaften können eher als Lebensform im Jugendalter definiert werden. 19
16 Quelle: Nave-Herz 2009, S. 17.
17 Nave-Herz 2009, S. 18.
18 Vgl. Stat. Bundesamt 4/2001, S. 70 ff.
19 Vgl. Huinink et al. 2007, S. 90.
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Das heißt allerdings nicht, dass die Ehe und Familie sich nun endgültig auf dem Rückzug befinden. Es hat sich eher eine Phasenverschiebung vollzogen bzw. der Ehe wurde ein anderer Sinn zugeschrieben. Sieht man sich entsprechende Untersuchungen an, fällt auf, dass Ehen überwiegend aus drei Gründen geschlossen werden: wegen einer Schwangerschaft, wegen eines Kinderwunsches oder wegen des Vorhandenseins von Kindern. 20
Beide Formen unterscheiden sich hinsichtlich ihres Gründungsanlasses: „Eine partnerbezogene Emotionalität ist immer stärker Anlass für die Gründung einer Nichtehelichen Lebensgemeinschaft, die emotionale kindorientierte
Partnerbeziehung zur Eheschließung.“ 21 Für Nave-Herz ist damit der Differenzierungsprozess infolge institutioneller Verselbstständigung von zwei qualitativ unterschiedlichen Systemtypen weiter fortgeschritten als gedacht. Allerdings kann im Moment dazu keine feste Aussage gemacht werden, denn inwieweit die rechtliche Stärkung nichtehelicher Väter Einfluss auf die Etablierung nichtehelicher Gemeinschaften hat, ist momentan nicht absehbar.
Natürlich beruhten bis Mitte/Ende der 1970er Jahre die Eheschließungen auch auf einer emotionalen Partnerbeziehung, aber es gab auch ökonomische, rechtliche oder wohnungsmäßige Gründe. Heute hat die Ehe ihre Versorgungsinstitution weitgehend verloren.
Anders sah die Situation in der DDR aus. Hier wurde in der Regel erst spät nach der Geburt eines Kindes geheiratet, und zwar, um die Vergünstigungen, die die sozialpolitischen Maßnahmen alleinstehenden Müttern in der DDR boten, in Anspruch nehmen zu können. 22 Als diese Anreize nach 1986 wegfielen, ging die Quote der nichtehelichen Lebensgemeinschaften trotzdem nicht zurück. Nach Gysi sind die Lebensgemeinschaften auch hier als Durchgangsphasen zu charakterisieren: entweder spätere Auflösung oder spätere Eheschließung. 23
20 Huinink et al. 2007, S. 91 ff.
21 Nave-Herz 2009, S. 19.
22 Vgl. Gysi 1989, S. 267.
23 Vgl. ebd.
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Es bleibt allerdings die Frage, warum in Hinblick auf das Kind bewusst die Ehe gewählt wird? Nave-Herz zeigt dazu auf, dass sich nur dann für Kinder entschieden wird, wenn sich beide dieser Verantwortung auch stellen wollen, d.h., wenn die ökonomischen und psychischen Voraussetzungen vorhanden sind. „Die kindorientierte Ehegründung heute ist also zumeist gekoppelt mit dem Prinzip der verantworteten Elternschaft. Dieser normative Anspruch wird aber ferner mit dem traditionellen Ehekonzept argumentativ verbunden, obwohl man dem Ideal der romantischen Liebe und dem Verweisungszusammenhang - nur wenn Kinder, dann Ehe - oberste Priorität einräumt.“ 24
Durch den Anstieg nichtehelicher Lebensgemeinschaften kam es auch zu einem Anstieg des Heiratsalters bei Ledigen. Das durchschnittliche Heiratsalter lag 2007 bei ledigen Männern bei 33 Jahren und bei Frauen bei 29 Jahren. 25
Grund dafür ist einerseits die Möglichkeit einer zuverlässigen Geburtenplanung, andererseits stieg das allgemeine Bildungsniveau der Frauen. Diese warten heute mit der Heirat so lange, bis eine adäquate berufliche Position erreicht ist.
