Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Mixed Embeddedness 6
2.1 Die Erweiterung des Embeddedness-Ansatzes 6
2.2 Die Entwicklungen in den Niederlanden 8
2.3 Informelle Ökonomien 9
3. Vietnamesische Ökonomien in den neuen Bundesländern 11
3.1 Geschichte der VietnamesInnen in Ostdeutschland 11
3.1.1 Vertragsarbeit in der DDR 11
3.1.2 Neuorientierung nach der politischen Wende 1989/90 14
3.2 Die Frage der Existenzsicherung - migrantische Ökonomien 15
4. Resümee und Perspektiven vietnamesischer Ökonomien 25
Bibliographie 26
Abbildungsverzeichnis 29
1. Einleitung
Für manche und manchen ist es ein Reizwort, wenn der Begriff ‚Vertragsarbeitnehmerinnen und -arbeitnehmer‘ fällt: […] deshalb, weil sie sofort zigarettenverkaufende Vietnamesen, Mafia, Lastwagen voll unverzollter Zigaretten, Messerstechereien oder Schießereien vor sich sehen und sagen: ihr könnt doch nicht ernsthaft diese Kriminellen unterstützen und dafür sorgen, daß sie hierbleiben. 1
Werden in den Medien, im Alltag, in der Politik oder auch im wissenschaftlichen Diskurs Fragen der Migration oder Integration in Deutschland thematisiert, richtet sich der Fokus überwiegend auf die alten Bundesländer und ihre ehemaligen so genannten GastarbeiterInnen. Unter anderem ist dann die Rede von den als „Gemüsetürken“ 2 bezeichneten türkischen UnternehmerInnen. Diese passen jedoch nicht so recht in das Bild, das viele in den neuen Bundesländern lebende BürgerInnen von ihren migrantischen EinzelhändlerInnen haben dürften, auch wenn, wie in Bezug auf vietnamesische BlumenhändlerInnen im Ostteil Berlins, hin und wieder Vergleiche zwischen diesen beiden Gruppen angestellt werden:
Es ist beinahe so wie einst mit den türkischen Gemüsehändlern: Vor 30 Jahren gab es nur einige Dutzend von ihnen, heute dominieren sie die Obst- und Gemüseläden. 3
Ein Vergleich verlangt aber auch, bei der Gegenüberstellung mögliche Unterschiede herauszuarbeiten. Eine Erklärung dafür, dass die einen, wenn sie von ihren Gemüsetürken berichten, bei den anderen Assoziationen mit den im Osten des Landes eher bekannten vietnamesischen HändlerInnen wecken, die häufig auch als „Fidschis“ 4 diskriminiert worden sind, bietet die unterschiedliche Geschichte der Zuwanderung in die beiden Landesteile. 5 Doch über die Umstände, unter denen viele VietnamesInnen ihren Weg in die ehemalige DDR gefunden haben und ihrer gegenwärtigen Situation scheint in der Öffentlichkeit wenig bekannt zu sein. In den medialen Integrationsdiskurs eingeschlichen haben sich die
1 Arbeitskreis gegen Fremdenfeindlichkeit 1996: S. 3.
2 Amann, Melanie (2009): Nichts gegen unseren Gemüsetürken. In: FAZ. [www.faz.net/-00lhx7; Zugriff am: 26.09.2011]
3 Schulte am Hülse, Jessica (2010): Herr Nang macht in Rosen. In: Die Welt am Sonntag v. 25.04.2010. S. B3.
4 Farrell, Patricio (2010): Unauffällig an die Spitze. In: taz.
[www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2010%2F01%2F22%2Fa0047&cHash=0d0c376c21; Zugriff am: 26.09.2011]
