Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis 3
1. Einleitung 4
2. Diskurs- und Raumtheorie 6
2.1 Diskurstheorie 6
2.2 Raumtheorie. 9
3. Methodik 11
3.2 Korpus 12
3.2.1 Neue Osnabrücker Zeitung 13
3.2.2 Chemnitzer Freie Presse 14
3.2.3 Bevölkerungszusammensetzung in den Verbreitungsgebieten 14
4. Die Sarrazin-Integrationsdebatte 16
4.1 Verlauf des medialen Sarrazin-Integrationsdiskurses 16
4.1.1 Diskursverlauf in der NOZ 17
4.1.2 Diskursverlauf in der FP 18
4.2 Raumkonstruktionen in der Sarrazin-Integrationsdebatte 19
5. Resümee und Schlussbetrachtungen 27
Bibliographie 29
Abbildungsverzeichnis 32
Tabellenverzeichnis 32
Anhang 33
Abkürzungsverzeichnis
BRD Bundesrepublik Deutschland
CDU Christlich-Demokratische Union (Deutschlands)
DDR Deutsche Demokratische Republik
DISS Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung
DVU Deutsche Volksunion
FP Freie Presse, Chemnitzer Ausgabe
IVW Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.
NOZ Neue Osnabrücker Zeitung
NPD Nationaldemokratische Partei Deutschlands
SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands
3
1. Einleitung
„Das westliche Abendland sieht sich durch die muslimische Immigration und den wachsenden Einfluss islamistischer Glaubensrichtungen mit autoritären, vormodernen, auch antidemokratischen Tendenzen konfrontiert, die nicht nur das eigene Selbstverständnis herausfordern, sondern auch eine direkte Bedrohung unseres Lebensstils darstellen.“ 1
Mit diesen und anderen Thesen provozierte Thilo Sarrazin 2010 in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ eine Dynamisierung des Integrationsdiskurses in Deutschland und darüber hinaus. Bereits diese wenigen Zeilen offenbaren dem kritischen Leser zu hinterfragende Dualismen der Selbst- und Fremdperzeption und unterwerfen den Islam einer pauschalen Stigmatisierung in Kontrast mit einem imaginären „westlichen Abendland“. Nicht weniger als ein ganzes, konstruiertes Territorium sieht sich personifiziert konfrontiert mit einem Bedrohungsszenario, das seinen Ursprung in „der“ islamischen Religion haben und geeignet sein soll, an den Grundfesten lebensweltlicher Vorstellungen einer homogenisierten Wir-Gemeinschaft zu rütteln.
In der vorliegenden Arbeit ist es dem Autor nicht daran gelegen, das Werk Sarrazins selbst als vielmehr die Diskussion um seine Veröffentlichung und die daraus verbreiteten Thesen näher zu untersuchen. Das begründet sich nicht zuletzt auch damit, dass nach Auffassung des Autors in der Debatte zumeist auf nur wenige und immer auch aus dem Zusammenhang gerissene Ausschnitte des Buches rekurriert wird. Der dadurch akzelerierte Diskurs soll dabei insbesondere, dem sozialgeographischen Rahmen der Arbeit folgend, unter Zuhilfenahme einer aufgesetzten Raum-Brille dahingehend analysiert werden, welche Verräumlichungen bzw. Raumkonstruktionen bewusst oder unbewusst relevant gemacht werden.
Zunächst ist es dafür erforderlich, in Kapitel 2. einige einführende, prägnante Bemerkungen zu sowohl der Diskurs- als auch der Raumtheorie anzuführen, die zugleich mit diskursiven Elementen der Sarrazin-Integrationsdebatte beispielhaft flankiert werden sollen. Hierauf finden sich in Kapitel 3. Ausführungen zum methodischen Vorgehen hinsichtlich der diskurstheoretischen Untersuchung. Als Grundlage für die sich in Kapitel 4. anschließende raumbezogene Diskursanalyse dienen exemplarisch zwei deutschsprachige Tageszeitungen, die Neue Osnabrücker Zeitung sowie die Chemnitzer
1 Sarrazin (2010): 266.
4
Freie Presse, die ausgehend vom Datum der ersten Vorabveröffentlichung von Ausschnitten des Buches Sarrazins im deutschen Boulevardblatt Bild 2 , dem 23. August 2010, in einem zeitlichen Rahmen von vier Wochen bearbeitet werden sollen. 3 Neben den Zeitungsartikeln spielen vor allem die vom Adressatenkreis produzierten und abgedruckten Leserbriefe eine gewichtige Rolle. Abschließend gilt es in Kapitel 5., die Befunde zusammenzufassen und kritisch zu beleuchten.