Mit der Zunahme von nichtehelichen Lebensgemeinschaften ging auch eine Zunahme von Ein-Eltern-Familien einher. Das sind vor allem alleinerziehende Mütter, bedingt durch Scheidung oder Trennung. Ihr Anteil betrug 2007 18% an allen Familienformen. 26 Trotzdem bilden sie noch eine Minorität, ebenso wie Vater-Familien ist - doch der Trend ist steigend. 27
Was Stiefelternschaft und Adoption angeht, zeigt die amtliche Statistik kaum etwas darüber. Trotzdem kann der Anteil von Adoptions-, Stief- und Pflege-Familien als nicht sehr hoch eingeschätzt werden. Geht es nach den Daten des Familien-Surveys, ist der Anteil an Adoptions- und Pflege-Familien sogar rückläufig. Nur ca. 7% aller Kinder wachsen in Stieffamilien auf. 28
24 Nave-Herz 2009, S. 21.
25 Statistisches Jahrbuch 2008, S. 52.
26 Vgl. Stat. Bundesamt 2007.
27 Vgl. Nave-Herz 2009, S. 22.
28 Vgl. Bien 2002, S. 89.
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Deutlich wurde bisher, dass der Anteil an nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit Kindern und Ein-Eltern-Familien zugenommen und der Anteil an Pflege- und Adoptions-Familien abgenommen hat. Die Frage bleibt, welchen Anteil die traditionelle Eltern-Familie in Deutschland zu den Alternativformen noch besitzt.
Der Familienreport von 2009 zeigt, dass 74% aller Kinder unter 18 Jahren nach wie vor in traditionellen Eltern-Familien mit formaler Eheschließung leben. D.h., diese Familienform ist weiterhin die dominanteste. 29 „Fragt man ferner, wie hoch der Anteil der Kinder an der Gesamtzahl ist, die heutzutage in der herkömmlichen Kernfamilie (= Zwei-Eltern-Familie mit Eheschließung) aufwachsen, so zeigen die Daten, dass 79%der Kinder bis zum 18. Lebensjahr mit beiden leiblichen Eltern zusammenlebt.“ 30
Dieses Ergebnis ist umso erstaunlicher, da doch statistisch gesehen jede dritte Ehe geschieden wird. Dazu muss man sich die Quoten etwas genauer ansehen, denn die Scheidungsquoten der kinderlosen Ehen sind am höchsten und die der kinderreichen am geringsten. Hinzu kommt, dass viele Ehen in der sogenannten nachelterlichen Phase geschieden werden, d.h., wenn die Kinder älter als 18 Jahre sind. Daraus lässt sich allerdings auch schließen, dass viele Paare wegen der Kinder zusammenbleiben, obwohl die Beziehungen längst zerrüttet sind: sie arrangieren sich. 31
Fragt man nach der subjektiven Wertschätzung von Ehe und Familie, so zeigt sich, dass die traditionelle Eltern-Familie nicht verloren hat. 32 „Selbst diejenigen, die in anderen Daseinsformen leben, würden überwiegend das Leben in einer Eltern-Familie bevorzugen, und die Mehrzahl von ihnen hat ihre jetzige Lebensform nicht als bewusste alternative Lebensform zur traditionellen Eltern-Familie gewählt. Ebenso unternehmen und versuchen viele Adoptions-Familien alles, um als traditionelle Eltern-Familie zu gelten, und möchten keine Alternativform sein.“ 33
29 Vgl. Familienreport 2009.
30 Nave-Herz 2009, S. 23.
31 Vgl. Nave-Herz 2009, S. 23.
32 Vgl. Bundesinstitut 2006, S. 8.
33 Nave-Herz 2009, S. 24.
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Interessanterweise sind die hohen Scheidungszahlen nicht unbedingt ein Indiz für den Bedeutungsverlust der Ehe. In statistischen Datenreihen werden in der Regel kaum Motivanalysen dargestellt. „So zeigen die Ergebnisse einer empirischen Erhebung über die verursachenden Bedingungen für Ehescheidungen, dass die Instabilität der Ehe gerade wegen ihrer hohen subjektiven Bedeutung für den Einzelnen zugenommen und dadurch die Belastbarkeit für unharmonische Partnerbeziehungen abgenommen hat.“ 34 Dass Ehen nun nicht mehr zwanghaft bestehen bleiben müssen, beispielsweise wegen ökonomischer Notwendigkeiten oder gesellschaftlichen Ansehens, verstärkt diesen Prozess. 35
Daraus ergibt sich, dass eheliche Eltern-Familien, zumindest statistisch, die dominierende Familienform sind, dass 74% aller Kinder unter 18 Jahren in dieser Familienform aufwachsen. Auch subjektiv gesehen kommt ihr ein hohes Ansehen zu. Allerdings hat die Familie, nimmt man alle Haushalte in Deutschland als Grundlage, abgenommen. Nave-Herz begründet das damit, weil dies durch die zeitlichen Veränderungen der Zyklen im Lebensverlauf des Einzelnen bedingt ist. 36
2.3 Ursachen für den Anstieg von Ehescheidungen
Die Ehescheidungsrate in der Bundesrepublik einschließlich der ehemaligen DDR nimmt seit dem Jahr 2000 zu. Diese anhaltende und immer stärker steigende Tendenz von Eheauflösungen beruht nicht auf demographischen Veränderungen, sondern ist auf ein verändertes Bevölkerungsverhalten zurückzuführen. Die Zahl der von Scheidung betroffenen minderjährigen Kindern beträgt jährlich ca. 144.000, jedoch ist die Zahl rückläufig, und zwar wegen des Geburtenrückgangs. 37
Gesicherte Forschungsergebnisse gibt es auf die Frage nach den Ursachen des Anstiegs der Ehescheidungen nur wenige. König stellte dazu bereits 1976 fest, „dass die meisten Ausführungen zu diesem Thema gar nicht von der Absicht