5 Weiss/ Dennis 2005: 7.
3
VietnamesInnen erst wieder im Zuge der Diskussion um die Bildungssituation von MigrantInnen als „Musterbeispiele des Schulerfolgs“ 6 . 7 Darüber hinaus
dominieren weiterhin [klischeehafte, stigmatisierende mediale Bilder] das bruchstückhafte Wissen der Mehrheitsgesellschaft über vietnamesische MigrantInnen in Deutschland. 8
Weiss und Dennis (2005) machen das Bestreben um die deutsche Einheit dafür verantwortlich, dass eine differenzierte Betrachtung politisch zunächst weitgehend in den Hintergrund gerückt wurde. 9 Weiss und Kindelberger (2007) kommen zu dem Ergebnis, dass sich die meisten Analysen und Studien auf die alten Bundesländer, jedoch fast nie auf Ostdeutschland bezögen. Die durch die Teilung Deutschlands bewirkten Besonderheiten erforderten jedoch eine eigenständige Untersuchung. 10 Auch Schmiz (2011) beschreibt die Kenntnisse der Wissenschaft über die Arbeits- und Lebenssituation der VietnamesInnen in Deutschland als lückenhaft, 11 wobei ihre aktuelle Dissertation zur Transnationalität vietnamesischer MigrantInnen in Berlin und Vietnam diesem Zustand einige Abhilfe schafft.
Anliegen dieser Arbeit ist es, einen weiteren Teil dazu beizutragen, diese wissenschaftliche Lücke zu verkleinern. Der Fokus soll dabei insbesondere auf die migrantischen Ökonomien ehemaliger vietnamesischer DDR-VertragsarbeiterInnen in den neuen Bundesländern gerichtet werden. Dabei soll zuvörderst der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich der von Kloosterman, Rath und van der Leun 1999 entwickelte Mixed-Embeddedness-Ansatz für die Erklärung der Herausbildung selbstständiger UnternehmerInnenstrukturen unter VietnamesInnen in Ostdeutschland nach der politischen Wende 1989/90 als geeignet erweist. Der zu den neueren Erklärungsversuchen gehörende Ansatz berücksichtigt neben individuellen (migrantischen) Faktoren auch weitergehende Aspekte des Kontextes, in den sich die MigrantInnen eingebettet finden. Hierdurch wird sich erhofft, die betrachteten Entstehungsumstände vietnamesischer Ökonomien breiter und dadurch adäquater erfassen zu können.
6 Spiewak, Martin (2010): Sarrazin schrammt knapp an der Lüge vorbei. In: Zeit online. [www.zeit.de/gesellschaft/2010-08/sarrazin-bildung-faktencheck; Zugriff am: 26.09.2011]
7 Schmiz (2011) zeichnet hier ein differenzierteres Bild und verweist u. a. auf 12.000 VietnamesInnen in Deutschland unter 25 Jahren ohne beruflichen Bildungsabschluss (insb. S. 248-256).
8 Schmiz 2011: 4.
9 Weiss/ Dennis 2005: 7.
10 Weiss/ Kindelberger 2007: 6.
11 Schmiz 2011: 4.
4
Zunächst ist es erforderlich, in Kapitel 2 in den Mixed-Embeddedness-Ansatz einzuführen. Dabei wird zur Verdeutlichung der Ausführungen auch auf die den Erkenntnissen der Forscher zu Grunde liegenden Entwicklungen in den Niederlanden eingegangen werden. Auf eine Diskussion älterer Erklärungsansätze soll aus Platzgründen allerdings verzichtet werden. 12 Im darauffolgenden Kapitel 3 trägt dann ein Überblick über die Geschichte der VietnamesInnen in Ostdeutschland dazu bei, wesentliche Determinanten der Lebens- und Arbeitssituation dieser Bevölkerungsgruppe nachzuzeichnen. Dies soll dazu verhelfen, die Analyse der Entwicklungen vietnamesischer Ökonomien besser in den Kontext einordnen zu können. Im Weiteren gilt es, die Entstehungszusammenhänge dieser Ökonomien den Ergebnissen der Arbeit von Kloosterman, Rath und van der Leun zu ihrem Mixed-Embeddedness-Ansatz gegenüberzustellen, um den direkten Vergleich zu ermöglichen. Anschließend sollen die Ergebnisse in Kapitel 4 resümierend zusammengefasst und abschließend beurteilt werden.
12 Ein Überblick über eine Auswahl an klassischen und neueren Erklärungsansätzen findet sich u. a. bei Schmiz 2011: 48 ff.