Um den Leser nicht im Unklaren zu lassen, sei an dieser Stelle noch deutlich gemacht, was für diese Arbeit unter der Bezeichnung „bundesdeutsche Sarrazin-Integrationsdebatte“ zu verstehen ist. Zum einen beschränkt sich die Analyse des zu behandelnden Diskurses auf in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlichte Printmedien und in diesen enthaltene, für die Betrachtungen relevante, Diskursfragmente 4 . 5 Zum anderen wird hervorgehoben, dass es sich bei der Debatte genau genommen im Wesentlichen um zwei Debatten 6 handelt. Einerseits stehen nach Auffassung des Autors bei der Sarrazindebatte vornehmlich die kontrovers diskutierten, da anstößigen Thesen Sarrazins 7 sowie die damit verbundenen Fragen nach den Konsequenzen seiner Buchveröffentlichung 2010 sowohl im Hinblick auf seine berufliche Stellung als auch seine Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Mittelpunkt. Die Integrationsdebatte dahingegen, wenn sie sich auch nicht durchgehend trennscharf von der Sarrazindebatte unterscheiden lässt, ist ein bereits vor der Buchveröffentlichung existenter Diskurs um das Thema der Integration, der gleichwohl durch die Veröffentlichung des Buches Sarrazins 2010 eine neue Dynamik erhalten hat, mitunter aber auch als eine Desintegrationsdebatte 8 wahrgenommen werden konnte. Wie sich bei der Analyse zeigen wird, hat die Integrationsdebatte sich im Verlauf des Sarrazindiskurses von diesem wieder zunehmend abgrenzen und eine vermeintlich sachliche und von den polemischen Ausführungen Sarrazins unbefangenere Stellung einnehmen können.
2 Vgl. Bild digital (2010).
3 Zur Begründung der Auswahl der Tageszeitungen und des Zeitraumes siehe Kapitel 3.
4 Siehe hierzu Kapitel 2.
5 Das schließt jedoch nicht aus, dass die auch im Internet zugänglichen Medien auch außerhalb der
Bundesrepublik gelesen wurden und dass im Rahmen des betrachteten Diskurses nicht auch
Lesermeinungen und vielfältige anderweitige Einflussfaktoren losgelöst von den administrativen
Staatsgrenzen Deutschlands relevant (geworden) sind.
6 Selbst von nur zwei Debatten zu sprechen ist an dieser Stelle noch reduktionistisch, da diese wiederum mit
einer Vielzahl weiterer Diskurse verschränkt sind (siehe Kapitel 2). Der Fokus liegt jedoch auf den
genannten.
7 Genaugenommen setzt der Sarrazindiskurs um Thesen Sarrazins zum Thema Integration in Deutschland
bereits vor seiner Buchveröffentlichung 2010 ein, darauf soll hier aber nicht weiter eingegangen werden.
8 Vgl. Forum Integration (2010): 12. Klaus J. Bade verweist hier darauf, dass die „Debatte um das Buch von
Sarrazin […] eine desintegrative Eigendynamik an der Grenze zu Hysterie und Panik entwickelt [hat].“
5
2. Diskurs- und Raumtheorie
Im Vorfeld des analytischen Eingehens auf die fokussierte Sarrazin-Integrationsdebatte unter besonderer Berücksichtigung von Raumkonstruktionen ist es notwendig, einführend und in knapper Form einen Überblick zu geben über das zu Grunde liegende Verständnis von Diskurs- und Raumtheorie. Um gleich an dieser Stelle auch die Verbindung zum inhaltlichen Schwerpunkt herstellen zu können, wird die beispielgebende Sarrazin-Integrationsdebatte entsprechend Berücksichtigung finden.