34 Ebd., S. 24 f.
35 Vgl. Esser 2003, S. 117 ff.
36 Vgl. Nave-Herz 2008, S. 25.
37 Vgl. Nave-Herz 2008, S. 118.
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getragen sind, die wirklich bestehenden Verhältnisse und Problemverflechtungen zu erkennen“, sondern sie wollen vielmehr „bewerten, wobei zumeist ein trübes Gemisch klerikaler und moralischer Vorurteile verbreitet wird, statt eine Ausgangsbasis zu schaffen, von der aus das Problem in aller Sachlichkeit angegangen werden kann“. 38
In der Regel wird nur ein Fakt oder eine Person herangezogen; es wird also ein Täter gesucht. Dieses Täterdenken macht eine wissenschaftliche Analyse über die verursachenden Bedingungen von Ehescheidungen fast unmöglich.
Man hat sogar versucht, demographische Analysen durchzuführen, um verursachende Sozialvariablen zu finden, beispielsweise Korrelationen zwischen dem Heiratsalter, der Kinderzahl, der Konfession, der sozialen Schicht und dem Ehescheidungsrisiko. D.h., je geringer das Heiratsalter ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Ehescheidung; je höher die soziale Schicht ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit der Ehescheidung; katholische Ehen sind gegenüber evangelischen und nicht-konfessionell gebundenen Ehen stabiler. 39 Interessant ist der Einfluss des Bildungsniveaus auf die
Scheidungswahrscheinlichkeit. Es konnte nachgewiesen werden, dass Ehen von Partnern mit mittlerem Bildungsniveau am stabilsten sind. Ehen, in denen Frauen höher qualifiziert sind als ihre Ehemänner, sind am instabilsten. Am besten kommen Ehen ohne Bildungsdifferenzen zwischen den Ehepartnern weg. Ferner werden Ehen von erwerbstätigen Frauen eher geschieden. Die geringste Scheidungsrate ist bei Hauseigentümern zu erkennen. Pointiert ausgedrückt, hieße das: Die höchste Wahrscheinlichkeit einer Ehescheidung ist bei den Paaren gegeben, die kinderlos, evangelisch oder nicht-konfessionell gebunden sind, zudem in einem frühen Alter geheiratet haben, wenn die Ehefrau erwerbstätig und über ein höheres Bildungsniveau als der Ehemann verfügt und sie nicht in einem eigenen Haus wohnen. 40
Hier jetzt von Instabilität zu sprechen, ist etwas verfrüht, da es sich bestenfalls um eine Abnahme des Verpflichtungs- und Verbindlichkeitscharakters der Ehe
38 König 1976, S. 160.
39 Vgl. Nave-Herz 2008, S. 120.
40 Vgl. Nave-Herz 2008, S. 121.
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handelt. Ferner muss zwischen Ehe und Familie unterschieden werden. Bei der Ehescheidung handelt es sich im Grunde um eine Vertragskündigung an den Ehepartner. In der Regel bleibt nämlich die Familie, geschrumpft, bestehen. „Gekündigt wird nur dem Ehepartner, mit dem das Zusammenleben nicht länger erträglich ist, gekündigt wird nicht den Kindern“ 41 . Der Begriff Ein-Eltern-Familie betont letztlich, dass die Familie nicht zerfällt, sondern in veränderter Form weiter existiert. Das Ehesystem kann seine Form verändern; „vor allem durch die reduzierten Kontaktmöglichkeiten mit dem aus der Haushaltsgemeinschaft ausgeschiedenen Elternteil.“ 42 Wenn es also keinen Zerfall der Ehe gibt, so muss geprüft werden, ob ein Bedeutungsverlust vorliegt.