5
2. Mixed Embeddedness
Der Mixed Embeddedness-Ansatz geht zurück auf eine Arbeit von Kloosterman, Rath und van der Leun aus dem Jahr 1999 mit dem Titel: „Mixed embeddedness. (In)formal economic activities and immigrant business in the Netherlands“ 13 . Sie fokussiert die Erklärung der Selbstständigkeit von MigrantInnen unter Berücksichtigung vorhandener individueller bzw. kollektiver Ressourcen (embeddedness in social networks of immigrants) auf der einen sowie relevanter Rahmenbedingungen (Möglichkeitsstrukturen) im Aufnahmekontext (socio- economicand politico-institutional environment of the country of settlement) auf der anderen Seite. Als Grundlage dafür dienen Untersuchungen mit Blick auf die vier größten Städte in den Niederlanden - Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht - sowie die beispielhafte Analyse von dort verorteten Halal-Fleischerei-Betrieben (Islamic butchers). Die eingangs formulierte These der Forscher lautet dabei:
Complex configurations of mixed embeddedness enable immigrant businesses to survivepartly by facilitating informal economic activities - in segments where indigenous firms, as a rule, cannot. 14
2.1 Die Erweiterung des Embeddedness-Ansatzes
Der den Überlegungen der Autoren vorausgehende Embeddedness-Ansatz, so die Forscher, war zumeist einseitig auf die Einbettung von MigrantInnen in ihrem ethnischen Umfeld ausgerichtet, wobei die Einbettung in den weiteren ökonomischen und institutionellen Kontext vernachlässigt worden sei. Daher schlagen sie ein weitergehendes Konzept, das des „mixed embeddedness“ vor, das die entscheidenden und miteinander in Wechselwirkung stehenden Sphären des Sozialen, Ökonomischen und Institutionellen abzudecken in der Lage ist (siehe Abb. 1). Das Zusammenspiel dieser Sphären finde dabei in einem größeren, dynamischen institutionellen Rahmen statt auf den Ebenen von unmittelbaren Nachbarschaften, von Städten, auf nationalem Level oder dem des Wirtschaftssektors.
13 Insofern hier nicht anders ausgewiesen lehnen sich die Gedanken im Wesentlichen an die Arbeit von Kloosterman/ van der Leun/ Rath (1999) an.
14 Kloosterman et al. (1999): 2.
6
Die individuellen oder kollektiven Ressourcen, wie Vertrauen, Netzwerke oder Qualifikationen, auf die Kloosterman, van der Leun und Rath sich beziehen, können wie in Abb. 2 zu sehen zusammengefasst werden in: 15
15 Schmiz (2011): 67.
7
Zu den Möglichkeitsstrukturen, das heißt den Rahmenbedingungen, die im Aufnahmekontext vorgefunden werden können und Bedeutung für das migrantische UnternehmerInnentum entfalten, zählen die Autoren u. a. die in der nachfolgenden Abb. 3 aufgezählten Faktoren:
Abb. 3: Möglichkeitsstrukturen
Quelle: Eigene Darstellung.
Grundsätzlich ließen sich zwei Arten der Etablierung einer Selbstständigkeit unterscheiden: erstens auf der Basis einer gestiegenen Nachfrage nach ethnischen Produkten und zweitens durch die Übernahme von zuvor durch Einheimische betriebene Geschäfte, die auf Grund der gestiegenen Anzahl der ImmigrantInnen ihre bisherige Umgebung verließen.
2.2 Die Entwicklungen in den Niederlanden
Um die Hintergründe des Ansatzes besser nachvollziehen zu können, scheint es an dieser Stelle angebracht, kurz auf den Entstehungskontext in den Niederlanden einzugehen, den Kloosterman et al. (1999) in ihrer Arbeit ebenfalls ausführen.
Auf Grund der marginalisierten Position und der im Vergleich mit der einheimischen Bevölkerung hohen Arbeitslosigkeit durch den weitgehenden Ausschluss vom regulären Arbeitsmarkt hätte sich eine gestiegene Anzahl von ImmigrantInnen in den Niederlanden für den Gang in die Selbstständigkeit entschieden. Ihr Tätigkeitsfeld sei dabei schwerpunktmäßig in den vier untersuchten Großstädten zu verorten. Insbesondere in Gegenden mit einem hohen Anteil an ImmigrantInnen, so die Forscher, gäbe es eine relativ hohe Rate an Gründungen migrantischer Unternehmen. Dies unterstreiche die Bedeutung sozialer Netzwerke, sei aber auch auf die Verfügbarkeit günstiger Gewerberäume in diesen Umgebungen zurückzuführen. Die UnternehmerInnen kennzeichnete vor allem, dass sie kaum Zugang zu finanziellen
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Arbeit zitieren:
Philipp Stroehle, 2011, Migrant Entrepreneurship - Mixed Embeddedness, München, GRIN Verlag GmbH
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