2.1 Diskurstheorie
Diskurse, so Jäger (2004), seien „Verläufe oder Flüsse von sozialen Wissensvorräten durch die Zeit“ 9 (Hervorhebung im Original). Ein weiteres Definitionsangebot versteht Diskurs
„als Set von Regeln der Aussagenproduktion […], das in einem dialektischen Verhältnis mit den materiellen Grundlagen räumlicher und gesellschaftlicher Produktion und (Re-) Produktion steht und damit zur Aufrechterhaltung hegemonialer gesellschaftlicher und räumlicher Ordnungen beiträgt.“ 10
Nach Laclau ist das „‚Diskursive‘ […] ‚das Ensemble der Phänomene gesellschaftlicher Sinnproduktion, das die Gesellschaft als solche begründet‘“ 11 . Eingebettet in die Entwicklungen durch den „linguistic turn“ sowie den „cultural turn“ und die Erkenntnis der Begrenztheit des Erkennbaren durch das System der Sprache 12 ermöglicht die Diskursanalyse u. a. zusätzlich die Offenlegung der Begrenztheit des Denk- und Sagbaren durch diskursive Schranken. „Diskurse […] werden durch diskursive Praktiken (lesen, sprechen, schreiben, wahrnehmen, darstellen usw.) manifestiert, erhalten und transformiert.“ 13 Die dadurch produzierten „spezifische[n] Wahrheiten und spezifische[n] soziale[n] räumliche[n] Wirklichkeiten sowie die damit verbundenen Machteffekte“ 14 gilt es, mithilfe der Diskursforschung herauszuarbeiten und damit auch hinterfragbar zu machen.
9 Jäger (2004): 158.
10 Belina/Dzudzek (2009): 131.
11 Laclau (1981), zit. n. Stäheli (2000): 65.
12 Vgl. Glasze/Mattissek (2009): 20 ff.
13 Strüver (2009): 65.
14 Glasze/Mattissek (2009): 11.
6
Nach dem Verständnis von Jäger (2004) lassen sich im Allgemeinen Spezialdiskurse der Wissenschaft von Interdiskursen wissenschaftlichen unterscheiden. Alle im Rahmen dieser Diskurse produzierten Artefakte, so beispielsweise die für die Untersuchung hier herangezogenen Artikel und Leserbriefe von Printmedien, können
als Diskursfragmente bezeichnet werden, wobei ein einzelner Zeitungsartikel in aller Regel zugleich auf mehrere Diskurse referiert. Die Diskurse selbst lassen sich als Diskursstränge denken, als thematische Wissensflüsse durch die Zeit (s. Abb. 1), die miteinander vielfältig verschränkt sein (s. Abb. 2) und durch so
genannte diskursive Ereignisse in ihrer
Richtung und Qualität nicht unerheblich beeinflusst werden können. In unserem Fall stellt die Buchveröffentlichung 15 Sarrazins 2010 das relevante diskursive Ereignis Sarrazindebatte Integrationsdebatte sowie die mit ihnen verwobenen weiteren Diskursstränge bedeutend geprägt hat. Über die in Abb. 2 aufgeführten Diskursstränge hinaus wären
im fokussierten Falle neben den zwei Hauptdiskurssträngen etwa die Diskurse „Rassismus“, „Nation“, „Leitkultur“, „Religion“, „Bildung“ u. v. a. m. zu nennen. Die Diskursebenen (s. Abb. 3) sind mit anderen Worten „sozial[e] Orte […] von denen aus jeweils ‚gesprochen‘ wird.“ 16 Angewandt auf die Sarrazin-Integrationsdebatte wären hier etwa zu nennen die Ebene der Medien, über die der Diskurs im Wesentlichen neu initiiert worden ist, die Ebenen der Politik und des Alltages, die darauf in verschiedener Weise
15 Zu berücksichtigen sind hier besonders die Vorabdrucke einiger Auszüge des Buches u. a. im
Boulevardblatt Bild.
16 Jäger (2004): 163.
7
Arbeit zitieren:
Philipp Stroehle, 2011, Die bundesdeutsche Sarrazin-Integrationsdebatte, München, GRIN Verlag GmbH
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