Aus einer Untersuchung aus dem Jahre 1990 hat sich folgendes ergeben: „Die Zunahme der Ehescheidungen ist nicht die Folge eines gestiegenen Bedeutungsverlustes der Ehe; nicht die Zuschreibung der Sinnlosigkeit von Ehen hat das Ehescheidungsrisiko erhöht und lässt Ehepartner heute ihren Eheentschluss eher revidieren, vielmehr ist der Anstieg der Ehescheidungen Folge gerade ihrer hohen psychischen Bedeutung und Wichtigkeit für den Einzelnen, so dass die Partner unharmonische eheliche Beziehungen heute weniger als früher ertragen können, und sie deshalb ihre Ehe schneller auflösen. Zuweilen in der Hoffnung auf eine spätere bessere Partnerschaft.“ 43
Ist die Qualität der Partnerbeziehung also das Wichtigste, muss die Bedeutung des institutionellen Charakters der Ehe de facto abgenommen haben, was allerdings nie empirisch belegt wurde. Wenn Emotionen und Affekte im Vordergrund stehen, können Enttäuschungen über den Partner bereits die Auflösung der Ehe forcieren. 44
Hinzu kommt die Abnahme traditioneller Vorgaben, wodurch mehr Möglichkeiten bestehen, eigene Ansprüche an die Ehe bzw. den Ehemann zu formulieren. Für Frauen stehen nun einklagbare Rechte in Bezug auf die Partizipation des Mannes beispielsweise an den hauswirtschaftlichen Tätigkeiten oder
41 Tyrell 1985, S. 365.
42 Vgl. Nave-Herz 2008, S. 122.
43 Vgl. Nave-Herz et al. 1990.
44 Vgl. Klages 1984.
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bei der Kinderbetreuung zur Verfügung, vor allem dann, wenn sie selbst erwerbstätig sind. „Die damit verbundene Aufhebung des strukturellen Tauschverhältnisses kann aber durch fehlende klare Kompetenzzuschreibung zu konfliktreichen Aushandlungsprozessen führen und ebenso eheliche Konflikte produzieren und verstärken.“ 45
Steht einerseits die zugenommene Erwerbstätigkeit von verheirateten Frauen als verstärkter Scheidungsgrund fest, so stellte Nave-Herz in ihrer Erhebung ebenso einen höheren Anteil an erwerbstätigen Frauen als an Vollzeit-Hausfrauen nach. Das machte jedoch deutlich, dass viele Frauen während oder nach der Trennungsphase erst eine Erwerbstätigkeit wieder aufnahmen bzw. eine Ausbildung oder Umschulung durchführten. 46 „Frauen versuchen also, sich selbst aus der ökonomischen Abhängigkeit von ihren Ehemännern bereits im Prozess der Eheauflösung oder danach zu befreien. Damit aber ist der quantitative Anstieg der Ehescheidungsziffern auch auf die Abnahme bestehender Ehen aufgrund von zurückzuführen.“ 47 zwanghafter Kohäsion Mit Essers Mannheimer
Scheidungsstudie wurde dieser Sachverhalt insbesondere belegt. Er betont: „Die Ergebnisse können auch zu verstehen helfen, warum die Stabilität von Ehen in den jüngeren Kohorten in einer derart dramatischen Weise abgesunken ist: Ehen, die in Schwierigkeiten kamen, wurden in den älteren Kohorten nicht einfach aufgegeben, schlicht weil es damals kaum alternative Opportunitäten gab, während neuerdings die verheirateten Paare sich nahezu unmittelbar dann trennen, wenn die ersten Krisen und die ersten (auch kleineren) Probleme auftauchen. Das Scheidungsgeschehen selbst sorgt für diesen sich offensichtlich auch selbstverstärkenden Prozess: Mit der Scheidung von Ehen gibt es auf dem Heiratsmarkt für Wiederverheiratungen mit einem Mal Alternativen, die es zuvor nicht gab. Und die schiere Verfügbarkeit von Alternativen führt dazu, eine Ehe, die nicht mehr besonders gut ist, in einem anderen Licht zu sehen, die andernfalls noch über der Fiktion einer, guten’ Ehe gerahmt worden wäre“ 48 .
45 Nave-Herz 2009, S. 123.
46 Vgl. ebd.
47 Ebd.
48 Esser 2001, S. 127.
Arbeit zitieren:
Mohammed Sawaei, 2011, Kinder nach Scheidungs- und Trennungssituationen und die damit verbundenen Hilfsangebote und Möglichkeiten der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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